Die Rock- und Popwelt zu Gast in Aachen – Aachen Open Air Pop Festival

Süßliche Rauchschwaden durchziehen das Soerser Tal an diesem lauen Sommerabend im Juli. Aus dem alt-ehrwürdigen Reitstadion dringen wummernde Gitarrenbässe: Einstimmung zum größten Rock- und Pop-Festival, das Deutschland bis dato erlebt hat.

Es ist das Jahr 1970. Bundeskanzler Willy Brandt trifft den DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph und leitet eine neue Ost-West-Ära ein. Bei Willy Brandts Besuch in Polen im Dezember ereignet sich der „Kniefall von Warschau“. In der Bundesrepublik tobt der „RAF-Terror“. Ein Schock für die Popwelt: Die „Beatles“ haben sich getrennt. Hits wie „Bridge over Troubled Water“ und „El Condor Pasa“ von „Simon & Garfunkel“ gehen um die Welt. In Deutschland „schnulzen“ Howard Carpendale mit „Das schöne Mädchen von Seite Eins“ und Michael Holm mit „Barfuß im Regen“ um die Wette. Nur noch übertroffen von Peter Maffeys „Du“ und der Schmalz-Hymne „Geh‘ nicht vorbei“ von Christian Anders.

Doch in der Kaiserstadt trat all das in diesen Tagen im Juli in den Hintergrund. Schon Wochen vorher war die Stadt in einer Art Aufbruchsstimmung. Bei vielen jungen Leuten herrschte gespannte Vorfreude. Im Jahr zuvor hatte es in den USA das legendäre „Woodstock-Festival“ gegeben. Davon noch ganz beseelt, hoffte man, in der deutschen Provinz daran anzuknüpfen oder Ähnliches in kleinerem Format auf die Beine zu bringen. Es gab überall in der westlichen Welt ein Bedürfnis unter jungen Leuten, sich diesem Lebensgefühl hinzugeben und die neue Freiheit auszuleben und zu genießen.

So fühlten sich auch in Aachen ein paar Studenten beflügelt, ein kleines „Woodstock“ auf die Beine zu stellen. Es gab eine Handvoll Leute um den Studenten Karl-August Hohmann, die es sich zutrauten, die entsprechenden Kontakte zu knüpfen und die dazu gehörigen finanziellen Mittel zu beschaffen. Hohmann, aus einer nicht unvermögenden Familie stammend, lieh sich bei seiner Mutter 20.000 DM als Grundkapital zur Anwerbung von ein paar Spitzenbands aus Großbritannien. Nach langer Vorausplanung und Kontaktaufnahme zu Konzertpromotern und Managern kam es letztlich zu Vertragsabschlüssen mit einigen Bands, deren Namensliste sich sehen lassen konnte. Dabei spielte auch ein wenig Glück mit. So konnte man „Deep Purple“ anwerben und, neben weiteren namhaften Musikern, die gerade berühmt gewordenen „Pink Floyd“ für den Spott-Preis von 2.000 englischen Pfund für einen Auftritt gewinnen. Ein Jahr später hätte man diese Gruppen nicht mehr für das Zehnfache engagieren können.

In Erwartung vieler Gäste aus dem europäischen Umland wurde die Aachener Bevölkerung aufgerufen, Schlafstätten zur Verfügung zu stellen, weil sich wohl die wenigsten Besucher Hotels oder Pensionen leisten konnten. Die Stadtoberen taten ihr Bestes und stellten öffentlichen Raum und Unterkünfte kostenlos zur Verfügung. Dabei stellte sich heraus, dass sich die zahlreichen Bunker im Stadtbereich zu diesem Zweck bestens eigneten. Ich erinnere mich, zu diesem Anlass den Bunker an der Sandkaulstraße besichtigt zu haben. Die Räumlichkeiten waren frei zugänglich.

So reisten bereits Tage vorher hunderte junge Leute aus allen Himmelsrichtungen an. Je näher der Termin nahte, je mehr bevölkerte sich die Stadt mit langhaarigen „Hippies“ und „Freaks“ der Pop-Szene jeglicher Couleur. Über Funk und Fernsehen hatte sich dieses Ereignis schnell rumgesprochen und viele mehr als erwartet reisten per Bahn, Bus und natürlich per Anhalter aus ganz Europa an. Nicht nur aus den benachbarten Benelux-Staaten, sondern auch aus Frankreich, Österreich, Großbritannien und sogar skandinavischen Ländern strömten im Laufe der Woche tausende „Youngsters“ in die Kaiserstadt. Campingplätze reichten bald nicht mehr aus und es entstanden rund um die Soers und den Lousberg wilde Zelt- und Schlafplätze. Geschäftsleute und etablierte Bürger der Stadt sahen dem kommenden Geschehen kritisch oder zumindest mit gemischten Gefühlen entgegen. Es hatte diverse Proteste gegeben, dass ausgerechnet das ehrwürdige Reitstadion so „entwürdigt“ würde. Ich sehe die Überschrift einer Lokalzeitung noch vor mir: „Als die Gammler nach Aachen kamen …“

Für mich und meine Freundin, spätere Ehefrau, hatte ich Karten für alle drei Tage besorgt. Solch ein einmaliges „Event“ wollten wir uns nicht entgehen lassen. Wir hatten uns mit einer Clique von Freunden und Bekannten verabredet. Reichlich zu Essen, zu Trinken und Rauchwaren waren für ein Picknick heran geschafft worden, um bereits zur Eröffnung am Freitag gewappnet vor Ort zu sein.

