Der gute Hirte

Heutzutage hört und liest man so viele negative Schlagzeilen über katholische Priester. Dabei sind es nur wenige Ausnahmen, die sich an Kindern und Jugendlichen versündigen.

Ich möchte über unseren Pastor Scharrenbroich berichten, der mich und viele andere Jugendlichen eine wunderbare, unvergessliche Zeit im Pfarrhaus der Doppelgemeinde St. Foillan/St. Nikolaus (heute City-Kirche) verleben ließ. Sonntags abends stellte er uns einen Raum zum Tanzen zur Verfügung – vor fünfzig Jahren noch ganz außergewöhnlich. Einer brachte sein Tonbandgerät mit oder jemand setzte sich ans Klavier und sorgte für die nötige Musik. Um zehn Uhr schickte der Hausmeister uns nach Hause. Montags wurde gesungen, dienstags gab es Volkstanz, donnerstags Gruppenabend der Pfadfinderinnen, samstags gingen wir zur Komplet in die Kirche mit anschließendem Treffen im Pfarrhaus zum Tischtennisspiel. Nur mittwochs und freitags war ich zu Hause.

Als Pastor Scharrenbroich unsere Pfadfinderinnengruppe ins Stadttheater Aachen einlud, erlebte ich zum ersten Mal eine Oper: „Margarethe“ von Gounod. Er erklärte uns die Handlung und wir hörten gemeinsam Schallplatten mit Musikauszügen. Auf diese Weise vorbereitet, war ich als Vierzehnjährige so begeistert, dass ich gleich ein Jugendabo buchte und von da an regelmäßig einmal monatlich ins Stadttheater ging.

Karneval durften wir an drei Tagen im Pfarrhaus feiern, dann sogar bis Mitternacht. Anschließend organisierte unser Pastor Grüppchen, die nahe beieinander wohnten. Zuerst mussten die Jungen gemeinsam die Mädchen nach Hause begleiten, damit keines von ihnen in der Nacht alleine unterwegs war.

Selbstverständlich hatte Pastor Scharrenbroich auch am Aschermittwoch seine Kirche voller jugendlicher Gottesdienstbesucher – nicht nur an diesem Tag, auch sonst gingen wir gerne in die von ihm zelebrierte Messe mit den zeitgemäßen, aufgeschlossenen Predigten über den, wie er ihn stets nannte, guten Gott. Während in der Schule eine fanatisch fromme Religionslehrerin uns mit Weltuntergang, Fegefeuer und Hölle ängstigte, verkündete unser Pastor die Frohe Botschaft.

Vergessen wir über den wenigen schwarzen Schafen doch nicht die vielen guten Hirten, die uns christliche Liebe und Zuwendung schenkten und auch heute noch den Kindern und Jugendlichen täglich zukommen lassen.

Wenn ich zu Allerheiligen zum Grab meiner Eltern gehe, werde ich auch die letzte Ruhestätte  unseres Pastors Scharrenbroich im Campo Santo auf dem Westfriedhof besuchen.


Edda Blesgen

Edda Blesgen verrät über sich:

Geboren im Jahr 1939, lebte ich bis 1961 in Aachen. Seit meiner Hochzeit wohne ich im benachbarten Belgien. Da ich bis zu meiner Pensionierung im Jahr 1999 bei der Stadtverwaltung Aachen beschäftigt war, fühle ich mich noch immer meiner Heimatstadt verbunden. Das äußert sich u. a. darin, dass ich täglich eine Aachener Zeitung beziehe.

Bisher veröffentlichte ich Märchen, Gedichte und Kurzgeschichten beim Belgischen Rundfunk und in verschiedenen Tageszeitungen. Bei mehreren Wettbewerben errang ich erste und zweite Preise. Für eine Computercommunity (feierabend.de) schreibe ich Kolumnentexte, außerdem Blogbeiträge für die Aachener Zeitung.

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1 Antwort

  1. Madelaine Begass sagt:

    Von anderen Altersgenossen habe auch ich viel Negatives von katholischer Erziehung in Schule und Gemeinde gehört. Meine Erfahrungen waren aber auch durchweg positiv. Ich habe Geistliche erlebt, die sehr aufgeschlossen und klug waren und eine angenehme Natürlichkeit ausstrahlten. Auch habe ich eine Religionslehrerin erlebt, die uns in den 60iger Jahren das Thema II. vat. Konzil lebendig und überzeugend vermittelt hat. M. Beg. Jahrg. 1946

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