Huy zwischen hui und pfui – Gedanken am 30. Jahrestag von Tschernobyl

Es ist ja nun nicht so, als würden die Menschen in Huy ein völlig freudloses Dasein fristen, auch wenn sie Tihange in Sichtweite haben. Mag sein, dass sie für manchen Geschmack zu sorglos sind. Mag auch sein, dass wir uns zu viele Sorgen machen, halt die “German Angst”. Mag aber auch sein, dass die Dinge nicht immer so einfach sind, wie sie es am besten wären.

Was sollen sie denn machen? 100 km wegziehen? Bringt nix, und viel breiter ist das Land auch nicht. 1000? Von der Maas bis an die Memel? Dann sitzt man womöglich direkt neben der nächsten oder übernächsten Ruine.

Also vielleicht nach Aachen auswandern, wo eine weise Obrigkeit zumindest Jodtabletten gebunkert hat? Alles irgendwie unbefriedigend, besonders wenn man über 45 ist, womit man bekanntlich zum alten Eisen gehört und es einem sowieso schon egal sein kann, an was man stirbt. Und allmählich eine gewisse moralische Verpflichtung zum sozialverträglichen Frühableben zu verspüren hat. Aber wir schweifen ab. Zurück nach Belgistan.

Was machen also der Huyer sowie die Huyerin (die wir aber aus ökonomischen und sprachästhetischen Gründen nicht immer politisch korrekt durchschleppen können)? Sie machen es sich so gemütlich, wie es geht, auch wenn sie nicht mal dieses Wort kennen, zu dem nur die deutsche Sprache fähig ist. Man lebt am Ufer der Maas einfach so vor sich hin, isst und trinkt mit Freunden, sitzt auf dem wunderschönen Markt, schaut zur Festung hoch, freut sich überhaupt frankophon und frankophil des Lebens und denkt überhaupt nicht daran, die German Angst zu verspüren. Wenn einem danach ist, geht man auch gerne ans Wasser und hört, wie die Wellen plätschern. Die wissen ja noch nicht, was ihnen gleich blüht.

Diese ebenso monströsen wie ominösen Türme liegen vielleicht einen, höchstens zwei Kilometer entfernt, aber wenigstens stromabwärts, wo das Wasser in Richtung Holland verschwindet. Auch im Bioladen an den Türmen – Gesundheit steht hier bekanntlich im Mittelpunkt – macht man sich das Leben nicht unnötig schwer, und es stimmt ja auch, dass da oben eigentlich Wasserdampf rauskommt. Denn das Wasser dient hier nur zur Kühlung, ganz anders als etwa in Europas schmutzigstem Viereck zwischen Weisweiler und Neurath, wo wirklich Kohle verbrannt wird. Aber das ist natürlich ein anderes Thema, ebenso wie der Hambacher Forst, wo nicht nur Natur zerstört wird, aber die Kommunen sich nicht so eifrig engagieren. Weil sie doch so gerne an der Kohleverbrennung mitverdienen – solange es noch was zu verdienen gibt. Also eigentlich nicht mehr lange. Man stirbt daran ja auch deutlich langsamer und nicht so spektakulär, das fällt dann auch nicht so auf. Bis der zehnte mysteriöse Fall dran ist, wird längst die übernächste Sau durchs Dorf getrieben.

Soll man sich als HuyerIn deswegen das ganze Leben vermiesen? Was für typisch deutsche Gedanken! Also was machen die Belgier, und hier ist sich der Wallone mal ausnahmsweise mit der Flämin vollkommen einig, sobald der Frühling sein blaues Band usw.? Er stellt sich vor die Tür und schaut Radrennen. Und das sogar im Angesicht der Triple Towers! Er fachsimpelt, isst und trinkt wie üblich, plaudert mit Freunden, wie sie es in jedem anständigen französischen Film machen, wenn sie nicht gerade Autotüren knallen, durch Baumalleen fahren, die sich in der Windschutzscheibe spiegeln, oder sich im Bett räkeln, er genießt die ersten Sonnenstrahlen oder lamentiert ein wenig über die letzten Schneeflocken. Und freut sich penetrant des Lebens. Und eine der größten Freuden dieses seines belgisch-dionysisch-huyischen Daseins ist nun mal das Radrennen, speziell die im Radrennsport so wichtigen Frühjahrsklassiker im April.

Das Radrennen als solches ist natürlich auch höchst umstritten, zumindest in Deutschland, wie jedes Thema, das auf sich hält. Aber umstritten wäre auch das Wunder von Bern, wenn es die Ungarn gewesen wären, die „wie verwandelt“ aus der Kabine kamen. Zieht sich nicht von der Hermann-Göring-Pille bis zum Drogensumpf sogar unter Politikern eine Spur, die nur ab und zu ihren Namen wechselt? Und natürlich sind Radrennen blöd, weil man stundenlang wartet, und dann sind die in ein paar Sekunden vorbei.

Aber so einfach ist das auch wieder nicht. Wenn anderswo der Weg das Ziel ist, dann hier das Warten. Und zwar nicht auf irgendeinen Gott, der nie kommt, sondern auf ganz irdische Götter, von denen man zumindest genau weiß, dass sie kommen werden. Was auf jeden Fall kommt, so sicher wie die Werbeunterbrechung im Kommerzfernsehen, ist die Werbekarawane. Das ist fast sowas wie ein Karnevalszug, nur viel schneller. Kamelle und andere nützliche Gegenstände wie Kappen, Winkhände oder Handy-Pads fürs Auto werfen sie auch.

