Ausreichend und weniger – Schul- und Kinderzeit in St. Michael, Burtscheid

Im Jahr 2012 las ich im Infokasten der Pfarre Herz Jesu, dass die Schule Michaelsbergstraße Aachen- Burtscheid anlässlich ihrer 150 Jahrfeier, alte Fotos oder Zeugnisse von Ehemaligen suchte und darum bat, sie für eine Ausstellung im Rahmen der Feier zur Verfügung zu stellen.

Und mit diesem Aufruf  begann das „Kramen“ in den Erinnerungen! Wie lange war das her! Meine Einschulung Ostern 1963, im 1. Schuljahr Unterricht mit Lehrer Solzbacher, der mit dem Aquarium in der Klasse, im 2. Schuljahr die nette Frau Peters, die immer Fleißkärtchen verteilte, Kinderkommunion am „Weißen Sonntag“ 1964, wo ich die ganze Messe über „aufs Klo musste“, die Ferienspiele am Beverbach in den großen Ferien ….

Aber am besten fange ich vorne an, denn wie ich den Jahresbüchern der Schule entnehmen durfte, gingen schon mein Opa Cornel Barth und meine Oma Maria, geb. Frenzel hier in St. Michael zur Volksschule,später dann auch meine Mutter Käthi (Katharina) und ihr Bruder Jakob (Köb). Also war es schon fast so etwas wie Tradition, dass unsere Familie hier zur Schule ging.

Meine älteren Geschwister Heinz und Helma wurden ebenfalls in der Schule Michaelsbergstraße eingeschult und es war natürlich ganz klar, dass ich auch hier angemeldet wurde. So gingen wir drei Geschwister den Schulweg von der Bendstraße  aus, durch die Küpperstraße, die Hauptstraße hinunter über den Burtscheider Markt , den steilen Berg hinauf zur Pfarrkirche St. Michael und dann noch das kurze Stück um die Kirche herum zur Schule jeden Morgen gemeinsam.

Im 1. Schuljahr lernte ich noch das Schreiben auf einer Schiefertafel mit Griffel, die zum Schutz vor Bruch und dem Verwischen des Geschriebenen in einer Hartkartonmappe mit Gummibändern aufbewahrt wurde, bevor sie in den Schulranzen kam. In der Schultasche befanden sich weiterhin eine Griffeldose mit den gespitzten Griffeln, eine Schwammdose mit einem angefeuchteten Schwämmchen zum Reinigen der Tafel und ein von Mutter gehäkelter Lappen zum Abtrocknen der Tafel. Beim Beschreiben der Tafel musste man immer höllisch aufpassen, dass man sich das gerade Geschriebene nicht wieder mit dem Ärmel auswischte, denn dann konnte mal alles nochmal machen. Erst später gab es Schreibhefte aus Papier mit Hilfslinien (von Durania, holzfrei,  Din A5), in die wir zunächst mit Bleistift, später mit Füller (Pelikan, mit Patronen) schrieben. Wir kauften sie im Schreibwarenladen (Delno?) in der Dammstraße.
Selbstverständlich machte unsere Mutter uns immer Pausenbrote, die liebevoll in Butterbrotpapier eingewickelt wurden. Gerne nahmen wir Brote mit Bananenscheiben oder mit einer dicken Scheibe Lebkuchen zwischen den Oberländerscheiben mit. Heinz schwärmte auch für Butterbrote mit Corned Beef. Ich hielt mehr von holländischem Schokostreusel, Hagelslag der Firma „VriesscheVlag“ oder „Frische Flag“ wie wir sagten, den kauften wir kurz hinter der Grenze in Vaals, wo es auch die leckere Schokoladenpaste gab und mein Vater sich mit preiswerten Zigaretten eindeckte.

Ob´s am Hagelslag lag oder an der guten Küche meiner Mutter, der Kinderarzt Dr. Gronau meinte, Helma und Heinz seien etwas übergewichtig, und so wurden ihnen bereits als Kind eine Art Appetitzügler verordnet. Damals war man mit derartigen Medikamenten noch etwas sorgloser als heute.

