Interview mit David Hansemann (1790 – 1864)

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Er ist ins Abseits geraten. Der, der früher den Platz, der seinen Namen trägt, beherrschte. Früher, als der Platz noch ein Schmuckstück und nicht ein viel befahrener Verkehrsknotenpunkt war. Da hatte David Hansemann seinen Standort inmitten einer Blumenrabatte, die von einem schmiedeeisernen Gitter umgeben war. Seit den 1960-ger Jahren, als dem Auto in der Stadt die absolute Priorität eingeräumt wurde, steht er nun am Ende der Monheimsallee, unbeachtet von den Autofahrern, die rechts und links an ihm vorbeibrausen.

Da hat die Stadtplanung dir ja ziemlich übel mitgespielt. Warst du nicht sauer, als du einfach von der Mitte des Platzes weggeschafft wurdest?

Ich bin Kummer gewöhnt. Schon ehe überhaupt mein Standbild geschaffen wurde, waren die Stadtväter zerstritten. Einige waren dafür, andere dagegen. Schließlich siegten die, die dafür waren, aber erst nachdem die Aachener Feuerversicherung einen Großteil der Kosten übernommen hatte.

Wann war das?

Das war 1884. Ich weiß es noch, als wäre es heute. Ich war schon zwanzig Jahre tot und hatte  gar nicht mehr damit gerechnet, dass die Stadtväter sich noch einigen würden.

Was sagten die, die gegen dein Denkmal waren?

Nun, es gab Leute, die meinten, ich sei ein Kapitalist gewesen. Die Aachener Feuerversicherung hätte ich nur gegründet, um daraus Kapital zu schlagen. Sie hatten dabei übersehen, oder wollten es nicht sehen, dass ich gleichzeitig  den „Verein zur Förderung der Arbeitsamkeit“ gegründet hatte, der durch die Rendite der Feuerversicherung finanziert wurde.

Und was waren die Argumente pro Denkmal?

Ich kann wohl mit Stolz sagen, dass es ohne die Zuwendungen der Aachener Feuerversicherung die heutige RWTH nicht gäbe. Das erkannten auch die Befürworter.

Aber ausschlaggebend war doch etwas ganz anderes, oder?

Ich habe mal in einem Buch über mich gelesen, dass meine, im wahrsten Sinne des Wortes, bahnbrechenden Aktivitäten dem Eisenbahnbau gegolten hätten. Ja (schmunzelt), das war wirklich eine Revolution. Die Eisenbahnlinie Köln – Antwerpen sollte großflächig um den Aachener Talkessel herum geleitet werden, weil die Strecke über Aachen länger und somit teurer gewesen wäre. Ich bin damals als Vertreter der Handelskammer nach Berlin gereist und hatte ein Gutachten und einen Finanzierungsplan dabei. Dadurch konnte ich beweisen, dass die schwierige Tallage Aachens durch einen Viadukt in Burtscheid ausgeglichen werden könnte.  Das hat die da in Berlin genau so überzeugt wie viele Jahre später die Befürworter für mein Denkmal.

Wäre Aachen damals bei der Eisenbahnplanung übergangen worden, die wirtschaftlichen Folgen wären verheerend gewesen.

Wem sagst du das? Die Aachener haben die Einweihung der Linie Köln –  Aachen  dementsprechend pompös gefeiert. Um 6.00 Uhr fuhr ein Sonderzug mit den geladnen Ehrengästen – darunter alle Aktionäre – nach Köln. Dort bestiegen gegen 10.00 Uhr 1.400 Teilnehmer die 29 geschmückten Waggons, die von drei Loks gezogen wurden. Von den Klängen der Musik  begleitet, fuhr der Zug ab. In Aachen gab es dann Opern – und Theateraufführungen, Kutschfahrten, Feuerwerk und allerlei Volksbelustigungen. Das war im Jahre 1841. Der Zug verkehrte 2 x täglich von Aachen nach Köln, und 2 x zurück. Die Fahrzeit betrug ca. 3 Stunden.

Bevor du dich in Aachen niedergelassen hast, warst du sieben Jahre lang für eine Monschauer Woll- und Tuchfabrik in Europa umhergereist. Wie war das Reisen, als es noch keine Eisenbahn  gab?

Das kann sich heute kein Mensch mehr vorstellen. Ich sage dir nur ein Beispiel: die Postkutsche brauchte  für die Strecke Berlin – Aachen, das waren 92 Meilen, 7 Tage und 6 Stunden. Falls du es nicht wissen solltest, eine Meile sind 7,532 km.

