Hochdeutsch mit Knubbeln

Wie der Öcher halt so ist…

Die Mentalität des Menschen prägen einmal die geologisch-klimatischen Verhältnisse seines Lebensraumes, dann seine Stammesherkunft und schließlich die Religion. Damit gilt für den Aachener, dass er vier Jahreszeiten, darunter meist einen durch das Meeresklima bedingten müden Winter, erlebt. Von eigentlichen Naturkatastrophen bleibt er verschont. Stattliche Wälder, die bis in den belgischen Raum reichen, umgeben die Stadt und so bieten und boten vor allem zu Zeiten des mangelnden Wohlstandes der „Öcher Bösch“ und das Mittelgebirge der Eifel die Möglichkeit zu erholsamen Wochenendausflügen und Ferienaufenthalten in nächster Nähe. Wegen der näheren Lage Aachens zur Maas als zum Rhein hin und infolge französischer Einflüsse ist der Aachener weniger Rhein- als Maasländer. Dieser einheitliche, romanisch geprägte Lebensraum Aachen – Lüttich – Maastricht zerbrach erst 1815, als man Aachen zu Preußen und Lüttich zu den Niederlanden schlug. Erstmals trennte nun die Bewohner dieser Region eine nationale Grenze.

Versucht man, Wesenszüge der Öcher Mentalität aufzuzeigen, erweisen sich viele Merkmale und typische Lebensäußerungen als der Vergangenheit angehörig. Ferner ist einiges, das man als typisch „Öcherisch“ empfindet, auch im Rheinland beheimatet. „Jeck loss Jecke langs“ meinen auch die Kölner und „Alaaf“ ruft man ebenso in rheinischen Landen.

Nach dem Kriege bewirkten sowohl der Fremdenzustrom als auch zunehmender allgemeiner Wohlstand, der Fernreisen und somit die Begegnung mit anderen Kulturen ermöglichte, ein Schwinden Öcher-Charakteristika und vom Volkssaft durchtränkter Sitten und Bräuche. Beispielhaft dafür sind in Aachen mit Ausnahme von Eskimogerichten fast alle internationalen Küchen vertreten, Öcher Speisen hingegen führen nur noch vereinzelte Gaststätten. Ferner ist da der Verlust vieler Einzelhandelsgeschäfte, in denen eine lebendige Begegnung mit Stadtviertelverzäll stattfand, was Supermarkt und Interneteinkauf nicht ersetzen können.

Spezielle Wesenszüge

Dennoch ist es reizvoll, zu fragen, welche Wesenszüge dem Öcher eigen waren und sind. Zweifellos offenbart die Mundart immer am deutlichsten Eigentümlichkeiten des Menschen. Vielfach bezeugt sich auch Humor vor allem im Dialekt, wogegen der Witz mehr der Hochsprache eigen ist. In der Mundart kommen Freude, Herz und Lebensweisheit offener zum Ausdruck, und schließlich weist die Mundart einen umfangreicheren Vorrat an Schimpfwörtern auf als das Hochdeutsche. Außerdem zeugen viele Wörter des Öcher Dialekts von den grenzüberschreitenden Kontakten und der erlebten Franzosenzeit, wie z. B. Merci, Vis-a-Vis, Fourchette, Plavond, Parapluie. Doch leider wird Öcher Platt mehr und mehr aus dem Alltagsleben verdrängt, Öcher Platt sprach und hörte man noch in der Nachkriegszeit auf den Straßen, in den meisten Geschäften, in Arztpraxen und selbst in Ämtern. Stand jemand auf Kriegsfuß mit der deutschen Grammatik und dem Akkusativ im Besonderen, war Platt eher erwünscht als „Hochdeutsch mit Knubbeln“. Ohnehin gibt es für Nicht-Aachener unverständliche Formulierungen wie „De fängt an aufzuhören ze arbeiten“ oder man sagt von jemandem im Nebenzimmer „Er ist durch!“ Fast könnte die Hausfrau, im Begriff Essen auf den Herd zu stellen, unser Mitleid erregen, wenn sie erklärt: „Ich setz’ mich noch was aufs Feuer“.

