Denn an der Theke ist der allerschönste Platz

Aachen, das ist nicht zuletzt auch Kneipenkultur. In Deutschland ist nirgendwo, außer in Berlin, die Kneipendichte höher als hier. Klar, viele machen auch wieder zu, weil der Wirt, der auch hier nichts wird, Umsatz mit Gewinn verwechselt hat; nicht nur Koryphäen des Geistes stehen hinter den Theken. Aber meist lebenskluge Leute, denen nichts Menschliches fremd ist. Es gibt Philosophen hinter den Theken, die mehr von ihren Mitmenschen wissen als der Beichtvater. Nach ein paar Kurzen und ein paar Bierchen beichtet es sich ja auch bekanntlich viel leichter. Das hätte die Kirche sich mal früher überlegen müssen, dann ginge es ihr heute besser.

Wenige sind dabei reich geworden, und selbst die, die es wurden, bleiben es manchmal nicht lange. Hier und da fand sich auch mal einer im Gefängnis wieder. Die meisten Kneipen kommen gerade so über die Runden, und die Arbeitszeit darf man sowieso nicht rechnen. Systemgastronomie macht sich breit und verdrängt das Ursprüngliche, besonders in der Innenstadt, wo der schnelle Euro lockt.

Wir haben nur wenige typische Kneipen herausgepickt, die jeweils für ein bestimmtes Milieu stehen, dazu ein veritables Varieté und eine Frittenbude. So ist alles vertreten, was der Mensch in dieser Richtung braucht.

Möge sich niemand beschweren, der nicht erwähnt wird, denn die meisten können nun mal nicht erwähnt werden, und die Auswahl ist nicht demokratisch, sondern willkürlich. Willkür ist das einzige Recht, das man einem Autor nicht nehmen kann. Für genügend Freibier ist er aber bereit, auch über andere Kneipen zu schreiben – falls sie es verdient haben.

Pitt va Ponk: Wir waren immer im Dienst

Wenn man sich irgendwann zwischen gefühlten 100 Leuten wiederfand, die sich auf den vielleicht 20 Quadratmetern drängten – wobei man „gefühlt“ ruhig wörtlich nehmen darf –, wenn ein Tablett voll frischer Stängchen über den Köpfen schwebte, wenn aus Lautsprechern und allen Kehlen Alt-Aachener Leddchere tönten, dann wußte man: Es ist Karneval in Aachen, und man ist wieder mal beim Pitt Schillings gelandet. Wo auch sonst, denn hier fanden sich früher oder später alle wieder, die nichts vom modernen Event-Karneval hielten. Beim Pitt war es wie immer, und das war ja gerade das Schöne daran. Pitt selbst schwört übrigens, daß es auch schon an die 200 Leute waren. Wirte führen Statistiken ja bekanntlich per Lokalrunde, also muß es stimmen…

Was für Geschichten mögen in den 40 Jahren an dieser Theke erzählt worden sein? Egal, vor dem Pitt waren sie alle gleich. Und wenn sich mal einer aufblies und erklärte, er sei der und der, dann konterte der Wirt ganz trocken: Än ich ben Pitt va Ponk. Der Peter von der Pontstraße. Bei Adligen, des Geblüts oder des Gemüts, genügt bekanntlich der Vorname und die Herkunft.

Wichtig war vor allem die Tradition. Niemals sah man Pitt oder seine Frau Käthe während der tollen Tage verkleidet, und die gingen damals von Fettdonnerstag bis Dienstag durch. Verkleidet waren die beiden, wie es sich gehört, erst am Dienstag, dem eigentlichen Fastnachtstag. Um Mitternacht gab es dann das Aschenkreuz, mit einem angekokelten Korken von Pitt persönlich verabreicht, und garantiert das erste der Stadt. Das war der einzig wahre karnevalistische Ritterschlag.

