Das Fischpüddelchen

llz2014-postkartmaxi-1fischpuedd„Und der kleine Mann, der auf diesem Brunnen steht, wird Fischpüddelchen genannt. Ein Püddelchen ist in Aachen ein nacktes Kleinkind. Der Brunnen wurde 1911 aufgestellt und hat viel Ärgernis erzeugt.“ Der Fremdenführer macht eine bedeutungsvolle Pause. „Können sie sich denken, warum?“ fragt er seine Zuhörer. Alle zucken mit den Schultern. Was kann schon an so einem kleinen Kerl Ärgerliches sein?

Der Fremdenführer fährt fort: „Es hatte schon ordentlich Zoff im Atelier des Künstlers gegeben. Bei Bildhauer Hugo Lederer aus Köln hatten nämlich die Aachener Ratsherrn ein Standbild des Kaisers Friedrich III. bestellt. Und das sollte fertig sein für den Tag, an dem der Sohn des Kaisers, Wilhelm II., nach Aachen kommen wollte, um das Denkmal einzuweihen. Wochen vorher waren schon alle Honoratioren in heller Aufregung, es wurde überlegt, geplant, geübt für den denkwürdigen Tag. Als dann eine Woche vor dem Fest das Standbild immer noch nicht geliefert war, fuhr eine Abordnung nach Köln. Dem Lederer „kramen wir die Bude“ mögen die  „hohen Herren“ unterwegs im Zug geschworen haben. Gleich beim Eintritt ins Atelier sahen sie ein allerliebstes Knäblein, das sofort ihre Aufmerksamkeit erregte. Ein kleiner nackter Junge, der unter jedem Arm einen Fisch trug. Er war so naturgetreu dargestellt, dass man meinte, die Fische noch zappeln zu sehen. „Der passt ja wunderbar auf unsern Fischmarkt, der hat uns gerade noch gefehlt. Den wollen wir als Zugabe haben, dafür, dass wir solange warten mussten.“ entschieden die Herren kurzerhand.  „Und wenn sie den Kaiser nicht bis Ende der Woche aufstellen,  droht ihnen eine Konventionalstrafe.“ Mit dieser Drohung verließen sie den Künstler, nicht ohne ihm die Knabenfigur vorher abgehandelt zu haben.

Aber die Vertreter der Stadt hatten nicht mit der Prüderie der Aachener  gerechnet. Statt dankbar zu sein, dass die Stadt um einen schönen Brunnen bereichert wurde, war allgemeines Protestgeschrei die Folge. „Ein ganz und gar nacktes Kind! In unserer  Stadt! Pfui!“ Bei Nacht und Nebel wurde die Figur abgebaut. Natürlich wurden die Übeltäter gefasst und mussten den Knaben wieder herausrücken. Aber nach einiger Zeit verschwand er wieder. Und das Becken, in das das Wasser geflossen war, das aus den Fischmäulern spritzte, blieb leer. Als sich die Empörung gelegt und die Menschen etwas lockerer geworden waren, wurde die Brunnenfigur wieder installiert. Doch dann brach der zweite Weltkrieg aus, und alles, was sich irgendwie zu Kanonen verarbeiten ließ, wurde abmontiert und abtransportiert.  Auch unser Fischpüddelchen ereilte dieses Schicksal.

Die Aachener, die nach dem Krieg ihr „Fischpüddelchen“ vermissten, ließen eine Kopie anfertigen, Was sie hier sehen, meine verehrten Damen und Herren, wurde von dem Künstler Heinrich Clemens Dick geschaffen, der sich an alten Fotografien orientierte. Und nun hatte auch keiner mehr etwas dagegen, dass der Knabe nackt war.

„Aber“, will einer der Besucher wissen, von einem Fischmarkt ist hier weit und breit nichts zu sehen.“ „Und doch war er  an dieser Stelle. Die Marktfrauen benutzten sogar das Wasser des Brunnens, der vom Paubach gespeist wurde, der heute leider unterirdisch fließt, um ihre Ware zu kühlen. Doch nach und nach verschwanden die Marktstände, die Leute kauften ihren Fisch lieber in Geschäften ein. Eines war dort an der Ecke. Aber auch das ist verschwunden und nur noch die eingemeißelte  Inschrift über der Eingangstür „Fisch-Lahay“  gibt davon  Zeugnis. Sehen Sie die Jahreszahl 1888 über der Eingangstür? 1888, das war das „Drei Kaiser-Jahr“: Wilhelm der I. starb, sein Sohn Friedrich III. folgte ihm auf den Thron. Aber er war schon schwer krank und starb nach 99 Tagen. So kam im selben Jahr Wilhelm II. an die Macht. Derselbe, der 1911 in Aachen festlich empfangen wurde und das Reiterstandbild seines Vaters einweihte.

„Und der, der drei Jahre später den Ersten Weltkrieg vom Zaun gebrochen hat“, weiß einer der Zuhörer. „Ja“, bestätigt der Fremdenführer, „eine unglückliche Fügung. Wie vieles im Laufe der Geschichte.

Und nun  darf ich Sie, meine Herrschaften, bitten, mir in den Dom zu folgen.“

 


Inge Gerdom

Inge Gerdom, geb. Schieren, Jahrgang 1940, wohnt in Aachen-Brand seit 1973. Studium an der PH Aachen und an der Fernuniversität Hagen, Sonderschullehrerin bis 2005, zwei Söhne (1964 und 1966), zwei Enkel, eine Enkelin.
Seit der Pensionierung:
Aquarell- und Acrylmalerei, von 2000 bis 2013 acht Ausstellungen
Seit 1997 bei „Senioren schreiben für die AN“
Seit 2008 Autorin und Mitglied der Redaktion in SENIO
Seit 1997 ehrenamtlich tätig in der Bücherei des Marienhospitals
Seit 2012 ehrenamtlich tätig bei der AWO Brand (Kurs Gehirnjogging)
2 Kinderbücher (Geschichten vom Leuchtturmwärter Hein) herausgegeben, die in Zusammenarbeit mit den Enkeln Paul und Moritz entstanden sind (erschienen im Kirsch-Verlag 2012 und 2013)

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1 Antwort

  1. Walter von den Driesch sagt:

    Was kaum jemand weiß: der Aachener Bildhauer Heinrich Clemens Dick gab dem neuen Fischpüddelchen das Antlitz seines nach dem Krieg, am 30. April 1947, in Aachen geborenen kleinen Sohnes Georg Clemens Dick, Journalist und später, in der Amtszeit Joschka Fischers, Angehöriger des deutschen Auswärtigen Dienstes, zuletzt, bis 2012, deutscher Botschafter in Caracas, Venezuela. Es gab einmal eine kurze Notiz in der Aachener Presse dazu, die ich mit meinem Kollegen Dick vor ungefähr 15 Jahren verifiziert habe.

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