Erfreulicherweise sind immer noch hier und da in Geschäften, in Kneipen, im Bus und besonders auf dem Alemannen-Fußballplatz Mundartklänge zu hören. Gepflegte Heimat hat unser Dialekt natürlich im „Öcher Platt Verein“ und in vereinzelten Schulen. Erfreulicherweise fehlt es auch nicht an hervorragenden Mundartpoeten, die in humorvollen Versen Öcher Denkart und Mentalität wiedergeben und schließlich ehrt der Thouetpreis alljährlich um unseren Dialekt Verdiente.

Könige kommen und gehen

Wenn man versucht, Merkmale der Öcher Wesensart aufzuzeigen, fällt hierunter wohl die nicht gerade vorbildliche Einstellung zu Staat und Obrigkeit. Strammstehen vor Obrigkeitsinstanzen, martialische Denkart oder gar Verherrlichung des Heldentodes sind dem Öcher letztlich wesensfremd. Beeinflusst hat diese Denkart wohl die besondere Bedeutung Aachens im Verlauf der Geschichte seit der Römerzeit. Natürlich ist die mehrere Tausend Jahre alte Heimatgeschichte nicht im Detail allgemeines Wissensgut, jedoch steckt dem Öcher zumindest Stolz auf seinen Karl und der Ruhm der alten Krönungsstadt in den Knochen. Schon 1166 erklärte Barbarossa im Karlsprivileg Aachen als „Haupt aller Städte und Provinzen diesseits der Alpen“ und bestimmte, dass „fortan alle(n) Einwohner(n) und Zuziehende(n) unter sicherem Gesetz ohne knechtische Bindung hier leben sollen.“ (Kaemmerer). 33 Königskrönungen erlebte Aachen, sodass die Stadtgemeinde als freie Reichsstadt seit dem Mittelalter mit Königen wie ihresgleichen paktierte. Und Ludwig der Bayer befreite mit Königsprivileg die Aachener wegen ihrer Belastungen beim Bau der zweiten Stadtmauer von der Waffenpflicht. Zu Recht erklingt denn auch bei festlichen Ereignissen stolz die Aachener „Nationalhymne“ „Urbs aquensis urbs regalis“, die die karolingische Idee vom Augustinischen Gottesstaat verkündet.

Könige, internationaler Adel und europäisch bekannte Künstler fanden sich bis ins 18. Jahrhundert hinein weniger wegen des Thermalwassers im Weltmodebad Aachen ein, sondern suchten vielmehr das lebendige gesellschaftliche Treiben in den Luxushotels der Stadt. Ohne eine eigentliche Obrigkeit gehabt zu haben, hat sich dies gewiss auf die Einstellung des Bürgers zu Obrigkeiten und staatlicher Disziplin oder militärischer „Zuneigung“ ausgewirkt. Die 1815 erfolgte Eingliederung zu Preußen empfand man nicht als Liebesehe und ließ dank der grenzüberschreitenden familiären Beziehungen und lebendigen Kontakte kein sehr ausgeprägtes Nationalgefühl entstehen. Und von bestehenden Regierungsmängeln weiß der Öcher „Wo Eäsele an et Ruder sönt, et Onjlöck bau jetrocke könt“ (Wo Esel am Ruder sind, kommt das Unglück bald).

Dass aber bei erkennbar notwendigem Einsatz für Stadt und Land ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein besteht, zeigt im Kern die Legende vom „Wehrhaften Schmied“. Als nämlich 1278 der Graf von Jülich aus Neid die freie Reichsstadt Aachen mit etwa 468 Rittern überfiel, konnte dieser Angriff durch mutige Abwehr der Aachener Bürger, unter denen sich besonders der Schmied durch Tapferkeit und Manneskraft auszeichnete, vereitelt werden. Ebenso stürmten sie im Bewusstsein notwendiger staatlicher Ordnung bei den Krawallen zur Separatistenzeit mit ihrem Kampflied „Vür sönd allemole Öcher Jonge“ den Sitz der „Rheinischen Separatisten Republik“ im Rathaus. Auch versäumten die Aachener Bürger 1848 nicht, einen Festzug zum Münsterturm zu unternehmen, um dort die schwarz-rot-goldene Fahne zu hissen.

