Die Leiden eines Schuhfreundes

Normalerweise wird das „Sammeln“ von Schuhen und der ständige Nachkauf von modischer Kleidung der Frauenwelt zugeordnet.

Doch es gibt offensichtlich auch Ausnahmen. So ein Kandidat war mein Arbeitskollege Willi, der stets auf sein äußeres Erscheinungsbild bedacht war und regelmäßig seine hochwertigen Anzüge, Hemden und Krawatten bei dem bekannten Aachener Herrenausstatter Karl Kaufmann in der Hartmannstraße kaufte.

Seine Schuhwünsche erfüllte sich Willi in dem Schuhgeschäft Walmrath in der Jakobstraße. Dort erhielt Willi bei seinen monatlichen Käufen einen kleinen Preisrabatt.

Willi sah an seinem Arbeitsplatz immer perfekt aus, wie aus dem Ei gepellt. Das alte Motto „Kleider machen Leute“ interpretierte Willi als „Keider und Schuhe machen Leute“. Da Willi im Kundenverkehr tätig war, genoss er sein positives Erscheinungsbild und achtete stets auf die korrekte Etikette.

So weit so gut.

Doch diese „Neigung“ hatte auch seine Nachteile, denn Willi trug nicht nur seine hochwertige Kleidung spazieren, sondern ließ keine Gelegenheit aus, auch seine Kollegen von der Anschaffung hochwertiger Kleidung und Schuhe zu überzeugen. Diese endlosen Diskussionen über bestimmte Modemarken, Qualität, Tragekomfort und Preise nervten manchmal gehörig.

An einem Montagmittag war es mal wieder so weit. Willi nutzte seine Mittagspause, um in dem benachbarten Schuhgeschäft seines Vertrauens ein Paar braune italienische Lederschuhe anzuprobieren, die er tags zuvor im Schaufenster entdeckt hatte und die so gut zu seinem neuen Anzug passen würden. In seiner Schuhgröße 46 war der Schuh vorrätig, war angenehm am Fuß und bot den erhofften bequemen Gehkomfort. So konnte Willi auch diesmal nicht widerstehen und ging zusammen mit seiner neuen „Beute“ zurück ins Büro. Dort angekommen, führte er voller Stolz seinen Kollegen seine beiden neuen Lederfreunde vor und schwärmte von der Qualität und von der Bequemlichkeit. Dabei betonte er auch, dass diese Qualität natürlich auch seinen Preis hätte.

In seinen Kollegen brodelte schon lange das Verlangen, den modebewußten Willi mal mit seinem Schuhtick auf den Arm zu nehmen. So legten die Kollegen zusammen und kauften, noch am selben Tag, nach Feierabend die gleichen italienischen braunen Lederschuhe in Größe 45. Der Kollege, der den Kauf tätigte, hatte die Schuhgröße 45 und behielt die neuen Schuhe an, um diese noch am selben Tag einzulaufen.

Willi hatte, wenn er in seiner Mittagspause nicht auf Kleiderjagd war, die Angewohnheit, sich seiner Schuhe und seines Jackets zu entledigen. Die Krawatte etwas gelockert um in seinem Büro auf dem Bürostuhl teils sitzend, teils liegend, beide Beine übereinander auf der Ecke seines Schreibtisches gelagerte und unter leisem Schnarchen ging er dann dem doch so gesunden Büroschlaf nach.

Genau diese Ruhezeit nutzten die Kollegen am nächsten Tag aus, um Willis neue braune Lederschuhe gegen die gleichen in Göße 45 auszutauschen. Die Aktion war geglückt und Willi hatte nichts bemerkt. Am Ende der Mittagspause zog Willi sein Jacket wieder an, richtete seine Kleidung und schlüpfte dabei auch in sein neues Schuhwerk. Zunächst war ihm nichts anzumerken, doch schon nach wenigen Schritten veränderte Willi seinen Gang. Seine bekannte Geschmeidigkeit war etwas abhanden gekommen. Die Beschwerden konnte man auch in seinem Gesicht ablesen, obwohl sich Willi nichts anmerken lassen wollte. Willi hielt tapfer durch und eigentlich wollten die Kollegen die Sache am Ende der Dienstzeit aufklären, doch irgendwie traute sich keiner, und so humpelte Willi, der bestimmt schon diverse Blasen an den Füßen hatte, Richtung zu Hause. Dass Schuhe auch eingelaufen werden müssen, wusste auch Willi, so trat er den nächsten Arbeitstag wieder tapfer in seinen neuen braunen Lederschuhen an und kämpfte sich durch den Vormittag.

