Geheimnis am kleinen Münsterplatz

1451072619 Wenn man sich einmal auf dem kleinen Münsterplatz an eines der Tischchen setzt und beobachtet, was die Touristen betrachten, ist leicht festzustellen, dass sie den „Möschebrunnen“ angucken und dann noch das Fräulein mit dem „Hennin“, also einem Spitzhut, der um 1470 Mode war. Das war’s. Die Besonderheit des „Hans-von­Reutlingen“-Gäßchens bemerken sie nicht, und vor allem nicht das Objekt, das gerade die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen müsste, schon weil es „eigentlich nicht nach Aachen gehört“, nämlich das Wappen am „Blijstef“, der schmalsten Fassade in Aachen (Haus Münsterplatz 20).

Meine erste Frage nach dem Wappen und meine damaligen Feststellungen /Beobachtungen darüber hatte ich dem zuständigen LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland in Bonn mitgeteilt, das meine Informationen dankend aufnahm, aber auf meine Frage lediglich mit dem Hinweis aufwarten konnte, dass es kein Adelswappen sei (3.02.2012).

Als 2014 das Bändchen „Hauszeichen und Haussysmbole in Aachen“ erschien, erwartete ich daraus nähere Auskünfte, wurde aber vollkommen enttäuscht. Daraufhin habe ich mir noch einmal das Wappen genau angesehen und weitere Recherchen dazu angestellt.

Erst einmal fällt ja die Inschrift auf: TU PEUX CE QUE TU VEUX. Wenngleich Aachen einmal eine französische Stadt war, sind mir keine anderen französisch-sprachigen öffentlichen Inschriften in Aachen bekannt. Möglicherweise wurden sie nach der Niederlage Napoleons in Waterloo (1815) und der Wiedereindeutschung Aachens alle beseitigt (wie ja auch später die Hakenkreuze weg­gemeißelt wurden…).

Doch zunächst will ich auf das Wappen im Zentum eingehen: Dort steht ein „gevierter Schild“ (Ausdruck der Heraldik), also ein Schild mit vier Feldern, der zudem noch einen „aufgelegten“ Herzschild in der Mitte aufweist. Ich zähle sie entsprechend der heraldischen Regel auf ( „Die Nennung erfolgt in üblicher Leserichtung von vorn nach hinten und von oben nach unten“, das heißt, von links oben nach rechts oben und in der zweiten Reihe ebenfalls von links nach rechts).

Der gesamte Schild wird von einer Schärpe mit dem Leitspruch „Tu peux ce que tu veux“ (‚Du kannst das, was Du willst‘ oder ‚Was Du wirklich willst, das kannst Du auch‘)* eingerahmt, an dem ein kleines Malteserkreuz mit Krone hängt (vgl. dazu Foto des Halskreuzes des Ehren-und Devotionsritters).

Die beschriebenen Elemente sind eindeutig, nicht aber ihre Bedeutungen. Jedenfalls lässt die gesamte Anordnung der Elemente vermuten, dass es sich hier keineswegs um ein bloß dekoratives Fantasiewappen handelt, sondern um eine wohldurchdachte sinnhafte Komposition.

Es lassen sich nämlich zwei Achsen erkennen: diejenige von oben links nach unten rechts und diejenige von oben rechts nach unten links: also der kirchliche Bereich (Fahne der Johanniter/ Malteser und Wappen der Werke des Malteserordens einerseits) und der politische Bereich (Emblem der französischen Monarchie einerseits und Sankt Martin als Schutzpatron Frankreichs andererseits). Beide Bereiche sind über den „Fisch“ über Kreuz miteinander verknüpft. Dieser Delphin ist sowohl heraldisches Zeichen für die französische Krondomäne Dauphiné als auch Symbol für Jesus-Christus-Gottes-Sohn-Erlöser (mit den Anfangsbuchstaben der griechischen Wörter Iesoũs-Christòs-Theoũ-Hyiòs-Sōtér kann das Wort für Fisch = I·CH·TH·Y·S gebildet werden).

Da es sich nicht um ein Adelswappen handelt, das über Familien Auskunft gibt, deute ich es versuchsweise als „Visitenkarte“ einer Einzelperson, wobei die (vermuteten) Bedeutungen in Form einer spiralförmigen Antiklimax vom Allgemeinsten zum Besonderen Auskunft über diese Person geben.

Könnte es sich beim Träger des Wappens um einen französischen Angehörigen des Johanniter-Ordens gehandelt haben? Zwar kein Adliger, sondern ein Bürgerlicher, dem aber innerhalb der Kirche der soziale Aufstieg gelungen war? (Die Kirche war die einzige Institution, in der der Aufstieg in eine andere soziale Klasse möglich war).

Die Hypothese ist gewagt und vielleicht völlig falsch, hat aber möglicherweise insofern Nutzen, als das Wappen nicht mehr als Fantasiewappen abgetan wird und man sich mal ernsthafter damit beschäftigt. Ich wundere mich ja schon, dass bislang hier in Aachen nirgends auch nur der geringste Hinweis auf das Wappen vorhanden war.

