Lehrjahre waren keine Herrenjahre

 (Wie in diesem Bericht war es bestimmt nicht bei allen Lehrlingen dieser Zeit, es kann besser, aber auch wesentlich schlechter gewesen sein.)

Ostern 1960 kam ich mit 16 Jahren in der 6. Klasse der Realschule, das entspricht heute dem 10. Schuljahr. Da mit dem Ende des Schuljahres auch der Schulbesuch zu Ende war, stand das Thema Berufswahl im Raum. In den Jahren vorher hatte ich als Junge auf Gut Schurzelt bei einem Pfadfinderkameraden gearbeitet, dabei etwas Geld verdient und festgestellt, dass mir die Arbeit in freier Natur gefiel. Als ich dann meiner Mutter sagte, ich wolle Diplomlandwirt werden, war die nicht entsetzt, sondern erklärte mir nur drastisch die Probleme.

„Junge, die großen Güter im Osten gibt es nicht mehr, da brauchte man Verwalter. So viele hübsche Bauerntöchter, die einen Hof erben und die du heiraten kannst, gibt es auch nicht. Also wirst du immer für wenig Geld für andere Leute arbeiten.“ Damit war das Thema abgehakt und erledigt. Ob sie Angst hatte, dass ich ins Ausland gehen könnte, weiß ich nicht, darüber wurde auch nie gesprochen, diese Idee ist mir auch erst später gekommen.

Also habe ich meinen Berufswunsch geändert und wollte Bauingenieur werden. Die Schule war auf der Bayernallee und ich konnte zu Hause und in der gewohnten Umgebung bleiben. Ein auswärtiges Studium hätte ich mir als Arbeiterkind nie leisten können.

Die Voraussetzung für den Besuch der Bauingenieurschule war eine 3jährige Lehre in einem Bauberuf, zusätzlich 2 x 3 Monate Praktikum in zwei anderen Berufen oder ein 2jähriges gelenktes Praktikum im Baubereich. Hier schaltete sich nun mein Vater ein, ein Praktikum kam für ihn nicht in Frage. Er hatte die Wirtschaftskrise, die Arbeitslosigkeit und den 2. Weltkrieg als Soldat mitgemacht. Seine Aussage war, wenn du einen Beruf gelernt hast kannst du immer wieder darauf zurückgreifen, was du gelernt hast, kann dir keiner nehmen.

Vor den Sommerferien 1960 kam dann der Berufsberater in die Schule und verteilte Termine für ein Beratungsgespräch. Da mein Vater bei dem Gespräch dabei sein wollte, hatten wir einen Termin gegen 17 Uhr im Arbeitsamt „An den Frauenbrüdern“. Wir trafen uns vor dem Gebäude und ich rechnete mit einer Beratung. Als wir dann in das Büro kamen, fragte mich der Berufsberater: „Was willst Du werden?“ Als ich dann antwortete. „Ich möchte Bauingenieur werden und dafür muss ich eine Baulehre machen“, suchte er mir eine Karte aus einem Karteikasten und gab mir die mit der Bemerkung, das sei die Adresse einer Baufirma, die Lehrlinge suchte. Das war die gesamte Berufsberatung, Dauer ca. 7 bis 8 Minuten.

Ich fand das nicht gut, aber ich wusste ja, was ich wollte, bin also einige Tage später in die Beverstraße gegangen, von der Alten Maastrichter Straße bis Rothe Erde war das eine Wanderung von einer Stunde – eine Strecke. Habe am Empfang der Firma meine Karte abgegeben und mein Anliegen vorgetragen und bekam dann nach Rücksprache der Angestellten mit Herrn Goffart, dem Chef, einen Termin ungefähr 14 Tage später.

Irgendwann war auch eine schulärztliche Untersuchung, Feststellung „Körperbau athletisch, schwache Rückenmuskulatur, sollte Rudern“. Sonst alles okay. Gab in Aachen keinen Ruderklub, hatte sich also auch erledigt.

