Die wunderbare Wasserverwandlung in St. Foillan

Alle paar Jahre komme ich wieder nach Aachen. Ich parke meinen Leihwagen vor dem Hotel, beziehe mein Zimmer, rufe ein paar alte Bekannte an (hallo, ich bin wieder im Lande, wann treffen wir uns und wo …?), und dann gehe ich in die Stadt. Da ich mit dem Zug gekommen bin, ist es etwa die Zeit, um die ich früher Arbeitsschluß hatte; aus alter Gewohnheit fahre ich ins Parkhaus an der Theaterstraße und mache meine früher übliche Feierabendrunde:

Wenn man acht Stunden lang aus dem Bürofenster in Hahn auf dieselben zwei Einfamilienhäuser und auf einen wenig spannenden grünen Hang dahinter geschaut hat, wenn man acht Stunden lang dieselben fünf Kollegen um sich gehabt hat, dann verlangt es einen nach so einem richtigen Gewühl fremder Menschen. Die übliche Runde ging also immer vom Parkhaus über den Kaufhof-Parkplatz, durch den Kaufhof (mit Menschen- und Warengewühl) in die Adalbertstraße, Richtung Kugelbrunnen, vielleicht in den C&A (ein paar Klamotten anprobieren), vorbei an Philipp Leisten (Mach es wie die meisten …) bis zu meiner Stamm-Eisdiele. Die Bedienung kam gar nicht erst an meinen Tisch, sondern begrüßte mich lächelnd mit dem schiefen Nicken, das Wie immer? bedeutete, ich bestätigte ebenso nonverbal, und schon stand das sahnegekrönte Tartufo vor mir auf dem Tisch. Den Aachenern von 2012 muß ich nicht erzählen, dass der Kaufhof-Parkplatz einem Kasten namens Saturn gewichen ist und Philipp Leisten einer Wüste, dass die Eisdiele wie alles ringsum entmietet ist und nur zufällig noch steht, die Wüste im Rücken. Was mag wohl aus meiner Bedienung geworden sein?

Samstags variierte ich den Weg: Ich verließ den Kaufhof wie üblich, ging aber in Richtung Holzgraben. Es war sozusagen meine Luxus-Route, die dahin führte, wohin auch der Aachen-Tourist geht: In die Gegend von Dom und Rathaus.

Auch heute mache ich wie früher die pflichtgemäße Runde durchs achteckige Weltkulturerbe, mit gebührender Ehrfurcht, aber eher kurz. Ehrfurcht und Liebe sind bekanntlich zwei sehr verschiedene Regungen, und so wende ich mich rasch der anderen Kirche zu, St. Foillan, und setze mich dort unter das große Bild, das ich liebe, seit ich es kenne: Die Hochzeit zu Kana.

AachenFoillan1a

Ein langer Tisch, dahinter die fröhlichche Gesellschaft; das Essen ist vorbei, etliche sind schon aufgestanden, unterhalten sich grüppchenweise im Hintergrund, mit Blick auf Landschaft und Himmel, und haben die Katastrophe nicht mitbekommen: Der Wein ist alle! Die Gastgeber freilich, der Brautvater und das junge Paar, haben sich schon in Grund und Boden geschämt; da aber beugt sich die rothaarige Mutter über den Tisch zu ihrem Sohn und tippt ihm dezent auf die Hand: Junge, tu doch mal was! Wenn man der biblischen Geschichte glauben kann, sagt er darauf: Weib, was geht’s dich an? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. (Moderne Bibelübersetzungen haben diese Formulierung, die sich mit dem vierten Gebot schwerlich verträgt, so weit entschärft, wie es die Schrifttreue noch erlaubt.)

