Kriegskindheit – Erinnerungen meines Vaters

Mein Vater Josef wurde als drittes Kind von Johann Quirin Haas, genannt Schang, und seiner Frau Elise Florentine, genannt Lissjen am 16.4.1931 in Aachen geboren.

Zunächst wohnte die Familie in der Franzstr., Haus Nr. 32, in der Höhe des früheren Moselhäuschens, heute Gasthaus zum Goldenen Schwein, gegenüber vom damaligen Bavaria – Kino. Man wohnte auf der 2. Etage und da es noch keinen elektrischen Strom gab, dienten abends Petroleumlampen als Lichtquellen. Wenn man abends erst spät nach Hause kam, musste man durch einen langen, dunklen Flur gehen und sich eine steile Holztreppe hinauf tasten, denn eine Treppenhausbeleuchtung gab es noch nicht.

Übrigens stand in der unteren Franzstraße, dort wo sich heute der Media-Markt und das Globus-Center befinden, damals ein großes Kloster, das von einer hohen Steinmauer umgeben war.

Erst ein paar Jahre später, nach dem Umzug in die Bergstraße, Haus Nr. 12, bekam die Familie elektrischen Strom und die Beleuchtung der Wohnung wurde einfacher. Den Strom benötigte man auch zum Hören des Volksempfängers (Radio), der zu der damaligen Zeit in fast allen Familien vorhanden war. Ein weiterer Luxus in der Wohnung war ein „Klo“ im Haus. Von der 1. Etage musste man eine Treppe runtergehen und dort befand sich das „stille Örtchen“, das man mit dem Ehepaar Glück, das ebenfalls im Haus wohnte, teilen musste. Die Glücks waren ältere Leute, die sich ein paar Mark durch Heimarbeit dazu verdienten, man sah sie oft Knöpfe auf Kärtchen aufnähen.

Josef musste oft zusammen mit seiner älteren Schwester Henny das Geld für die Miete beim Vermieter, Herrn Lambertz, in der Hermannstraße abgeben, der dort ein Schreibwarengeschäft besaß. Die Wohnungsmiete betrug 20,10 Mark und wenn Herr Lambert gute Laune hatte, schenkte er den Kindern den Groschen.

Im Haus nebenan befand sich die Frittenbude „Fischer“ bekannt für ihren guten Sauerbraten und ihr leckeres Eis. Josef half schon mal beim Drehen der Eismaschine, dafür bekam er dann ein Gratis- Eis. Später als der Vater während des Krieges auf Fronturlaub kam, holte man immer bei „Fischer“ Sauerbraten mit Fritten, und in der Gastwirtschaft „Im Knipp“ einen Siphon Bier am Ausschankfenster, zur Feier des Tages.

Bei Fischer gab es auch Süßigkeiten zu kaufen, die in großen Bonbongläsern auf der Theke standen. Für ein paar Pfennige kaufte Josef sich entweder Dauerlutscher, Lakritze, Hustelinchen, Nougatblöcke oder Storck-Bonbons. Er liebte Süsses und hatte fast ständig etwas in der Backentasche. Besonders beliebt war auch Lakritzwasser, das selber hergestellt wurde. Eine Stange Lakritz wurde in kleine Stücke geschnitten, in eine Flasche gegeben und mit Wasser aufgefüllt. Nach einiger Zeit und vielem Schütteln färbte sich das Wasser tiefschwarz. Oft sah man Kinder auf der Straße mit ihren Lakritzfläschchen stehen und diese ständig schütteln. Das Wasser wurde nicht getrunken, sondern lediglich der Schaum wurde abgeschleckt.

In der Bergstraße wohnten damals fast nur katholische Familien, und weil die katholischen Kinder nicht mit den evangelischen zusammen spielten, litt besonders Henny darunter hier keine Freundinnen zu finden. Deshalb ging sie oft Richtung Markt, um dort ihre Freundin Rosi, die in der Kockerellstraße wohnte, zu treffen. Mit ihr zusammen fuhr sie gerne Rollschuh auf dem Marktplatz oder auf dem Katschhof.

Die Wohnung Bergstraße 12 war relativ groß (4 Zimmer), aber was für uns heute undenkbar ist, es gab kein Badezimmer. Allerdings fand trotzdem jeden Samstag der große Badetag statt. Auf dem Kohlenherd in der Küche wurde ein großer Waschkessel aufgesetzt und Wasser heißgemacht, das anschließend in die große Zinkwanne geschüttet wurde und durch Zugabe von kaltem Wasser auf die richtige Badetemperatur gebracht wurde. In dieser Wanne wurden nacheinander alle Kinder von der Mutter geschrubbt.

Einmal an einem solchen Badetag trug sich Folgendes zu. Der kleine Josef, vielleicht 4 oder 5 Jahre alt, wurde nach dem Baden aus der Zinkwanne gehoben, in ein Badetuch eingewickelt und neben den Herd in der Küche auf einen Stuhl gestellt, damit die Mutter ihn besser trocken rubbeln konnte. Hier neben dem Herd war es schön warm (eine Heizung gab es ja noch nicht) und das Badetuch konnte hier auch herrlich vorgewärmt werden. Wie es dazu kam, weiß er nicht mehr, aber Josef setzte sich hin, und zwar nicht etwa auf den Stuhl, nein, sondern auf die heiße Herdplatte und verbrannte sich den Allerwertesten. Das ist aber nicht das einzige „Ammeröllchen“, das Josef uns aus seiner Kindheit und Jugend erzählen kann.

Vielleicht sollte man den Küchenherd noch etwas näher beschreiben, den man früher in fast allen Haushalten vorfand. Es war ein Eisenkohlenherd (oft von der Firma „Senking“) mit einem gekachelten Aufsatz. Auf dem Aufsatz befand sich eine vernickelte Ablage, wo oft zur Dekoration zwei oder drei Nickelkessel standen und ein Topf mit dem Putzzeug für die Herdplatte. Die Herdplatte musste jeden Tag geschmirgelt werden, damit sie schön blank aussah, denn vom Heizen lief sie rot-blau an. Dieser Herd wurde jeden Tag beheizt, im Sommer und Winter, denn hierauf wurde auch das Essen gekocht. Neben der Herdplatte befand sich das sogenannte Wasserschiff. Es war ein großes Nickelgefäß mit Deckel, das ständig mit Wasser gefüllt war, so dass man immer einen Vorrat an warmem Wasser zum Waschen oder Kochen hatte. Aus dem Wasserhahn (die einzige Wasserstelle befand sich im Hausflur auf der 1. Etage) kam ja nur kaltes Wasser! Beheizt wurde dieser Herd mit Briketts, Eierkohlen oder mit Kohlenschlamm, die beim Kohlenbauer bestellt und angeliefert und dann im Keller gelagert wurden. Der Kohlenschlamm war die billigste Heizquelle, Kohlenstaub wurde dabei mit Wasser zu einer Art Brei verrührt (ähnliche Konsistenz wir Quark, nur in schwarz) und dann im Herd angezündet, der Staub allein brannte nicht. Diese Küchenherde hießen in Aachen „Fornois“ und waren der Stolz jeder Hausfrau, wenn sie schön blank waren und glänzten.

Im Winter zu Erkältungszeiten stand immer ein Topf mit einem ganz besonderen Sud auf dem Küchenherd. Es handelte sich um eine Mischung aus gekochten Zwiebeln, Lakritz, Wasser und Kandiszucker, die stundenlang gekocht und bei Husten esslöffelweise verabreicht wurde. Dieser „Hustensaft“ schmeckte nicht schlecht und gewirkt hat er auch. Weniger beliebt war der tägliche Löffel mit der weißen Lebertranemulsion, die die Kinder, zur allgemeinen Stärkung und wenn es im Winter wenig frisches Obst gab, bekamen. Ein weiteres Mittel, das nach überstandener Krankheit wieder fit machen sollte, war Malzbier verschlagen mit einem rohen Ei.

Die Familie Haas war bis auf den katholischen Vater evangelisch und die zuständige Kirche war die Annakirche in der Annastraße. Sonntags ging Henny oft allein mit dem kleinen Josef dort in die Messe. Sie war ja die große Schwester und sollte auf ihren kleinen Bruder aufpassen, Heinz war ja noch ein Baby und blieb bei der Mutter zu Hause. Einmal auf dem Weg zur Annakirche kamen Henny und Josef am Dom vorbei. Am Klosterplatz, in der Höhe des Eingangs zur Domschatzkammer riss Josef sich von Hennys Hand los und lief über die Straße und genau vor ein vorbeifahrendes Taxi. Der Krankenwagen kam und dieser Ausflug endete mit einem Aufenthalt in den Städtischen Krankenanstalten in der Goethestraße (Vorläufer des heutigen Klinikums) wo Josef wegen einer schweren Gehirnerschütterung behandelt werden musste.

Das war allerdings nicht der erste Krankenhausaufenthalt von Josef. Schon als kleiner Knirps machte er damit Bekanntschaft, als er eine Erkrankung an Diphtherie dort auskurieren musste. Bei dieser schlimmen Kinderkrankheit wurde er in einem Pavillon separat untergebracht und durfte wegen der großen Ansteckungsgefahr, keinen Besuch bekommen. Seine Mutter, durfte er nur durch ein Glasfensterchen sehen, wenn sie ihn besuchen kam, die Erlaubnis dazu bekam sie sonntags, mittwochs und freitags von 15.00 bis 16.00 Uhr.

Noch bevor Josef in die Schule kam, unternahm er zusammen mit dem dreijährigen Nachbarsmädchen einen Ausflug zum nahe gelegenen Lousberg. Unbemerkt von allen Erwachsenen machten sich die beiden auf den Weg, um die Umgebung zu erkunden, vielleicht wollten sie auch nur zum Spielplatz oder zum Wasserturm. Als das Verschwinden der beiden Kinder bemerkt wurde, machte sich Vater Haas auf die Suche, dabei wurde er an der Kreuzung Bastei von einem Auto angefahren und erlitt einen Schlüsselbeinbruch. Josef und seine Freundin überstanden den Ausflug unverletzt.

Josef kam in den evangelischen Kindergarten in der Alfonsstraße, der von Ordensschwestern geleitet wurde. Dort ging er ganz allein hin, sein Weg führte über den Hansemannplatz und den Kaiserplatz. Viel Verkehr gab es ja damals noch nicht, aber trotzdem war das schon eine große Leistung für ein so kleines Kind. Mit der „Tram“, der Straßenbahn, konnte er nicht fahren, das war zu teuer.

Im Kindergarten gab es eine große elektrische Eisenbahn, die durch alle Räume fuhr. Die Anhänger waren so groß, dass die Kinder sich hineinsetzen und mitfahren konnten. In einem Schlafsaal befanden sich ca. 50 Liegestühle, auf denen die Kinder mittags ein Schläfchen halten mussten. In der Küche wurde ein warmes Essen gekocht und zu trinken gab es Eichelkaffee.