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Ich im 1. Schuljahr

Wir lernten nicht einfach nur Schreiben, nein, wir lernten auch noch „Schönschreiben“! Meine Schwester Helma hat noch heute die Worte ihrer Lehrerin dabei im Ohr:“Fein auf, dick ab!“ Und heute wird darüber diskutiert, ob die Schreibschrift komplett abgeschafft werden soll! Die Zeiten ändern sich halt.

Wir waren ca. 40 Schüler und Schülerinnen in der Klasse und wir saßen noch in alten Holzbänken mit Pulten, die miteinander verbunden waren und wo sich in der Pultmitte noch die Öffnung für ein Tintenfass befand. Solche Pulte kann man heute noch in der Schule im Freilichtmuseum in Kommern sehen. Obwohl wir so viele Kinder waren, war es nie laut in der Klasse. Wir hatten alle großen Respekt vor unserem Lehrer und unsere Eltern hatten uns oft genug belehrt und ermahnt, immer gut aufzupassen und uns ordentlich zu benehmen.

Vor dem Unterricht mussten wir uns beim Ertönen der Schulglocke klassenweise in 2er Reihen aufstellen und wurden dann von den Lehren und Lehrerinnen abgeholt und in die Klassen geführt. Unsere Jacken und Mäntel hängten wir an einen Haken in dem dafür vorgesehen Bretterverschlag neben dem Klassenzimmer, der verschlossen wurde.  Die Mädchen saßen in den Bänken auf der linken Seite des Klassenzimmerns, die Jungen auf der rechten. Zur Begrüßung mussten wir immer aufstehen und unseren Lehrer mit einem „Guten Morgen, Herr Solzbacher“ begrüßen. Wenn Herr Solzbacher besonders gute Laune hatte, durfte ein Kind seinen Fischen im Aquarium das Futter geben.
Zwei Kinder hatten immer den sogenannten „Kakaodienst“. Sie durften kurz vor dem Pausenklingeln im Keller beim Hausmeister den Kasten mit den vorgewärmten Milch- und Kakaofläschchen holen. Die Metallkästen mit den 1/4l Glasflaschen stellte der Hausmeister in Becken mit warmem Wasser, damit sie eine angenehme Trinktemperatur hatten. Am Anfang des Schuljahres durfte jedes Kind sich wünschen, ob es lieber Milch oder Kakao trinken wollte. Ich bevorzugte Kakao, denn Milch trank ich zwar gerne, aber lieber kalt.

Während der großen Pausen durften wir raus auf den Schulhof. Wer mal „musste“, der musste in eines der auch im Winter unbeheizten Toilettenhäuschen (eins für Jungen, eins für Mädchen), die sich in ca. 100m Entfernung vom Schulgebäude befanden und fürchterlich stanken. Die einzelnen Türen zu den Toiletten, hatten auch komische Verschlüsse, die ich nicht zu bekam und die mir auch Angst machten, sie nicht wieder auf zu bekommen  und waren unten weit offen. Deshalb ging ich möglichst in der Schule nicht aufs Klo, sondern wartete bis zu Hause.
Damit auch die Kinder, die noch nicht lesen konnten, darauf aufmerksam gemacht wurden sich nach dem Toilettengang die Hände zu waschen, hing im Schulflur ein großes Plakat, auf dem „das ganze Prozedere“ bildlich dargestellt wurde.

Wir spielten in den Pausen gerne Kreisspiele wie „Der Plumpssack geht um“, „Ist die schwarze Anna da“ oder „Machet auf das Tor“.

An mein erstes Lesebuch „Die Fibel“ kann ich mich noch bruchstückweise erinnern.  Da gab es Texte wie:

Bim bam beier
die Katz´mag keine Eier.
Was mag sie dann?
Speck aus der Pfann`.
Oh, wie lecker ist unsere Madam!

oder

Ferien, Ferien schöne Zeit.
Robert, Resi, reisen weit.

Mit Herrn Masson unternahm die Klasse auch einen Schulausflug:  Zu Fuß nach Kornelimünster, Besichtigung des Münsters, zu Fuß wieder nach Aachen zurück! Das waren locker 11 km je Strecke!

Mit Herrn Masson unternahm die Klasse auch einen Schulausflug:  Zu Fuß nach Kornelimünster, Besichtigung des Münsters, zu Fuß wieder nach Aachen zurück! Das waren locker 11 km je Strecke!

