CHIO – die Pferde stören kaum

Eine Liebeserklärung an das schönste Reitturnier der Welt

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Seit ich – unsportliches Kind unsportlicher Eltern – denken kann, züchtet meine in Irland lebende Patentante Pferde, illustriert Pferdebücher, bildet Reiter aus und ist als Dressurrichterin international tätig. Das Pferde-Gen konnte an mir also nicht völlig spurlos vorbeigehen…

Als ich etwa zehn Jahre alt war, mithin etwas kleiner und deutlich furchtloser als heute, lernte ich reiten. Mädchen und Pferde – sicher kennen Sie einschlägige Artikel in Fachzeitschriften? Ja, so war es wirklich: Wir verbrachten jede freie Minute mit den und auf den Ponys – eine herrliche Zeit voller kleiner Abenteuer. Wir schaufelten tonnenweise Stroh aus Boxen heraus und in Boxen hinein, wir striegelten uns die Seele aus dem Leib, um unsere Pflegeponys nordischer Herkunft trotz ihres unglaublichen Winterfells auf Hochglanz zu bringen, wir lernten den Umgang mit Lederseife und Huffett und wir schwänzten den Sonntagsgottesdienst, um als Belohnung für all die Mühen wie die Wilden durch den Aachener Wald zu galoppieren. Wenn wir dabei gelegentlich an den monströsen Hindernissen der Gespannprüfungen vorbeikamen – die ganzjährig einfach dort herumstehen –, war das immer ein Gefühl, als würde man einen verbotenen Blick in eine andere, noch viel spannendere Welt tun.

Selbstverständlich lasen wir die „Reiter-Revue“ und wußten über jeden relevanten Reiter jener Jahre von der Schuhgröße über den Namen seines Hundes bis zu seinem Leibgericht absolut „alles“. Ich vergesse nicht, wie mir, circa zwölf Jahre alt, vor Aufregung das Herz bis zum Halse schlug, als besagte Tante eines Abends während des Turniers den berühmten Springreiter Gerd Wiltfang mit zu uns nach Hause brachte, um dort in Ruhe mit ihm über den Kauf eines Pferdes verhandeln zu können. Noch tagelang umwehte mich im Kreise meiner ebenfalls hippophilen Freundinnen die Aura der Prominenz.

Höhepunkt des Jahres war schon damals das Reitturnier. Starr vor Bewunderung angesichts all meiner dort versammelten, reiterlichen Idole saß ich neben meinem Vater auf der Haupttribüne, die Augen fest auf das Geschehen im Parcours gerichtet. Jeden Atemzug von Pferd und Reiter konnte ich fachmännisch interpretieren und kommentieren, für jeden Fehler dort unten machte ich sofort den zweifellos Schuldigen aus, jedes Ergebnis eines jeden Rittes trug ich gewissenhaft mit Schönschrift ins Programmheft ein. Und wenn die Prüfungen des Tages vorbei waren, gingen wir nach Hause. Jahr um Jahr derselbe Ablauf, dieselbe Spannung, dasselbe Hochgefühl. Das Gefühl, etwas ganz Besonderes hautnah miterleben zu dürfen.

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Zu Recht! Denn nicht nur beim Publikum, sondern besonders bei den Akteuren selbst gilt das Reitturnier in Aachen tatsächlich als eines der schönsten Turniere weltweit. Jawohl, weltweit! Wegen der besonderen und unvergleichlichen Atmosphäre, die gar nicht so sehr durch die Lokalität entsteht, sondern vor allem vom überdurchschnittlich enthusiastischen Aachener Publikum erzeugt wird. Ja, der Enthusiasmus ist groß – so gibt es zum Beispiel jede Menge Menschen hier, die nie, nicht, niemals während des Reitturniers urlaubshalber die Stadt verlassen würden.

Meine persönliche Pferdezeit fand ihr quasi natürliches Ende, als meinen Eltern meine Schulnoten und mir selbst pubertäre Befindlichkeiten wichtiger wurden als die Pferde. „Es“ hat mich auch später nie wieder gepackt, ich bin seit inzwischen dreißig Jahren zufriedene Nichtreiterin. Und seit mindestens fünfzehn Jahren wieder treue Turnierbesucherin! Womit wir uns der eventuell ketzerisch anmutenden Aussage der Überschrift endlich genähert hätten.

Selbstverständlich weiß ich so gut wie nichts mehr über das aktuelle Geschehen im internationalen Reitsport – das muß auch nicht sein. Denn unser Reitturnier, diese eine Ausnahmewoche im Sommer, hat eine unersetzliche, allzu oft unterschätzte soziale Funktion, die das komplette reiterliche Geschehen völlig in den Schatten zu stellen vermag. Denn hier trifft sich „der Öcher“ und die Pferde stören kaum. Sic!

Was einst begann mit je einem verschämten Bierstand rechts und links der Haupttribüne, hat sich inzwischen ausgeweitet zu einer vielfältigen, internationalen Gastronomie in Festzelten, zahlreichen hochtechnisierten Ausschankstellen für alles Trinkbare sowie einer enorm großen, perfekt gestylten Zeltstadt mit Verkaufsständen aller Art – hier gibt es natürlich Reitbedarf, damit fing es vor vielen Jahren einmal klein an, aber auch Juwelen, Mode, Kosmetik, Accessoires, Kunsthandwerk und jede Menge anderer hochwertiger Angebote. Kurzum, man kann sich hier während der üblicherweise sieben Turniertage bestens beschäftigen, ohne auch nur ein einziges lebendes Pferd zu begucken. – Übrigens: Der ehrwürdige Aachen-Laurensberger Rennverein (ALRV) als Veranstalter möchte uns seit vielen Jahren beibringen, daß es korrekt „der CHIO“ heißt, Concours Hippique International Officiel. Wir Öcher wissen das auch eigentlich ganz genau, aber Volkes Stimme bleibt dabei: „Et is’ Reitunier!“ Ja, Sie lesen richtig, man spricht hier nicht alle Konsonanten mit.