Die französische Besatzungszeit ist nicht ausschließlich als Drangsal empfunden worden. Napoleon liebte als Verehrer Karls Aachen, und die Stadt verdankt ihm etliche gute Taten. Er machte Aachen zur Hauptstadt des von ihm geschaffenen Rurdepartements, was vorübergehend die wirtschaftliche Situation verbesserte. In guter Erinnerung hing so in mancher Wohnung noch zur Preußenzeit an Stelle des Preußenkönigs das Bild Napoleons. Die Entstehung der sogenannten zweiten „Aachener Nationalhymne“ „Vür sönd allemole Öcher Jonge“ lässt allerdings erkennen, dass die Besatzung nicht nur beliebt gewesen ist. Die Strophen schildern wie einem heimkehrenden französischen Tambourmajor nicht gerade heldenhaft der Tambourstock mit zwei weißen Quasten (Quisskquaaß dran) entrissen wurde.

Die in der Vergangenheit einzige militärische Truppe der Stadt Aachen war die Öcher Penn, die heute noch als aktiver großer Karnevalsverein existiert. Eine und wahrscheinlich die einzige militärische Aktion dieser früheren Stadtmiliz soll anlässlich einiger Querelen mit Burtscheid eine Strafexpedition eben dorthin gewesen sein. Aber als beide Kriegermannschaften am Marschiertor zusammenstießen, entwickelte sich anstelle eines kriegerischen Gemenges ein feuchtfröhliches Gelage im „Alten Zollhaus“. Da damit der Kommandeur namens Schang Mulliang seinen großen Worten keine entsprechenden Taten hatte folgen lassen, hieß fortan ein Großredner in Oche „Mullejan“. Gelegentlich traut man indessen einem Mullejan, wenn auch negative, so doch immerhin Erfolge zu, wie die Bemerkung „Ene rechtije Mullejan kann en Bejing uus et Kloster klaafe“ bestätigt (Ein Maulheld kann eine Nonne aus dem Kloster quatschen).

Weder hektisch noch frömmelnd

Dem Humus des Katholischen entströmt das Gefühl um die Begrenztheit des irdischen Daseins mit Vertrauen auf ein zu erwartendes jenseitiges Leben. Diese Zuversicht verleiht eine gewisse Gelassenheit gegenüber den Forderungen und Unbilden des Lebens. Als extremes Gegenbeispiel zum Calvinisten kann es so dem Öcher gelegentlich an Ehrgeiz für das Erwerbsstreben mangeln. Wenn auch nicht unbedingt arbeitswütig und ohne Neigung zur Hektik, bestimmen den Öcher dennoch in seiner beruflichen Tätigkeit Pflichtbewusstsein und gute Arbeitsleistung. Keinesfalls schätzt er Faulenzer von denen er denkt „Füll Lü sönd jau moi“ (Faule Leute sind schnell müde). Auch ist der Entschluss „Könst de hü net, könst de morje“ (Kommst de heut nicht, kommst de morgen) eher so zu verstehen, dass dramatisch aussehende Probleme nicht überstürzt angegangen werden sollen, weil sich die Schwierigkeiten vielleicht schon von selbst regeln. Das muss also nicht als Trägheit bewertet werden.

Und wenn schon fromm, ist der Öcher keinesfalls ein Frömmler. Denn von Frömmlern ohne entsprechende Haltung hält er nicht viel. Davon zeugen Aussagen wie „Van et Beäne alleng weäd jenge hellig“ (Vom Beten allein wird keiner heilig) oder „Hat ose Hergott open Leppe an der Düvel ejje Liv“ (Den Herrgott auf den Lippen und den Teufel im Leib). Ungehörige Redensarten oder Verballhornungen von religiösen Inhalten geschehen kaum in blasphemischer Absicht, vielmehr entspringt das Herunterspielen religiöser Aussagen nicht selten der Erkenntnis, leider vom großen Anspruch weit entfernt zu sein. Hierzu passt die Erzählung eines alten Priesters aus seiner früheren Beichtpraxis. Nach vierstündigem Beichthören ermüdet, gab er einer Frau, hinweisend auf die Leiden des Herrn, etwas schablonenhafte ermahnende Worte mit auf den Weg, worauf die Frau in Selbsterkenntnis demütig seufzte: „Jo Heer, söckt mich ouch noch ens esue enge wie deä“ (Ja Herr, suchen Sie mir auch noch mal so einen wie den).