Rechnen lernten wir mit bunten Holzrechenstäbchen oder wir malten bunte Äpfel und mussten sie addieren und subtrahieren.

Vor den großen Ferien gab es nicht nur die blauen Zeugnishefte, in denen stand „Hannelore hat einen guten Anfang gemacht“ oder „Hannelore steigt“, sondern es wurden auch die Topfpflanzen, die auf der Klassenzimmerfensterbank standen, an diverse Schüler verteilt. Erhielt man eine Pflanze, hatte man die ehrenvolle Aufgabe, die Pflanze während des Sommerns zu gießen und zu pflegen und heil wieder mitzubringen. Wehe, sie ging ein! Das wäre schrecklich gewesen!

Meine Geschwister Heinz, Helma und ich hatten meistens durchweg gute Noten. Nur im 4. Schuljahr hatte Heinz Herrn Masson als Lehrer, und mit dem kam er gar nicht klar. „Den konnte ich nicht ausstehen!“, was sich dann auch im Zeugnis wiederspiegelte. Er erhielt seine bisher schlechteste Note im Fach Aufsatz: „Ausreichend und weniger!“

Herr Masson war es dann auch mehr oder weniger zu verdanken, dass mein Bruder Heinz noch das 5. und weitere 2 Schuljahre in St. Michael verbrachte, bevor er die weiterführende Schule besuchen durfte – um seine Noten zu verbessern.  Jetzt wurde er vom Lehrer Willi Kürten unterrichtet, der den Schulchor leitete und die Schüler für die Musik begeisterte. Auch Heinz trat dem Schulchor bei. In diesem Jahr  (1965) sollte Professor  Paul Mikat, Kultusminister von NRW, den „Orden wider den tierischen Ernst“ bekommen und der Schulchor von St. Michael wurde ausgewählt, ein Lied an diesem Abend zu singen.  Herr Kürten schrieb den Text selbst, das Stadttheater Aachen stellte aus dem Theaterfond die Clowns-Kostüme. Und so kam es, dass Heinz im Vorprogramm auf der Bühne des neuen Kurhauses mit seinen Mitschülern das Lied mit folgendem Refrain sang:

„Micare, das heisst funkeln,
Humor liegt im Verstand.
Das merkt man leicht beim Schunkeln,
micare, micamus, micant.“

Mein Bruder ist der mit dem Pfeil hinter den gekreuzten Hüten in der 3. Reihe

Mein Bruder ist der mit dem Pfeil hinter den gekreuzten Hüten in der 3. Reihe

Professor Mikat war von dem Auftritt begeistert! Als Belohnung sollten alle Schüler am nächsten Tag schulfrei bekommen – der nächste Tag war ein Sonntag! Pech gehabt!  Zusätzlich versprach er dem Chor eine große Bonboniere. Bei der nächsten Chorprobe wurde dann eine Tüte „Klümpchen“ abgegeben!

Als Mädchen durften wir noch nicht mit langen Hosen in die Schule kommen. Selbst im Winter, mussten wir Röcke anziehen. Nachher trugen wir so eine Art Skihose aus elastischem Material mit einem Steg am Fuß, aber darüber noch einen Rock. Das wirkte modisch sicher „sehr chic“!

Mit den großen Ferien freuten sich meine Geschwister und ich auf die Ferienspiele, die von der Pfarre organisiert wurden. In Urlaub fuhr ja kaum jemand. Ich kannte zumindest niemanden, der wegfuhr. Die wenigsten Familien hatten ein Auto oder das Geld, um sich so eine Urlaubsfahrt zu leisten.

