Die Judenemanzipation in Aachen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Einleitung

Im Rahmen eines Proseminars an der Goethe Universität Frankfurt über die Zeit zwischen dem Wiener Kongress und der  Revolution von 1848 hatte ich mich mit dem Thema der Judenemanzipation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in unserer Heimatstadt Aachen beschäftigt.

Anhand einschlägiger Literatur bin ich der Frage nachgegangen, ob durch die französische Besatzung des Rheinlandes die Emanzipation der Juden in unserer Heimatstadt viel früher eingesetzt hat, und dass die Menschen im Rheinland der Emanzipation der Juden viel offener gegenüberstanden als im restlichen Preußen.

Die allgemeine Situation der Juden vor der Französischen Revolution

Juden waren über Jahrhunderte in eine Randposition gedrängt, lebten hauptsächlich in ländlichen Gebieten oder in Ghettos der Städte wie Frankfurt, Fürth oder Berlin. Sie hatten kaum Chancen, bürgerliche Berufe zu ergreifen, weil sie von den Zünften ausgeschlossen waren.

Sie bedeuteten jedoch für die „normalen“ Bürger auch keine Bedrohung oder ein Problem, das einer prinzipiellen Lösung bedurft hätte. Die Masse der armen Juden stellte das Problem dar, Verbesserung herbeizuführen. Jüdisches Erwerbsleben unterlag vor der Französischen Revolution vielfältigen Beschränkungen. Juden durften kein Land erwerben, um wie der überwiegende Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft zu arbeiten. Sie durften kein zünftiges Handwerk betreiben, Bergbau und Seefahrt waren ihnen wegen des dominierenden christlichen Brauchtums ebenso verschlossen. Als Hausierer oder Hofjuden sicherten die meisten ihre Existenz. Juden waren vor der Revolution immer nur geduldet, konzessioniert und konnten nicht wirklich Diener einer christlichen Obrigkeit sein. Aber sie konnten versuchen, durch Bildung als Ärzte, Anwälte oder Wissenschaftler ihren Weg zu machen.

Die Situation der Juden nach der Französischen Revolution und während der Besatzung/Annektierung Aachens

Einen ersten Versuch der Emanzipation der  jüdischen Bevölkerung in Europa bildete die Französische Revolution von 1789.  So verkündete am 27. September 1791 die Französische Nationalversammlung die Gleichberechtigung aller französischen Juden.

Die linksrheinischen Gebiete, also auch unser Aachen, wurden 1794 von Napoléon erobert und 1801 dem Staate Frankreich annektiert.

Aufgrund der dortigen Einführung der Französischen Verfassung 1802 erhielt damit die jüdische Bevölkerung Aachens die völlige rechtliche Gleichstellung mit allen anderen Staatsbürgern Frankreichs. Damit ergab sich für die jüdische Bevölkerung in Aachen eine gänzlich neue Situation bezüglich Menschenrechten und dem veränderten Verhältnis von Kirche und Staat.

Voll entfaltet hatte sich die später hochindustrialisierte Stadt Aachen erst in der französischen Zeit, als mit der Einführung der Gewerbefreiheit (1798) jegliche Zunftbeschränkungen entfielen und der individuelle Unternehmergeist durch die Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit grundlegende Unterstützung erfuhr, insbesondere betraf das die Tuch und Nadelindustrie. Die Einführung der Gewerbefreiheit und Aufhebung vielfältiger religiös geprägter Beschränkungen gestatteten es nun den Juden, nahezu gleichberechtigt am Erwerbsleben teilzunehmen und aus der Nische einer geduldeten und vielfältig bedrohten Existenz heraus zu treten.

Gleichwohl hatten sich hier in den wenigen Jahren seit 1796 bereits diejenigen Familien niedergelassen, die – neben anderen, die nachfolgten -, die Geschichte der israelischen Gemeinde zu Aachen weit in das 19. Jahrhundert hinein und noch darüber hinaus maßgeblich bestimmten und deren Stellung im Wirtschaftsleben der Stadt Aachen unübersehbar wurde.  

Die jüdische Bevölkerung in Aachen zwischen 1818 und 1850

Preußen war jedoch nicht bereit, nach dem Wiener Kongress von 1815 in ähnlicher Weise wie das revolutionäre Frankreich die bürgerliche Gleichstellung der Juden umzusetzen, obwohl zum Glück für Aachen in den linksrheinischen Gebieten auch nach der Einverleibung durch den preußischen Staat wichtige französische Neuerungen erhalten blieben.