Um sich religiös aufzuwerten, tröstet der Öcher sich auch gerne mit einer Beziehung zu jemandem, den er in seiner Stellung zum Himmel höher einschätzt, so z.B. unter dem Hinweis: „Ich han ouch en Tant enet Kloster!“ (Ich habe auch eine Tante im Kloster!). Ohnehin entspricht im katholischen Volksleben die Zuwendung zu den Heiligen dem Empfinden, nicht würdig genug zu sein, um sich direkt an den Allmächtigen zu wenden. Also schaltet man lieber ganz bescheiden einen Gott näher Stehenden als Vermittler ein. Ebenso wissend um seine Schwächen im Alltagsgeschehen versucht er, diese mit der hilfreichen Silbe „chen“ zu verharmlosen. Hat er ordentlich gebechert, handelt es sich lediglich um „e paar Bierchere un e Schnäpsche“, und da dies nun einmal zusammengehört, schwächt man es auf „e Köppelche“ ab. Meist trinkt die Frau nach eigenem Bekunden nur „e Tässje Kaffe“, obwohl früher die ständig gefüllte Kaffeekanne auf dem Küchenherd bereitstand.

Stets von der Endlichkeit des Irdischen im Bewusstsein bestimmt, steht der Aachener dem Tod realistisch gegenüber, und oft etwas hilflos gemachte Äußerungen können leicht gefühllos wirken. So, wenn er zum Tod eines Bekannten feststellt „De hat et Oem schöppe verjäße“ (Der hat vergessen Atem zu holen). Einmal erlebte ich am Krankenbett, dass bei fehlender Hoffnung auf Gesundung des Mannes die Ehefrau nach Jahrzehnten guten Ehelebens an ihren Gemahl gewandt schmerzerfüllt klagte: „Jo Will, Du rüüchst at noh de Schöp“. (Ja Will, du riechst schon nach der Schaufel).

Realistisch statt fanatisch

Da wenig empfänglich für fanatische Ideologien, hatte der Aachener eine reservierte Haltung zum Nationalsozialismus, wenn man von einem kleinen Prozentsatz Verblendeter absieht. Obwohl für manche das Risiko, an staatlicherseits beobachteten kirchlichen Veranstaltungen und Prozessionen teilzunehmen, nicht gering war, war die Beteiligung immer groß. Besonders entwickelte sich zur Zeit der Heiligtumsfahrt 1337 eine spannungsgeladene Atmosphäre gegen das Regime, sodass die Behörden diese spürbare Protesthaltung mit Sorge beobachteten. Nicht ohne Grund nahmen die Aachener schon seit 1933 an, dass sie nicht gerade große Sympathien in Berlin hatten, was sich dann 1944 bei der Schlacht um Aachen schließlich bestätigen sollte.

Großes Pathos, schwärmerische Begeisterung oder Fanatismus sind nicht unbedingt Wesenszüge der Öcher Volksseele. So erlebte ich 1946 auf dem Münsterplatz eine ehrenwerte Gruppe der Heilsarmee, die dort mahnende missionarische Reden hielt. Plötzlich verließ ein älterer Mann den Zuhörerkreis und sagte warnend zu seinem Begleiter: „Koem vür jöhnt, dat sönd Fanatikker“ (Komm wir gehen, das sind Fanatiker). Ebenso macht seine skeptische Lebensphilosophie den Öcher nicht allzu anfällig für verführerische Werbung und Buhei Schnell relativiert er zu viel Gelobtes gerne mit der Bemerkung „et jeht“. Als im Dritten Reich die über Deutschland fliegenden Luftschiffe „Hindenburg“ und „Zeppelin“ mit propagandistischem Tamtam als große deutsche technische Leistung gefeiert wurden und 1938 Aachen überflogen, erklang ernüchternd „Kenger wat e Blösje, Kenger wat e Blösje hat der Zeppelin jebaut! Hurra, hurra, hurra dem Zeppelin seine Blase die ist da“ (Kinder was ein Bläschen …).

Auch lässt er sich nur schwer etwas vormachen. Denn: „Schuum es noch lang jeä Bier.“ (Schaum ist noch lange kein Bier.). Ebenfalls lösen beängstigende Sensationsmeldungen selten ängstliche Erregung aus, da man beschwichtigend tröstet: „Wenn der Hömmel efällt sönd alle Mösche dued“ (Wenn der Himmel einstürzt, sind alle Spatzen tot).