Wir trafen uns morgens an der Kirche St. Michael, bepackt mit einem Campingbeutel (Rucksäcke hatten wir nicht), der die Butterbrote für den Tag und eine Plastikflasche mit Wasser, das mit einem süßlichen Orangensirup aufgepeppt war, enthielt. Ältere Jugendliche aus der Pfarre zogen mit uns Kindern los in Richtung Wald und Beverbach.  Hier verbrachten wir unsere Tage mit Versteckspielen, Häuschen aus Farn bauen, Singen (die ganze Mundorgel rauf und runter – kann ich noch heute!) und Staudammbauen. Die größeren Mädchen wurden angeleitet, aus Binsen Bänder oder Körbchen zu flechten.In der Schlussrunde sangen wir meistens „Kein schöner Land in dieser Zeit“ und danach  zogen wir müde und hungrig Richtung Heimat. Es war eine herrliche Zeit! Wir hatten alles, was wir brauchten: Gesellschaft, Bewegung, frische Luft, Freiheit und Frohsinn. Und meine Mutter hatte mal etwas Ruhe, aber nur etwas, denn meine kleineren Geschwister durften ja noch nicht mit.

Pastor Baurmann „bettelte“ regelmäßig bei den großen Aachener Firmen wie Trumpf, Zentis usw. und erhielt Schokolade und Süßigkeiten, die bei den Ferienspielen verteilt wurden. Das war immer eine Freude für uns Kinder! Jedes Jahr wurde einmal während der Ferienspiele  ein großer Ausflug mit dem Bus organisiert. So wurde der Wuppertaler Zoo besucht und auch der damalige Düsseldorfer Flughafen Lohhausen.

Im 2. Schuljahr bekam ich Frau Peters als Lehrerin. Sie versuchte uns mit Hilfe von Fleißkärtchen zum Lernen zu motivieren. Bei mir hat es jedenfalls geklappt! Für besonders schöne und ordentliche Hausaufgaben oder für zusätzliche Arbeiten verteilte sie diese. Hatte man 10 Fleißkärtchen konnte man sie gegen ein „Bildchen“ fürs Gebetbuch bei ihr eintauschen.  Ich war immer ganz stolz und „happy“ wenn ich ein solches „Bildchen“ erhielt.

Mein Bruder Heinz, der drei Jahre älter ist als ich, zählte immer zu den größten in seiner Klasse. Deshalb musste er auch meistens weit hinten sitzen. Aber die Größe hatte auch Vorteile. So durfte er bei einer Aufführung in der Turnhalle mal den Eisriesen spielen in dem Singspiel „Der Eisriese und das Sonnenkind“. Meine Mutter hatte ihm dafür aus einem alten, weißen Betttuch extra ein Kostüm genäht.

Im November, vor dem Martinsfest, wurden immer die ganzen Fenster der Schule geschmückt. Aus schwarzem Tonpapier wurden Martinsmotive ausgeschnitten und mit buntem Transparentpapier hinterklebt.  Manchmal wurden mehrere Fenster zu einem großen Gesamtbild zusammengefasst. Am Martinsabend wurde die ganze Schule erleuchtet und die Kinder, die mit ihren selbstgebastelten Laternen und Eltern auf dem Schulhof standen, konnten dieses wunderbare Bild genießen. In den selbstgebastelten Laternen leuchten echte Kerzen und manchmal brannte eine Laterne im wahrsten Sinne des Wortes.  Der Martinszug mit  St. Martin auf hohem Ross, Blaskappelle und vielen Liedern, die damals noch alle mitsangen, zog von der Michaelsbergstraße durch Burtscheid zum Schulhof der Volksschule Kleverstraße (da wo sich heute die Parkpalette befindet). Hier wurde das Martinsfeuer angezündet, und  man stand in einer langen Warteschlange an, um seinen „Printenmann“  in Form eines Pferdes mit Reiter zu bekommen. „Weggemännchen“ gab es erst später.

In der Gregorstraße, gleich  neben der Schule, befand sich auch ein kleines Spielwarengeschäft. Hier erstand mein Bruder immer, wenn er genug Geld zusammengespart hatte, kleine Pappschachteln mit Legosteinen. Die gab es für 1,20 DM in verschiedenen Größen: 1er, 2er, 4er, 6er und 8er Steine in verschiedenen Farben. Mit Leidenschaft baute er daraus Schiffe, die allerdings nicht seetauglich waren, denn wenn er sie aufs Wasser setzte gingen sie regelmäßig unter.

