Das Ende jeder Reise

Als Schüler freute ich mich immer darauf, in den Schulferien mit meinen Eltern im Auto in den Urlaub zu fahren. Dabei war das Urlaubsziel eigentlich nicht so wichtig. Hauptsache, keine Schule, keine Hausaufgaben, kein Lernen für Klassenarbeiten, den ganzen Tag faulenzen und den Schulstress dabei vergessen. Bei Reisestart ging die Fahrt, nach dem Motto: „Nur schnell weg“, auf direktem Weg zur Autobahn in Richtung Urlaubsziel.

Doch wenn ein Öcher eine Reise tut, um danach viel erzählen zu können, ist er vielleicht auch an ein bestimmtes Ritual gebunden. In unserer Familie war und ist das auch heutzutage noch so. Egal aus welchem Urlaubsland meine Eltern und ich nach Wochen zurückkamen, ob Anfang der siebziger Jahre mit unserem weißen Ford Rekord aus der Lüneburger Heide, mit unserem blauen Ford Capri vom Gardasee oder später mit dem roten Ford Granada vom Wörthersee, jede noch so anstrengende Urlaubsheimfahrt endete immer gleich.

Je näher wir an unsere geliebte Heimatstadt Aachen kamen, desto mehr mobilisierten wir unsere letzten Kräfte, das Auto fuhr uns plötzlich schneller Richtung Europaplatz. Die Vorfreude auf das Erblicken der großen Fontainen des Europaplatzes steigerte sich bei mir von Minute zu Minute. Noch eine Kurve und dann war der riesige Springbrunnen mit den am Autobahnende angebrachten großen, gelb blinkenden Warnlichtern in Sichtweise. Je näher wir dem Europaplatz kamen, desto imposanter war seine Erscheinung. Damals als Kind stellte ich mir vor, dass der Springbrunnen extra zur Begrüßung unserer Ankunft eingeschaltet worden war. Das war ein schönes Gefühl.

europaplatz (Norbert Schnitzler wikipedia)

Foto: Norbert Schnitzler / wikipedia

Meistens erreichten wir unsere Heimatstadt in Dunkelheit, wenn der große Begrüßungsspringbrunnen angeleuchtet war. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Fontainen damals wesentlich größer eingestellt waren und das Wasser viel höher und weiter spritzte, als dies heute in der Sparversion der Fall ist. Stand der Wind etwas ungünstig, konnte das Auto schon im Kreisverkehr um den Europaplatz eine kleine Dusche erhalten. Doch das war uns egal.

Mit dem Erblicken des Europaplatzes wusste man , man war wieder zu Hause. Manchmal drehte mein Vater mit dem Auto noch eine Ehrenrunde um das große Becken, bevor dann ein weiteres Ritual seinen Lauf nahm. Egal wie anstrengend die Fahrt auch war, ob nach 10 Stunden Rückfahrt in der größten Hitze und über 1.000 Kilometer Fahrt, ohne eine kleine Stadtrundfahrt wären wir nie nach Hause gefahren. Unsere Wohnung in Burtscheid musste sich noch etwas gedulden.

Zunächst ging die Fahrt über den Hansemannplatz, dann über den damals noch befahrbaren Markt, vorbei am noch nicht gesperrten Elisenbrunnen, über die Theaterstrasse in Richtung Burtscheid.

Bei der Stadtrundfahrt hätte ich am liebsten allen Passanten zugewunken und sie freudig begrüßt. Es stellte sich trotz Urlaubsende, drohendem Ferienende und beginnender Schule bei mir ein Glücksgefühl ein. Das führte so weit, dass ich so froh war, wieder zu Hause zu sein, dass man Aachen eigentlich nie mehr verlassen wollte.

Doch bereits in den nächsten Sommerferien freute ich mich auf den Sommerurlaub, weit weg der Heimat.

Erst beim Stop vor der Haustüre in der Malmedyer Straße war unsere Urlaubsfahrt zu Ende und wir konnten müde, aber zufrieden unsere Koffer in die Wohnung tragen.

Die kleine Stadtrundfahrt war nötig, um zu sehen, ob sich in Aachen während unseres Urlaubs etwas verändert hatte, zu wissen, jetzt wieder zu Hause zu sein und, wie mein Vater es immer formulierte: „Überall auf der Welt kann es schön sein und man kann sich überall wohlfühlen. Doch in Aachen ist es am schönsten, und der richtige Öcher fühlt sich in Aachen am wohlsten.“

Auch heutzutage würde ich nie auf die Idee kommen, auf den Anblick des Europaplatzes am Ende einer Urlaubsheimfahrt – zum Beispiel aus dem schönen Devon an der englischen Südküste oder von der spanischen Küste – zu verzichten.

Beim Betrachten der heutigen Minifontainen, ohne den richtigen Wasserdruck, kommt bei mir jedoch etwas Wehmut auf. Da denke ich oft an meine Kindheit zurück, früher war zwar nicht alles besser, doch der Europaplatz sah früher einfach gigantischer aus. Da helfen auch nicht die neu angebrachten Nationalfahnen, die heute die Aachener Gäste willkommen heißen.

Auch mit der anschließenden Stadtrundfahrt ist es heute schwieriger geworden. Markt und Elisenbrunnen sind für den normalen Verkehr gesperrt. Als Ersatz dient uns heutzutage die Fahrt über den Hansemannplatz durch das Pontviertel in Richtung Lütticher Straße.

Und ich glaube, ich habe diese lieb gewonnene Urlaubstradition an meinen Sohn schon weitervererbt.


 

Uwe Reuters

Uwe Reuters wurde 1960 in Aachen geboren. Nach einer Banklehre arbeitete er in seiner Freizeit als freier Mitarbeiter bei verschiedenen Musikmagazinen und war in den 80ern und 90ern als Manager für verschiedene lokale und nationale Bands tätig. 1995 moderierte er für kurze Zeit die Musiksendung „Danger Zone“ bei Radio Euro. 1996 erschien sein erstes Buch „Easy Livin’” über die Band Uriah Heep, bis 2007 veröffentlichte er neun weitere Jahresbücher über Uriah Heep. Unter der Adresse futterfuerdieaachenerohren.blogspot.com schreibt er zahlreiche Berichte über die Aachener Schallplattengeschäfte von den 60er Jahren bis heute.

Seit 1996 führt Uwe Reuters in Burtscheid eine Anlage- und Vermögensberatungsfirma.

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