Nachdem Josef einmal in der Karnevalszeit Kracher mit in den Kindergarten genommen und sie dort angezündet und hatte explodieren lassen, gab es große „Schimpfe“ von den Ordensschwestern und Josef weigerte sich danach weiter in den Kindergarten zu gehen.

Als Josef 6 Jahre alt wurde kam er in die Gneisenauschule in der Annastraße (heute evangelische Grundschule Annastraße). Hier verbrachte er die beiden ersten Schuljahre. An vieles aus dieser Zeit kann er sich nicht mehr erinnern, aber wohl an den großen Waschraum mit Dusche, der sich im Keller der Schule befand. Eine Dusche war damals schon etwas Besonderes und die Schulkinder durften einmal in der Woche hier duschen gehen.

Am Wochenende besuchten die Kinder Henny, Josef und Heinz oft ihre Großeltern. Bei Oma Lynen (der „großen Oma“, weil sie sehr groß war) (verw. Bachmann), der Mutter der Mutter, ging man sich sonntags in der Heinzenstrasse das Sonntagsgeld abholen. Es gab in der Regel 5 Pf, die Josef fleißig sparte, damit er sich sein großes Vergnügen, nämlich einen Kinobesuch leisten konnte. Der Eintritt ins Kino kostete damals 30 Pf, das bedeutete 6 Wochen sparen, um einmal ins Kino zu gehen.

Ganz besonders gern sah Josef sich Western an. Besonders gut hat ihm der Film „Die Schlacht am blauen Berge“ gefallen. Aber auch Kriegsfilme wie „Stuckas“ oder „Heimwärts“ sah er sich an. Josef besuchte öfters das Kino „Scala“ in der Großkölnstraße, das sich gegenüber vom heutigen Musikhaus Hogrebe befand. Es wurde auch der „Flohhuck“ (Flohecke) genannt, vielleicht weil es so klein war. Manchmal reichte das Geld nicht für einen Kinobesuch, und Josef versuchte dann auf anderem Wege seine geliebten Filme zu sehen. Am Ende jeder Vorstellung wurden die Türen am Hinterausgang in der Antoniusstraße geöffnet, damit die Besucher das Kino hier verlassen konnten. Josef schmuggelte sich hier herein und versteckte sich auf der Toilette bis die nächste Filmvorführung begonnen hatte und setzte sich dann im Dunkeln auf einen freien Platz.

In der Franzstraße befand sich das Lichtspieltheater „Bavaria“. Vor dem eigentlichen Film wurde hier immer eine kurze Varietéshow auf der Bühne gezeigt. Einmal wollte Josef sich als kleiner Junge den Film „Ich schenk dir einen bunten Luftballon“ ansehen. Er war allerdings zu jung, um alleine ins Kino zu dürfen. Eine junge Frau, die sich ebenfalls für den Film mit Marikka Rökk interessierte, hatte wohl Mitleid mit ihm und gab Josef als ihren Sohn aus und nahm in mit in die Vorstellung.

Bei Tante Adele, die auf der Jülicher Straße wohnte, die aber keine richtige Tante war, sondern nur eine Freundin der Mutter, gab es auch schon mal Sonntagsgeld. Die Tante Adele war dann oft recht großzügig und es gab auch schon mal einen Groschen! Sie war eine echte „Teetante“, wie andere Tanten Kaffee tranken, stand bei ihr stets eine Teekanne auf dem Tisch.

Und zu Opa Christian und der „kleinen Oma“ Ida (kleine Oma, weil sie eben sehr klein war), sie hatten ein Häuschen in der Nähe des Westbahnhofs, im Seffenter Weg 1, ging man besonders gern hin, weil sie eine Unmenge Kaninchen hatten, die man füttern und streicheln konnte.

Opa Christian war Gärtner und arbeitete in der Gärtnerei am Seffenter Weg. Neben seinem Wohnhaus befand sich eine große Lagerhalle, wo Kirmeswagen, Karussells und Zubehör untergestellt waren. Dort streifte Josef mit Vorliebe herum und kundschaftete alles aus. Gerne besuchte Josef auch seinen Onkel Hermann Bachmann, den Bruder seiner Mutter. Er war von Beruf Grubenarbeiter und lebte mit seiner Frau Änne und den vier Kindern in der Ottostraße 73. Vetter Heinz sammelte die Bilder aus den Zigarettenschachteln der Marke „Eckstein“ und „Schwarz-Weiß“ und die „Doppelten“ schenkte er immer Josef, wenn er kam. Auf diesen Sammelbildern waren z. B. „Fahnen aus aller Welt“ oder berühmte Persönlichkeiten aus Politik und Film zu sehen, z. B. der „Alte Fritz“. Diese Bilder lagen damals als Beigabe in jeder Zigarettenpackung. Wenn man einen kompletten Satz zusammen hatte, bekam man im Tabakwarengeschäft kostenlos ein Sammelalbum, in das man die Bilder einkleben konnte. Während des Krieges wurde Onkel Hermann verhaftet und er wurde nie wieder gesehen. Josef hörte nur Gerüchte, er sei Kommunist gewesen und in ein Lager gesteckt worden.

In der Nähe von Oma und Opa Haas befand sich auch der Schrebergarten der Familie Haas in der Gartenkolonie am Muffenter Weg, ungefähr dort wo sich heute die Moschee befindet. Um sich etwas zu verdienen, sammelte Josef mit seinem Vater im Wald Buchenreisig, das sie dann mit Hilfe eines Bollerwagens in die Gartenkolonie transportierten. Dort stellten sie ein Schild auf: „Reisig zu verkaufen!“ und verkauften es an interessierte Gartenfreunde, die es benutzten um daran die Erbsenpflanzen anzubinden. Wenn die Stachelbeeren reif waren und in großen Mengen an den Büschen hingen, pflücken die Kinder sie und verkauften sie an ein Lebensmittelgeschäft, das sie dann teurer an seine Kundschaft weiterverkaufte.

1938, Josef war inzwischen 7 Jahre alt und besuchte das zweite Schuljahr, ging am 9. November vormittags die Meldung durch die Klassen: „Die Synagoge brennt!“. Der Unterricht wurde abgebrochen und Josef lief mit etlichen anderen Kindern Richtung Promenadenstraße, um zu sehen, was es mit dem Brand auf sich hatte. Schon von weitem konnte er eine große Menschenmenge sehen und Rauch, der zum Himmel aufstieg. Das jüdische Gotteshaus war großräumig abgesperrt worden und überall standen Polizei- und Feuerwehrleute. Aber schon dem kleinen Josef fiel auf, dass hier etwas nicht stimmte. Die Feuerwehrleute hielten ihre Löschschläuche auf die Privathäuser rechts und links neben der Synagoge, um zu verhindern dass die Flammen übergriffen, aber auf die Synagoge selbst wurde kein Löschwasser gespritzt.

In der Aachener Presse konnte man am 10.11.1938 über die Ereignisse folgende Darstellung lesen: “(…) „Antijüdische Aktionen auch in Aachen“ (…) auch in Aachen (kam es) im Laufe der Nacht zu spontanen antijüdischen Aktionen, wobei auch die Schaufenster jüdischer Geschäfte zertrümmert wurden. Im Laufe der Nacht zwischen 2 und 3 Uhr brach in der jüdischen Synagoge Feuer aus, das trotz der Löschversuche der Feuerwehr bis in die Morgenstunden anhielt. Ein Übergreifen des Feuers auf umliegende Häuser konnte verhindert werden“

Diese Darstellung in der Presse wurde jedoch von vielen Bewohnern der Stadt nicht geglaubt, konnte nicht geglaubt werden, da Augenzeugen die Ereignisse an der Synagoge vor dem Brand beobachtet hatten. Bei den „spontanen“ Aktionen handelte es sich vielmehr um von den Nazis geplante Ausschreitungen gegen die jüdischen Aachener.

(Fragen Erinnerungen Spuren sicher: zum Novemberpogrom 1938, Alano-Verlag 1992, Hrsg.: Annemarie Haase)

Nicht nur die Synagoge wurde in Brand gesteckt, sondern auch viele jüdische Geschäfte wurden zerstört und geplündert, die Auslagen oft auf die Straße geworfen, 69 jüdische Aachener wurden durch SS und SA verhaftet.

Zu den zerstörten Geschäften in Aachen gehörten u.a.: Schuhhaus Speyer, Konfektionshaus Stern, Konfektionshaus Marx, Konfektionshaus Winterfeld, Bettenwarengeschäft Seelmann, Gummiwarengeschäft Saul, Engrosgeschäft Beer, Restaurant Schild.

Viele jüdische Geschäftleute wurden gezwungen, ihre Geschäfte zu Schleuderpreisen abzugeben und Deutschland zu verlassen, um einer Verhaftung zu entgehen.

Als Josef 8 Jahre alt war und ins dritte Schuljahr kam, wechselte er zur Schule St. Nikolaus am Sandkaulbach 13-15, der damals der Rektor Braun vorstand, diese Schule war nicht mehr nur evangelisch, sondern konfessionell gemischt. Streng geteilt war sie allerdings in einen Jungen- und einen Mädchenbereich. Selbst der Schulhof war geteilt, so gab es einen Schulhof nur für Mädchen und einen nur für Jungen, der durch eine Mauer getrennt war. Jetzt war der Schulweg nicht mehr so weit wie bis zur Annastraße. Josef ging also in eine reine Jungenklasse und an einige Namen von Mitschülern kann er sich noch erinnern, z. B. waren da Franz Schell, Robert Koch und Heinrich Franzen, genannt „Heini“. Wenn sich Josef nachmittags mit Heini zum Spielen treffen wollte, ging er zu dessen Wohnhaus in der Bergstraße und stellte sich unters Fenster und rief zur ersten Etage hinauf: „Heini von Franzen! Kommst du runter?“ Die Wohnhäuser hatten keine Klingeln und rufen war die einfachste Methode sich bemerkbar zu machen.

Josefs Lieblingsfächer in der Schule waren Erdkunde und Rechnen. In der Pause holte Josef sich nebenan beim Bäcker oft für 5 Pf eine „Scheämull“, ein süßes Brötchen mit Zuckerguss und Rosinen.

In einem Gedicht des alten Aachener Heimatdichters Hein Görgen wird eine „Scheämull“ beschrieben.

De Scheämull

Dich Backes, jellt mi Leddche,
dich, Scheämull, söß än weäch,
du maangs, leiv Öcher Bröttche
met Krente en der Deäg.
Moeg alles Schönns verplacke,
die Stadt steäht bovvean,
woe me de Scheämull backe
än extemiere kann.
Scheerbecke, opjehange
An der Balbutz sing Dör,
du Hass Modell jestange
an joevs ding Form derför.
Der Kloesmann, met sing Eäde,
könt ouch uus Scheämullaat,
heä än de Scheämull weäde
uus enge Deäg gemaht.
Ov lang der Weig, ov kotter,
sei fenge at noeh heäm,
der Kloesmann met jett Botter,
de Scheämull met jett Seäm.
Weä ajjen Worm jebore,
deä priist sing Heämetstadt,
woe heä sing Scheämullsjohre
als Kenk sue jeär jehatt.
Deä paaßt en ose Jade
Deä vööl van Oche hält,
deä en der Bäckerlade
sich Prent än Scheämull jellt.
Ühr könnt de Welt ömrulle
Vür Öcher sönd bekannt,
datt vür van alle Mulle
de beiste Scheämull hant.