Zu der Kneipe kamen die Schillings wie die Jungfrau zum Kind. Als Degraa-Angestellter war Pitt für die Eröffnung zuständig, der Wirt gab aber schnell auf. Da mußte der Pitt ran, der, ohne es zu ahnen, sein eigenes Lokal eröffnet hatte. Nur für kurze Zeit, hieß es. Daraus wurden dann 40 Jahre. Von morgens zehn bis in die Puppen. Mit Essen, vor allem den legendären Muscheln. Täglich ging ein Zentner über die Theke, und wenn der zuende war, mußten die Jungen mit Eimern nach Lahaye am Fischmarkt, da stand hintenrum Nachschub parat. Wir waren immer im Dienst, sagt Käthe.

Ach, Sie wollen wissen, wie die Kneipe hieß? Keine Ahnung. Noch nie hat man jemanden etwas anderes sagen hören als „Ich gehe zum Pitt Schillings“. Und wer es bisher nicht wußte, braucht es jetzt auch nicht mehr zu wissen. Denn am 29. Juni 2005, an Pitts Namenstag, haben sie zugemacht, und auch da verschwand ein Stück Alt-Aachen. In den letzten Jahren war es immer ruhiger geworden, und man wird ja auch nicht jünger mit der Zeit und auch nicht gesünder. Und der Karneval, sagte Pitt, ist auch nicht mehr das, was er mal war.

Maach et jot, Pitt va Ponk, maach et jot, Käthe! Von euch werden sie noch reden, wenn so mancher Wichtigtuer längst vergessen ist. Und es tut mir leid, dass ich Lumpi I. oder II. mal einen Möpp genannt habe, woraufhin ich in Ungnade fiel. Es soll nicht wieder vorkommen.

Delikates Muttersküche

Da man mit dem Stolz mutmaßlich muslimischer Mitbürger neuerdings vorsichtig sein muß, wollen wir es mal so sagen: ihre Kreativität hat die deutsche Sprache erweitert. Ein besonders schönes Beispiel fanden wir schräg gegenüber der Hauptpost.

Über einem Schnellrestaurant hingen dort seit vielen Jahren große Werbeschilder, nach allen Richtungen, damit es auch niemand übersah. Mit kunstvollen Lettern lockten sie am Tage, Trost verheißend leuchteten sie durch die Nacht: „Delikates Muttersküche“ – so nannte sich die gastliche Stätte, so und nicht anders rief sie die Hungrigen dieser Erde an die Fleischtöpfe.

Man verstand ja durchaus, was der Dichter aus dem Morgenland uns damit sagen wollte. Und man begann zu ahnen, was manche Linguisten meinen, wenn sie von „geglückter Kommunikation“ sprechen und die Regeln Regeln sein lassen. Aber trotzdem: war seinerzeit dem Schildermaler nichts aufgefallen? Stutzte nicht derjenige, der die Schilder montierte? Ging es sie nichts an, weil sie keinen Auftrag zum Nachdenken hatten? War es ihnen egal? Wußten sie es auch nicht besser? Oder war es das Werk einer komplett morgenländischen Infrastruktur, die diese Perle der Werbepoesie unbeschadet bis an ihren Ort brachte und dort die Jahre überdauern ließ? Hat kein Nachbar, kein Passant, kein des Deutschen kundiger Besucher je etwas gesagt? Nie ein Lehrer das Etablissement betreten und seinen Rotstift gezückt? Fragen über Fragen, die uns jetzt niemand mehr beantworten wird.

Andererseits: wie will man „delikates Muttersküche“ so ausdrücken, daß es nicht nur richtig ist, sondern auch noch auf ein Schild paßt? Erschwerend kommt ja hinzu, daß es eine „Muttersküche“ in der deutschen Sprache nun mal nicht gibt – so bedauerlich das sein mag. Also vielleicht „delikate Küche wie bei Muttern“? Aber da hätte man fast anbauen müssen, um diesen Roman unterzubringen.

Und zeichnet sich Mutters Küche wirklich dadurch aus, daß sie delikat ist? Gibt es bei Muttern nicht eher Hausmannskost, so paradox das an sich schon, insbesondere aber für emanzipierte Ohren klingen mag? Ein weites Feld. Und sagen Sie selbst: Was ist die profane „Hausmannskost“ gegen die anheimelnde „Muttersküche“, bei der einem von den Weihnachtsplätzchen bis zum Sonntagsbraten alles einfällt, was früher so viel schöner war?