Dann die Polizei-Motorräder, die Abschleppwagen, die Materialwagen, der medizinische Dienst, die Zeitnehmer, die Jury, die Rad-Amateure, die auch mal Applaus haben wollen und ihn auch bekommen, und natürlich die schreibende, filmende und fotografierende Zunft auf ihren Motorrädern. Wichtige, aber dem Mann auf der Straße nicht bekannte Menschen sitzen in Sponsoren-Autos und blicken staatstragend drein.

Wenn es ernst wird, merkt man das sofort. Erst wird es still, wie vor dem großen Sturm. Dann wieder Polizeimotorräder mit Blaulicht, dann der Wagen, der auf großem Schild offiziell anzeigt, dass jetzt ein Radrennen folgt, denn Ordnung muss auch im Ausland sein. Und dann die Hubschrauber. An ihrem dumpfen Knattern hört man, wo sich das Drama gerade abspielt und dass die Helden der Landstraße jetzt wirklich kommen. Wo die Hubschrauber sind, da sind die ersten von denen, die jetzt schon 150 oder 200 Kilometer und 3- oder 4000 Höhenmeter in den Beinen haben, darunter vier oder fünf 20%-Anstiege, die sie Wände nennen, weil sie wie eine Wand vor einem stehen. Leute, die wirklich Überirdisches leisten und dafür kaum mehr bekommen als ein anständiger Fußballer für einen einzigen Tritt gegen den Ball. Alles spindeldürre, wenn nicht ausgemergelte junge Kerle, denen das alles nichts auszumachen scheint, denn manchmal unterhalten sie sich noch, als würden sie einen Parkspaziergang machen.

Tja, und dann sind sie wirklich in ein paar Sekunden vorbei, denn sie fahren auch nach 200 Kilometern noch schneller als ein Auto im Stadtverkehr.

Man muss das nicht mögen, und man muss sich nicht dafür interessieren, aber es gehört zur Kultur und zu den wichtigsten Ereignissen im belgischen und holländischen Grenzland. Vom Amstel-Gold-Race über den Flèche Wallone bis zu Lüttich-Bastogne-Lüttich, dem über 100jährigen Ein-Tages-Klassiker schlechthin. Alles in einer einzigen Woche abgewickelt, oder für Pedanten: in 8 Tagen. Das wird natürlich auch im TV übertragen, aber Life is live, und das hat was, was das Fernsehen nicht hat. Allein der Geruch! Einen der schönsten Abschnitte haben wir direkt vor der Tür, nämlich die Serpentinen am Dreiländereck. Schnell zu erreichen auch der brutale Gulpener Berg. Aber auch die Mauer von Huy ist im Bereich eines netten Tagesausflugs.

Und wie kam ich jetzt darauf? Bin wohl etwas abgewichen. Das liegt vielleicht daran, dass man von der „Mur de Huy“, meinem Lieblingsplatz, die nahen Kühltürme von Tihange so gut sehen kann. Und beim Rumstehen so viel Zeit hat, sie zu betrachten.

Da kann man schon ins Grübeln kommen. Etwa über die allerkritischsten Kritiker der allerkritischsten Magazine, die im Schutze ihrer Ersatzreligion ADAC nach Tihange reisen und dann die deutscheste aller deutschen Ansichten verkünden, nämlich dass ein Bauwerk vor allem von außen schön aussehen muss. Keiner, der nicht erst mal ein paar Eimer Farbe für die Kühltürme empfieht. Wie das schon aussieht! Wie kann Huy nur so pfui sein!

Niemals werden sie verstehen, dass der Frankophone nicht mit der äußeren Hülle glänzen will. Er lebt schließlich für sich und nicht für andere, lässt es draußen ruhig abblättern und macht es sich lieber drinnen schön. Also jetzt nicht im Kraftwerk, aber auch da schaut er nicht zuallererst auf den schönen Schein. „Wie’s drinnen aussieht, geht niemand was an“ ist bekanntlich ein Wiener Motto.

Mich fröstelt immer etwas, wenn sich alle so völlig einig sind und selbst der Kaiser keine Parteien mehr kennt, sondern nur noch Deutsche. Es wäre sicherlich besser, wenn die Dinger nicht da stehen würden. Und hoffentlich kommen sie bald genauso weg wie alle anderen. Achtzehn Schrottreaktoren, deren Laufzeit jetzt wieder verlängert wurde, laufen allein in der Ukraine – war da nicht mal was? Und wie ist es mit den deutschen? Gerade wurde in Grundremmingen ein Computervirus entdeckt. Warum hört man da selten was? Weil alles so perfekt ist, oder weil zum Beispiel bei RWE die Gesellschaft der Kommunen größter Einzelaktionär ist? Wann klagt die Städteregion gegen die aktuell acht deutschen Meiler? Aber die sind ja deutsch, also sicher. Und bestimmt auch von außen schön angestrichen. Und draußen ist auch schön gekehrt, denn das ist doch der Deutschen liebstes Sprichwort: Jeder kehre vor seiner eigenen Tür.


 

Heinrich Schauerte

Dr. Heinrich Schauerte, geboren 1946 in Aachen. Volksschule Hanbrucher Straße unter Lehrer Jers (der mit dem Holzbein und dem flinken Lineal). Abitur am KKG unter dem legendären Lehrer Emunds (der mit der Pimmelakei). „Wehrersatzdienst“ in Kölner Klapsmühle unter Oberschwester „Feldwebel“ Gertrud. Studium der Germanistik, Psychologie, Philosophie in Aachen. Promotion unter Prof. Schneider-„Schwerte“ (der mit dem Hakenkreuz).

Werbetexter, Pressesprecher, Journalist. Dichtungen aller Art.

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