Ein Besuch im Hühnerzoo

Nicht nur Reiter tragen den Namen Aachen hinaus in die Welt – auch der „Aachener Bandkröpfer“ ist ein Exportschlager

Was für ein stolzes Alter: auf nicht weniger als 100 Jahre kann der Geflügelzuchtverein Eilendorf zurückblicken. Anfangs war man noch zusammen mit dem Kaninchenzüchterverein, aber das hielt nur ein halbes von den hundert Jahren. Wie es halt so zugeht im deutschen Vereinswesen. Inzwischen versteht man sich aber wieder bestens.

Gefeiert wurde im „Café zur Goldenen Henne“ im Vereinshaus Nirmer Straße. Gekommen war alles, was Rang und Namen hat, vom Ex-Bezirksvorsteher Leo Frings bis zum Geflügelzuchtverein Korschenbroich. Nicht zu vergessen die Sonderschau des Sondervereins der Thüringer Farbentauben, Gruppe West. „Gut Zucht!“ wünschte deren Vorsitzender im Grußwort.

Herbeigeeilt waren auch der Landesverbands- und der Ehrenvorsitzende. In züchterischer Verbundenheit grüßte der oberste deutsche Präsident. Zahlreiche Mitglieder, Vorsitzende oder Präsidenten erhielten Blumen, Medaillen, goldene oder silberne Nadeln und andere Auszeichnungen, Für eine familiäre und kameradschaftliche Atmosphäre im Verein spricht schon die Tatsache, dass man in 100 Jahren nur drei Vorsitzende hatte, wovon einer fast die Hälfte der Zeit im Amt war.

Bei der Gründung regierte immerhin noch der Kaiser, und danach überstand man zwei Weltkriege. Für das Geflügel war das Überleben noch schwerer als für die Menschen, denn in den Hungerjahren drohte stets der Kochtopf, Rasse hin oder her. Einzelne Mitglieder haben sich große Verdienste bei der Rettung der Bestände erworben, wahrscheinlich mit Magenknurren.

Immer wieder lustig sind – zumindest im Nachhinein – auch die Geschichten aus den Nachkriegsjahren, als man samt Geflügel im Zug zur großen Ausstellung nach Köln fuhr und mangels Geld unter den Heizstrahlern nächtigte. Was den Vorteil hatte, die Wachmänner beim Eierdiebstahl beobachten zu können, woraufhin man ihnen mit List und Tücke das Diebesgut in den Hosentaschen zerdepperte. Aber bald ging es wieder aufwärts, und schon ein Bild von 1951 zeigt den Vorsitzenden Heinrich Lauter am Schreibtisch von Charles de Gaulle beim Weltgeflügelkongress in Paris. Eine sehr informative Vereinschronik mit tollen Fotos und vielen alten Geschichten wurde eigens zum Jubiläum erstellt.

Ganz am Schluß der offiziellen Feier eröffnete der Landesvorsitzende förmlich die Jubiläums-Schau, und der Abend hätte zum gemütlichem Teil mit dem Austausch von Erfahrungen und Ameröllchen übergehen können. Wenn nur nicht ein unbedarfter Gast, dem es die ganze Zeit schon verdächtig ruhig vorkam, gefragt hätte, wo denn nun die Tiere seien. Worauf er erfuhr: „Wenn man früher abends in den Hühnerstall ging, kriegte man Krach mit den Eltern.“ Was die Hühner denn jetzt machen? „Die schlafen. Die sitzen jetzt auf den Recken.“ Da Hühner kein Vereinsleben haben, richten sie sich halt nach den Lichtverhältnissen. „Gehen die immer so früh schlafen?“ – „Meistens früher.