Je mehr wir hin und her überlegen, um so klarer wird uns, vor welcher herkulischen sprachlichen Herausforderung Mustafa Ariduru stand, der Küchenmeister aus Kurdistan, als er, der deutschen Sprache noch nicht in allen Feinheiten mächtig, uns Fremden klarmachen wollte, womit er uns in seinem Restaurant kulinarisch zu beglücken gedachte.

Zum Glück ist Mustafa Philosoph. Sehr leise sprach er, als wir ihn fragten, damals, als das noch ging. Bedächtig wiegte er sein Haupt, und mit scheuem Lächeln versuchte er uns zu der Erkenntnis hinzuleiten, daß die verbiesterte deutsche Sicht der Dinge nicht immer die richtige sein muß. Er sagte das natürlich nicht, dafür ist er viel zu höflich, aber hinterher fragte man sich selbst, ob es nicht so ist.

Na ja, sicher habe man ihn hier und da auf den Namen angesprochen, aber wer wen und was da nicht so ganz verstanden hat, ließ sich im Nachhinein kaum feststellen. Die menschliche Kommunikation ist ja an und für sich schon ein weites Feld, wie kompliziert ist da erst der Dialog der Kulturen!

Auch über die Behauptung, daß es in der deutschen Sprache keine Muttersküche gibt, konnte Herr Ariduru nur auf seine ganz feine Art lächeln. Er sagte es nicht so, aber das war dann für ihn wohl eher ein Problem der deutschen Sprache. Und spätestens beim Hinausgehen wußte man, daß er recht hatte.

So hätten wir uns gern weiterhin an dieser Bereicherung unserer Sprache erfreut, die der unseres Speisezettels in nichts nachsteht. Denn tatsächlich hatte man sich an „delikates Muttersküche“ so gewöhnt, daß es einem direkt gefehlt hätte. Das merkt man aber immer erst hinterher, jetzt, wo es uns wirklich fehlt.

Denn am Neujahrstag 2007 hing ein Zettel an der Tür, daß man auch selbst mal feiern wolle und sich in Urlaub befinde. Aber da Urlaube in dieser Branche selten und wenn, dann nur kurz sind, muß man sich wohl allmählich an den Gedanken gewöhnen, daß wir nie wieder „delikates Muttersküche“ genießen dürfen.

Mustafa Ariduru, du Philosoph: Wo immer du sein magst, im wilden Kurdistan oder sonstwo: bereichere auch dort die Sprache und laß dich nicht von deinen philosophischen Weisheiten abbringen! Es gibt wichtigeres im Leben als Döner oder Hausmannskost.

Fast ein Varieté

Vielleicht war es am besten, die Sache mit Galgenhumor zu beenden, sonst hätte man es gar nicht ausgehalten. Besser Helge Schneiders sinnfreies Schwadronieren als noch mehr Tränen; die flossen auch so schon genug im Saaltheater Geulen, am Dienstag, den 13. Februar 2007, als dort endgültig Schluß war. Schon der Begriff Saaltheater, findet eine Besucherin, wo gibt es das noch? Varieté klingt ja vielleicht etwas zu verwegen für Eilendorf. Variteiter, sagt der komische Herr auf der Bühne.

Würdevoll wirkt plötzlich der alte Saal, wie alles ganz am Ende eine große Würde bekommt. Die alte Dame hat sich noch einmal karnevalsmäßig herausgeputzt für den letzten Auftritt; der einzigartige Raum, ge- und verwachsen durch immer neue Anbauten, ist rammelvoll. Hubert Geulen, der Impresario, steht wie ein Fels in der Brandung, immer da, wo er alles im Blick hat und seine Truppen dirigieren kann.