Zurück zur Schule: Schulschwimmen fand im Schwimmbad am Kaiserplatz statt. Viele Hausaufgaben gab es nie auf, und die wenigen erledigte Josef zusammen mit Heini Franzen auf der Treppe vor der Haustür mit den Schultaschen auf den Knien. Bei Fliegeralarm, der nun auch immer häufiger vorkam, versammelten sich die Schüler mit den Lehrkräften im Keller der Schule, ein großes Gewölbe mit vielen Pfeilern.

Josef konnte nicht gut einfach nur zu Hause sein, ihn trieb es immer nach draußen, er brauchte Bewegung und frische Luft. Deshalb war es auch kein Wunder, dass er Mitglied bei den Pfadfindern wurde, denn dort war immer etwas los. Hier hatte er viele Kameraden, mit denen er zusammen Sport treiben und wandern konnte. Gut erinnert Josef sich noch an die verschiedenen Zeltlager. Bei einem Zeltlager am Hariksee schlief er einmal in der prallen Sonne ein und als er nach langer Zeit aufwachte, hatte er nicht nur einen schlimmen Sonnenbrand, sondern auch einen schrecklichen Durst, sein Körper war kurz vor dem Austrocknen. In einer nahen Wirtschaft trank er in seiner Not 10-15 Gläser „Wasserbier“ hintereinander.

Im Sommer ging Josef gerne ins Freibad Hangeweiher schwimmen. Um die 10 Pf für den Eintritt zu sparen benutze er auch manchmal den Weg „hinten durch den Zaun“. In der heißen Jahreszeit sah man oft den Pferdekarren der Eishandlung Koelmann, aus dem Johannistal, durch Aachens Straßen fahren. Koelmann verkaufte Eisblöcke z. B. an Wirtschaften. Wenn nur ein halber Block gekauft wurde, schlug er mit einem Eispickel die Blöcke entzwei. Die Eisstücke, die dabei neben den Wagen fielen, wurden von den Kindern mit Freuden aufgehoben und gelutscht.

Die Jungen in der Bergstraße lieferten sich oft schlimme „Straßenschlachten“ mit den Jungen aus der angrenzenden Achterstraße und natürlich war Josef auch hier mit dabei. Es wurde sich nicht nur geprügelt, sondern es wurde auch mit Steinen geworfen. Josef wurde von seinem solchem Stein schwer am Kopf getroffen und wurde ohnmächtig. Seine Kameraden brachten ihn zu Heini Franzen nach Hause und kühlten die Wunde. Als Josef wieder zu sich kam, war die Beule am Kopf schon riesig angewachsen.

Bei einer Pfingstwanderung, bei der auch Heini Franzen mit von der Partie war, ging es Richtung Eifel und die 4 Jungen landeten in Lammersdorf bei einem Bauern, der ihnen erlaubt hatte, in der Scheune zu übernachten. Nachdem die Burschen es sich im Stroh gemütlich gemacht hatten, entdeckten sie ein Fenster, das zur Räucherkammer des Bauern gehörte, denn dieser hatte auch noch eine eigene Metzgerei. Mit Hilfe eines Rechenstiels gelang es ihnen, eine Wurst durch das Fenster zu ziehen, die sie dann genüsslich verzehrten. Ein schlechtes Gewissen hatten sie nicht, denn es traf ja keinen Armen!

Überall in Aachen wurden jetzt Bunker gebaut und Josef und seine Freunde trieben sich schon mal auf den Baustellen rum, um zu beobachten, was hier vor sich ging. Bei einer „Bunkertour“ im Aachener Wald wurde Josef am Kopf verletzt und im nahegelegenen Forsthaus „Adamshäuschen“ von der Försterfrau erstversorgt. Auf seine dicke Beule legte sie ein 2-Mark-Stück, dass er feste dagegen drücken sollte. Als Trostpflaster durfte er das Geld sogar behalten.

Im Haas´schen Garten gab es Obst nur in Form von Stachelbeeren und Johannisbeeren und so wundert es nicht, dass Josef seine Lust auf anderes Obst durch „Schwellen“ befriedigte. Dicke Äpfel gab es z. B. in einem Garten in der Kupferstraße, der einem Holländer gehörte oder auf den Obstwiesen in der Soers, wo Josef manchmal mit Heini Äpfel und Birnen mitgehen ließ. Zusammen mit Heini hatte er sich auf dem Lousberg ein „Lägerchen“ in den Hang gebaut und von hier aus unternahmen sie ihre Ausflüge auf die Obstwiesen. Wenn der Bauer kam mussten sie „flitzen“.

Wie es beim „Obstschwellen“ zuging, beschreibt Jos. Ortmanns in seiner Geschichte vom Schützenfest:

… Met van de schönnste Stonde, die ich en ming Kengerjohre erleevt han, wore die, wenn ich ming Tant op et Land besöcke jong. Ejjentlich müüet et heäsche, wenn ich dat Dörep besöcke jong, woe de Tant woehnet. Denn de Tant soeh ich mär, wenn ich koem än jong, än wenn et Zitt wor för ze möffele. De miezte Zitt soeß ich met anger Kamerade uus et Dörp örjens ejen Tagge, ov vür wore open Schwäll, wenn jrad Obszitt wor. Vür kannte jedder Boum uuss de ff än wosse jenau, wat sur än wat söße Äppel wore. Ouch för Prümme, Beäre an Kiesche haue wür ene joue Jeschmack. Vür woße op en Hor, noeh wat vör Prumme datt vür Buuchping kräje of net. Döcks trappieret os ouch der Buur, än da jong et en enge Kajär vajene Boum erav, dörch et Lauch ejen Heck eruus än futt. Dobei koem et at ens för, datt enge singe Boxesöller verjoeß. Wenn vür der Buur evver onjlöcklich ejen Fengere feile, da joev et a platsch van Prumme än beäre decke Nöß än lange Hafer.-….

Zusammen mit Heini half Josef beim Obst- und Gemüsegroßhändler „Ludwig Verhaert“ in der Achterstasse, Ecke Saarstrasse, Kistenstapeln und Schleppen. Dafür bekamen sie dann Obst. Manchmal durften sie auf der LKW-Ladefläche mit nach Köln zum Großmarkt fahren, wo neue Ware gekauft wurde. Das war immer eine abenteuerliche Fahrt (eine Autobahn gab es ja noch nicht!). In Köln halfen die Jungen Kisten aufladen und auf der Rückfahrt durften sie dann soviel Obst essen wie sie wollten.

In der Grünanlage am Veltmannplatz blühte im Mai immer der schönste Flieder, heimlich wurde ein Strauß gepflückt und der Mutter zum Muttertag geschenkt. Am Ende der Bergstraße befand sich ein Kloster und auf der Rückseite der Klostermauer wuchs das herrlichste Spalierobst. Auch hier wurde natürlich Obst geschwellt, und wenn die Nonnen einen entdeckten, kletterte man in Windeseile das Spaliergitter hinauf und sprang dann von der anderen Seite der Mauer runter. Das konnten die Nonnen nicht! Und man war gerettet!

In der Vorweihnachtszeit freute sich Josef immer besonders darauf, die Spielwarenabteilung im damaligen Kaufhaus Tietz am Markt (heute Karlshof, AOK) zu besuchen. Es war ein wahres Kinderparadies. Die Spielwarenabteilung befand sich auf der ersten Etage und man erreichte sie über eine breite Treppe. Besonders angetan hatte es Josef die Anlage einer elektrischen Eisenbahn. Mit großen, leuchtenden Augen betrachtete er, wie die Lokomotiven und ihre Anhänger ihre Runden über die Gleise drehten. Alles war so schön und festlich und soviel Spielsachen auf einem Haufen gab es sonst nirgendwo zu sehen.

Aus dem Prospekt der Kaufhof AG vom 20.03.1992

Historisches Tageblatt der Gegenwart

Das war vor 100 Jahren und heute hat der Kaufhof in Aachen Geburtstag

Der Tietz op der Maat – das sind drei große Lichthöfe, über 60 Abteilungen, die in Galerieform angelegt sind 2000 Glühlampen auf den vier Stockwerken, Fahrstühle und über 500 Angestellte….

Schon am 1. April 1933 stehen Posten der SA vor dem Tietz am Markt. Mann soll nicht mehr bei Juden kaufen. Und schon am 11. Juli 1933 ist es soweit. Die Tietz AG muß in Westdeutsche Kaufhof AG umbenannt werden. Jüdische Mitarbeiter müssen entlassen werden – der Familie Tietz bleibt nur die Emigration….

1947: Noch ist das Haus nicht von allen Trümmern geräumt, noch muss Packpapier im Lichthof gegen die Kälte schützen…Und es sind Tausend, die sich in den Tagen des Novembers 1948 in den Kaufhof drängen. Man hat wieder einen Weihnachtsmarkt und die „Heinzelmännchen“ aus Köln singen Lieder von einer besseren Zukunft.

…Man wird wieder gehen zum Lejjenad op der Maat, wie die alten Öcher immer noch zum Kaufhof sagen.

Kaufen konnte man im Tietz (Kaufhof) montags bis samstags. Sonntags konnte man kostenlos die Waren besichtigen. „Et kicke koost nüs“ stand groß in den elektrisch beleuchteten Schaufenstern.

Gegenüber vom Warenhaus Tietz befand sich die italienische Eisdiele „Zammateo“, wo es im Sommer Eiswaffeln für 5 oder 10 Pf gab, Eishörnchen gab es noch nicht, sondern das Eis wurde mit einem großen Löffel zwischen zwei flache Waffeln gedrückt. Auch gab es noch nicht so viele Sorten wie heute, aber Vanille, Schokolade und Erdbeere schmeckten auch damals schon.

In der Vorweihnachtszeit besuchte Josef mit seiner Schwester Henny und Mutter Lissje im Stadttheater stets die Vorstellung des Weihnachtsmärchens. Das war immer besonders schön und aufregend. Einmal gab es „Hänsel und Gretel“, dann den „Froschkönig“ oder „Frau Holle“.

Wenn endlich Weihnachten gekommen war und die Eltern abends, wenn die Kinder schon in den Betten lagen und schliefen, den Weihnachtsbaum schmückten und die Geschenke darunter legten, konnte es der Vater gar nicht erwarten, die strahlenden Kindergesichter zu sehen. Nach getaner Arbeit sagte er deshalb zu Elise: “Lissje, sollen wir die Kinder holen?“ Und Lissje sagte dann: „Ja, holen wir die Kinder!“ Und sie weckten Henny, Josef und Heinz und führten sie ins Weihnachtszimmer, wo sie den Tannenbaum bestaunten und glücklich ihre Geschenke auspacken und mitten in der Nacht mit ihren Spielsachen spielen durften. Ein besonders schönes Geschenk war für Josef die Eisenbahn zum Aufziehen mit einer Runde Schienen. Der Vater spielte Weihnachtslieder auf dem „Quetschbüll“ und alle waren glücklich.

