Aachener Tuche – eine große Vergangenheit

Foto: Uschi Ronnenberg (entstanden im
Textilmuseum Tuchwerk in der Aachener Soers)

…und das Ende einer Industrie

„Gebrüder Bremen GmbH, Tuchgroßhandel“ stand an der Bürotür meines Vaters Hans, der sich nach dem Krieg, zusammen mit seinem jüngeren Bruder Willi, als Tuchhändler selbstständig gemacht hatte. Mein Onkel war für die Arbeit im Büro zuständig, mein Vater für den Außendienst. Er besuchte die Kunden, vorwiegend Schneider, aber auch Konfektionsfabriken. Außerdem knüpfte er die Kontakte zu den Tuchfabriken, woher die Tuche bezogen wurde. Er war mit allen Tuchfabrikanten Aachens bekannt. Das Geschäft florierte.

Die Anfänge der Tuchherstellung in Aachen gehen vermutlich zurück bis in die Zeit Karls des Großen. Nachweislich wird im Jahr 1135 in der Chronik von St. Trond von Tuchweber in Aachen berichtet. So spielen bereits seit dem Mittelalter die Tuchmacher in der Kaiserstadt eine bedeutende Rolle.

Bereits im 12. Jahrhundert gab es eine florierende Textilproduktion im Raum Aachen, begünstigt durch das weiche, kalkarme Wasser der zahlreichen Bäche in der Region und die günstige Verkehrsanbindung. Durch kaiserliche Privilegien wurde den Handelsleuten zollfreier Handel gewährleistet. Die Tuche hatten die Stadt berühmt gemacht. Wer in Deutschland und im nahen Ausland was auf sich hielt, hüllte sich in Aachener Tuche. Bis ins 20. Jahrhundert war Aachen weltführend für die Stoffe, die in vielen Fabriken hergestellt wurden. Grenzübergreifend sind Aachen, Monschau, Eupen, Verviers und Vaals Zentren dieser Textilregion.

Später wurde der Aachener Raum auch führend in der wachsenden Industrialisierung. Mit Einführung von Textilmaschinen aus Belgien seit 1807 und den ersten Dampfmaschinen in Burtscheid und Aachen begann die Industrialisierung der Tuchfabrikation, was für die Region einen großen Fortschritt bedeutete.  Zulieferbetriebe siedelten sich an und boten reichlich Arbeitsplätze. Aus der belgischen Region kamen sehr viel neue Entwicklungen, die die Industrialisierung vorantrieben. Nach Höhen und Tiefen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts übernahmen die Aachener Tuchfabriken aus der englischen Mode den Trend zu Kammgarntuchen und spezialisierten sich zunehmend auf diesen Bereich. Aachener Tuche wurde in die ganze Welt exportiert. Durch den ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise brach auch hier in der Region der Absatz ein und Firmenschließungen waren die Folge. Doch die Aachener ließen sich nicht beirren. Es schlossen sich einige Firmen zusammen und produzierten bald wieder Stoffe, die weltweit begehrt waren.

In den Jahren des 2. Weltkriegs brach die Tuchindustrie vollkommen zusammen, ausgelöst durch Mangel an Garnen und Zerstörung der Fabriken durch Luftangriffe. Nach dem Krieg wurden einige Fabriken aufgebaut und Modernisierungen durchgeführt. So manche Firmen haben Einbrüche, die zur Zeit des Koreakriegs zu verzeichnen waren, nicht überstanden.

Konjunkturschwankungen, zunehmende Konkurrenz aus Billiglohnländern, sowie ein Trend zu Synthetik-Produkten führten langsam zum Sterben der Tuchindustrie im Raum Aachen. Nach dem Krieg lagen englische Kammgarn-Stoffe wieder im Trend und es gab eine große Nachfrage, die von den Engländern aufgrund mangelnder Kapazität nicht erfüllt werden konnte. So kam es zu einem Kuriosum: Aachener Tuche wurden nach England verschickt und erhielten dort die Stempelmarkierungen MADE IN ENGLAND, um dann auf dem Deutschen und Europäischen Markt als Englische Stoffe verkauft zu werden.

Doch das Ende der Aachener Tuchindustrie war nicht mehr aufzuhalten. Es gab nach dem Krieg noch ca. 100 Firmen in dem Bereich. Heute gibt es noch eine Tuchfirma in der Stadt: „TUCHE BECKERS“ in Brand. Die Produktion ist bereits seit ein paar Jahren stillgelegt. In diesem Jahr soll das Gelände zur Bebauung mit Wohnungen freigegeben werden.

Aachen hatte durch die Tuchindustrie entscheidend an Bedeutung gewonnen und ist auch durch die Tuchindustrie bedeutend geprägt worden. Durch den Niedergang der Tuchindustrie gingen viele Arbeitsplätze verloren, aber auch neue Industriezweige entstanden.

Meine Familie hatte den Niedergang der Tuchindustrie rechtzeitig erkannt und eröffnete in den 60er Jahren ein Teppichgeschäft. Darauf basierend begannen die Gebrüder Bremen mit der Produktion von Auto-Matten für führende deutsche Automarken.

René H. Bremen

René H. Bremen, Jahrgang 1942, ist Aachener, Rentner und arbeitet als Maler und Bildhauer. 35 Jahre lang hatte er Friseursalons in Aachen, nachdem er sieben Jahre in diesem Beruf im Ausland verbracht hatte (verschiedene Orte in der Schweiz, London, Paris und Montreal).

Seit dem Tod seiner Frau 2007 bekleidet er verschiedene Ehrenämter, interessiert sich für klassische Musik und Literatur und reist viel. Er ist Gründungsmitglied des Künstlerkollektivs “Atelier-Kunstdialog”, das seit 2006 besteht.

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1 Antwort

  1. Franz Joseph Braun sagt:

    Hallo René, schön wieder etwas von Dir zu lesen. Die Geschichte der Aachener Tuchfabrikanten interessiert mich auch sehr, weil meine Großtante mit Paul Wilhelm Meyer verheiratet war, dessen Tuchfabrik arisiert wurde aber nach dem Kriege wieder in den Besitz meiner Tante gelangte. Prof. Dr. Hans-Karl Rouette hat über die Entwicklungen in Tuchindustrie und Textilmaschinenbau der Aachener Region ein Buch geschrieben; und zwar mit dem Titel: “Aachener Textil-Geschichte(n) im 19. und 20. Jahrhundert”. Ich werde auf diesem Gebiet im Rahmen meines Studiums weiter “forschen”. Liebe Grüße Franz Jupp

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