Für ihn ist das buchstäblich sein Lebenswerk. Hier im Haus wurde er geboren, im Mai wird er 75. Aus einer Dorfkneipe, die er 1952 übernahm, haben sie das hier aufgebaut. Wenn er und seine Frau Inge überlegen, wer schon alles hier war, dann finden sie, daß es andersrum schneller geht: Kaum einer war nicht hier. Wenn sie das Fernsehen einschalten, ist das wie ein Griff in ihre Künstlerkartei.

Helmut Lotti, Vico Torriani, Udo Jürgens, Roy Black, Karl Dall, Didi Hallervorden, Mireille Mathieu, Freddy Quinn, Hazy Osterwld, Heinz Erhard, Horst Frank, Nadja Tiller und Walter Giller, Udo Lindenberg, Elke Sommer, das Ohnsorg- und das Millowitsch-Theater, kurz: alle, alle waren da. Viele haben ihre Tourneepläne so geschmiedet, daß ein Auftritt bei Geulen möglich war. Auch Heino wollte noch seinen Abschied hier gemacht haben, aber das ging dann doch nicht. Die komplette Volksmusikszene ist ohnehin Stammgast gewesen. Michael (der von Marianne) ruft immer noch an, wenn Alemannia gewonnen hat. Mancher Besucher meint auch, diverse spätere Boxweltmeister hier gesehen zu haben, auf jeden Fall aber erinnert mancher sich bestens, wie Aachens Schwergewichtler Mario Guedes durch die Seile bis auf den Pressetisch flog.

Besonders im Karneval hatten sie oft drei Veranstaltungen am Tag, morgens die Herren, nachmittags die Kinder und abends die Prunksitzung. Sie haben mal nachgerechnet und kamen in Spitzenzeiten auf bis zu 250 Veranstaltungen im Jahr. Da muß man von morgens früh bis abends spät auf den Beinen sein, da lernt man das Leben und die Menschen kennen. ”Solange Sie selbst mitarbeiten, hält auch das Personal zu Ihnen”, sagt Inge Geulen. ”Das vergessen heute die meisten jungen Leute, die spielen Chef, und dann ist das Ding gelaufen.” Je größer der Künstler, sagt Hubert Geulen, um so geringer die Allüren.

Und dann begann sich auch was zu verändern. Die Kinder spürten es früh und wollten nicht im Geschäft bleiben. Die Betriebsfeste wurden immer weniger, Gema, Vergnügungssteuer, die Kosten immer höher. Die Gagen kennen keine Schamgrenzen mehr und dann all die Auflagen vom Ordnungsamt. Ein anderer könnte den Betrieb gar nicht übernehmen, weil das nicht mehr zu erfüllen ist. Der Laden lebte nur noch unter Bestandsschutz. So geht wieder ein Stück Kultur dahin, und in fünf Jahren wird, wer dort vorbeifährt, sich vielleicht schwach erinnern, daß es dort etwas gab, was es nie wieder geben wird.

Als Hubert Geulen am Ende auf die Bühne steigt und ein letztes Mal das Wort ergreift, kommt er nicht weit, die Stimme versagt. Als er sich wieder etwas gefaßt hat, verabschiedet er sich unter Tränen von seinem Publikum. Er dankt dem Publikum und den Künstlern, von denen viele einen Bogen um die Region gemacht hätten, wenn es das hier nicht gegeben hätte. Was für ein bewegender Moment.

Selbst die Künstlergarderobe, ein Raum mit dem Charisma einer Abstellkammer, auf dessen Sofa eine unscheinbare Gestalt namens Schneider zusammengesunken ist, erzählt plötzlich tausend Geschichten. Und Hubert Geulen muß wieder lachen, etwa wenn er daran denkt, wie Peter Alexander das Wasser zu kalt war und sie dann einen Boiler installierten.

Was geschieht jetzt mit dem Gebäude, dem Inventar? Die alte Fassade steht unter Denkmalschutz, soll der Investor sehen, was er mit dem Rest macht. “Ich kann doch mein eigenes Leben nicht versteigern”, sagt Hubert Geulen. Da will er nicht dabei sein. Zur Ruhe setzen kann er sich aber auch nicht. Die Künstleragentur wird fortgeführt.