Im Winter legte Josef mit seinen Schulkameraden lange, spiegelblanke Eisbahnen auf dem Schulhof an.

Beim Schlittern in der Pause prallte Josef einmal mit vollem Schwung gegen dieHauswand und zog sich dabei einen Magenriss zu.

Josef half auch mit der Sammlung für das „Winterhilfswerk“. Er ging mit einer Sammelbüchse rum und rief “Bitte kaufen! Bitte kaufen! Für die Winterhilfe!“ und verteilte bei Spenden ab 20 Pf Anstecker in Form von Blumen, Flugzeugen usw. Er war wie die meisten ehrenamtlichen Helfer im Glauben, für Arme, Bedürftige in der Stadt zu sammeln, aber möglicherweise hat Hitler die Spendengelder in seinen Krieg gesteckt.

Am 1. September 1939, Josef war acht Jahre und 6 Monate alt, begann mit Hitlers Befehl Polen anzugreifen der 2. Weltkrieg.

Als Josef 10 Jahre alt war, musste er dem „Deutschen Jungvolk“ als „Pimpf“ beitreten, dazu wurden alle Jungen zwischen 10 und 14 Jahren verpflichtet. Ab 14 Jahren kam man dann zur Hitlerjugend. Jeder Junge erhielt eine Uniform und unentschuldigtes Fehlen wurde bestraft.

Die Gruppentreffen fanden in der Karlsburg (Nähe Passstrasse, heute STAWAG-Gelände) in Baracken statt. In jeder Baracke kamen bis zu 4 „Züge“ (Gruppen) in verschieden Räumen unter, die aus je 20 Personen bestanden. Hierbei wurde viel gesungen, vor allem Lieder, die Texte im Sinne Hitlers hatten u.a. das „Hitlerjugendlied“, das „Deutschlandlied“, „Die Fahne hoch“ oder auch viele Marschlieder wie z. b. „Oh, du schöner Westerwald“. Die sportlichen Aktivitäten und Marschübungen fanden auf Sportplätzen in der Soers statt.

Um sich Kinogeld zu verdienen, sammelte Josef Altpapier und schleppte es zum Altwarenhändler ans Ende der Bergstraße. Wenn man es geschickt anstellte, konnte man beim Abwiegen des Papiers mit dem Finger die Waage noch etwas mehr hinunter drücken und erhielt dann ein paar Pfennige mehr. Im Winter konnte man bei den „Reichen“ in der Kupferstraße oder Nizzaallee Schneeschippen und sich ein paar Groschen verdienen.

Mit seinen Freunden spielte Josef gerne auf der Straße mit „Frankele“ (Knicker) oder „Dueselappe“ (Dosenlaufen). Seine „Frankele“ hatte man in einem Beutel, dem sogenannten „Frankelebüll“. Das Spielen mit den Knickern nannte man „kneppe“ (knipsen oder wegschnellen), dabei legte man den Knicker auf den gebogenen Zeigefinger und ließ ihn mit dem Daumennagel wegschnellen. („et Frankel op der jeboeje Zeijefenger leäje än met der Dummenajel eruusflitsche“). Ziel war es, möglichst viele Knicker in die „Kull“ (eine im Boden geformte kleine Mulde) zu bekommen.

Beim Dueselappe brauchte man eine alte Konservendose und einen Kanaldeckel auf der Straße („Adedeckel“) und möglichst viele Kinder, die mitspielten, aber von letzterem waren ja meistens genug vorhanden. Meistens spielten dieses Spiel nur Jungen. Es wurde abgezählt, und wer übrig blieb, musste später die anderen suchen. Vom Kanaldeckel aus musste der Sucher die plattgetretene Konservendose weit wegwerfen. Wenn die Konservendose liegen blieb rannte der „Sucher“ los um die Dose zu holen und ebenso schnell zurück zum Kanaldeckel, um mit ihr anzuschlagen und „Ich komme!“ zu rufen. Inzwischen hatten sich alle anderen Kinder versteckt. Wurde jetzt ein Kind vom Sucher entdeckt, rannte dieses zurück zum Kanaldeckel, schlug an und rief den Namen des Entdeckten. Gelang es dem Entdeckten jedoch vor dem Sucher den Deckel zu erreichen und „frei“ zu rufen, war er in der nächsten Runde vom Suchen befreit. Das Kind welches als erstes entdeckt und angeschlagen wurde, war in der nächsten Spielrunde der Sucher. Man konnte auch versuchen, aus seinem Versteck zu rennen, die Büchse wegzutreten, dann konnte einige Mitspieler versuchen den Kanaldeckel zu erreichen, ehe der Sucher die Büchse wieder zurückgeholt hatte und sich dadurch frei schlagen.

Im Alter von etwa 11 Jahre besuchte Josef seine Tante Maria und seinen Onkel Ernst Hirtz in Merkstein. Tante Maria war die jüngste Schwester von Schang Haas. Sie war ein Zwilling, ihr Zwillingsbruder hieß Jakob.

Josef fuhr nicht etwa mit dem Bus nach Merkstein, sondern er legte den Weg zu Fuß und ganz allein zurück. Die Strecke von Aachen über Alsdorf, Kohlscheid und Herzogenrath bis nach Merkstein ist ca. 15 km lang. Nach seiner Ankunft in der Ritzerfeldstraße blieb er ein paar Tage zu Besuch bei seinen Verwandten, vielleicht waren besonders Josefs zahlreiche Cousinen über den seltenen Gast erfreut. Tante Maria und Onkel Ernst wohnten in einem kleinen Einfamilienhaus, ein sogenanntes „Kullenhäuschen“, denn Onkel Ernst arbeitete auf der „Kull“, er war Bergmann und ist leider auch schon ziemlich früh an einer Staublunge gestorben.

Während der Zeit in der Volksschule Sandkaulbach fuhr Josef für 4 Wochen in ein Erholungsheim für Kinder ins Ostseebad Kellinghusen, 30 km nördlich von Hamburg. Diese Erholungsreisen wurden für kinderreiche Familien (ab 3 Kinder) angeboten. Alle Kinder aus Aachen, die mitfuhren, trafen sich am Aachener Hauptbahnhof und fuhren zusammen mit dem Zug nach Hamburg. Man fuhr dritter Klasse, das bedeutete harte Holzbänke und da die Fahrt während der Nacht stattfand und die Kinder müde waren und auf den harten Bänken nicht schlafen konnten, hatte unser Josef wieder einmal eine geniale Idee. Er legte sich oben ins Gepäcknetz und schlief.

Die Reise fand im Winter statt, und als man die Ostsee erreichte, hieß sie die Kinder mit Eis und Schnee willkommen. Aus dieser Zeit stammt auch noch das Foto mit dem Schneemann.

Die anderen Jungen auf dem Foto teilten mit Josef zusammen das Zimmer. An diesem Tag hatten sie die Aufgabe, einen Schneemann zu bauen, und ihre Gruppe machte hierbei den 1. Preis und ein Siegerfoto wurde gemacht. Man sieht, dass es sich hier um einen ganz besonderen Schneemann handelte, denn er hatte sogar zwei Beine.

Es war so bitter kalt, dass sogar die Ostsee ca. 1km weit zugefroren war. Sie hatte eine dicke Eisschicht, die noch die Meereswellen im gefrorenen Zustand erkennen ließ, und teilweise waren sogar ½ bis 1m hohe „Eisberge“ auf der Ostsee gefroren. Josef und die anderen Kinder machten sich einen Spaß daraus auf abgebrochenen Eisschollen diese Eisberge hinunter zu rutschen.

In Kellinghusen befand sich auch eine ca. tausendjährige hohle Eiche, die so dick war, dass ca. 10 Kinder gebraucht wurden um den Stamm zu umfassen. Was aber noch beeindruckender war, dass 18-20 Kinder in dem hohlen Stamm Platz fanden.

Doch die Erholungsreise bestand nicht nur aus Spiel und Vergnügen. Die Unterbringung war in einem großen Hotel, und jeden Morgen im Speisesaal fand das gleiche Schauspiel statt. Jedes Kind musste einen großen Löffel ekligen Lebertran trinken. Wer ihn nicht trank, bekam kein Frühstück.

Bis zu seinem 12. Lebensjahr besuchte Josef die Schule am Sandkaulbach, also bis 1943.

Zu diesem Zeitpunkt wurden die Luftangriffe auf Aachen immer häufiger und gefährlicher. Viele Kinder verließen Aachen im Rahmen der sogenannten Kinderlandverschickung (KLV).

Am 27.09.1940 ordnete Hitler die Verschickung von Kindern aus den luftkriegsgefährdeten Städten des Deutschen Reiches auf das Land an. Diese offiziell als „Erweiterte Kinderlandverschickung“ bezeichnete Maßnahme entwickelte sich im weiteren Kriegsverlauf zu einer der größten Binnenwanderungen in der Geschichte. Etwa zwei Millionen Kinder wurden durch die Reichsdienststelle KLV zum Schutz vor den Luftangriffen in weit entfernte Teile des Reiches sowie in das „befreundete Ausland“ verschickt. Auf sie konnte aber auch der nationalsozialistische Erziehungsapparat ungehindert einwirken, ohne dabei Gefahr zu laufen, dass nationalsozialistische Erziehungsziele von den Eltern konterkariert wurden.

Aus: Gerhard E. Sollbach, Heimat ade! Kinderlandverschickung in Hagen 1941-1945,

Hagen 1998 (Bd. 7 der Schriftenreihe Hagener Stadtgeschichte, im Rahmen der Ausstellung „Kinderlandverschickung im „Dritten Reich“)

In der Hagener Ausstellung wurde versucht, Erinnerungen und Eindrücke der ehemals verschickten Kinder wieder zugeben, sie zeigte Hintergründe dieser Maßnahme und die vielschichtige Realität der Verschickung, die von „der schönsten Zeit des Lebens“ bis zu „furchtbaren Erlebnissen“ reicht.

Mit großem Aufwand stellte die NS-Propaganda diese Kinderlandverschickung (KLV) als gesundheitlich begründete Ferienreisen für Stadtkinder zwischen 12 und 14 J. dar.

Auch Elise Haas stellte einen Antrag auf Kinderlandverschickung für ihren Sohn Josef. Vielleicht hauptsächlich aus Angst, dass ihm in Aachen etwas passieren könnte, während der immer häufigeren Luftangriffe. Heinz war wohl noch zu klein, um an einer solchen Maßnahme teilzunehmen und Henny damals schon 15 Jahre alt, hatte die Altersgrenze schon überschritten und wurde sicher auch als Hilfe für die Mutter in Aachen gebraucht.

