Jung und wild

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Sommer 2014, das Theater K verlässt die sagenumwobene Bastei. Bye-Bye, Bastei. Am 16 August eine letzte Party, aus! Was aus der Bastei werden soll, ist noch ungewiss, aber ich denke, der Abbruchunternehmer steht schon bereit. Da fällt mir in diesen Zusammenhang eine Geschichte aus meiner Jugend ein, eigentlich eine ziemlich peinliche Geschichte.

Anfang der 1960er Jahre; wir (ein paar holländische Freunde) stehen an der Schwelle, unsere Kinderzeit hinter uns zu lassen, und schnuppern am Erwachsenwerden. Noch arbeiten die holländischen Gruben in der Umgebung im Vollbetrieb, ein paar meiner Freunde arbeiten sogar dort als Gesellen. Andere, wie ich, die noch studieren, arbeiten während ihrer Ferien in Deutschland und verdienen so etwas Taschengeld. Wir brechen großtuerisch auf in die „Neuzeit“ – Pfadfinder, das war gestern; mit unseren Kreidlers und Zündapps versuchen wir die Mädchen als Amazone aufs Moped zu locken. Hormone kreischen durch unsere Leiber, wir sind jetzt keine Kinder mehr, sondern „halbstark“. Wir vergessen, dass unsere Väter jeden Groschen zusammengekratzt haben, um uns ein Moped zu kaufen. Grubenarbeiter versuchen, ihren Kindern all das zu geben, was sie sich selber nie leisten konnten und wovon sie nur geträumt haben.

Allmählich verlegen wir buchstäblich und bildlich unsere Grenze und über eine Runde durchs Dorf kommen wir ab und zu auch mal nach Deutschland. Insbesondere Aachen zieht uns wie ein Magnet: internationale Stadt und es gibt dort viel zu erleben, die Kneipen sind zahlreich und gastfreundlich. Eines Tages fällt auch der Name Bastei, das soll eine Rotlichtbar sein und dort scheint es sich zu ereignen – was, ist uns nicht ganz klar, aber laut älteren Freunden muss man dort einmal im Leben gewesen sein. Ich kannte Aachen von meiner Familienbesuchen her, also ich sollte uns den Weg dorthin zeigen.

Eines Abends, es ist schon fast Mitternacht, vollziehen wir einen kühnen Plan und parken unsere Mopeds in der Nähe der Bastei. Nicht direkt vor der Haustür natürlich, stell dir vor, es würde uns jemand sehen… Aufgemotzt, Brill-Creme in den Haaren, umgeben von einem Dunst von billigem Parfüm, zӧgern wir, einzutreten und gehen mindestens zehmal am Gebäude vorbei, das Herz rutscht uns in die Hosen. Das halbrunde Gebäude in gelbem Ziegelstein, eine uneressliche Neonbeleuchtung, schreckt ab. Nein, so wird das nichts, in einer Kneipe in der Nähe trinken wir ein paar Bierchen, das hätten wir lieber bleiben lassen, nicht wegen dem Bier, aber so fehlten uns wieder ein paar unentbehrliche Mark, wie sich später herausstellen würde.

Trotzdem gehen wir schließlich in geschlossenem Verband hinein, beim Eingang steht ein stämmiger Türsteher. „Wie alt?“, fragt er auf Stakkato-Art und mustert uns von Kopf bis Fuß. „Achtzehn“, lügen wir im Chor. Der Mann hat wohl von der Geschäftsführung den Auftrag erhalten, den Umsatz nicht zu behindern, und lässt uns rein. Vorbei an einem schwarzen Veloursvorhang, stehen wir plӧtzlich in einer Art runden Bar, rotes und blaues Licht überall, man kann kaum etwas erkennen, niemand scheint sich um uns zu kümmern. „Jetzt bloss normal benehmen“, reißen wir uns zusammen. Wir haben feuchte Hände vor Aufregung. Unsere erste Wahrnehmung, das ist doch nicht so schlimm, das Publikum, überwiegend ältere Männer in angeregtem Gespräch mit spärlich bekleideten Bardamen. Hinter der Bar ist eine kleine Tanzfläche, und dort wird es wohl geschehen, was? Wir haben keine blasse Ahnung und langsam und so unauffällig wie möglich bewegen wir uns nach hinten.

Noch bevor wir Platz nehmen können, bekommen ein paar Bardamen uns zu Gesicht und mit überbordendem Charme fragen sie uns: „Na, gebt ihr einen aus?“. Wir sind total verblüfft und bestellen für die Damen einen Cocktail und für uns ein Bier, die Damen stoßen provozierend an.

„Sekt“, ruft plötzlich einer von uns erschreckt, „wisst Ihr, was das Zeug kostet?“ Panik, absolute Panik macht sich breit, wir retten uns aus dieser heiklen Situation, indem wir uns gemeinsam auf die Toilette verduften. Dort zählen wir emsig unser Geld und kommen zu der Schlussfolgerung, dass es uns am nötigen Kleingeld fehlt, wir sammeln alles zusammen, es reicht nur knapp. Der Abzug wird schleunigst angetreten, beim Abrechnen stellt sich heraus, dass ein Glas Sekt (oder was immer es auch war) tatsächlich 30 DM kostet. Der Türsteher schaut uns grinsend an: „Das war aber ein kurzer Besuch“, und wir wissen nicht, wie schnell wir nach draußen kommen. Den großen Akt, die Stripteasenummer, wovon jedermann sprach, haben wir nicht mal mitbekommen. Während unsere Rückfahrt nach Holland sprechen wir kein Wort, die Bravour ist der Scham gewichen.

Aber immerhin, wir waren in der Bastei gewesen, wir gehörten jetzt zu den Männern. Übrigens sind wir nie wieder dort gewesen – Kleingeld aus der Hosentasche auf der Toilette zu zählen war doch wohl eine zu peinliche Erfahrung. Später haben wir unser Abenteuer mit anderen Freunde ausführlich besprochen, wir, die „Eingeweihten“, wir, die Männer; unsere Blamage haben wir dabei wohlweislich verschwiegen.

Wir waren jung, gewiss, und auch wild, aber nur in unseren Köpfen…

Mit der Bastei verschwindet wieder ein nostalgisches, historisches Stück aus Aachen, hoffentlich wird sich eines Tages jemand die Zeit nehmen, um die Historie der Bastei aufzuzeichnen.


 

Pieter Schmitz

Pieter Schmitz, geboren 1946 in der ehemaligen Gemeinde Ubach over Worms, seit 1982 Landgraaf (NL). Studierte Machinenbau und Umwelttechnik in Heerlen, HRM und Changemanagement in Noordwijk und Jura an der Uni Maastricht (Mr.). Seit 2003 selbstständiger Unternehmersberater. Mitglied im Aufsichtsrat zweier mittelgroßer niederländischer Unternehmen.

Freizeit: General Secretär Euregionale Bockreitergenossenschaft und Vorstandsmitglied bei einem lokalen Fernsehsender. Musik (passiv): Wagner und Apocalyptica.

Was ihn mit Aachen verbindet? Zwischen 1895 und 1920 arbeiteten und wohnten seine vier Großtanten in Aachen, eine ist in Aachen geblieben. Als Jugendlicher immer wieder mit seinen Eltern in Aachen zu Gast, als die Mutter in 1977 starb, wurden die Kontakte weniger, aber seit den 1990er Jahren immer wieder ӧfter und auf Spurensuche in Aachen. Diese besondere Stadt hat ihm nie wieder losgelassen und er fühlt sich als holländischer Ӧcher.

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