Jeden Sonntag gingen wir in St. Michael in die Messe, die damals noch auf lateinisch gehalten wurde. Ich verstand kein Wort von dem, was da vorne am Altar gesagt wurde. Mein großer Bruder Heinz zwar auch nicht, aber er war davon irgendwie fasziniert. Auch von den Messgewändern, den goldenen Kelchen, der Monstranz und den ganzen Glanz. Vielleicht war er auch von unserem allseits beliebten Pastor  Hugo Baurmann beeindruckt. Jedenfalls  entwickelte er ein eher ungewöhnliches Hobby, nämlich „Heilige Messe spielen“, wobei er natürlich die Hauptrolle hatte. Er war der Pastor und wir jüngeren Geschwister waren die Gemeinde. Bei „Eulenspiegel“ am Markt hatte er sich von seinem Taschengeld allerlei Messzubehör in Miniaturausführung gekauft. Er besaß kleine Kelche mit Deckel, kleine Kerzenleuchter, sogar eine goldene Monstranz. Natürlich alles aus „Töetejold“. Ein kleines Kreuz, ließ Heinz sogar von Pastor Baurmann in der Sakristei von St. Michael segnen, damit auch alles seine Richtigkeit hatte.

Als Hostien dienten uns die Backoblaten meiner Mutter, die sie eigentlich nur für die Weihnachtsbäckerei zum Makronenbacken benutzte. Heinz hatte auch irgendeine Art von Messgewand. So haben wir manchen Regennachmittag mit  Singen und Beten verbracht. Das schönste war für mich immer die „heilige Kommunion“ mit den Backoblaten. Die waren immer so lecker! Wir nannten sie „Esspapier“.
Und da ich ja noch nicht wirklich zur Erstkommunion gegangen war, durfte ich in der „echten Messe“ leider noch keine essen. Ich hätte damals schwören können, Heinz wird mal Pastor wenn er groß ist, aber das hat sich dann doch anders entwickelt.

Meine Erstkommunion April 1964

Meine Erstkommunion April 1964

Am „Weißen Sonntag“ am 5. April 1964 ging ich in St. Michael zur „1. Heiligen Kommunion“ oder zur „Kommelejuen“ wie der Öcher sagt. Durch  wochenlanges Üben mit dem Kaplan beim Kommunionsunterricht und der ersten Beichte meines Lebens sollten wir auf diesen besonderen Tag vorbereitet werden. Ich verstand herzlich wenig von dem, was uns erzählt wurde. Bei der Beichte hielt ich es wie meine Schwester Helma es mir geraten hatte. „Sag einfach: Ich habe mich mit meinen Geschwistern gezankt und habe auch schon mal meinen Eltern nicht gehorcht.“ Danach sollte ich zur Buße drei  „Gegrüßet seist du Maria“ und zwei „Vater unser“ beten. Und gut war´s.

Bei der Feier in der Kirche klappte nichts richtig. Unsere Aufstellung war verkehrt, ich kam nicht auf den richtigen Sitzplatz und konnte der Messe überhaupt nicht folgen, weil ich vor lauter Aufregung die ganze Zeit zur Toilette musste und nicht wusste wo und wie? Ich kann mich bis heute nicht mehr erinnern wie ich die ganze Zeremonie überstanden habe!

Die Feier hinterher zu Hause fand ich dann wieder wunderschön. Tante Gerta hatte beim Kochen geholfen und zur Vorspeise gab es die leckere Rindfleischsuppe mit Nudeln, die ich über alles liebte und auch noch heute im Winter manchmal zubereite.  Das „gute Geschirr“ mit dem Goldrand wurde benutzt und die Tische mit weißen Stofftischdecken eingedeckt. Zum Nachmittagskaffee gab es Buttercremetorte und Sahnenusstorte und für mich natürlich belgischen Reisfladen.

Nach dem Essen spülten die Frauen gemeinsam in der Küche. Als Spülbecken diente die kleine Babybadewanne und die Männer machten es sich derweil im Wohnzimmer gemütlich. Sie spielten „Pandure“ und tranken ein paar Bierchen dazu.