Das erste Lager, in dem Josef ca. 3- 4 Monate im Rahmen der Kinderlandverschickung verbrachte, befand sich auf Schloss Rotenberg mitten in den Weinbergen, bei Wiesloch, ca. 20 km von Heidelberg entfernt. Die Jungen wurden von einem Lehrer namens Kapellmann unterrichtet, der sie auch in die folgenden Lager begleitete. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen wurde besonders Wert auf Sport gelegt, das hieß damals Leibesertüchtigung. Josef, der sich als besonders sportlich auszeichnete, machte hier sein Sportabzeichen.

Vormittags unterrichtete Lehrer Kapellmann die schriftlichen Fächer, und am Nachmittag fand dann eine Ausbildung statt, die sicher schon darauf hinzielte zukünftige Soldaten auszubilden. So wurde Schießunterricht mit Kleinkaliber-Waffen erteilt, wobei Josef auch hier eine Auszeichnung, das Schießabzeichen erlangte.

Abends, wenn alle Jungen im Bett waren und schlafen sollten, wurden die Türen zugesperrt, damit niemand unbemerkt das Schloss verlassen konnte. Aber Josef und seine Zimmergenossen fanden einen Weg hinaus, nämlich nachts durchs Fenster hinaus um beim Schein der flimmernden Glühwürmchen reife Kirschen von den Bäumen pflücken und zu verspeisen.

Als auch im Heidelberger Raum die Gefahr durch Luftangriffe zu groß wurde, verließ man Schloss Rotenberg und das nächste Lager befand sich in Schlesien. Hier in Weidenhof (bei Breslau, nahe der polnischen Grenze) waren die Kinder in einer NS-Gauschule untergebracht.

Durch den Ort floss die Weide, ein Nebenfluss der Oder. Auch hier wurde großer Wert auf Sport gelegt.

Schwimmunterricht fand in der Weide statt. Und Josef machte hier alle nur möglichen Schwimmabzeichen, u. a. auch den Schein für das Totenkopfschwimmen, wobei er zwei Stunden im Fluss schwimmen musste.

Das Josef so ein guter Schwimmer war, sollte ihm später einmal von großem Nutzen sein.

Das dritte Lager während seiner Kinderlandverschickung lag nahe der tschechischen Grenze in Weißwasser, ca. 60 km nordöstlich von Dresden. Insgesamt war Josef 9 Monate in den verschiedenen Lagern.

In der Zwischenzeit hatte Josefs Mutter immer wieder versucht Anträge zu stellen, damit Josef wieder nach Hause durfte, aber das war nicht so einfach, sie wurden ständig abgelehnt.

Elise Haas wohnte mit ihren beiden anderen Kindern Heinz und Henny nicht mehr in Aachen. Das Haus in der Bergstraße war am 14.07.1943 bei einem großen Bombenangriff zerstört worden. Wie jeden Abend war die Mutter mit den beiden Kindern zum unterirdischen Bunker in der Ludwigsallee, am Fuß des Salvatorberges gegangen, um sich vor den Luftangriffen in Sicherheit zu bringen. Henny hatte sich kurz vorher Schnittverletzungen an der rechten Hand zugezogen, als sie im Kindergarten, wo sie ihre Ausbildung als Kindergärtnerin begonnen hatte, durch eine Glasscheibe gefallen war. So nahm man an diesem Abend nicht den großen Koffer mit Kleidern mit, wie sonst, sondern die Mutter nahm nur die kleine Tasche mit in den Bunker. Als Elise am nächsten Morgen mit den Kindern aus dem Bunker kam, teilte man ihr mit, dass die ganze Bergstraße brennt, auch das Haus Nr. 12, wo ihre Wohnung gewesen war. Sie ging zum Haus und hoffte, dass der Karton mit Kleidung, den sie Keller gelagert hatte, noch zu retten wäre. Tatsächlich brannte der Keller nicht, aber das Kellerfenster stand weit offen, und von den Kleidern fehlte jede Spur.

Elise Haas meldete sich mit ihren Kindern Henny (15J.) und Heinz (8J.) in der Sammelstelle in der Soers, dort bekam man ein paar Gutscheine und wurde anschließend sofort auf LKWs verladen und wurde nach Houverath, nahe bei Erkelenz gebracht.

Zunächst verbrachte man 10 Tage auf einem Bauernhof, aber hier war man nur notdürftig untergebracht. Die Bauersleute waren sehr nett und brachten den Kindern Buttermilchsuppe. Anschließend fuhr die Familie mit dem Zug nach Colditz in die Evakuierung. Mit ihnen fuhren noch Juliane, eine Freundin von Henny, die ebenfalls in Aachen in der Bergstraße gewohnt hatte, mit ihrem Bruder Helmut und der Mutter in eine ungewisse Zukunft.

Colditz liegt ca. 40 km südöstlich von Leipzig und der Fluss Mulde, von dem später noch die Rede sein wird, verläuft mitten durch den Ort. In dem Haus, in dem die Familie Haas dort lebte, wohnte Herr Hamann, der Leiter der Sparkasse in Colditz und Ortsgruppenleiter, dem es letztlich zu verdanken war, dass Josef die Erlaubnis erhielt das Lager in Weißwasser zu verlassen und sich in Richtung Colditz zu seiner Mutter und seinen Geschwistern auf den Weg zu machen.

Josef wurde in den Zug nach Dresden gesetzt, aber weiter als bis Dresden Hauptbahnhof kam er zunächst nicht. Hier wurde er aufgegabelt und 2 Tage in einem Keller festgehalten, weil er verdächtigt wurde, aus dem Lager geflüchtet zu sein, denn er besaß keine offiziellen Papiere.

Als nach 2 Tagen der Bescheid eintraf, dass alles seine Richtigkeit hatte, durfte Josef weiter reisen. Man gab ihm 5 DM für die Fahrkarte, mit der Auflage sie zurückzubezahlen, und er durfte weiter nach Colditz in Sachsen fahren. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass er seinen Vater nicht mehr wieder sehen sollte.

Die Familie Haas wohnte in Colditz Am Ring 27 im Hause der Familie Hamann. Der Flüchtlingsfamilie wurden zwei Mansardenzimmer unter dem Dach zugewiesen. Das Klo befand sich eine Etage tiefer, dort wohnte Oma Hamann, und bei ihr musste auch das Wasser geholt werden.

Da Josef erst 13 Jahre alt war und somit noch schulpflichtig, ging er hier auch weiter zur Schule und erhielt mit 14 Jahren sein Entlassungszeugnis aus der Otto-Schemm-Volksschule.

Henny setzte ihre Ausbildung als Kindergärtnerin fort und Heinz besuchte ebenfalls die Volkschule. Oft wurde der Unterricht durch Fliegeralarm unterbrochen, wenn Flugzeuge in Richtung Dresden oder Leipzig unterwegs waren und dabei Colditz überflogen.

Gegenüber vom Kindergarten befand sich das Colditzer Schloss. Hier waren feindliche Offiziere, vom General an aufwärts, untergebracht. Sie lebten hier wie die „Made im Speck“. Ihnen fehlte es an nichts, sie hatten genug zu essen und zu trinken und wurden nicht wie andere Gefangene behandelt.

Josef war in seiner Freizeit viel unterwegs und immer draußen. Sehr gerne ging er Schwimmen, entweder im Schwimmbad am Muldesteg oder im Waldsee. Selbst im April, wenn das Wasser noch eiskalt war, sprang er hinein. Im Winter, wenn der See und der Bach im Wald zugefroren waren, drehte er seine Kurven mit Schlittschuhen auf dem Eis.

Die Familie bekam Lebensmittelkarten, Bezugsscheine für Kleidung u.a., aber manchmal gab es nichts, was man gegen diese Gutscheine einlösen konnte. Monatlich erhielt Elise Haas den Wehrsold ihres Mannes, 371,61 RM (Reichsmark), hiervon versuchte sie noch etwas zu sparen. Wir sehen das in ihrem Sparbuch, dass sie im August 1943 bei der Colditzer Sparkasse angelegt hat.

Die ersten Eintragungen wurden sogar, von Herrn Hamann, dem Leiter der Sparkasse vorgenommen, bei dem die Familie Unterkunft gefunden hatte. Ab März 1945 hörten die Einzahlungen auf, der Krieg geht zu Ende, es wurde kein Wehrsold mehr gezahlt und Elise Haas musste Geld abheben, um über die Runden zu kommen. Als die Familie schließlich Colditz verlässt, befanden sich noch 3533.96 RM auf dem Sparbuch.

Später, zwei Monate vor ihrem Tod beantrage Elise Haas eine Gutachten-Bescheinigung bei der Deutschen Notenbank Berlin. Sie sollte von ihrem Geld nie mehr etwas sehen.

Familie Hamann hatte sich im Keller ihres Hauses gut eingerichtet falls es nötigt werden sollte, sich aus Sicherheitsgründen länger dort aufhalten zu müssen. Der Keller war fast wie ein Wohnzimmer eingerichtet mit ausreichend Schlafgelegenheiten und großen Nahrungsmittelvorräten. Der Familie Haas hatte man ein kleines Stück Raum unter der Kellertreppe zugeteilt, wo sie bei Fliegeralarm Schutz suchen konnten. Als das Haus Am Ring 27 von einer Granate getroffen wurde, war Hamanns Teil des Kellers nicht mehr sicher genug, und auch die Hamanns setzten sich unter die Kellertreppe.

An dem Tag, als die Amerikaner in Colditz einmarschierten und sich wieder alle im Keller befanden, kamen zwei amerikanische Soldaten ins Haus, ein Weißer und ein Farbiger. Sie riefen: „Soldaten rauskommen!“ Nachdem sie festgestellt hatten, dass sich keine deutschen Soldaten im Haus befanden sagte der farbige Soldat in gebrochenem Deutsch:“ Wir haben Hunger! Essen machen!“

Insgesamt waren die amerikanischen Soldaten freundlich zur Zivilbevölkerung, besonders zu den Kindern waren sie nett. Von ihnen bekamen Heinz, Josef und Henny ihr erstes Kaugummi, Schokolade und auch Konservendosen, die ihnen bis dahin auch kaum bekannt waren.

Nach seiner Schulentlassung begann Josef eine Gärtnerlehre bei einer großen Gärtnerei in Colditz auf der anderen Muldeseite. Jetzt wohnte er nicht mehr bei seiner Mutter und seinen Geschwistern, sondern mit einem anderen Gärtnerlehrling, der 1-2 Jahre älter war als er selbst, in einem Zimmer neben der Gärtnerei. Hier gab es große Gewächshäuser, ein Palmenhaus, Treibhäuser und große Freilandbeete und reichlich Arbeit. Einmal in der Woche musste Josef mit dem Zug nach Leipzig zur Berufsschule fahren. Aber seine Lehre sollte Josef nicht beenden können. Schuld daran war mal wieder der Krieg. Die Amerikaner rückten immer näher in Richtung Colditz und eines Tages waren sie da. Etliche von ihnen quartierten sich in der Gärtnerei ein.