Da Willi dadurch körperlich angeschlagen war, genoss er die folgende Mittagspause besonders intensiv mit noch lauterem Schnarchen. Als seine Kollegen die Schuhe wieder zurück tauschen wollten, stellten sie fest, dass Willi seinen Schuhen mit verstellbaren massiven Holzspannern beglückte um sie auf die restliche Arbeitszeit vorzubereiten. So landeten die Schuhspanner in die Schuhe mit der richtigen Schuhgröße und das kleinere Schuhdouble wurde aus dem Verkehr gezogen. Nach seiner Ruhephase machte sich Willi wieder fein, nahm die Schuhspanner aus seinen Schuhen, zog diese an und freute sich nach den ersten Schritten über die Wirkung der Holzspanner. Trotzdem hatte er offensichtlich Fußschmerzen, da seine lädierten Füße auch in den passenden Lederschuhen schmerzten. Doch Willi sah Licht am Ende des Tunnels, meisterte auch diesen Arbeitstag und humpelte glücklich, mit dem guten Gefühl nach Hause, seine neuen Schuhe bezwungen zu haben.

Eigentlich sollte diese Aktion nun beendet werden, doch die Kollegen fanden Gefallen daran, die mittägliche Tauschaktion noch mehrfach zu praktizieren.

Einmal kontrollierte Willi aus Argwohn sogar die in den Schuhen vermerkte Schuhgröße. Durch Zufall und Glück waren es die richtigen Schuhe und die 46 war noch gut lesbar. Ein Umtausch oder eine Reklamation im Schuhgeschäft wäre für Willi nie in Frage gekommen. Doch Willi behielt die Contenance, kämpfte sich tapfer durch die folgenden Arbeitstage und meisterte alle Hürden. Den Kollegen war jedoch aufgefallen, dass Willi während dieser für ihn schweren Zeit, weniger über die Anschaffung seiner Kleidung und Schuhen philosophierte. Dabei hatte es den Anschein, als hätte Willi etwas seiner Ausstrahlung, seiner Lockerheit und Unbekümmertheit, ja sogar ein wenig Selbstsicherheit eingebüßt.

Dafür wollte natürlich keiner der Kollegen offiziell verantwortlich sein. So wurden nach weiteren Versuchstagen, an denen zuletzt auch einige Male, sicherlich als Höhepunkt der Straftat, nur ein einziger Schuh ausgetauscht wurde, das Schuh Experiment beendet.

Willi erhielt bei der letzten geheimen Tauschaktion wieder seine passenden Lederschuhe in seiner Größe 46 zurück, ohne jedoch in die ganze Schuhgeschichte eingeweiht zu werden. Im Laufe der nächsten Tage, Wochen, Monate und Jahre hatte Willi ohne bleibenden Schaden die ganze Geschichte überstanden und lief zur alten Höchstform auf. Viele Anzüge, Hemden, Krawatten und auch Schuhe sollten noch folgen.

Wenn jemand Willi diese Schuhgeschichte erzählt hätte, hätte sich Willi bestimmt noch Jahre später über diesen Streich köstlich amüsiert. Doch dazu ist es leider, aus welchen Gründen auch immer, nie gekommen. Das Ganze liegt jetzt schon einige Jahrzehnte zurück und vor einigen Jahren ist Willi verstorben.

Hätte sich diese Geschichte in England zugetragen, dürfte man von dem bekannten „Schwarzen Humor“ sprechen, die den Engländern so oft nachgesagt wird. So bleibt es die Geschichte eines Aachener Schuhfreundes, die heute noch oft im Bekanntenkreis die Runde macht.


 

Uwe Reuters

Uwe Reuters wurde 1960 in Aachen geboren. Nach einer Banklehre arbeitete er in seiner Freizeit als freier Mitarbeiter bei verschiedenen Musikmagazinen und war in den 80ern und 90ern als Manager für verschiedene lokale und nationale Bands tätig. 1995 moderierte er für kurze Zeit die Musiksendung „Danger Zone“ bei Radio Euro. 1996 erschien sein erstes Buch „Easy Livin’” über die Band Uriah Heep, bis 2007 veröffentlichte er neun weitere Jahresbücher über Uriah Heep. Unter der Adresse futterfuerdieaachenerohren.blogspot.com schreibt er zahlreiche Berichte über die Aachener Schallplattengeschäfte von den 60er Jahren bis heute.

Seit 1996 führt Uwe Reuters in Burtscheid eine Anlage- und Vermögensberatungsfirma.

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