Einmal Prinz im Karneval

„Hurra tsching bumm, hurra tsching bumm, die Prinzengarde ist da!“ So erklang es allmorgendlich während der Karnevalszeit 1952 in meiner Straße, der „Von-Görschen-Straße“ im Frankenberger Viertel, zur Freude der Kinder und vieler Erwachsener. Es war Nachkriegszeit und es gab noch nicht viele Volksbelustigungen.

Jeden Tag wurde der amtierende Prinz Karneval Kurt I., Kurt Simons, mit viel „Tamtam“ von seinem Hofstaat und der Prinzengarde mit Kapelle von seinem Wohnsitz am Straßenende abgeholt. In dieser Zeit war es noch nicht üblich, dass der Prinz im Hotel residierte. Sein Haus war zur Prinzen-Hochburg umfunktioniert worden, wo er in der Session 1952 unter dem Motto regierte: „Der Karneval soll echt und rein, wie das Aach‘ner Kammgarn sein“. Denn Kurt entstammte einer alten Tuchfabrikanten-Familie. Es strömten täglich die Anwohner der Gegend herbei, um an dem Spektakel teilzunehmen.

Der „Karnevalsprinz“ ist eine Figur der Rheinischen Kultur. Er ist Herrscher der Karnevalisten in der „fünften Jahreszeit“, der „jecken Zeit“ im Rheinland. Die beginnt bereits am „Elften im Elften“, dem 11. November, obwohl Karneval (bzw. Fastnacht) erst im Februar oder März stattfindet, bevor die katholische Fastenzeit beginnt. Denn Karneval ist ein christlicher Brauch, aus dem lateinischen „carne vale: Fleisch, lebe wohl“ abgeleitet. Nach ersten Aufzeichnungen hat diese Tradition ihren Ursprung in Köln, bis heute die Hochburg des Rheinischen Karnevals. Dort wurde im Jahr 1823 die „Große Karnevalsgesellschaft“ gegründet. Sie besteht bis heute und ist die größte Karnevalsgesellschaft Deutschlands. Jetzt wurde ein Narrenherrscher gekürt, der „Held Karneval“, der 1870 in „Prinz Karneval“ unbenannt wurde. Viele Figuren und Bräuche des Karnevals waren eine Verballhornung der französischen Armee und ihrer Uniformen. Dieses karnevalistische Erscheinungsbild ist bis heute geblieben. Dem Kölner Prinzen wurden Jungfrau und Bauer zur Seite gestellt, es entstand das bis heute berühmte „Dreigestirn“. Dabei wird traditionsgemäß die Jungfrau von einem Mann verkörpert, was nur während der NS-Zeit verboten war.

In der Aachener Historie beginnt der Brauch des „Held Karneval“ im Jahr 1830. Der „Aachener Karnevalsverein (AKV)“ wurde 1859 gegründet. Der erste Prinz Karneval, der namentlich in die Annalen der Stadt einging, war 1881 Arthur I., Arthur Reumont. Von da an wurde jedes Jahr ein neuer Prinz gewählt, soweit es die Zeiten zuließen. In Aachen unterscheidet sich der Prinz, der in der ganzen Stadt regiert, von den Bürgerprinzen, die in verschiedenen Stadtteilen residieren. Gewählt wird der Prinz von einem Gremium und dem Elferrat des AKV. Bis 2016 gab es in Aachen 88 Karnevalsprinzen. Während der beiden Weltkriege gab es im Rheinland keinen Karneval und keine Prinzen.

Im Allgemeinen ist die Herrschaft eines Karnevalsprinzen etwas Einmaliges. Doch nicht für Kurt Simons, denn im Jahre 1953 wurde er ein zweites Mal Aachener Prinz. Diesmal unter dem Motto „Närrische Kur in Bad Aachen“. Der ursprünglich erkorene Prinzenkandidat Helmut Meisel war kurz vor seiner Proklamation zurückgetreten. Es war auf der Veranstaltung zu einem Eklat gekommen, weil die nichtsahnende Ehefrau Meisels lautstark protestierend die Sitzung sprengte. So sprang Kurt Simons in die Bresche und ließ sich noch einmal zum Prinzen küren. Er wurde damit als „Kurt der Zweite“ unsterblich. Es ging damals das Gerücht um, dass es noch einen zweiten Grund zu dieser Entscheidung gab: Das Hauptansinnen für die erste Regentschaft des Kurt Simon sei nämlich nicht in Erfüllung gegangen, das Finden „einer geeigneten Partnerin“. Als Hochburg hatte Tollität Kurt II. diesmal seine Zelte im „Hotel Astoria“ in der Oppenhoffallee, damals noch „Kaiserallee“, aufgeschlagen.

Sein Herzenswunsch ging diesmal in Erfüllung. Kurt fand im zweiten Jahr seiner Regentschaft die Frau seines Lebens, die lebenslustige 19-jährige Eschweilerin Karin, die ihm als Tischdame für das Weihnachtsessen zugeteilt wurde. Das Paar traf sich zu Silvester wieder und verliebte sich. Zu Pfingsten wurde Verlobung gefeiert und im Jahr drauf heirateten die beiden. Das Gerücht hat Kurt später selbst bestätigt. Mit seiner Frau Karin feierte er im Jahre 2014 „Diamantene Hochzeit“. Er wurde 93 Jahre alt und verstarb 2016.

Das Herrscherdasein eines Karnevalsprinzen ist auf die jährliche Session beschränkt, die mit den drei tollen Tagen und dem Rosenmontagszug ihren Höhepunkt erreicht. Am Aschermittwoch ist alles vorbei!


René H. Bremen

René H. Bremen, Jahrgang 1942, ist Aachener, Rentner und arbeitet als Maler und Bildhauer. 35 Jahre lang hatte er Friseursalons in Aachen, nachdem er sieben Jahre in diesem Beruf im Ausland verbracht hatte (verschiedene Orte in der Schweiz, London, Paris und Montreal).

Seit dem Tod seiner Frau 2007 bekleidet er verschiedene Ehrenämter, interessiert sich für klassische Musik und Literatur und reist viel. Er ist Gründungsmitglied des Künstlerkollektivs “Atelier-Kunstdialog”, das seit 2006 besteht.

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