Das Publikum ist längst weg, die Garderobenfrauen haben zum letzten Mal selbst ihre Mäntel angezogen, das alte Tanzcafé ist völlig leer. Hinten, in der Schmiede, sind noch diejenigen beisammen, die sonst dafür sorgen, daß andere feiern können. Viele wissen nicht, wie es jetzt weitergeht. Die eine hofft auf eine Stelle in Köln, der andere auf den Ruhestand.

An den Wänden aberwitzige Fresken, sie zeigen die Gekrönten und Gesalbten unserer Zeit, von Heino bis Otto. Im Halbdunkel der angestaubte Charme einer Ära, die man bald nur noch in nostalgischen Filmen sehen kann. Ganz hinten in der Ecke steht jemand. Es ist Zeki, der türkische Kellner. Die Augen tränennaß, starrt er in sein Bier; hier hat er seine Frau kennengelernt, hier arbeitet er seit 26 Jahren, die Kinder sind aufgewachsen in der Zeit. Hier gab es früher Tanz mit Live-Musik, sagt er, bis vier, fünf Uhr morgens. Wo gab es das denn noch im Umkreis von vielen Kilometern? Das Publikum hat sich dann aber auf verändert, überhaupt hat sich viel verändert in letzter Zeit.

Auch für ihn, wie für die meisten Kollegen, geht ein Lebensabschnitt zuende, vielleicht der wichtigste. Wir sind hier wie eine Familie, sagt er. Das sagen alle. Wir waren wie eine Familie.

Die Studentenkneipe

Wenn man näher hinschaut, gibt es an allen Ecken die verrücktesten Geschichten zu entdecken. So auch an der Ecke Königstraße/Lindenplatz. Dort ist das Café Einstein, und wer hätte gedacht, daß diese Kneipe ihre Existenz nicht zuletzt dem italienischen Militär verdankt? Das kam so: Da gab es Anfang der 70er Jahre einen jungen Burschen in Imperia an der italienischen Blumenriviera. Der hieß Enzo Alberti und hatte keinen Bock auf Krieg; damals steckte allen ja ein Schock namens Vietnam in den Gliedern. In Italien gab es aber keine Möglichkeit, den Kriegsdienst zu verweigern, also entschwand Enzo in den nebligen Norden. Warum ausgerechnet nach Aachen? Keine Frage für einen Italiener: wegen amore, naturalemente.

1975 machte er die erste Kneipe am Münsterplatz auf, mit dem typisch italienischen Namen “Muckefuck”. Dann war erst mal Finale mit Amore, aber es kam die nächste Amore und die nächste Kneipe – eben das Einstein. Da ist der gemütliche Italiener heute noch, und vor lauter Amore ist er darüber vierfacher Opa geworden. Vor vier Jahren hat er die Geschäfte an eine Nachfolgerin übergeben, aber der Patron, auf jeden Fall aber der Patriarch ist er immer noch.

So ist das Einstein im wesentlichen wohl geblieben, wie es war, und diverse Versuche, mit der Einrichtung zu experimentieren, fanden nicht unbedingt Gefallen; denn letztlich will der Mensch etwas, woran er sich halten und worauf er sich verlassen kann. So gab es schon Unmut, als die vertrauten Holztische durch Marmor ersetzt wurden. Die Stammgäste nahmen das nur zähneknirschend hin, aber vielleicht ist der Marmor ja aus Carrara…

Ansonsten hat die Kneipe allen Chrom-, Glas- und Werweißwas-Moden widerstanden. An der Wand ein Flugblatt “Die Atommafia geht über Leichen – halten wir sie auf!”, und im Bücherregal (in welcher Kneipe gibt es schon Bücherregale?) Titel wie Herbert Marcuses “Kritische Theorie der Gesellschaft”. Aber auch “Griechische Lyrik”. Ziemlich pluralistisch der Zeitungsständer, er reicht von “Zeit” bis “Bild”.

