Der Kniefall

            (Jan.2009)

Warum musste Franziska an diesem Sonntagmorgen, bei gerade einmal 3 Grad Plus, das Grab ihres Mannes auf dem Westfriedhof in Aachen in Ordnung bringen? Der Himmel war mit dicken Wolken zugezogen und der Wind pfiff kalt um die Ecken.

Franziska hatte sich in der Gärtnerei Blumen gekauft, Werkzeug geliehen und alles in eine Karre gelegt, die sie hinter sich herziehen konnte. Sie selbst ist nicht gut zu Fuß und benötigt zum Gehen eine Arm hohe Krücke.

Sie säuberte das Grab von Unkraut und welken Blättern, pflanzte die Blumen in eine Schale, rutsche aus und lag nun auf den Knien vor dem Grab ihres Mannes.

„Ja, lieber Heinrich, da liege ich jetzt vor dir auf den Knien und das ist das erste Mal und nicht freiwillig. Ich hätte es mir nie träumen lassen, dass es soweit kommen würde. Mein Versuch, mich an der Karre festzuhalten, scheiterte. Sie kippte um.

Mit dem Inhalt dieser Sektflasche, es ist Wasser mein Lieber, will ich nur die Blumen gießen, die ich eingepflanzt habe. Den Sekt habe ich gestern Abend getrunken; er hat mir zu einem guten Schlaf verholfen. Meckere nicht, von der harten Tour bin ich lange genesen. Ich bin sozusagen trocken mit kleinen Ausrutschern, die ich mir ab und zu erlaube. Im Übrigen darfst du mir überhaupt keine Vorwürfe machen, denn dein Konsum an Alkoholika war ja kaum noch zu finanzieren.

Jetzt bist du schon so viele Jahre tot und ich arme Frau muss sehen, wie ich zu recht komme. Denn so toll ist die Rente nicht, mit der du mich versorgt hast. Überall muss ich sparen und ich habe es mir dreimal überlegt, ob ich dir die Blumen aufs Grab setze. Ich hätte es besser gelassen, da läge ich auch nicht hier. Es ist ja beschämend, vor dir auf den Knien zu liegen. Ach, da geht jemand vorbei, ich rufe einmal.“„Hallo, hallo, helfen Sie mir“.

Johannes hatte sie gehört und half ihr wieder auf die Füße und zurück ins normale Leben.


 

Erwin Bausdorf

Erwin Bausdorf, geboren 1935, seit 1958 verheiratet mit der gleichen Frau und seit 1963 zuerst in Eilendorf und ab 1966 in Aachen wohnhaft. Drei erwachsene Kinder. Seit 1998 Rentner.
a) von 1991 an aktiv bei den „Jedermännern“ des Allgemeinen Turnvereins Aachen
b) von 1999 an ehrenamtlich im NABU-Aachen,
c) von 2005 an bei „Senioren schreiben für die Nachrichten“.
d) seit der dritten Nummer 2008 als Autor bei „SENIO“.
2010 habe ich unter dem Titel „Der Fuchs im Schlafzimmer“ einige Geschichten beim Verlag Books on Demand GmbH, Norderstedt, veröffentlicht.

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