Gegenverkehr

Als meine Mutter neulich erzählte, jemand vom Ludwig-Forum habe sie im Zusammenhang mit einer bevorstehenden Ausstellung kontaktiert wegen Materials zum Thema „Gegenverkehr“, ploppte wie aus dem Nichts ein ganz spannender Teil meiner Kindheit in meinem Gedächtnis wieder auf…

„Zentrum für aktuelle Kunst Gegenverkehr: 1968 gründeten der Journalist Klaus Honnef und der Galerist Will Kranenpohl in enger Verbindung mit der Malerin Rune Mields das „Zentrum für aktuelle Kunst – Gegenverkehr e.V.“ in der Theaterstraße 50. Eine gute Vernetzung mit der Kunstkritik, prominente Vereinsmitglieder aus der Aachener Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, Ausstellungen, die alle aktuellen Kunstströmungen erfassten, sowie die Bar, Filmvorführungen, Musikdarbietungen und Lesungen machten den Gegenverkehr zu einem Ort intensiven Lebensgefühls, zu einem Avantgarde-Treffpunkt, dessen Bedeutung weit über die Stadtgrenzen hinaus reichte. Der Gegenverkehr musste 1972 aufgegeben werden, doch er blieb für viele, die dabei gewesen sind, ein legendärer Ort erstaunlicher und ungewöhnlicher Ereignisse. … (www.ludwigforum.de, Ankündigung zur Ausstellung „Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964“, geplant ab 21.10.2011 bis Februar 2012)

Ich war neun Jahre alt, als sich der Gegenverkehr gründete, und meine Eltern waren, soweit ich das weiß, von Anfang an dabei. So wurde ich gepolt auf moderne, zeitgenössische Kunst. So durfte ich – ein völlig unbedarftes kleines Mädchen – Künstler entdecken und erleben, die später weltberühmt wurden.

Vernissagen im Gegenverkehr, regelmäßig. Ein Hinterhof in der Theaterstraße, ein Bau, den man heute Loft nennen würde, Aachens VIPs mit Sektgläsern in der Hand und der Familie im Schlepptau. Mittendrin der jeweilige Künstler. Und immer dabei der charmante „Hausmeister“ des Kunstvereins, eigentlich Architekt, in den alle, wirklich alle Frauen irgendwie ein bißchen verschossen waren, nicht nur die Neunjährigen. Und die Kunst natürlich – an den Wänden, in den Räumen.

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Das Ronnenberg’sche Wohnzimmer in den 70ern

Ich erinnere mich beispielsweise an die tiefschwarzen, vehement bleistiftschraffierten Röhren von Rune Mields. An die verstörende Eat-Art von Daniel Spoerri. An Rauminstallationen, durch die wir uns bewegten, ohne daß ich heute noch wüsste, von wem sie waren. An Günther Uecker – den faszinierenden Mann mit diesen irren Nagelbildern. An Mel Ramos und seine barbusigen Pin-ups. An die wunderschönen Farbkompositionen von Rupprecht Geiger. Peter Brüning war im Gegenverkehr, weshalb ich auch heute noch fast ehrfürchtig an seinem Autobahndenkmal bei Hagen vorbeifahre…

Zu jeder Ausstellung gab es ein Werk, das die Mitglieder des Vereins günstig erwerben konnten, und ich glaube, sie hingen – viele bis heute – nahezu alle bei uns zu Hause an den Wänden. Kein röhrender Hirsch oder blauer Bergsee, sondern moderne und „echte“ Kunst bebilderte meine Kindheit. Ich habe das damals nicht wirklich begriffen, bemerkte aber natürlich den Unterschied zu den Zuhauses mancher meiner Freundinnen.

Deshalb bin ich wahrscheinlich „verdorben“ für die alten Meister und bis heute glühender Fan der Popart und vieler ihrer Randerscheinungen und Nachfolgeströmungen. Diese Affinität ist vielleicht auch die Ursache für meine Berufswahl – Grafik-Design. Oder ich liebte die moderne Kunst, weil der Beruf schon in mir schlummerte? Für mich ein bißchen wie die Frage nach dem Huhn oder dem Ei…

Den „Gegenverkehr“ gab es nur vier Jahre, und ich bedaure es sehr, damals viel zu jung gewesen zu sein, um diese geballte Ladung Zeitgeist zu begreifen – um so mehr freue ich mich auf die Ausstellung, die das Ludwig-Forum vorbereitet.

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Uschi Ronnenberg

Uschi Ronnenberg, geboren 1959 in Duisburg, lebt in Aachen seit Beginn ihrer Volksschulzeit. Sie ist Grafik-Designerin und PR-Fachfrau und seit 1990 selbständig mit dem “Büro für Design & Text”.

Anfang 2007 rief sie diese Website ins Leben und ist seitdem auf Non-Profit-Basis und unter Ausnutzung aller sich bietenden Möglichkeiten beharrlich damit beschäftigt, Mitautoren sowie natürlich allgemeine Aufmerksamkeit für die schönen Ameröllche zu gewinnen.

Sie liebt die deutsche Sprache und die vor-reformierte Rechtschreibung und ist mit vergnügter Überzeugung Patin des Wortes “Weiberkram”. Sie ist seit 2000 verheiratet mit Peter W. Hoch und 2004 vom Holzgraben in die Soers umgezogen.

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1 Antwort

  1. 23. November 2017

    […] Was war der Gegenverkehr? […]

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