Das Loch, zweiter Teil

Hallo, Freunde, es gibt mich noch. Ich fühle mich sehr wohl in der Lisztstraße in Hanbruch.

Zwar ist der Tag meiner Geburt nicht genau zu ermitteln, jedenfalls am 12. Juli hatte ich mich schon geöffnet. Inzwischen ist einiges passiert, das muss ich sagen. Ursprünglich hatte ich nur einen Mund, oval, etwas verzogen mit einem Durchmesser von 50 bis 60 Zentimetern. Unter diesem Mund war es hohl, ein wesentlicher Teil meiner Existenz, Wie tief ich war, weiß ich nicht mehr genau.

Eines Tages, nach etwa vier Wochen meines ungestörten Daseins, kam ein Mann mit einem Presslufthammer. Der machte aus dem ovalen Zustand meines Mundes ein großes Maul. Mit  Getöse erweiterte er die Öffnung quadratisch mit einer Kantenlänge von 150 mal 150 Zentimetern. Und dann hat man mir richtig weh getan. Man hat mir mein Liebstes genommen, den Hohlraum. Mit einem Kipplader haben diese Barbaren Sand in mich hineingeschüttet, viel Sand, allerdings ließen sie oben einen Teil offen. Da muss noch etwas hin. Ich präsentiere mich hier so zu sagen mit vollem Bauch und leerem Kopf, aber offenem Mund. Ich habe mir sagen lassen, ich sei in guter Gesellschaft.

An meinen neuen Zustand habe ich mich inzwischen gewöhnt. Die Absperrung passt jetzt genau um die Öffnung herum und die vier Schilder, die das Halten und das Parken verbieten, sind noch da. Sie werden von den Bewohnern der Straße peinlich genau beachtet, auch am Wochenende, wo sowieso niemand kommt, um mir das Maul zu stopfen. Ich werde nachts beleuchtet. Ich habe es noch nie erwähnt und dabei ist es so wichtig. In die  Absperrung ist eine Lampe integriert , die in Abständen aufblitzt. So werden alle Besucher auf mich aufmerksam gemacht. Es ist eine große Ehre, ein Loch mit Beleuchtung in der größten Stadt am Rande der Republik zu sein, die tolle Verbindungen in das westliche Ausland hat, eine Elite-Uni und wo der Karlspreis verliehen wird. Ich bin schon etwas besonderes, das Loch mit dem großen Maul.

Liebe Freunde. Es ist etwas wunderbares geschehen. Ich war schwanger und wusste es nicht. Hinter mir, auf einem etwa drei Meter tiefer liegenden und über Treppen zu erreichenden Zugang zu den Mehrfamilienhäusern, habe ich ein kräftiges Kind bekommen. Ein Hohlraum hat sich aufgetan und hat die Wegebefestigung versacken lassen. Ist es nicht wunderbar? Selbst wenn man mein Maul vollständig mit Teer und Asphalt gefüllt haben wird, bleibt die Erinnerung an mich in diesem  Kind erhalten.

Auch das neue Loch ist ohne Genehmigung entstanden und bei der zuständigen Stelle der Behörde sucht man fieberhaft nach dem, der es Schuld ist. Es wird sicher eine weitere Person zur Suche freigestellt, jetzt, wo sich die Löcher ausbreiten.


 

Erwin Bausdorf

Erwin Bausdorf, geboren 1935, seit 1958 verheiratet mit der gleichen Frau und seit 1963 zuerst in Eilendorf und ab 1966 in Aachen wohnhaft. Drei erwachsene Kinder. Seit 1998 Rentner.
a) von 1991 an aktiv bei den „Jedermännern“ des Allgemeinen Turnvereins Aachen
b) von 1999 an ehrenamtlich im NABU-Aachen,
c) von 2005 an bei „Senioren schreiben für die Nachrichten“.
d) seit der dritten Nummer 2008 als Autor bei „SENIO“.
2010 habe ich unter dem Titel „Der Fuchs im Schlafzimmer“ einige Geschichten beim Verlag Books on Demand GmbH, Norderstedt, veröffentlicht.

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