Die wichtigsten Aachener Gebäude und der schöne Marktplatz sowieso zeigen Flagge, die roten Busse des öffentlichen Verkehrsbetriebes sind mini-beflaggt, in den Auslagen des Einzelhandels tobt der mehr oder weniger einfallsreiche Schaufensterwettbewerb zum allgegenwärtigen Thema, in den letzten Jahren gibt es außerdem kein Entkommen mehr vor der überbordend bunten und zwanghaft originellen „Horse Parade“ – die Stadt macht sich fein für die vielen Besucher aus aller Welt.

Und auch wir Normal-Aachener, in der Mehrzahl ohne jede aktive Beziehung zu Pferden, machen uns ausgehfein, bis hin zum Schuhwerk, das wir uns alljährlich im zu erwartenden Staub, wahlweise Matsch, ruinieren. Wir wandern zum Turnierplatz, kaufen uns eine Sattelplatzkarte und kämpfen uns durch zum Zentrum des Geschehens. Hier treffen wir alte Bekannte, denen wir während des Jahres sonst nie begegnen. Hier feiern wir Wiedersehen mit lieben Menschen, die wir ewig oder wenigstens seit dem letzten Turnier nicht gesehen haben. Hier verabreden wir uns mit Freunden am „Bier-Oxer“ – so heißt die größte der vielen Biertheken. Hier werden Geburtstagsfeiern abgehalten, Firmen geben in einem der großen Gastronomiezelte Feste für ihre Mitarbeiter und Kunden, den ganzen Tag machen die lokalen Radiosender Live-Programm auf einer Bühne, und abends, wenn es das Turniergeschehen als solches nicht mehr, sondern nur noch die Bewohner der Soers stören kann, spielen an verschiedenen Enden des Areals Live-Bands in ohrenbetäubender Lautstärke…

Die einschlägigen In-Kneipen der Stadt sind während des Reitturniers wie ausgestorben, denn „tout Aix-la-Chapelle“ ist hier in der Soers. Auch viele der Kneipenwirte. Jeden Tag, jeden Abend, bis zur Sperrstunde, feucht-fröhlich und immer friedlich. Ziemlich unbegreiflich die regelmäßig wiederkehrenden Klagen in Leserbriefen der Tageszeitungen, der „Volksfest-Charakter“ des Reitturniers ginge mehr und mehr verloren, denn im Gegenteil: es wird immer schöner, das Gelände mit all seiner Infrastruktur wird immer perfekter. Doch der Aachener mäkelt nun einmal gerne.

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Das Mäkeln aber hat sicher ein Ende in dem Moment, wo sich jemand optisch und emotional auf den berühmten „Abschied der Nationen“ am Ende des Turniers einlassen möchte. Die beeindruckend vielen Teilnehmer kommen nacheinander, sortiert nach Nationen, in den Parcours geritten und gefahren, erhalten vom Stadionsprecher in ihrer Landessprache Dank und ein freundliches „Auf Wiedersehen“, und bei der großen Ehrenrunde am Schluß winken ihnen die weißen Taschentücher von den Zigtausenden von Zuschauern zum Takt von „Muss i denn zum Städtele hinaus“ zu. Und wenn dann noch – was ja in Aachen bekanntlich nicht ununterbrochen der Fall ist – die Sonne die fröhlich-bunt-bewegte Szene bescheint, ist der Anblick all dieser vielen Reiter und Pferde im Parcours und all dieser unzähligen Taschentücher auf den Tribünen ergreifend, atemberaubend, nahezu unbeschreiblich. Sobald der Moment vorbei ist, freuen sich alle bereits auf das nächste Jahr – auf das nächste Reitturnier! Beziehungsweise den nächsten CHIO.

Mein ganz persönlicher Turnierhöhepunkt übrigens: Im Jahr 1999 lernte ich hier – an besagtem „Bier-Oxer“ – meinen heutigen Ehemann kennen. Inzwischen haben wir sogar eine wunderschöne Wohnung in der Soers gefunden, die den nicht ganz nebensächlichen Vorteil hat, daß wir nun zu Fuß zum Turnierplatz gehen können. Wo man uns auch die nächsten Jahre während des Reitturniers zuverlässig antreffen wird. Denn da reden und feiern wir miteinander, mit unseren Freunden und Bekannten – und stets gerne mit netten Menschen von anderswo… Damit auch sie noch Jahre später vom schönsten Reitturnier der Welt und den freundlichen, weltoffenen Aachenern, die sie dort kennengelernt haben, schwärmen.


 

Uschi Ronnenberg

Uschi Ronnenberg, geboren 1959 in Duisburg, lebt in Aachen seit Beginn ihrer Volksschulzeit. Sie ist Grafik-Designerin und PR-Fachfrau und seit 1990 selbständig mit dem “Büro für Design & Text”.

Anfang 2007 rief sie diese Website ins Leben und ist seitdem auf Non-Profit-Basis und unter Ausnutzung aller sich bietenden Möglichkeiten beharrlich damit beschäftigt, Mitautoren sowie natürlich allgemeine Aufmerksamkeit für die schönen Ameröllche zu gewinnen.

Sie liebt die deutsche Sprache und die vor-reformierte Rechtschreibung und ist mit vergnügter Überzeugung Patin des Wortes “Weiberkram”. Sie ist seit 2000 verheiratet mit Peter W. Hoch und 2004 vom Holzgraben in die Soers umgezogen.

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2 Antworten

  1. 10. Juli 2016

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  2. 30. Oktober 2017

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