Mit dem Jahre 1818 beginnen die preußischen Erfassungen der sogenannten „patentierten Juden“ (Juden, die sich niederlassen durften).

Insgesamt gab es 1818 neun jüdische Familien, davon zwei Buchhändler und sieben Handelsmänner (colporteurs). Die statistischen Jahresübersichten weisen für das Jahr 1818 insgesamt 114 jüdische Mitbürger in Aachen aus, deren Zahl sich bis 1840 verdoppelt und bis 1851 verdreifachten hat. Die jüdische Bevölkerung in Aachen nahm zwischen 1815 und 1850 also einen beachtenswerten Aufschwung.

Innerhalb der jüdischen Bevölkerung war das soziale Gefälle aber trotzdem besonders krass, denn während die Mehrheit arme Hausierer waren, gab es eine kleine reiche jüdische Oberschicht, die als Händler und Bankiers zu Reichtum gekommen waren.

Ein geschickter Händler, der eine glückliche Hand bei der Übernahme von Kommissionsware hatte, konnte Schritt für Schritt Kapital akkumulieren, und wenn entsprechende Absatzstrukturen aufgebaut waren, in die Tuchproduktion einsteigen. Die Position des Vermarkters war gegenüber der des Produzenten in der Zeit nicht von Nachteil.

Besondere Chancen bot in dieser Zeit die textile Phase der Industrialisierung.

Die Aachener Tuchfabriken waren jedoch damals darauf angewiesen, dass der Vertrieb ihrer produzierten Tuche in kleinen Einheiten an eine Vielzahl von Abnehmern – meist Schneider oder kleine Tuchhändler – erfolgte. Diese Art von Vertrieb war ein Bereich, in dem besonders viele Juden bereits als fliegende Händler mit Bändern oder Borten Erfahrung gesammelt hatten.

Eine auf den ersten Blick verwundernde Beobachtung ist, dass es neben dem Trend zum Tuchgewerbe eine noch deutlichere Überpräsenz jüdischer Metzger in Aachen gab. Metzger galten als unreines Gewerbe und waren nicht zünftig organisiert, so dass es keine Zugangsbeschränkungen gab. Da viele Juden sich als Viehhändler betätigten, war es auch hier ein einfacher Schritt, durch Nutzung bestehender Kontakte in die benachbarte Vermarktungsstufe einzusteigen. Dass dabei religiöse Vorbehalte sowohl auf der Seite der Konsumenten als auch der Produzenten keine entscheidende Rolle spielten, belegt der wirtschaftliche Erfolg jüdischer Metzger in Aachen. Auf jüdischer Seite gab es offensichtlich keine Probleme, auch als Schweinemetzger seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Eine Auswahl der Auszählungen der Berufsangaben der „patentierten“ Juden zeigt trotz der unterschiedlichen Verwendungen von Begriffen zur Klassifizierung neben dem deutlichen Anstieg erwerbstätiger Juden in Aachen eine auffällige Konzentration auf  bestimmte Branchen und Berufe, nämlich Metzger und Tuchfabrikanten. Die detaillierten Berufsangaben bis 1844 zeigen die Bedeutung des textilen Bereichs mit 19 von 39 Berufsangaben. Berücksichtigt man dann noch die neun Metzger, werden die beiden dominierenden Tätigkeitsfelder deutlich.

Vermeintlich typische jüdische Berufe wie Geldwechsler wurden aber auch in Aachen von den Bankiers abgelöst.

Der Rheinische Liberalismus unter Mitwirkung von David Hansemann

Es war in Aachen besonders der am 22.4.1816 eingesetzte Regierungspräsident Adolf von Reimann, der der Auffassung war, dass die Juden in den neuen preußischen Gebieten links des Rheins durch das „schändliche Dekret“ Napoléons vom 17. März 1808 „gewissermaßen dem Gesetz entzogen“ und dementsprechend keine neuen gesetzlichen Regelungen betreffend des Verhältnisses des Staates zu den Juden erforderlich seien.

Auch der Aachener Oberbürgermeister Cornelius von Guaita  hatte seine Erwartungen eindeutig formuliert, dass das schändliche Dekret Napoléons von 1808 nicht aufgehoben, sondern beibehalten werde.

Die Debatten über eine einheitliche Gesetzgebung gegenüber den jüdischen Einwohnern Preußens, und damit Aachens, zogen sich über drei Jahrzehnte hin.