Keinesfalls wird der Öcher aufgrund seiner skeptischen Veranlagung für utopische Ziele zu gewinnen sein und ist deshalb zum Revolutionär wenig geeignet. Auch glaubt er nicht, dass die Bürden des Alltagslebens sich durch glückliche Zufälle ändern könnten; denn er ist überzeugt: „Weä op et Jlöck waat, moß völ Zitt han“ (Wer auf das Glück wartet, muss viel Zeit haben). Handelt es sich ums Wetter, nimmt seine Skepsis schon pessimistische Züge an. Obwohl das Wetter hier zu Lande dem im nordwesteuropäischen Raum herrschenden Meeresklima entspricht, bezeichnet er Aachen gerne als „Regenloch“ und hadert überhaupt, wie es Wollgarten ausdrückt, mit jedem Wetter: „Dröm pöscht en Oche jedder jäer uus Hatzens Siel öwer et Wäer“ (Drum knurrt in Aachen jeder gern mit Herz und Seele übers Wetter).

Karneval und Gastronomie

Was Essen und Trinken betrifft, sind seit jeher französisch-belgische Einflüsse unverkennbar. Jenseits des Rheins gab es vor dem Krieg keine Fritten und Muscheln, doch in Aachen standen sie schon auf den Speisekarten vieler Gaststätten. Eine breite Volksschicht trank Bohnenkaffee, und dass ein Butterbrot selbstverständlich Butter und Belag hatte, galt vor dem Krieg im Osten unseres Landes schon als übertrieben üppig. Die frühere Zahl der Wirtschaften lässt erkennen, dass sich die Volksseele dort, ob allein oder mit Freunden, im „Vermaach“ wohl fühlte. Laut Statistik kam schon im 18. Jahrhundert in Aachen auf 46 Einwohner eine Wirtschaft. In den Gaststätten saß man nicht nur im Gespräch beisammen, sondern oft wurde bei Musik getanzt, gesungen und vielfach Karten gespielt.

Ein Höhepunkt froher Ausgelassenheit und Lebensfreude ist der Fastelovvend gewesen. Als Urlaubstage kannte man ja nur kirchliche und staatliche Feiertage und eben den Karneval. Für Kostüm, Wachholder und Puffeln sparte man vorab. Meist startete man sonntags nach der üblichen Andacht gegen 17 Uhr. Kostümiert stürmte das Volk auf die Straßen zum frohen bunten Treiben. Drei Tage dauerte das Feiern, um sich dann am Aschermittwoch daran zu erinnern, dass alles einmal vorübergeht.

Im Umgang zeigt sich der Öcher freundlich und unproblematisch. Da allerdings sein Mitteilungsbedürfnis stark ist und es ihn drängt, jedem mitzuteilen, was ihn beschäftigt, liegt ihm weniger der längere Dialog, eher der kurze Austausch. Sicher zeigt er sich hilfsbereit, aber bindet sich nur ungern, stets bemüht, lästige Verpflichtungen hinauszuschieben und möglichst einer auf ihn zukommenden, weniger sympathischen Aufgabe mit diplomatischem Geschick zu entkommen. Trifft er überraschend auf eher lockere Bekannte, so sind bei der Verabschiedung ausgesprochene Einladungen wie etwa: „Kommen Sie doch mal vorbei, besuchen Sie uns doch mal“ kaum ernsthaft gemeint und entsprechen mehr einer chinesischen Höflichkeit. Solch charmante Unaufrichtigkeiten können dazu führen, dass der Öcher fälschlicherweise als unverlässlich eingeschätzt wird. In Freundeskreisen und im Vereinsleben jedoch offenbart sich seine kontaktfreudige und auch zum Engagement bereite Mentalität. Seine Neigung zu heiterer Geselligkeit drückt sich bekanntlich in dem Ausdruck „Öcher Vermaach“ aus, was gemütliches Miteinander, den „Spaß an der Freud“ meint. Alles in allem ist der Öcher zwar keine Idealgestalt, aber man kommt sicher gut mit ihm zurecht. So, wie es sich denn auch in Oche angenehm leben lässt.

[eingestellt im April 2008, entnommen aus dem Buch „Unser Aachen
mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber und des Autors]


Heinrich Müller

Dr. med. Heinrich Müller (†), geboren 1928 in Aachen und 2012 verstorben, nahm nach dem Abitur 1949 sein Medizinstudium in Bonn auf, erhielt seine Approbation 1954 und promovierte im darauffolgenden Jahr. Ab 1963 war er als niedergelassener Internist in Aachen tätig.

Heinrich Müller war von 1975 bis 1991 Präsident der “Erholungs-Gesellschaft Aachen 1837”. Er war verheiratet mit Elisabeth, sie haben fünf Kinder und 15 Enkelkinder.

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