Die Frage wäre also: Ist es eine Visitenkarte und falls ja, wem hat sie gehört? Gibt es andere vergleichbare Steine im französischsprachigen Raum?

Zur Ermittlung der Herkunft des Wappens hatte ich drei Hypothesen verfolgt, die aber alle nicht „zielführend“ waren: Zunächst einmal hatte ich geprüft, ob das Wappen vom Vorgängerbau des heutigen Hauses über­nommen worden war, wo zur Zeit des französischen Bischofs Berdolet ein französischer Domherr gewohnt haben könnte, auf den die Merkmale der „Visitenkarte“ zutreffen könnten. Dafür gab es aber keinerlei Anhaltspunkte. In diesen kleinen Häusern hat nie ein Domherr gewohnt und die Grundstücke gehörten nie dem Domkapitel. Der Vorgängerbau, ein schlichtes Bürgerhaus, soll um ca. 1750 von J.J. Couven errichtet worden sein. Das Wappen könnte zwar mit seinen barocken Elementen aus jener Zeit stammen, weist aber keinesfalls den Couven-Stil auf. Auch sonst habe ich keine Hinweise auf einen Johanniter französischer Herkunft in Aachen gefunden. Beim heutigen Eigentümer des Hauses konnte ich eine Bauzeichnung aus dem Jahr 1909 einsehen, aus der hervorgeht, dass dieses Wappen ursprünglich nicht vorgesehen war.

Nun habe ich die Spur des Bauherrn des Wohnhauses verfolgt, das – wie die Inschrift im Giebel angibt – im Jahr 1909 errichtet wurde. Im Aachener Adressbuch von 1910 befindet sich unter ‚Münsterplatz 20‘ der Eintrag: „E(igentümer): Carret, Dr. Josef, Sprachlehrer.“ Aha, immerhin ein französischer Nachname! Im Adressbuch von 1883 firmierte sein Vater, ein Drechslermeister, noch als Henry Carret, später als Heinrich. Auch er wurde bereits in Aachen geboren (*23.03.1831). Schließlich ist auch der Großvater, François Louis, schon in Aachen geboren (12.10.1804). Eine Suche im französischen Telefonbuch ergab 1176 Telefonteilnehmer namens Carret. Die Überraschung kam bei der Detailanalyse: die Herkunft der Teilnehmer war nach den 23 franzö­sischen Regionen aufgeschlüsselt; da zeigte sich, dass allein 457 (also 38,8 Prozent) aus der Region Rhône Alpes, also dem vormaligen Dauphiné stammen!

Aber diese vielversprechende Information erwies sich bei der weiteren Recherche als wenig tragfähig: Anhand des Kirchenbuchs von Sankt Peter in Aachen ließ sich nämlich noch ein Vorfahr ermitteln, nämlich der Vater von François Louis; er hieß Jacques und hatte am 17.08.1797 eine Frau aus Aachen geheiratet; geboren war er aber nicht im Dauphiné, sondern in Honfleur an der Seinemündung, also ziemlich genau im entgegengesetzten Teil Frankreichs. Laut Aachener Einwohnerliste von 1812 war er von Beruf Gärtner. Im übrigen lautet der Eintrag auf Carré, nicht Carret. Aber eine solche Namensvariation ist nicht ungewöhnlich und erst recht nicht bei einem Namen, der bei beiden Schreibarten ohnehin gleich ausgesprochen wird, also ohne t mit Betonung auf dem e. Vielleicht war auch das t später hinzugefügt worden, um eine Aussprache wie beim deutschen Wort ‚Karre‘ zu verhindern (mit dem der Name übrigens ethymologisch verwandt ist). Jedenfalls lässt die Herkunft aus Honfleur und aus dem Kleinbürgertum eine persönliche und direkte Verbindung zum Wappen nunmehr als sehr unwahrscheinlich erscheinen.

Gleichwohl ließe sich noch eine letzte Hypothese aufstellen. Der Bauherr des heutigen Hauses, jener Dr. phil. Aloys Josef Carret, „Lehrer der alten und neuen Sprachen und der französischen Handelscorrespondenz“ (Adressbuch von 1887), war mit einer Aachenerin verheiratet, die laut Adressbuch von 1889 und 1891 eine „Corsettenfabrik“ mit Filialen in Koblenz und Lüttich besaß. Könnte es sein, dass der Ehemann im Rahmen geschäftlicher Beziehungen zu Lüttich auf dieses Wappen gestoßen ist, das ihm lediglich wegen des – pädagogisch interpretierbaren – Leitspruchs „Du kannst, wenn du willst“ gefallen haben mag und er es erworben hat, um es an seinem neuen Haus anzubringen?

Möglicherweise müsste man also im Raum Lüttich weiter nach Spuren suchen, wenn man den ursprünglichen Inhaber des Wappens ausfindig machen will.

Ich jedenfalls konnte bislang nicht, was ich wollte, nämlich diesem Geheimnis auf die Spur kommen!


„Geheimnis am kleinen Münsterplatz“ – hier der lomplette Artikel inklusiver aller Fotos und Anmerkungen (1.9 MB).


 

Paul Schmarling

(Text und Foto folgen noch...)

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Alert: Der Inhalt ist geschützt.