Heimkehrers Traum

Es steht ein Baum am Aach’ner Wald; schon alt doch kerzeng’rade.
Er ist – in seiner Lichtgestalt –, ob’s warm, ob’s regnerisch, ob’s kalt,
allein auf weiter Flur; was schade.

Vom Norden kommt ein Reiter her, sein Bart schon leicht ergraut.
Des Rosses Tritt ist müd’ und schwer, nach langem Ritt vom Tiefland her.
Der Reiter um sich schaut,

und sieht, auf seiner Lichtung steh’n, den alten, starken Baum.
Er lässt sein Ross bis dorthin geh’n, steigt ab, freut sich, erneut zu steh’n,
und wähnt sich wie im Traum.

„Seid mir gegrüßt, verehrter Freund aus längst vergang’nen Lenzen!“,
spricht er ihn leise an. „Es scheint, auch wenn der ‚Herbst’ mich jetzt umgreint –
Du weißt noch stets zu glänzen.

Der Frühling zieht nun bald ins Land. Ich wollte nicht verwehren mir,
den weiten Weg vom Elbestrand zu kommen, da man – wie bekannt –
das Osterfest begeht jetzt hier.

Vor mehr als 50 Lenzen zog es fort von Aquis Granum
mich in die Welt. Der Ferne Sog verführte mich, die auch nicht trog:
erfolgreich war die Planung.

Nun steh’ ich – selber schon ergraut, nach mehr als dreißig Lenzen,
da ich im Norden mir erbaut die Heimburg – wieder hier ganz traut,
an den drei Ländergrenzen!“

Und siehe – oben im Geäst hebt rauschend an ein Klingen.
Der alte Baum reckt sich und ächzt. Ganz deutlich sich vernehmen lässt
perlender Tasten Singen.

Der Reiter lehnt sich an den Stamm, umfasst ihn mit den Armen.
Und aus der rauen Borke drang ein knurrend’ Raunen. Er vernahm:
„Nehmt Abstand, habt Erbarmen!“

„Zwar seht Ihr immer noch aufrecht an meinem Platz mich stehen,
doch will mein Wurzelwerk so recht nicht mehr. D’rum drückt nicht gar so fest.
Es freut mich, Euch zu sehen!“

Schon senkt sich Dunkelheit herab, die Schatten werden dichter.
Wo’s eben freien Blick noch gab und eine kleine Wiese lag,
da gaukeln jetzt Gelichter:

ganz nah, aus einem Wurzelstock, kaum zu erkennen drüben,
treten – gewamst in rotem Rock, voran eine schwarz-gelbe Fock,
so an die dreißig Buben.

Sie schreiten lächelnd zu ihm vor, um mit geschulten, hellen Stimmen
(wie er einst selbst im Domchor-Heer; was jetzt rund 60 Jahre her!)
das „Urbs aquensis“ ihm zu singen.

Dem Reiter stockt der Atem schlicht, will seinen Mantel raffen ….
Da stupst ihm jemand ins Gesicht: sein Ross steht über ihm, im Licht.
Er war wohl eingeschlafen.

Und lächelnd geht ins Tal sein Blick, zu Dom und Rathaustürmen.
Das Heimweh plötzlich ihn bedrückt. „Wir kommen sicher bald zurück!“,
seufzt er, bevor sie nordwärts stürmen.


 

Alexander Rave

Alexander Rave*, geboren 1940 in Aachen, wohnt seit Anfang 1981 in Norddeutschland (Altes Land). Über 35 Jahre lang war er PR-Manager und Pressesprecher in der Industrie, lebte und arbeitete abwechselnd in sieben verschiedenen Bundesländern.

Seit 2002 im “Ruhestand“, engagiert er sich heute weiter ehrenamtlich in seinem beruflichen Metier. So war er als PR- und Messeberater für den ehrenamtlichen deutschen Entwicklungsdienst „Senior Experten Service“ (SES) mehrfach in Afrika, Asien, Südost- und Osteuropa tätig; zuletzt von Mitte März bis Ende Juli 2011 in Sambia.

Der Autor ist verheiratet, hat Sohn und Tochter sowie inzwischen drei Enkelkinder im Alter von 5, 19 und 22 Jahren.

* (Pseudonym, Name der Redaktion bekannt)

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