Und dann wurde man auch noch reich beschenkt. Ein neues Gebetbuch mit Kommunionbildchen, auf deren Rückseite mein Namen und der Tag meiner Erstkommunion gedruckt waren, ein Poesiealbum, in das meine Klassenkameradinnen mir schöne Verse schreiben konnten, einen Plüschelefanten von Steiff, ein silbernes Kettchen mit einem Kreuz-Anhänger und meine erste Armbanduhr. Das Blöde war nur, man durfte sich nicht schmutzig machen und wurde ständig ermahnt, das weiße Kleid nicht schmutzig zu machen. Man konnte gar nicht richtig spielen! Aber dazu hatte man sowieso nicht sehr viel Zeit. Es wurde viel und lange gegessen und nachmittags musste man wieder zur Kirche, in die Andacht, und am nächsten Morgen war wieder eine Messe.

Kommunionbildchen

Kommunionbildchen

Poesiealbum mit Eintrag meiner Lehrerin Frau Peters (2. Schuljahr)

Poesiealbum mit Eintrag meiner Lehrerin Frau Peters (2. Schuljahr)

Regelmäßig kam der „Sparonkel“ in die Schule und besuchte die Klassen. Wir mussten ihn immer mit „Guten Morgen, lieber Sparonkel“ begrüßen. Der Sparonkel war ein älterer Herr, der von der Sparkasse kam und uns Sparmarken verkaufte. Von unserem Taschengeld kauften wir z. B. Marken zu 10 Pf. oder 20 Pf. Die Marken wurden auf eine Karte geklebt. Als kleines Dankeschön hatte man die Auswahl zwischen einem Sammelbild  oder einer Kleinigkeit aus Plastik (z. B. einem Spitzer). Mein Bruder war ganz „wild“ auf die Sammelbilder. Bei der Sparkasse erhielt man das passende Sammelalbum dazu. Er hatte sich für „Die Deutsche Geschichte“ von Tümmler entschieden und klebte fleißig seine Marken ein. Er schaffte es sogar, das ganze Album vollständig zu bekleben. Stolz nahm er es mit in die Schule, wo es ihm leider wahrscheinlich von einem neidischen Mitschüler „geklaut“ wurde.

Am Weltspartag gingen wir mit unseren Sparkarten zur Sparkasse und ließen das Geld auf unserem Sparbuch gutschreiben und erhielten dann dort ein etwas größeres Geschenk. So sollten wir Kinder schon früh lernen wie man mit Geld umgeht und spart. Schön fand ich, als wir vom Sparonkel „Spielgeld“ bekamen, damit wir es im Rechenunterricht benutzen konnten. Ich habe das Geld dann auch noch lange zu Hause für meinen Kaufladen benutzt.

Wir hatten auch Handarbeitsunterricht und lernten bunte Topflappen zu häkeln, die wir unserer Mutter dann zum Muttertag schenken konnten. Meine Schwester Helma hasste Handarbeiten, das lag wohl vor allem an der unbeliebten Lehrerin. Eines Morgens auf dem Weg zur Schule wünschte sie sich, dass die Handarbeitslehrerin an diesem Tag krank sein sollte. Sie schaute den Wolken am Himmel zu und dachte sich, wenn die blaue Lücke zwischen zwei Wolken sich jetzt schließen würde, dann würde ihr Wunsch in Erfüllung gehen. Und was muss ich sagen, die Lücke am Himmel verschwand – und die Lehrerin erschien an diesem Tag tatsächlich nicht zum Unterricht! Helma konnte es kaum glauben. Besaß sie etwa übersinnliche Kräfte?

Zu meiner Schulzeit gab es auch noch die ärztlichen und zahnärztlichen Reihenuntersuchungen in der Schule. Davor hatten immer alle Kinder ein wenig „Schiss“. Wenn der Zahnarzt faule Zähne entdeckte, bekam man einen Brief mit nach Hause und musste die Zähne beim Zahnarzt behandeln lassen.  Einen abgestempelten Beleg musste man wieder in der Schule abgeben. Also sich „drücken“ ging nicht. Es fanden auch „Massenimpfungen“ in der Schule statt, da konnte man sich auch nicht vorbeimogeln!

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Orthopädisches Turnen. Ich bin die mit dem Pfeil.

