Eine Begegnung mit dem späteren Papst

Es war Anfang der neunziger Jahre, als ich als Referent des Auswärtigen Amts für die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) regelmäßig zu deren Ratstagungen und Konferenzen nach Rom an deren Sitz reisen mußte. – Auf einer dieser Reisen hatte ich ein höchst denkwürdiges Erlebnis:

„Umsteigelandung“ in München. Im Wartebereich vor dem Flugsteig eine markante Persönlichkeit im Kardinalspurpur: Joseph Kardinal Ratzinger, Präfekt der Katholischen Glaubenskongregation, huldvoll-milde, aber doch eher scheu lächelnd.

Mir schießt durch den Kopf: „Wie gut, daß ich „economy“ reise! Es kann also nicht passieren, daß ich neben ihm zu sitzen komme.“

Doch weit gefehlt: auch er reiste „economy“ und … wir kamen nebeneinander zu sitzen.

Was bespricht man mit einem prominenten Kurienkardinal, außer daß man sich vorstellt, mitteilt, daß man aus Aachen stammt, „auch“ katholisch ist und einen Onkel hat, der sogar Monsignore ist; mein Onkel Günther. Ich glaube, darauf hat er freundlich-rhetorisch „Ist das so?“ erwidert. Meine beinahe schweißtreibenden Ängste: ich hatte natürlich weder Kirchenzeitung noch Osservatore Romano gelesen; worüber sollten wir uns also unterhalten, wenn es überhaupt zu einem Gespräch kommen sollte, sobald er sein Brevier gelesen haben würde (hoffentlich ein sehr langes Kapitel)? Doch wohl nicht gar über katholische Dogmatik- oder Moralfragen! – Er aber klappte das Buch bald zu und wandte sich mir freundlich zu.

Jetzt also! – Er kam auf Aachen zurück und wir fanden ein sehr heikles, wenngleich weniger aktuelles Thema: die umstrittene Heiligsprechung Karls des Großen und die nachfolgende Verehrung Karls des Großen als Heiliger in Aachen. Wie gut, daß ich durch die auch kurzweiligen Vorträge des damaligen Domkapitulars Msgr Erich Stephany einigermaßen Bescheid wußte, Kaiser Barbarossa und Gegenpapst Paschalis – war es der IV.? – ins Gespräch bringen und somit die üblichen „Aachener Punkte“ machen konnte. (Als Diplomat muß man geradezu zwanghaft immer irgendwelche „Punkte machen“; eine Art Berufskrankheit.) Überdies konnte ich auch auf meinen Onkel Karl verweisen, der, geboren in Schafhausen bei Heinsberg, jedenfalls im Bistum Aachen, nach meiner Kenntnis bewußt nicht auf „Karl Borromäus“, sondern „natürlich“ auf Karl den Großen getauft war, wie – wie ich keck zu behaupten wagte – „sowieso alle Aachener des Namens Karls“, eben wegen des Großen Karls jedenfalls in Aachen angeblich geltender Heiligsprechung. Schließlich erwähnte ich auch, daß am Karlsfest im Aachener Dom die „Kaiserlaudes“ intoniert werden, angeblich auch aufgrund einer Ausnahmeregelung „aus Rom“.

Kardinal Ratzinger hörte sich das alles sehr gütig – oder sollte ich sagen: nachsichtig? – an und meinte, man könne das zwar so sehen, aber kirchenrechtlich haltbar sei das so ohne weiteres wohl eher nicht; bemerkenswert sei aber, daß die Aachener so sehr an ihrem Kaiser Karl hingen, daß sie es sogar glaubten; was ich eifrig bekräftigte. In einem Gesprächsabschnitt zu angeblich nur regional gültigen Heiligsprechungen konnte ich nicht mehr mithalten, war auf viel zu dünnem Eis, aber wir waren gottlob schon fast im Anflug auf die Ewige Stadt. Ein Gespräch zum Sachsenmassaker Karls des Großen in Verden/Aller und seine offensichtliche Folgenlosigkeit für Kaiser Karls Heiligsprechung haben wir jedenfalls diplomatisch … vermieden.

Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie Kardinal Ratzinger sich zum historisch „richtigen“ Aufbewahrungsort der Reichsinsignien geäußert hat, denn auch dieses Thema streiften wir kurz; aber ganz sicherlich nicht Aachen-unfreundlich; wahrscheinlich auch eher diplomatisch.

Warum ich das erst heute erzähle? Ein Aachener Freund erinnerte mich kürzlich an diese Geschichte, die mir zu einer sehr persönlichen geworden war. Aber eigentlich ist es keine „nur persönliche“, sondern irgendwie auch eine Aachener Geschichte, obwohl das Ereignis für mich natürlich in erster Linie ein sehr persönliches Erlebnis war und bleibt.

Es war übrigens der kurzweiligste meiner zahlreichen dienstlichen Flüge nach Rom.


 

Walter von den Driesch

Geboren 1955 im Mariannen-Institut in der Aachener Jakobstraße, aufgewachsen zwischen Kamperviertel und Burtscheid. Studium der Geographie, der Anglistik und der Romanistik.

Seit 1986 Beamter des deutschen Auswärtigen Dienstes. Auslandsposten in Ägypten, Kamerun, Rumänien, Kenia und Nigeria. Seit kurzem deutscher Botschafter in Cotonou/Benin. Sein Heimatstandbein steht fest im Pontviertel.

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