Die Amerikaner, hatten Berge von Proviantpaketen mitgebracht, die sie im Hof stapelten. Es waren meist Tagesrationskisten mit Ham and Eggs, Zigaretten, Schokolade, Kaugummi, Kaffee, Kekse u.a. Manchmal bekam Josef etwas geschenkt, ein anderes Mal „hamsterte“ er etwas und schmuggelte es nachts über die Mulde zu seinen Leuten. Das war nicht ungefährlich, denn die Russen, die inzwischen Colditz erreicht hatten, schossen auf alles was sich im Dunkeln bewegte. Die Brücke über die Mulde war zerstört, so dass Josef über die zerstörten Brückenreste klettern und teils durchs Wasser schwimmen musste, um das andere Ufer zu erreichen. Auf der russisch besetzten Seite in Colditz gab es kaum etwas zu Essen und man freute sich natürlich über die Köstlichkeiten aus Amerika. Aber die Angst, dass Josef bei seinen Mulde-Überquerungen etwas zustieß, war groß.

Nach nur 8 Wochen war für Josef die Gärtnerlehre schon beendet. Er musste zum Volkssturm („das letzte Aufgebot Hitlers, das in einen schon so gut wie verlorenen Krieg ziehen sollte“). Josef, gerade mal 14 Jahre alt und sein Zimmerkamerad aus der Gärtnerei bekamen eine Uniform verpasst, erhielten ein Gewehr und sollten nun gegen die noch immer weiter vorrückenden amerikanischen Truppen antreten.

Volkssturm

Im September 1944 ordnet Hitler an, bisher nicht „wehrfähige“ Kinder und alte Männer im „Volkssturm“ zusammenzufassen und zur Verteidigung der Reichsgrenzen und des „Heimatbodens“ und für den „deutschen Endsieg“ einzusetzen.

Der „Volkssturm“, dessen Angehörige meist eine Armbinde mit der Aufschrift „Deutscher Volkssturm“ tragen mussten, war vor allem für Bau- und Schanzarbeiten, Sicherungsaufgaben sowie zur Verteidigung von Ortschaften vorgesehen.

Kinder und alte Männer zogen notdürftig bewaffnet und schlecht ausgebildet in einen ungleichen Kampf gegen einen überlegenen Gegner. Die Bedienung ihrer Karabiner, Panzerfäuste oder Maschinengewehre mussten sie oft nur in einem Schnellkurs erlernen. Viele dieser Jugendlichen fanden den Tod, weil sie mit unzureichenden Waffen gegen einen überlegenen Feind kämpfen mussten.

www. shoahpojekt.org/widerstand/kids/shkids2.htm.

Die Uniform erhielt Josef im Gebäude links neben dem Hotel Stettiner Hof in Colditz. Hier befand sich ein großer Saal, wo Unmengen Uniformen gelagert wurden. Im Hotel Heidehof waren die Ehefrauen der deutschen Offiziere untergebracht, die im Colditzer Schloss ihren Dienst taten und dort die Kriegsgefangenen bewachen mussten.

Nach der Einkleidung musste Josef sich mit anderen Jungen in einem Keller zu einem Ortsgruppentreffen mit Offizieren versammeln. Einer dieser Offiziere ging mit einer Schachtel Zigaretten rum und bot auch Josef eine an. „Ich rauche nicht!“ sagte er und erhielt daraufhin die Antwort: „Was?! Ein deutscher Soldat, der nicht raucht! Das gibt es nicht!“ Und so wurde er zum Rauchen seiner ersten Zigarette gezwungen. Ihm wurde furchtbar schlecht und er lief raus auf die Straße an die frische Luft. Sein Freund aus der Gärtnerei lief mit. Draußen sahen sie sofort, dass etwas nicht stimmte. In einiger Entfernung beobachteten sie einen amerikanischen Panzer, der sein Zielfernrohr in ihre Richtung drehte. Sie konnten sich gerade noch auf die Erde werfen, als auch schon das Haus hinter ihnen getroffen wurde.

„Komm, wir sehen, dass wir Land gewinnen!“, rief Josefs Kamerad und sie rannten, als ob der Teufel hinter ihnen her wäre zurück, in die Gärtnerei und versteckten sich dort unter dem Stroh, bis keine direkte Gefahr mehr bestand.

Die Ortsgruppe Colditz hatte einen Raum neben der Gärtnerei. Nachdem die Amerikaner alles beschlagnahmt hatten, fanden sie hier auch einen kleinen Raum, der zugemauert gewesen war. In diesem Raum hatten die Deutschen Offiziere kistenweise französischen Rotwein versteckt. Josef hatte davon Wind bekommen und heimlich ein paar Flaschen geholt und in der Gärtnerei versteckt und sie dann probiert.

Ein paar Tage danach versuchte Josef im Schutz der Nacht wieder Proviant über die Mulde zu seiner Familie zu schmuggeln. Auf der gesprengten Muldebrücke lagen überall tote Soldaten und er hatte ständig Angst, von russischen Gewehrkugeln getroffen zu werden. Als Josef heil bei seiner Mutter angekommen war sagte sie: „Du bleibst jetzt hier! Und gehst nicht zurück auf die amerikanische Seite!“ Die Gefahr war zu groß, dass ihm etwas zustoßen könnte. Herr Hamann sagte dazu nichts, denn er hatte wahrscheinlich selber zuviel Angst vor den Russen und Amerikanern.

Die „große Oma“ hatte es aus Aachen nach Grimma verschlagen, das lag ca. 20 km von Colditz entfernt und Josef und Henny fuhren sie manchmal mit dem Zug besuchen. Henny, die in Colditz als Kindergärtnerin arbeitete, hatte eine Freundin, Käthe Finger, die die Tochter eines Melkmeisters in Zschadraß war. Durch sie bekam Josef eine neue Lehrstelle, diesmal als Melker. Auch Helmut, der Bruder von Hennys Freundin Juliane aus Aachen begann hier eine Melkerlehre.

Das Gut in Zschadraß war riesig und es kam Josef vor wie ein Rittergut, aber in Wirklichkeit handelte es sich um eine Heil- und Nervenanstalt. Im Schweinestall arbeitete denn auch ein geistig Behinderter. Man nannte ihn „Rappelkarl“, weil er schon mal einen „Rappel“ bekam und dann wild um sich schlug.

Die Molkerei mit den Ställen und das Wohnhaus befanden sich neben den Klinikgebäuden. Josefs Zimmer befand sich im ersten Stockwerk, hier wohnte auch Melkermeister Finger mit seiner Familie.

Als Melkerlehrling musste Josef jeden Morgen um 4 Uhr aufstehen, zwanzig Kühe zusammentreiben, anbinden und mit der Hand melken. Anschließend wurden sie wieder auf die Weide gelassen und die nächsten zwanzig Kühe wurden in den Stall geholt. Die Butter wurde noch mit der Hand herstellt und Josef und sein Chef, Erich Finger, drehten wohl manche Stunde die Kurbel der Butterfässchen. So nah an der Milchquelle wie er nun war, trank Josef täglich 3-4 Liter Milch und er durfte oft Milch und Sahne und auch schon mal Kartoffeln mit nach Hause nehmen.

Aus den Kartoffeln bereitete die Mutter Reibekuchen zu, die auf der Herdplatte gebacken wurden, denn eine Pfanne gab es nicht. Im Wald sammelte sie Pilze, die sie mit der Sahne aus Zschadraß zubereitete. Manchmal brachte Josef auch Eier mit, die er in der Scheune im Stroh gefunden hatte, wo sich eigenwillige Hühner ihre Nester gebaut hatten. Jedenfalls brauchte die Familie nicht zu hungern.

In dem Gefangenlager gegenüber der Wohnung in Colditz waren ungarische und italienische Gefangene untergebracht. Etliche von beherrschten gut die deutsche Sprache. Mit ihnen tauschte man durch den Maschendrahtzaun Kartoffeln gegen Seife, richtige Seife. Die Seife, die man normalerweise zur Verfügung hatte, die Kriegsseife, bestand aus einer Art Ton gemischt mit Scheuerpulver. Nach dem Händewaschen musste man noch ca. zehnmal mit klarem Wasser nachspülen, damit die Hände nicht mehr weiß aussahen.

Die Gefangenen mussten in der Porzellanfabrik arbeiten, die sich nahe der Mulde befand. Fast täglich konnten die „Ha(a)senkinder“ beobachten, wie eine Holzkarre mit Toten aus der Fabrik hinter die Friedhofsmauer transportiert wurde. Dabei mussten einige Gefangene die Karre ziehen bzw. schieben unter Aufsicht von deutschen Soldaten, die sie mit Gewehren bewachten. Warfen die deutschen Soldaten Zigarettenkippen auf den Boden, hatten sie ihren Spaß daran, wie die Gefangenen sich darum zanken. Sie lachten sie aus und schlugen mit den Gewehrkolben auf sie ein.

Elise Haas war schwer krank. Schon in Aachen hatte man einen Knoten in ihrer Brust festgestellt. Eine Operation konnte sie nicht länger hinausschieben. 14 Tage lag sie im Krankenhaus. Die Klinik war allerdings so weit entfernt von Colditz, dass die Kinder stets eine sehr lange Strecke mit dem Zug fahren mussten, um die Mutter zu besuchen. Als Elise Haas entlassen wurde, schickte man sie allein nach Colditz zurück. Schwach wie sie war, mit der schmerzenden Operationswunde, machte sie sich mit dem Zug auf den Weg.

Es gab außer Kühen und Schweinen auch Hühnervieh auf Gut Zschadraß, und Josef schaffte es einmal, eines der Hühner zu fangen und „um die Ecke zu bringen“. Er versteckte es und schaffte es in der Dämmerung auf Schleichwegen quer durch den Wald nach Colditz, immer die Angst im Nacken, dass die Russen ihn entdecken und dann auf ihn schießen würden. Das Huhn wollte er zu seiner Mutter bringen, damit Henny daraus eine kräftige Suppe für sie kochen konnte, denn die Mutter war ja gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden und war noch sehr schwach. Als nun das Huhn gerade im Suppentopf vor sich hin kochte, kam Hennys Freundin Käthe Finger zu Besuch. „Hm, riecht das hier lecker!“ sagte sie, unwissend, welches Huhn hier gerupft worden war.

Zu der Zeit, als die Familie in Colditz in der Ringstraße wohnte, gab es auch schon mal Alarm. Die Mutter versteckte sich mit Henny und Heinz unter der Kellertreppe. Eine Granate schlug ins Haus ein, aber Gott sei Dank war die Beschädigung nicht so groß, als dass das Haus nicht mehr bewohnbar gewesen wäre.

Fliegeralarm war in Colditz recht selten, das lag wohl in erster Linie daran, dass in der Colditzer Burg ein Strafgefangenenlager für englische Offiziere eingerichtet worden war. Es ging das Gerücht, dass sich unter den Gefangenen der Neffe von Winston Churchill befunden haben sollte und die Engländer aus diesem Grund von Luftangriffen Abstand nahmen.

Wie aber erging es dem Vater der Familie in der ganzen Zeit? 1938 war Johann Haas der Organisation Todt beigetreten und half bei Bau des Westwalls.