Bei so einer Reihenuntersuchung wurde festgestellt, dass ich zwei verschieden lange Arme und ein Hohlkreuz hatte.  Zum Ausgleich der Armlängen wurde mir geraden, die Einkaufstasche immer links zu tragen und wegen des Hohlkreuzes  sollte ich zum „orthopädischen Turnen“ gehen. Das fand an einem Nachmittag pro Woche in der Turnhalle der Volksschule in der Parkstraße statt.  Wie war ich froh, dass noch ein Mädchen aus meiner Klasse, wenn ich mich richtig erinnere hieß sie Cornelia Fuß, auch dorthin musste.Das Turnen dort hat mir nie Spaß gemacht, ich fand es eher schrecklich.

Nachmittags, wenn wir unsere Hausaufgaben erledigt hatten, die machten wir übrigens alle zusammen an unserem Küchentisch, spielten wir oft vor unserer Wohnung auf dem großen „Brandhof“ oder nebenan in dem alten Trümmergrundstück. Ich spielte gerne „Familie“ und kochte für meine Puppen Suppe und Gemüse aus Samen und Unkräutern. Mein Bruder Heinz fand diese Mädchenspiele albern.  Da reizte ihn das Seifenkistenrennen in unserer Straße, dass von der Firma Opel Thüllen gesponsert wurde (sie stellte Räder und Lenkungen zur Verfügung), die eine Niederlassung oben in der Bendstraße hatte, doch mehr.  Am Renntag sausten die Kisten die Bendstraße hinunter, dem Sieger winkte ein Preis.

Aus einem alten Kinderwagen hatte Heinz sich mal sowas ähnliches wie eine Seifenkiste gebaut. Das Gefährt fuhr jedenfalls. Beim Testfahren die Bendstraße hinab kam allerdings sein linker Ringfinger zwischen die Räder und riss halb ab. Die Narbe sieht man heute noch.

Wir wohnten im Haus Nr. 31, in der „Alten Feuerwehr“, deshalb hieß der Platz davor auch Brandhof. Die neue Feuerwehr befand sich nun gegenüber. Hier holten wir uns Hilfe bei kleineren Verletzungen, die wir dort behandeln ließen. Als einmal im Winter die Wasserleitungen im Haus zugefroren waren holten wir dort eimerweise Wasser zum Kochen, Waschen und zum Klospülen. Manchmal, wenn nachts Feueralarm warm, wurden wir von den Sirenen geweckt.

Die Wohnbedingungen in der Bendstraße waren nicht besonders komfortabel, trotzdem weiß ich noch genau wie unglücklich ich war, als wir dort wegzogen. Von Burtscheid nach Aachen! Nee, wie furchtbar! Neue Schule, neue Freunde! Aber jetzt relativ viel Platz, ein Badezimmer, eine eigene Toilette nur für uns,  einen Balkon, eine große Wiese zum Wäscheaufhängen und Spielen hinter dem Haus. Das hatten wir ebenfalls dem lieben Herrn Pastor Baurmann zu verdanken, der sich dafür eingesetzt hatte, dass wir eine bessere und größere Wohnung bekamen. Leider nicht in Burtscheid! Und so war das dann das Ende meiner glücklichen Schul- und Kinderzeit in Burtscheid.


 

Hannelore Follmer

Hannelore Follmer im April 2015 über sich:

Ich bin Jahrgang '57 und ein "echter Öcher met Hazz en Blot". Meine Heimatstadt ist für mich die "schönste Stadt der Welt". Ich bin verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder.

Eins meiner Hobbys ist das Öcher Platt. Im Verein Öcher Platt bin ich langjähriges Mitglied.

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2 Antworten

  1. Liebe Hanne,

    anschaulich und dynamisch beschreibst Du Deine Grundschulzeit. Als Leser kann ich mich fast in Deine Klasse(n) „beamen“, um die lustigen Ereignisse mitzuerleben.
    Außerdem werden durch Deinen wunderschönen Text eigene Erlebnisse in der Volksschule reaktiviert.
    Einfach Spitze, weiter so, liebe Hanne!
    Richard Braun

  2. Elfriede Schreier sagt:

    Auch ich bin ein Burtscheider Mädchen.Beim lesen deines Artikels wurde auch ich an so manche Episode erinnert.Schade, dass ich nicht so gut wie du schreiben kann.

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