Die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts stellten dann eine entscheidende Phase in der Entwicklung der jüdischen Gemeinden dar.

Mit dem Regierungsantritt von König Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1840 begann eine neue Ära in der preußischen Judenpolitik. Dem König schwebte vor, die Juden nach dem Vorbild des am 1. Juli 1833 für die Provinz Posen erlassenen Judengesetzes in einer separaten Korporation zu erfassen, um sie außerhalb der christlichen Staatsgesellschaft zu organisieren. Damit aber unterschätzte er die bereits erreichte und weiter fortschreitende Integration sowie Akkulturation der Juden im Rheinland. Vor diesem Hintergrund brach in den jüdischen Gemeinden u.a. Aachens ein Sturm der Entrüstung über die königlichen Absichten los, was zu einer Flut von Petitionen gegen das geplante Gesetz an die Adresse des Königs führte. Besonders die liberalen rheinischen Volksvertreter und die Medien setzten sich für eine schnelle vollständige Gleichberechtigung der Juden in Preußen ein.

Unter den Petitionen befanden sich auffallend viele Bittschriften aus Aachen. Angespornt von der durch Offenheit geprägten politischen Atmosphäre im Rheinland nahmen die dort lebenden Juden in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts selbstsicher die Möglichkeit politischer Einflussnahme wahr und forderten die Verbesserung ihrer gesetzlichen Stellung als ihr Recht ein. Die Mehrheit der Juden wollten endlich als gleichberechtigte Mitglieder der preußischen Staatsgesellschaft anerkannt werden. Von einigen Ausnahmen abgesehen, überwog in der Rheinprovinz und in Aachen eine emanzipationsfreundliche Stimmung, die sich aus dem Zusammenhang mit dem rheinischen Liberalismus erklärt.

In Aachen zählte das unumstrittene Haupt der Liberalen in der Stadt, der Präsident der Handelskammer und Mitglied des Gemeinderates David Hansemann, zu den entschiedenen Vorkämpfern der Emanzipation der Juden. Dieser hatte bereits in seiner berühmten „Denkschrift“ vom August/September 1840 eindeutig Position bezogen. Einer ihrer Kernsätze lautete: „Es mögen daher den Juden voll politische und bürgerliche Rechte ertheilt werden; alsdann wird die Freiheit sie am sichersten veredeln und zu guten und patriotischen Bürgern machen.“

Diese Linie vertrat auch das mächtige Organ des rheinischen Liberalismus in Aachen, die „Stadt-Aachen Zeitung“.

Anderer Auffassung war dagegen der Landrat des Stadtkreises Aachen, von Coels.

Im März 1843 griff erneut die „Stadt-Aachen Zeitung“ in die Diskussion zwischen dem Landrat von Coels und der Aachener Regierung ein und damit direkt in die Diskussion auf dem Provinzial-Landtag. Die Zeitung nahm vermehrt Stellung, u.a. zog sie Bilanz, und zwar kurz vor dem Provinzial-Landtag in Düsseldorf, der am 13. Juli 1843 stattfand. „Der Rheinländer ist stolz darauf, dass er sich der Freiheit würdig hält, und er verdient es, weil er gerecht ist. Er ist duldsam, weil er wahrhaft religiös ist und in seiner Religiosität jeden wirklichen Glauben achtet. Der Juden sind wenige, und doch will er auch diese Wenigen nicht ausgeschlossen wissen von der allgemeinen Wohlthat der Gleichheit vor dem Gesetz und vor dem Staate.“

Die im Rheinland erhobenen Forderungen wurden jedoch nicht erfüllt. Sie standen im Gegensatz zum Denken König Friedrich-Wilhelms IV. und der Politik seiner Regierung. Trotzdem wurden in den Folgejahren immer wieder erneute Petitionen eingebracht, um die Gleichberechtigung der Juden herbeizuführen. Hier tat sich wieder insbesondere David Hansemann hervor.

Bei dem zum 11. April 1847 einberufenen 1. Vereinigten Landtag scheiterten die liberalen rheinischen Abgeordneten Hansemann und Mevissen mit ihren Anträgen, wobei der überwiegende Teil der rheinischen Abgeordneten auf der Seite der Antragsteller war.