Zum Trost soll der Gast wenigstens erheitert werden: „Warum legt ein Huhn ein Ei? – Weil es kaputt ginge, wenn es das Ei werfen würde„. Soweit nachvollziehbar, aber jetzt findet auch Züchter Kurt Göbbels: „Ich bin seit Stunden hier und habe noch kein einziges Tier gesehen„. Schließlich öffnet doch noch jemand den Stall, und dann geht es los: als wäre gerade die Sonne auf- und nicht die Neonbeleuchtung angegangen, kräht sofort der erste Hahn, und dann folgen alle. Denn auch beim Krähen, erfahren wir später, gibt es eine genaue Hackordnung. Jedenfalls ein Konzert, das eines wunderschönen Sonnenaufgangs im Sommer würdig gewesen wäre.

Es riecht, wie es im Hühnerstall nun mal riecht, aber die Vielfalt und Schönheit der Tiere ist überwältigend. Alle Formen, Farben und Größen. Nicht nur Reiter tragen den Namen Aachen hinaus in die Welt: Wolfgang Strixner, Vereinsmitglied seit 1983, ist immerhin Deutscher Meister und Europameister auf Lackschildmövchen, schwarz. An die Sprache muss man sich gewöhnen, vom Programmheft der Schau versteht ein Laie kein Wort. Schild heißt jedenfalls der Flügel, und es kommt darauf an, dass er glänzt, eben wie Lack.

In ihren Käfigen stolzieren Hähne herum, wie man sie nur noch aus Werbeprospekten vom Heile-Welt-Hof kennt. Gar putzig sind hingegen die Zwerg-Seidenhühner, kleine Knäuel, die gar kein Gefieder, sondern Haare haben, und nur vier Zehen statt fünf. Auch Show-Talente gibt es hier, allen voran den „Aachener Bandkröpfer“, von dem es die Modelle „schwarz“ und „blau mit Binden“ gibt, sowie den Norwichkröpfer, weiß. Sie tragen eine Art Airbag vor sich her, der fast größer ist als der ganze Vogel, und in dem der halbe Kopf verschwindet. Darauf sind sie trainiert, sagt der Züchter, das ist Imponiergehabe, sobald sie Publikum haben. Und: „Da ist nur Luft drin, die können Sie rauslassen„, packt sich ein Tier und drückt den Airbag weg.

Ein schwarzes Huhn, Rasse dem Laien unbekannt, frißt sein eigenes Ei auf. Ein paar Käfige weiter streiten sich die Experten, ob ein Ohrlappen mehr mandel- oder herzförmig ist. Letzteres kommt nicht so gut an, und rote Flecken sind geradezu ein Ausschlussfehler. An einem anderen Hahn wird Gesichtsschimmel moniert, beim nächsten steht angeblich der Schwanz schief, dafür zeigt der Kamm aber Blüte und Zackung, das wäre ideal.

Beim Holländischen Zwerghuhn verlangt die aktuelle Mode einen hohlen Rücken, „sehen Sie mal, wie eckig der ist, der Rücken ist zu lang und steigt dann plötzlich„. Für die Züchter ein Lotteriespiel wie die Haltungsnoten beim Eiskunstlauf. Der mit Auszeichnungen und einem Ehrenbrief hoch dekorierte Kurt Göbbels nimmt das gescholtene Tier in Schutz: „Das ist ungerecht, Kunstlicht auf müde Tiere. Da lassen sie sich hängen. Sie müssen aber stehen, wie wir sagen. Die stelle ich Ihnen in zwei Minuten so, die kennen Sie nicht mehr wieder“.

Bitte nein, die Tiere sollen sich ruhig hängen lassen, denn sogar für den Gast mit seinen dummen Fragen ist es schon viel zu spät.

 


 

Heinrich Schauerte

Dr. Heinrich Schauerte, geboren 1946 in Aachen. Volksschule Hanbrucher Straße unter Lehrer Jers (der mit dem Holzbein und dem flinken Lineal). Abitur am KKG unter dem legendären Lehrer Emunds (der mit der Pimmelakei). „Wehrersatzdienst“ in Kölner Klapsmühle unter Oberschwester „Feldwebel“ Gertrud. Studium der Germanistik, Psychologie, Philosophie in Aachen. Promotion unter Prof. Schneider-„Schwerte“ (der mit dem Hakenkreuz).

Werbetexter, Pressesprecher, Journalist. Dichtungen aller Art.

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