Ganz am Anfang hieß das Einstein noch “Rinnsal”, obwohl damals nicht mal etwas vor der Türe rann. Heute wirbt man damit, die einzige Kneipe Aachens an einem Fluß zu sein. Das stimmt zwar nicht ganz, weil gleich daneben noch eine ist, weil der Fluß auch nur im Sommer fließt und genaugenommen eher ein Rinnsal ist, aber zumindest vor dem “Kittel” verschwindet er ja wieder. Und seit wann wird in Italien alles so genau genommen?

Zu dem Namen kam es durch eine Freveltat, denn als Enzo und seine Freunde mal nicht ganz nüchtern von einem Gartenfest in Burtscheid zurückkamen, klauten sie einen 40 Kilo schweren Stein, den sie durch die ganze Stadt bis zum Lindenplatz schleppten. Er stand jahrelang in der Kneipe, bis die Besitzer ihn wiederhaben wollten, denn die hatten ihn ihrerseits irgendwo an der holländischen Küste mitgehen lassen und auch viele Kilometer geschleppt. “Einstein” hat also erst in zweiter Linie mit dem Herrn mit der Zunge zu tun.

Im Sommer gibt es da Aachens einzige Terrasse direkt an einem Fluß, und wer je dort gesessen hat, der weiß, daß einen da durchaus mediterrane Gefühle beschleichen können. Gegenüber die gewaltige Klostermauer, die den ganzen Platz beherrscht und unerschütterliche Ruhe ausstrahlt, dann die vielen Bäume, die Stille abseits vom Verkehrslärm und natürlich der Fluß: keine fünf Minuten vom Markt ist man in einer anderen Welt, in die sich kein Tourist verirrt.

Im Sommer läuft auf dem Lindenplatz regelmäßig ein Musikfestival, das sich in der Szene einen guten Ruf erworben hat. Es wird von Stammgästen des Einstein organisiert und bietet ein erstaunlich gutes Programm mit viel alternativem Feeling. Auch in der Kneipe gibt es immer wieder mal Konzerte, Kleinkunst, Ausstellungen, und so bietet sich öfter mal Gelegenheit für einen Nachwuchskünstler, sich zu präsentieren.

In der übrigen Zeit unterhalten sich die Gäste selbst, da gibt es etwa Skat- oder Maumau-Turniere. Es ist halt eine der letzten Stadtteilkneipen, wie Steff sagt, und der muß es wissen, denn er ist Stammgast. “Welcher Laden hat sich schon so lange gehalten unter derselben Leitung?”. Vier Generationen von Studenten haben hier ihr Diplom gemacht – oder auch nicht. Das Publikum ist, völlig untypisch für deutsche Lokale, gut gemischt. Und das seit nunmehr 25 Jahren.

Ist die Zeit hier stehengeblieben? Könnte man auf den ersten Blick meinen. Es könnte aber auch sein, daß ein paar Leute einfach aufgehört haben, mitzulaufen, als die Zeit in eine Richtung marschierte, die ihnen nicht mehr gefiel. Und so sitzen sie immer noch in der einzigen Kneipe an Aachens einzigem Fluß, spielen Karten, lesen, hören Musik und sind nicht bereit, alles mitzumachen, nur weil es als neu verkauft wird. Bleibt abzuwarten, was am Ende besser ist und wer den längeren Atem hat. Denn das Leben ist bekanntlich ein langer, breiter Fluß.


 

Heinrich Schauerte

Dr. Heinrich Schauerte, geboren 1946 in Aachen. Volksschule Hanbrucher Straße unter Lehrer Jers (der mit dem Holzbein und dem flinken Lineal). Abitur am KKG unter dem legendären Lehrer Emunds (der mit der Pimmelakei). „Wehrersatzdienst“ in Kölner Klapsmühle unter Oberschwester „Feldwebel“ Gertrud. Studium der Germanistik, Psychologie, Philosophie in Aachen. Promotion unter Prof. Schneider-„Schwerte“ (der mit dem Hakenkreuz).

Werbetexter, Pressesprecher, Journalist. Dichtungen aller Art.

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