Danke! Was ich aber vor allem wissen möchte, wie waren die Zeiten, als du nach Aachen kamst?

Als ich 1817 nach Aachen kam, war diese Stadt durch den Wiener Kongress gerade den Preußen zugeschlagen worden. Diese neue Grenzziehung von 1815 hatte eine wirtschaftliche Krise zur Folge. Aachen hatte unter Napoleon zum Roer-Departement gehört und hatte seine Tuche und Nadeln in Frankreich absetzen können. Dadurch, dass Aachen nun zu Preußen gehörte, war es in die Randlage geraten und von den französischen Absatzgebieten abgeschnitten. Das war umso schlimmer, als der Versand von Waren in das altpreußische Gebiet hohen Einfuhrzöllen unterlag.

Aber das war nicht die einzige Schwierigkeit.

Die technischen Neuerungen waren es, die auch für großen Unmut unter der Bevölkerung sorgten. Gerade in dem Jahr, als ich hier ein Handelsunternehmen gründete, hatte ein Aachener Fabrikant die erste Dampfmaschine zum Betrieb seiner Spinn- und Schermaschinen angeschafft. Andere sollten folgen. Das führte zu Meutereien unter den Arbeitern. Eine Spinnmaschine mit zehn Mann Bedienung leistete nun die Arbeit von bis zu neunzig Personen vor ihr. Ein Stück Gewebe, das zur Herstellung mit der Hand 340 Stunden brauchte, wurde von der dampfbetriebenen Maschine in drei Stunden 40 Minuten hergestellt. So wurden viele Menschen durch den technischen Umschwung arbeitslos.

Die Zeiten waren nicht rosig, aber das von dir gegründete Unternehmen ging gut, wie ich gelesen habe.

Ich hatte eine fünfjährige Lehre und eine siebenjährige Zeit als Comptorist und Reisender hinter mir, ich war sozusagen mit allen Wassern gewaschen, was das Kaufmännische betrifft. Als ich nach Aachen kam, hatte ich genug Erfahrungen gesammelt, zudem  1.000 Taler gespart, das waren günstige Bedingungen, um ein Kommissionsgeschäft zu gründen. Glück hatte ich natürlich auch, auch bei der Wahl meiner Gattin Fanny Fremerey, Tochter eines Tuchfabrikanten aus Eupen, die mir  zwei Söhne und vier Töchter schenkte.

Du warst aber nicht nur Kaufmann, du warst auch Politiker?

Mein Lehrherr, Ferdinand Schwenger aus Rheda, hatte nicht nur ein Handelsunternehmen, sondern war auch Bürgermeister. Das hat mich geprägt. Schon früh hat er mich in seine Amtsgeschäfte eingeweiht.

Wenn ich bedenke, dass Du während Deiner Lehrzeit jeden Morgen um 4 Uhr aufgestanden bist, damit Dein Bruder Karl, der Prinzenerzieher im Schloß des Grafen Bentheim-Tecklenburg zu Rheda war,  Dich unterrichten konnte, dann muss ich feststellen, dass du ein sehr strebsamer Mensch warst.

Für mich war es eine unerhörte Chance. Mein ältester Bruder hatte schon früh meine Elementarbildung übernommen. Da ich nun Handlungsgehilfe in Rheda wurde, konnten wir unsere Studien fortsetzen. Um 4 Uhr stellte ich mich auf dem Schloß ein, um 2 Stunden mit meinem Bruder, der ab 6 Uhr den gräflichen Kindern zur Verfügung stehen musste, zu lernen. Für mich folgte dann ein zehnstündiger Arbeitstag im Geschäft. Und abends lernte ich französisch, englisch und italienisch.

In den Analen deines Lehrortes Rheda ist eine Anekdote über dich zu finden. Dein Biograf Heinz Malangrè schreibt, dass die beweist, dass du zu einer großen Karriere befähigt warst. Willst du uns diese kleine Geschichte erzählen?

Nun gut. Ich bezog nach zweijähriger Lehrzeit die damals seltene Vergütung von 2 Talern. Das ärgerte einen anderen Lehrling, der keinen Pfennig bekam, obwohl er schon ein halbes Jahr länger bei Schwenger arbeitete. Weil er sich beschwert hatte, schickte unser Prinzipal ihn zum Markt. Er sollte feststellen, welche Ladung ein Wagen hatte, der gerade angekommen war. Nach kurzer Zeit kam der Lehrling zurück und berichtete: „Bohnen“.

