Domführer Beckers

Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, als ich zuweilen als Feiertagsvertreter für weihnachts- oder osterurlaubende Mitglieder der von der Studentenverbindung Franconia gestellten Dom-Nachtwache ein ganz persönliches Verhältnis zu unserem Hohen Dom aufbauen konnte und mich immer mehr für dieses wunderbare Bauwerk interessierte, stillte ich meinen Wissensdurst im wesentlichen aus zwei immer zugänglichen und beständig sprudelnden Quellen: Msgr. Dr.-Ing. e.h. Stephany und Domküster Cuvellier. Bei aller unbestrittener Qualität der Domführungen Msgr. Stephanys, ist er mir als Anglisten vor allem mit einer Aussage während einer von ihm in Englisch gehaltenen Domführung unvergeßlich geblieben: „In this Cathedral was Charlemagne begraved.“ „To begrave“, ein Verbum, welches kein mir bekanntes englisches Wörterbuch verzeichnet, das aber jeder der Teilnehmer der Domführung sofort verstand. Es handelte sich übrigens um britische Vertreter der Nachrichtenagentur REUTERS, die zur Wiedereinweihung des „Reuter House“ in der Pontstraße angereist waren und dort einen ratternden Nachrichtenticker feierlich in Betrieb nahmen.

Aber neben Stephanys Domführungen mit wissenschaftlichem Anspruch gab es damals, neben einigen anderen, noch „die ganz andere Domführung“, nämlich die durch einen gewissen Herrn Beckers, einen stattlichen älteren Herrn; sie wurde unter vielen meiner Freunde und Bekannten zur „Kultveranstaltung“ wegen der höchst eigenwilligen, keinen Widerspruch zulassenden Erläuterungen des Domführers, des für Herrn Beckers charakteristischen, leicht näselnden, einlullenden „Tonfalls“ in Öcher Hochdeutsch, und wegen des Erlebnisses seines – unnachahmlichen – schleppenden, aber doch sehr raumgreifenden Ganges, unterbrochen von plötzlichen Ausfallschritten, mit dem Herr Beckers durch den Dom manövrierte.

Aus seinem Erläuterungsprogramm sind mir zwei Passagen wörtlich bis auf den heutigen Tag im Gedächtnis geblieben, und einige meiner Bekannten von damals fordern mich noch heute zuweilen auf: „Walter, mach’ doch noch mal den Beckers!“

Wohlan, Herrn Beckers zu Ehren:

In der Chorhalle: „Dat es die Schtrahlenkranzmadonna mit das Jesulein. Vorne is ne Mutterjottes mit das Jesulein, hinten is ne Mutterjottes mit das Jesulein.“ – Und dann, völlig überraschend und eigentlich überflüssig: „Vorne auch!“

In der Nähe des Kaiserstuhls beim Schola-Gestühl: „Diese Orjel hat zwei Schpieltische; einen hier oben, einen da unten. Un dä Orjanist had ene Fernseher, für dat dat dä sieht, wie weit dat der Bischof da unten mit die Messe is.“

Manche Leute hatten sichtlich Probleme, nicht ständig laut loszuprusten vor Lachen. Manche Leute sah man andererseits auch nicht nur einmal in Herrn Beckers Domführung. Und mir sind mehrere Versuche bekannt, Herrn Beckers’ Domführung mit einem Kassettenrekorder mitzuschneiden. Er hat es aber immer bemerkt, und er wurde dann gewöhnlich sehr ungehalten, auch mitten im Dom. – Aber er verdient trotzdem ein ehrendes Andenken.

 


 

Walter von den Driesch

Geboren 1955 im Mariannen-Institut in der Aachener Jakobstraße, aufgewachsen zwischen Kamperviertel und Burtscheid. Studium der Geographie, der Anglistik und der Romanistik.

Seit 1986 Beamter des deutschen Auswärtigen Dienstes. Auslandsposten in Ägypten, Kamerun, Rumänien, Kenia und Nigeria. Seit kurzem deutscher Botschafter in Cotonou/Benin. Sein Heimatstandbein steht fest im Pontviertel.

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