OT = Organisation Todt

Benannt wurde diese Organisation nach dem Ingenieur Fritz Todt (Generalinspekteur für Straßenwesen), der im Frühjahr 1938 diese Organisation gründete um Einsatzkräfte für den Bau des „Westwalls“ zu schaffen. Ab 1938 wurde diese militärische Befestigungsanlage an der deutschen Westgrenze gebaut. Der Westwall wurde auch als „Höckerlinie“ bezeichnet. Bei der Organisation Todt handelte es sich um eine militärisch organisierte Bautruppe. Neben dem Westwall wurden von ihr auch Bunker für die Zivilbevölkerung als auch für Artillerie- und Mannschaftsstellungen gebaut.

Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges 1939 kam Johann Haas zum NSSK, dem Nationalsozialistischen Kraftfahrzeugkorps. In der ersten Zeit war er auch schon mal in Aachen stationiert, z. B. auf dem heutigen Bendplatz. Josef und sein kleiner Bruder Heinz besuchten ihn dort, und er gab den beiden Jungen manchmal Komißbrot mit für die Familie zu Hause. Mit der Verlagerung der Front musste der Vater mit seinem Korps nach Belgien und später nach Frankreich. Beim NSSK wurde Johann Haas als Koch eingesetzt.

Zwischendurch kam er ab und zu auf Heimaturlaub nach Hause. 1942 wurde er zum Kriegseinsatz nach Kurland in Russland geschickt. Er verließ Deutschland mit einem Zug, der in Koblenz eingesetzt wurde in Richtung Osten. Aus Kurland sollte er nicht mehr lebend zurückkommen.

Ab 1943, als der Krieg schon weit fortgeschritten war, gab es für die Soldaten keinen Heimaturlaub mehr und Johann Haas ist niemals in Colditz gewesen, um seine Familie dort zu besuchen.

Aus der Zeit in Kurland gibt es noch drei Feldpostbriefe, die er seiner Frau und seinen Kindern nach Colditz schickte. Es war nicht erlaubt, Schlimmes über Krieg oder Adolf Hitler zu schreiben, die Briefe wurden zensiert. In einem Brief schreibt er jedoch „Der Krieg ist sehr schlimm“. Das war schon gewagt. Und immer wieder schreibt er auch, dass er auf Post von seinen Angehörigen wartet.

Das Folgende sind die Abschriften der Briefe, die noch erhalten sind.

Den 28.2.1945

Liebe Frau u. Kinder,

habe auch wieder mal Post bekommen, die erste im Februar. Ja, man ist froh, wenn man mal wieder was hört von der Heimat. Habe auch von meiner Mutter zwei Briefe bekommen und von Grete* und Christian*. Mutter schreibt, Tinchen* wäre so hässlich zu ihr. Sie „lief“ Tag und Nacht. Und jetzt will sie Mutter rauswerfen. Das ist der Dank, dass sie sich aufgeopfert hat und dass von einer Frau von 72 Jahren! Aber es geht ihr auch mal so. Sie wird ja auch mal alt.

Wie du mir schreibst, hast du auch noch ein Päckchen bekommen, aber es muß noch was unterwegs sein für dich. Und wie du mir schreibst, ist das Hautjucken noch nicht weg. Aber es wird doch wohl wieder besser werden. Ich habe auch ein Päckchen geschickt mit etwas Seife drin. Ich hoffe, dass ihr es bekommt. Habe die zwei Päckchen auch noch nicht bekommen. Ja, Lissjen, es geht wohl viel Post verloren. Wie ist es mit dir Lissjen? Bist du jetzt wieder auf der Besserung? Ja, Lissjen, jetzt haben wir Übermorgen wieder März. Es ist ja ein Glück, daß der Winter so ziemlich vorbei ist. Jetzt bin ich auch wieder 9 Monate hier, richtig hätte ich ja jetzt Urlaub gehabt. Aber es gibt ja keinen Urlaub. Aber ich hoffe, dass wir doch so lange nicht mehr hier blieben. So ihr Lieben, jetzt will ich schließen mit dem Schreiben bis zum nächsten Brief.

Es grüßt euch Vater

(*Grete war die Schwester von Johann Haas, ihr Mann hieß *Christian. Sie wohnten bis zu ihrer Evakuierung in Burtscheid in der Hauptstraße, nach dem Krieg in der Bendelstraße. *Tinchen war die jüngste Schwester von Johann Haas.)

Dienstag, den 12.3.1945

Liebe Frau und Kinder,

will euch wieder ein paar Zeilen schreiben. Es geht mir bis jetzt noch gut, dasselbe hoffe ich auch von euch. Habe noch immer keine Post von euch bekommen, aber ihr seid es ja nicht Schuld. Ich denke doch nicht, dass euch etwas passiert ist.

Liebe Frau, es gehen Kameraden weg von uns, denen gebe ich den Brief mit, dann habt ihr ja auch eher Post. Ihr werdet wohl auch genauso auf Post warten wie ich.

Was macht ihr denn noch alle? Hast du von Hermine* und Bernd* noch nichts gehört? Oder sind sie in ihrem Heim geblieben? Wie ist es mit den Jungen? Sind sie bald geheilt und wie ist es mit dir Lissjen? Habt ihr das letzte Päckchen erhalten, wo ich euch ein paar Stücke Seife reingelegt habe und ein paar Rollen Drops? Habe auch noch nicht die zwei letzten Päckchen erhalten von euch. Ob es noch kommt? Es bleibt ja viel zurück.

Also ihr Lieben, viel zu schreiben weiß ich euch ja nicht, denn ich warte ja immer auf Post.

Bleibt alle gesund, ich denke, dass wir bald ins Reich zurückkommen.

Es grüßt euch Schang

(*Hermine war die Frau von Christian Haas, dem jüngsten Bruder von Johann. Sie wohnten in Wuppertal und hatten dort eine Kohlenhandlung. Christian Haas war im Krieg Feldwebel und fiel schon kurz nach Kriegsausbruch. *Bernd war der Mann von Tante Henny, der Schwester von Elise Haas. Er war Schreinermeister in Düsseldorf.)

Den 2.4.1945

Liebe Frau und Kinder,

habe gestern noch mal nach langer Zeit Post von euch bekommen. Es ist aber noch was vom Februar. Wie ich sehe geht es euch noch gut, dasselbe kann ich auch von mir berichten. Aber die Post, wo bleibt sie?

Du schreibst auch, dass du schon lange nichts mehr gehört hast von mir. Habe auch Post von Jakob* bekommen und von Tante Grete, und Mutter hat mir auch geschrieben. Gerda* von Fina* hat mir auch zwei Karten geschrieben, aber ich habe gestern 7 Briefe bekommen. Ja liebe Frau, wäre nur einmal Schluß. Es wird ja immer noch schlimmer mit dem Krieg.

Hier, wo wir liegen ist es ja noch ruhig. Aber wir wollen doch alle lieber in der Heimat kämpfen.

Also alles Liebe bis zum nächsten Brief.

Es grüßt euch Vater.

(*Jakob war der älteste Bruder von Johann Haas und der Zwillingsbruder von seiner Schwester Maria. Jakob lebt heute (2002) über neunzigjährig in Bärbroich bei Bergisch Gladbach. Seine Schwester Maria lebt wahrscheinlich noch in Merkstein. *Fina (Josefine) war die älteste Schwester von Johann Haas, *Gerda hieß ihre Tochter, also die Nichte von Johann Haas.)

Dieser Feldpostbrief vom April 1945 war das letzte Lebenszeichen von Johann Haas. Seit Kriegsende galt er als verschollen.

Im Jahr 1995 erhielt die Familie Haas vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes ein Schreiben aus dem hervorgeht, dass Johann Haas in Kriegsgefangenschaft geraten und dort gestorben ist.

Als der Krieg zu Ende war und in Colditz erst die Amerikaner und dann die Russen das Sagen hatten, fand kein Schulunterricht mehr statt, und auch Henny durfte nicht mehr in den Kindergarten gehen, vielmehr musste man Pflichtarbeit für die Russen auf den Feldern ableisten. So wurde z. B. an mehreren Tagen nur Kohl geerntet.

Dann endlich im Januar 1946 durfte sich Elise Haas zusammen mit ihrer Kindern Henny, Josef und Heinz auf den Rückweg nach Aachen machen. Henny und Heinz hatten sich in Colditz ganz wohl gefühlt, die Landschaft war herrlich, viel Wald, Felder, der Fluss, und in Aachen erwarteten sie nur Trümmer und eine ungewisse Zukunft. Hier hatten sie neue Freunde gefunden, und ihnen fiel der Abschied aus Sachsen sehr schwer und sie wären auch gerne dort geblieben. Von ihrem Mann hatte Elise Haas kein Lebenszeichen mehr bekommen. Er galt als vermisst und sie wusste nicht, ob er noch lebte. Sie wusste, dass sie sehr krank war und wollte nicht, dass ihre Kinder allein in der Fremde in Colditz zurückblieben. Sie wollte zurück nach Hause, nach Aachen. Ein gezimmertes Bollerwägelchen wurde gepackt, und man ging Richtung Bahnhof. Henny hatte sich aus einer alten Decke eine dicke Jacke genäht, denn es war Winter und bitter kalt. Man erwischte einen Zug, der in Richtung Leipzig fuhr. Während der Fahrt mussten die Fahrgäste immer wieder aussteigen und ein Stück zu Fuß gehen, denn oft fehlten ganze Stücke Schienen oder eine Brücke war gesprengt worden. Man musste warten und in einen anderen Zug umsteigen. In den Zugabteilen saß man auf Holzbänken, und die Fenster hatten keine Scheiben mehr. Es war eisigkalt, Heizung gab es nicht und die Fahrt war eine wahnsinnige Strapaze. Nach Tagen erreichten sie das Flüchtlingslager Friedland bei Helmstedt.

Hier wurden alle Neuankömmlinge zunächst mit einem Pulver entlaust. Alle erhielten eine warme Suppe und ein paar Butterbrote und konnten sich auf dem Boden der Wellblechbaracken zum Schlafen legen. Es waren riesige Hallen voller Menschen auf dem Weg nach Hause mit dem wenigen Hab und Gut in Taschen, Koffern und Kisten verstaut.

Nach Ende des 2. Weltkrieges, als Tausende von Menschen unterwegs waren – Flüchtlinge, Vertriebene, auf der Suche nach Angehörigen oder nach einer neuen Bleibe oder auf dem Weg zurück in die Heimat, wurde das Grenzdurchgangslager Friedland von der britischen Militärverwaltung eingerichtet. Friedland befindet sich in der Nähe der Stadt Göttingen und hier fanden die britischen Besatzer Stallgebäude des Versuchsgutes der Universität Göttingen vor, in Bahnhofsnähe und in Nähe der Bundesstraße 27. Die vorhandenen Stallgebäude wurden nach und nach durch Blechbaracken „Nissenhütten“ (Nissen = Eier der Kopflaus) erweitert.