Dann wurde ich mit demselben Auftrag geschickt. Ich brauchte eine ganze Weile. Als ich zurückkam, konnte ich folgendes berichten: „Auf dem Wagen sind grüne Stangenbohnen, Sorte „Früher Juli.“ Der Verkäufer heißt Bruno Schmitz aus Gütersloh. Er berechnet das Pfund mit einem Groschen. Einen Zentner würde er uns für 7 Mark lassen. Er kann an jedem Markttag 15 Zentner liefern. Heute hat er nur noch einen Zentner auf dem Wagen. Um mit ihnen ins Geschäft zu kommen, will er sie ihnen für 6 Mark den Zentner lassen. Ich habe ihn auf 5 Mark herabgedrückt. Dieses Angebot gilt nur bis 1 Uhr. Es würde ihm eine Ehre sein, Herrn Schwenger regelmäßig zu beliefern.“

Mit diesem Arbeitseifer hast du also 1817 ein Kommissionsgeschäft in Aachen eröffnet. Wie soll ich mir das vorstellen?

Ich kaufte und verkaufte hauptsächlich Wolle. Das Geschäft entwickelte sich so gut, dass ich bald Speicher und Lager anmieten musste. Wie du vielleicht im Geschichtsunterricht gelernt hast, war 1818 der Monarchenkongress in Aachen. Da gehörte ich schon zu den Handelsherren, die die Bälle und Empfänge für die hohen Gäste ausrichteten. Das hat mich eine schöne Stange Geld gekostet. Aber es war auch eine große Ehre für mich.

Apropos „Ehre“, davon hattest du in deinem Leben mehr als genug. Kannst du mir all deine Ämter aufzählen?

Meine Güte, willst du das wirklich alles wissen? Ich war Ratsherr in Aachen, Präsident der Handelskammer, Abgeordneter im rheinischen Provinziallandtag in Koblenz, Vertreter der Rheinprovinz im Vereinigten Landtag in Berlin.

Halt, halt, im Landtag hast du einen Ausspruch getan, der heute noch ein geflügeltes Wort ist, nicht wahr?

„In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf.“ Meinst du das? Das konnte ich natürlich nicht ahnen, dass dieser Ausspruch einmal berühmt werden sollte.

Und nun kommen wir zum krönenden Abschluss deiner Karriere. Erzählst du mir etwas darüber?

Das war im Jahr 1848, da wurde ich durch König Friedrich Wilhelm IV. zum Finanzminister ernannt. Ich wusste mein Aachener Handelsunternehmen gut aufgehoben bei meinen Söhnen Adolf und Gustav und konnte mich ganz der Politik widmen. Das waren erfolgreiche, aber auch  aufregende Zeiten. Ich gehörte zu den Liberalen. Bis dato waren nur Adelige Minister gewesen. Für einen, der aus dem Kaufmännischen kam,  war es  nicht immer einfach. Als der König mich berief, schrieb er „Mein lieber Hansemann“, aber als er mit meinen Reformplänen nicht einverstanden war, und ich meinen Rücktritt einreichte, hat er dem sofort stattgegeben.

Dann begann deine nächste Karriere?

Ja, ich wurde zum Chef der Preußischen Bank ernannt. Aber das war nun wirklich mein letzter Posten. Und ich möchte doch bitten, das Interview zu beenden. Gerade hat sich wieder ein Taube auf meinem Kopf niedergelassen. Die sind manchmal lästig, diese Viecher. Bevor du gehst, könntest du sie vertreiben.

Das tue ich gerne. Abschließend  wünsche ich  Dir, dass die Aachener dich nicht aus dem Gedächtnis verlieren. Auf Wiedersehen.


 

Inge Gerdom

Inge Gerdom, geb. Schieren, Jahrgang 1940, wohnt in Aachen-Brand seit 1973. Studium an der PH Aachen und an der Fernuniversität Hagen, Sonderschullehrerin bis 2005, zwei Söhne (1964 und 1966), zwei Enkel, eine Enkelin.
Seit der Pensionierung:
Aquarell- und Acrylmalerei, von 2000 bis 2013 acht Ausstellungen
Seit 1997 bei „Senioren schreiben für die AN“
Seit 2008 Autorin und Mitglied der Redaktion in SENIO
Seit 1997 ehrenamtlich tätig in der Bücherei des Marienhospitals
Seit 2012 ehrenamtlich tätig bei der AWO Brand (Kurs Gehirnjogging)
2 Kinderbücher (Geschichten vom Leuchtturmwärter Hein) herausgegeben, die in Zusammenarbeit mit den Enkeln Paul und Moritz entstanden sind (erschienen im Kirsch-Verlag 2012 und 2013)

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1 Antwort

  1. Peter Hohage sagt:

    …gut geschrieben

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