Einen gewissen Fortschritt bedeutete dann das am 23. Juli 1847 verabschiedete „Gesetz über die Verhältnisse der Juden“ insofern, als dass die vielen unterschiedlichen Rechtsnormen, die die Juden in Preußen betrafen, aufgehoben und eine Rechtseinheitlichkeit für den gesamten Staat geschaffen wurde.

Die Juden im Linksrheinischen, denen sie die endgültige Aufhebung des napoléonischen Dekrets vom 17. März 1808 bescherte, profitierten vor allem durch den Gewinn von Gewerbefreiheit und Freizügigkeit.

Für die jüdische Minderheit brachte die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts damit den bis dahin tiefsten Einschnitt in ihrer jahrhundertealten Geschichte. Der Durchbruch war geschafft.

So schrieb die Zeitung der jüdischen Gemeinde Aachen, dass  „Tausende von gebeugten Menschen aufgerichtet und ihnen das Selbstgefühl wiedergegeben worden sei“.

Résumé

Nach den obigen Ausführungen bin ich zu der Auffassung gekommen, dass durch die französische Besatzung und spätere Annektierung unserer Heimatstadt Aachen zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger viel früher eingesetzt hat als in den anderen Staaten des Deutschen Bundes.

Insbesondere die rheinischen Liberalen unter Führung David Hansemanns, der auch durch die Medien und hier durch die Zeitungen aus Aachen tatkräftige Unterstützung erfuhr, beschleunigte die Emanzipation der Juden im Vormärz.

Auch wenn die vielen gesetzlichen Vorschriften bezüglich des Umgangs mit Juden in den verschiedenen Landesteilen Preußens nicht eindeutig waren und unterschiedlich ausgelegt worden sind und sich immer wieder aus den östlichen Landesteilen Widerstand gegen die Gleichstellung der Juden regte, konnte der Prozess nur aufgehalten, aber nicht verhindert werden.

Ein eindeutiges Indiz für die Vorreiterfunktion des Rheinlandes und hier insbesondere Aachens  sind die relativ schnellen wirtschaftlichen Erfolge von jüdischen Unternehmern in unserer Heimatstadt nach der vollständigen Gleichstellung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die Strukturen wurden mit der bürgerlichen Revolution in Deutschland verändert, und zwar zugunsten einer bürgerlichen Klassengesellschaft. Die dadurch verursachte grundlegende Umgestaltung der jüdischen Gemeinschaft in politischer, sozialer, wirtschaftlicher sowie religiös-kultureller Hinsicht wurde mit dem Begriff der „Emanzipation“ im umfassenden Sinne bezeichnet.

Dadurch verbesserte sich zum ersten schrittweise die rechtliche Stellung der Juden in Staat und Gesellschaft, auch wenn die uneingeschränkte Gleichstellung bis 1848 in den meisten Teilen Deutschlands noch nicht erreicht war. Wobei dieser Prozess aber in Aachen viel früher eingesetzt hat. Zum zweiten verzeichnete ein wachsender Teil der deutschen Juden unten den neuen Verhältnissen einen beachtlichen wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg, und hier besonders in Aachen.

Letztlich bin ich bin davon überzeugt, dass die Einstellung der Verfechter des Rheinischen Liberalismus – und hier allen voran David Hansemann – die Leser dieser Zeilen davon überzeugt, sich mit Vorurteilen gegenüber anderen Religionen und Kulturen auseinanderzusetzen. Man sollte immer aus der Geschichte lernen…

Franz Joseph Braun

Franz Joseph Braun, echter Öcher, geboren 1949 im Marianneninstitut. Aufgewachsen im Ostviertel (St. Josef), damals noch nicht „Betreten verboten“, sondern mit den Gründungsmitgliedern der Tropi-Garde groß geworden. Nach Banklehre bei der Commerzbank Aachen Studium der Betriebswirtschaft an der FH Aachen. Über 30 Jahre für die Commerzbank im Ausland tätig; u.a. in den Filialen Amsterdam, New York, Brüssel, London, Paris. Seit seiner Pensionierung ist er eingeschriebener Student an der Goethe-Uni Frankfurt in Geschichte, Philosophie und Amerikanistik.
Immer noch Alemannia-Fan (Liebe kennt keine Liga). Als ehemaliger Handballer für den PSV Aachen und die SG Eschweiler blieb er sportlich aktiv mit Marathons, Triathlons und jetzt beim Golfen.
Lebt in der Nähe von Frankfurt und freut sich immer auf die Besuche in Aachen zu CHIO, Fastelovvend und Weihnachtsmarkt.

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