So konnte das Fest der „Three Days of Love, Peace and Music“ beginnen. Die Liste der auftretenden Bands las sich wie das „Who is Who“ der internationalen Rock- und Pop-Szene. Die Stimmung war vom ersten Moment an mitreißend. Alle waren in Feierlaune und „gut drauf“. Was nicht zuletzt an den Bands lag, die gleich von Anfang an mächtig einheizten. Obwohl die Bühne nach heutigen Maßstäben nur behelfsmäßigen Standard hatte, tat das der „Performance“ keinerlei Abbruch. Wie die meisten Besucher hatten wir es uns mit Campingdecken auf dem Rasen in Bühnennähe gemütlich gemacht. Schon zum Start im Nachmittag flossen die alkoholischen Getränke in Strömen, auch Haschpfeifen und Bongs machten die Runde. Unsere Gruppe wurde bevorzugt von unserem Studentenfreund Alex aus der Südeifel mit selbstgebranntem Obstler bestückt. Er brachte den Schnaps in 5-Liter-Korbflaschen direkt aus dem heimischen Keller mit, wo er schwarz gebrannt wurde.

Ob echt oder nachgemacht, jeder gab sich den Hippie-Anstrich so gut er konnte. Schließlich hatte die Welle der Hippies und Blumenkinder, der Langhaarigen und der ganzen Bewegung dieser Zeit seinen Höhepunkt erreicht. Der Zeitgeist der sogenannten „68er“ bestimmte das Lebensgefühl der westlichen Welt.

Keiner hatte es für möglich gehalten. Als sich abzeichnete, dass das Unternehmen „Popfestival“ in Aachen tatsächlich stattfinden würde, waren wir alle wie elektrisiert. Wir waren bemüht, uns den Modalitäten auch äußerlich, sprich Kleidung, anzupassen. Im Verkleiden ist der Rheinländer schließlich Weltmeister. Ich habe es selbst dokumentiert. Der Super-8-Film, den ich damals gedreht habe, wurde inzwischen digitalisiert und bereits mehrmals veröffentlicht, in Ausschnitten sogar im Fernsehen. Bezeichnend auf dem kurzen Streifen ist eine Sequenz, auf der mein jüngerer Bruder zu sehen ist. Er trug zur karierten Schottenhose das hellblaue Satin-Oberteil von Mutters Abendkleid. Als unsere Mutter davon erfuhr, ist sie fast in Ohnmacht gefallen.

Gleich am ersten Tag starteten „Deep Purple“, „Golden Earring“, „Livin‘ Blues“, „Spencer Davis & Alun Davies“. Der Auftakt war gelungen.

Für Samstag, den 11. Juli, waren die Bands „Taste“, „Keef Hartley“, „Caravan“ und die „Edgar Broughton Band“ angekündigt. Als Leckerbissen standen die Kölner Band „Can“ und der Stimmungsmacher „Mungo Jerry“ auf dem Plan. Letztere kam ziemlich zum Ende, als die Sonne langsam unterging. Da passte der Ohrwurm „In the Summertime“ perfekt in die abendliche Stimmung und Jerry musste endlose Zugaben spielen. Dieser Song klingt bis heute in meinen Ohren, zumal er bis heute noch regelmäßig im Radio ertönt.

Der Auftritt von „Pink Floyd“ am dritten Tag bildete den absoluten Höhepunkt und Ausklang des Festivals. Das Stadion war ausverkauft. Man sagt, an dem Abend seien 35.000 bis 40.000 Besucher vor Ort gewesen.

Ich vergegenwärtige mir diesen Juli-Abend zu fortgeschrittener Stunde. Die Sonne ist soeben blutrot hinter dem Stadion untergegangen. Ein kleines Flugzeug kreist über dem Stadion und setzt einen Fallschirmspringer ab, der unter Applaus und großem Gejohle punktgenau im Rund des Stadions landet. Nachdem die vierköpfige Band „Pink Floyd“ das aufwendige Equipment samt riesigem Gong aufgebaut hat, wird es auf dem Rasen des Stadioninnenraums mucksmäuschenstill, während die ersten Klänge des Synthesizers die Luft vibrieren lassen. Berauscht von den Sphärenklängen von „Set the Control for the Heart of the Sun“ und „A Saucerful of Secrets“ lassen wir die letzte Festival-Nacht selig ausklingen.

Alles verlief friedlich und ohne größere Zwischenfälle. „Love and Peace“ waren angesagt. Man glaubte einmal mehr, ein neues friedvolles Zeitalter würde anbrechen.

Rückblickend war das „Soersfestival“ 1970 ein nachhaltiges Aachener Ereignis, das bis heute nach 46 Jahren noch seine Schatten wirft und auch demnächst im Rahmen der diesjährigen Feierlichkeiten zu „70 Jahre NRW“ im WDR Erwähnung finden wird. Übrigens unter anderem mit Ausschnitten aus meinem Film.


 

René H. Bremen

René H. Bremen, Jahrgang 1942, ist Aachener, Rentner und arbeitet als Maler und Bildhauer. 35 Jahre lang hatte er Friseursalons in Aachen, nachdem er sieben Jahre in diesem Beruf im Ausland verbracht hatte (verschiedene Orte in der Schweiz, London, Paris und Montreal).

Seit dem Tod seiner Frau 2007 bekleidet er verschiedene Ehrenämter, interessiert sich für klassische Musik und Literatur und reist viel. Er ist Gründungsmitglied des Künstlerkollektivs “Atelier-Kunstdialog”, das seit 2006 besteht.

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