Nachdem sicher war, dass Tante Milli (Emilie), die Schwester von Elise und die Patentante von Josef, die in Düsseldorf wohnte, die Familie aufnehmen würde, konnte man nach einigen Tagen das Lager verlassen. Mit der Holzkarre zog man Richtung Bahnhof und fuhr in völlig überfüllten Eisenbahnwagen Richtung Düsseldorf. Die Züge waren so voll, dass Menschen auf den Dächern und auf den Puffern der Anhänger saßen. Auch Josef musste streckenweise den unbequemen Aufenthalt auf so einem Eisenbahnpuffer in Kauf nehmen.

Vom Düsseldorfer Hauptbahnhof wurde die Strecke bis nach Oberkassel zu Fuß zurückgelegt, das waren ca. 6 km. Tante Milli wohnte zusammen mit ihrem Mann, dem Onkel Heinrich, der übrigens der Pate von Heinz und ein richtiger Geizhals war, einer der Wohnung am Belsenplatz. Sehr lange blieb man aber hier nicht, denn es kam immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten. Tante Henny, die auch in Oberkassel lebte, in der Ambossstraße, besaß einen riesigen Garten mit einem Gartenhäuschen. Hier wurde Familie Haas eine Zeit lang aufgenommen. Tante Henny stellte ihr Gartenhäuschen zum Wohnen zur Verfügung.

Josef kam zu einem Bauern nach Lütterfeld/Büderich, bei Neuss, und musste dort arbeiten. Der Bauer besaß drei Kühe, zwei Schweine einige Hühner und zwei Pferde. Er hatte sich hauptsächlich auf den Anbau von Gemüse spezialisiert. Josef musste z. B. mal einen ganzen Tag lang Porreepflanzen setzen, so dass ihm abends wahnsinnig der Rücken schmerzte. Oder er musste Pflügen; die zwei Pferde wurden vor den Pflug gespannt und Josef musste auf dem Acker die Furchen ziehen. Auch hier fand Josef im Heu in der Scheune Hühnernester mit Eiern. Diese schmuggelte er nach Oberkassel zu seiner Tante Henny. Von ihr erhielt er pro Ei 10 Mark und Tante Henny verkaufte oder tauschte die Eier weiter. Für 200 Mark konnte Josef sich eine Packung Zigaretten (amerikanische Lucky Stricke oder Phillip Morris) kaufen. So waren die Preise damals! Das Geld verlor täglich an Wert.

Ca. 1,5 Jahre arbeitete Josef als Knecht bei Bauer Cornelius Hörschgens in Lütterfeld. Manchmal ging er samstagabends zusammen mit dem Knecht vom Nachbarhof in Kaarst raus auf ein Bierchen, das war allerdings nur eine Art Wasserbier, enthielt kaum Alkohol und schmeckte nicht besonders gut.

Alkoholhaltiger war da doch schon der selbstgebrannte Kartoffelschnaps „Knolli“, der 120 Mark pro Flasche kostete. Bei einer Wette zwischen Josef und den Knechten, wer am meisten davon schafft, gewann Josef zwar, aber mit welchen Folgen! Sturzbetrunken konnte er sich noch zurück aufs Gut schleppen und blieb dort im Heu liegen, wo er am nächsten Morgen mit einem dicken Kopf aufwachte.

Zu Josefs Aufgaben gehörte auch das Mähen der großen Wiesen mit der Mähmaschine, die ebenso wie der Pflug von den beiden Pferden gezogen wurden. Das Heu wurde anschließend mit Heugabeln gewendet und auch per Hand auf den großen Heuwagen geladen. Josef war inzwischen 15 Jahre alt. Schon im zeitigen Frühjahr wurden in den Frühbeeten die ersten Gemüsesorten ausgesät, später wurden die kleinen Pflänzchen von Wirsing, Rot- und Weißkohl, Möhren und Tomaten pikiert. Hatten die Gemüsepflanzen eine bestimmte Größe erreicht, bündelte Josef sie zu Packen von je 20 Stück, die er in einen großen Korb setzte. Der kam dann vorne aufs Fahrrad. Zusammen mit der Bäuerin fuhr Josef dann mit dem Rad Richtung Düsseldorf, über Büderich, Neuss und Oberkassel. Weil das Rad mit dem Korb vorne drauf so schwer war, fiel Josef auch schon mal mit dem Fahrrad um. In den Außenbezirken von Düsseldorf klingelten sie dann an den Haustüren und fragten, ob jemand Gemüsepflanzen kaufen wollte.

Im Winter, als es auf den Feldern nicht soviel Arbeit gab, half Josef beim Bau eines Gewächshauses und beim Brunnenbau zur Felderberieselung.

Elise Haas wollte auch bei Tante Henny nicht mehr länger bleiben, Aachen war ihr Ziel. Sie bekam die Zusage für eine Kabine im Luftschutzbunker auf der Kasinostraße, und dort wohnte die Familie die nächsten Jahre. Zunächst nur Elise mit Henny und Heinz, denn Josef lebte noch in Büderich beim Bauern und hatte noch nicht die Erlaubnis, mit nach Aachen zu gehen. Nur während seiner freien Wochenenden konnte er mit dem Zug nach Aachen fahren und seine Mutter und Geschwister besuchen.

Im zerstörten Aachen gab es so gut wie keine Wohnungen mehr und so war die Unterkunft im Bunker die einzige Möglichkeit überhaupt, zurück nach Aachen zu kommen. Die Bunkerkabine war winzig klein, ca. 2 m breit und 4 m lang. In der Kabine befanden sich ein Etagenbett mit Strohsäcken, ein kleiner Tisch und zwei Stühle. Es gab kein Fenster, Tag und Nacht musste man Licht an machen. In den ca. 1,5 m dicken Wänden befanden sich Eisenrohre, die die Luftzufuhr sicherstellten und gebogen waren, damit bei den Bombenangriffen während des Krieges keine Splitter eindringen konnten. Es gab Gemeinschaftsklos und Waschräume und eine Gemeinschaftsküche auf jeder Etage. Die Gemeinschaftsküche sah so aus, dass in einem Raum mehrere Tische standen und jede Familie ihren eigenen Kocher aufstellen musste. Es handelte sich um einfache Zweiplatten-Kocher, die mit einer elektrischen Spirale beheizt wurden. Die Funktion war nicht immer sehr sicher und manchmal bekam man auch einen kleinen elektrischen Schlag beim Kochen.

Elise Haas war inzwischen 45 Jahre alt, Henny achtzehn und Heinz zwölf Jahre alt. Hier im Bunker lernte Henny Ende 1946 ihren späteren Mann Horst kennen.

Die ersten Schulen nahmen nach Kriegsende wieder ihren Betrieb auf. Heinz musste zur Volksschule in die Luisenstraße gehen. Sein Schulweg führte vorbei an Bergen von Trümmern, zerstörten Straßen und Häuser. Die Klassenzimmer waren nur provisorisch eingerichtet. Schule, wie wir sie heute kennen, gab es nicht. Es fehlten Bücher, Hefte und Stifte. Ein geregelter Unterricht konnte nicht stattfinden. Die Klassenzimmer waren nicht geheizt. Die Kinder und Lehrer waren oft hungrig, ihre Kleidung war schlecht.

Vor Kriegsausbruch hatte Heinz das 1.Schuljahr besucht, während des Krieges gab es auch keinen regelmäßigen Unterricht. Ständig wurde er durch Fliegeralarm unter- bzw. abgebrochen, die Schüler mussten sich im Keller in Sicherheit bringen. Wegen des Krieges war es ihm nicht möglich eine ordentliche Schulausbildung zu bekommen.

Mit 14 Jahren ging Heinz zu einem Bauern in die Soers, zum Bauern Kessel, und arbeitete dort in der Landwirtschaft für 5 DM pro Woche und freie Verpflegung.

Josef kam im Herbst 1947 zurück nach Aachen.

Zurück in der Heimatstadt ging Josef zusammen mit seiner Mutter zum Arbeitsamt, das sich damals noch in der Burg Frankenberg befand. Bei seinem Besuch dort traf er zufällig ein junges Mädchen, das er aus der Gärtnerei in Colditz kannte. Die Welt ist manchmal sehr klein!

Josef wollte sehr gerne eine Lehre als Autoschlosser beginnen, aber dieser Traum war schnell zu Ende geträumt.

Auf dem Arbeitsamt sagte man ihnen, dass es keine Lehrstellen für einen Autoschlosser gebe und auch kein Bedarf dafür bestünde, weil es nach dem Krieg kaum Autos in Aachen gab, aber man hätte eine schöne Lehrstelle als Maschinenschlosser bei der Firma ADOS auf der Triererstraße. Und hier begann Josef am 1. Oktober 1947 seine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Die Lehre dauerte 3, 5 Jahre und die Ausbildungsvergütung sah folgendermaßen aus: 1. Lehrjahr – 5 RM/Woche, 2. Lehrjahr – 10 RM/Woche, 3. Lehrjahr – 15 RM/Woche und im letzten halben Jahr gab es 20 RM/Woche. Um sich eine Vorstellung von der Höhe des Lehrgeldes zu machen, sollte ich erwähnen, dass eine einzelne Zigarette damals zum Preis von 5RM zu haben war.


 

Hannelore Follmer

Hannelore Follmer im April 2015 über sich:

Ich bin Jahrgang ’57 und ein “echter Öcher met Hazz en Blot”. Meine Heimatstadt ist für mich die “schönste Stadt der Welt”. Ich bin verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder.

Eins meiner Hobbys ist das Öcher Platt. Im Verein Öcher Platt bin ich langjähriges Mitglied.

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5 Antworten

  1. Manfred Haas sagt:

    Ich Manfred Haas ,Sohn von Jakob Haas- Bruder von Josef Haas .Dessen Sohn Josef der Die Geschehnisse Kriegskindheit-Erinnerungen meines Vaters , welcher von Ihnen Frau Hannelore Follmer verfasst wurde. Ich bekam heute, 11.8.2017 von unserer gemeinsamen Cousine diesen Bericht gesendet. Da ich keinerlei Information über Josef Haas habe, wäre es schön, mir etwas an Information, wenn er noch lebt? über Ihn zu bekommen. Vielen Dank, auch über diesen wunderschönen Bericht hierrüber. Mfg. Manfred Haas 51515 Kürten, Wipperfürther Str.293

  2. Annette sagt:

    Die wunderschönsten Geschichten sind die, die das Leben schreibt!
    Da wird einem ja ganz warm ums Herz
    und bitte nicht aufhören zu schreiben,
    wir warten alle auf mehr…
    Vielen lieben Dank

  3. Manfred Haas sagt:

    Ja liebe Aachener Freunde. Diese Geschichte von Hanne Follmer, Erinnerungen eines Kriegskindes. Durch diese Geschichte wurde ein kontakt hergestellt, welcher ein treffen am 10.9 in Aachen bewirkt. Es freuen sich die noch verbliebenen über diesen Treff ,auch mit Hanne Follmer. Mfg. Manfred Haas.

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