Den Sohn in St. Foillan hat die mütterliche Mahnung in der regen Diskussion mit einem anderen Gast gestört, er dürfte eher mal kurz zur Seite gemurmelt haben: Ach Mama, jetzt laß mir doch mei Ruh!, aber da Mama ja doch keine Ruhe gegeben hätte, hat er sich kurz zu den Bediensteten hinter seinem Rücken umgedreht: Füllt halt Wasser nach!, und widmet sich nun wieder seinem Gesprächspartner. Der, ein ernster älterer Bürger, lebhaft interessiert, ein bißhen mißtrauisch vielleicht, sitzt im Vordergrund des Bildes, vorgebeugt, um bei dem Stimmengewirr ringsum nichts von den Worten des Jüngeren zu verpassen; der aber sitzt locker zurückgelehnt in seinem Stuhl, einen Arm auf der Seitenlehne, mit der freien Hand lässig seine Argumentation begleitend (…man muß das ja auch mal unter dem Gesichtspunkt sehen, daß…), und den Wein hat er längst wieder vergessen, während hinter ihm die Diener mit den Krügen hantieren, der Brautvater die Farbe des wundersam in Wein verwandelten Wassers prüft und die Frischvermählten bei ihrem Retter stehen, sich gerne bedanken würden, aber nicht dazwischenreden wollen.

Einen weltlicheren Jesus als diesen entspannt dasitzenden und dennoch ernsthaft und konzentriert diskutierenden jungen Mann habe ich noch auf keinem Bild gesehen. Der könnte womöglich selbst mich bekehren, was Elternhaus, Religions- und Konfirmandenunterricht jedenfalls nicht geschafft haben.

Wer ist der Maler? Das ziemlich provisorische Besucherblättchen von St. Foillan nannte ihn früher nicht; vielleicht gibt es inzwischen eine Neuauflage, der man entnehmen kann, dass es ein RWTH-Professor namens August von Brandis (1859-1947) war, der von 1909 bis 1927 den Architekturstudenten Zeichnen und Aquarellieren beibrachte. Das Bild stammt lt. Wikipedia von 1901/02. Es gibt nahe dem Westpark eine Von-Brandis-Straße; sie ist fast beleidigend kurz und unscheinbar – na, besser als nichts.

Ehe ich St. Foillan verlasse, werfe ich noch einen Blick auf das andere Bild des Malers. Seine “Grablegung” hat mich, anders als die Hochzeit zu Kana, nie besonders angesprochen. Ich kann mir nicht helfen irgendwie sehe ich in der düsteren Szene immer eher die Auffindung einer Wasserleiche.

So, damit wäre einer der wichtigsten Punkte meines Aachen-Aufenthalts abgehakt. Am nächsten Morgen (denn dazu brauche ich Zeit) kommt ein ebenso wichtiger: Der Westfriedhof mit dem Campo Santo und den wunderbaren Grabfiguren. Aber wie schon der schrullige Lehrer in der Feuerzangenbowle sagte: Dat krije mer später.


 

Waltraud Maisch

Waltraud Maisch schreibt über sich selbst: Ich bin alles andere als Aachenerin, habe aber 30 Jahre lang (bis 1999) dort gewohnt; das ergab sich halt so. Ich habe da anfangs in Studentenkreisen rumgehangen, später gearbeitet (in Büros, in einem Grafik-Atelier, in einem privaten pädagogischen Institut), zwischendurch mal ein bißchen als Liedermacherin getingelt, als das in Mode war. Inzwischen wohne ich wieder in Süddeutschland, wo ich 1969 herkam.

Das könnte Dich auch interessieren...

1 Antwort

  1. Diverse (Archiv) sagt:

    Joanne Ferretti
    (Montag, 29 April 2013 23:39)
    Are there any prints of “Hochzeit zu Kana?” I’ve been looking for 10 years. Thank you.

    Uschi Ronnenberg
    (Dienstag, 30 April 2013 08:20)
    Dear Mrs. Ferretti, I forward your question to the author. As we unfortunately don’t have your mail address she will probably answer here. So please keep an eye on it… With kindest regards from Aachen!

    Waltraud Maisch
    (Dienstag, 30 April 2013 08:36)
    Sorry, I have never seen any print of this picture.

    Goos Eikelboom
    (Samstag, 16 November 2013 16:26)
    Last month I was also in St Foillan en was astound about this beautiful painting. I made to photo’s. At home a searched on the internet en found this story. Amazing! If you like I can send you the photo’s.

    Uschi Ronnenberg
    (Montag, 23 Dezember 2013 12:10)
    Oh yes, we’d love to receive yr photos!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.