Bin dann zu dem Gesprächstermin mit meinem zukünftigen Chef in die Beverstraße gegangen oder mit dem Fahrrad gefahren. Habe auch mein Zeugnis und auch einen Lebenslauf mitgenommen. Das Gespräch war nicht sehr lange, Herrn Goffart war klar, dass ich mit Mittlerer Reife eine andere Laufbahn als Bauarbeiter einschlagen wollte. Als ich ihn am Schluss der Unterredung fragte, ob er mein Zeugnis sehen wolle, meinte er nur, wofür. Auch über den Lebenslauf wurde nicht gesprochen, es wurde über die Arbeitszeit und die Frage geklärt, ob der Lehrvertrag bei der Industrie- und Handelskammer oder Handwerkskammer abgeschlossen werden sollte. Ich hatte gehört, dass die Industrieausbildung zum Teil auf Lehrbaustellen erfolgte, also wollte ich diese. Was ich nicht wusste und was auch nicht gesagt wurde: die Firma schickte keine Lehrlinge auf die Lehrbaustelle, sie übernahm nicht die Kosten. Ich habe die Lehrbaustelle in Köln während meiner Lehrzeit nie gesehen.

Außerdem wurde mir mitgeteilt, dass ich mein Werkzeug und meine Arbeitskleidung selbst zu beschaffen hatte. Eine Probezeit von 3 Monaten wurde festgelegt, der Lehrvertrag danach erst unterschrieben und erst nach 6 Monaten in die Lehrlingsrolle eingetragen.

Die Höhe der Entlohnung wurde im Lehrvertrag festgeschrieben.

1. Lehrjahr 134,50 DM brutto, das waren netto 70 DM
2. Lehrjahr 188,30 DM brutto, ich hatte netto ca. 120 DM
3. Lehrjahr 242,10 DM brutto, ich hatte netto ca. 250 DM

Die Höhe der Lehrlingsbeihilfen war abhängig von den Tariflöhnen, und die Steigerungen waren damals im Baugewerbe ziemlich hoch, daher auch die Unterschiede zu den Summen im Lehrvertrag.

Im Lehrvertrag standen auch noch Verhaltensmassregeln für den Lehrling und die Aufgaben des Betriebes. Ich habe sie nicht gelesen und in der Firma, glaube ich, auch keiner.

Die Lehre begann am 4.4.1961, ich musste relativ früh auf dem Betriebshof der Firma in der Beverstraße 44 sein, und von dort wurden wir, es waren 6 Lehrlinge in dem Jahr, alle mit Mittlerer Reife, auf die Baustellen und damit auf verschiedene Lehrpoliere verteilt. Bei einem Lehrpolier blieb man dann ein Jahr. Meine erste Baustelle war im Neubaugebiet Hanbruch, es waren Mehrfamilienhäuser auf der linken Straßenseite im oberen Teil des heutigen Kronenbergs. Hier baute die Firma mehrere Blocks aus 4 Miethäusern für die „Neue Heimat“, 2 Baustellen und 2 Poliere. Auf beide Baustellen kam ein Lehrling. Ein Fahrer der Firma brachte uns mit unserem Werkzeug auf die Baustelle.

Das einzige an persönlicher Ausrüstung, was uns von der Firma zur Verfügung gestellt wurde, waren die Schutzhelme, die damals aufkamen. Ich war einer der wenigen auf der Baustelle, der ihn immer trug, ich hatte von einer Kopfverletzung (Schädelbasisbruch) genug.

Da mein Vater zu der Zeit als Einschaler bei einer Baufirma beschäftigt war, hatte er mir eine abschließbare Werkzeugkiste angefertigt, da er meinte, sonst würde mir das Werkzeug geklaut, was mir später auch passierte.

Also habe ich mich auf der Baustelle umgezogen, meine Werkzeugkiste in eine Baubude gestellt, und dann wies mich Polier Plewka auf der Baustelle ein. Eine wichtige Aufgabe für mich war jeden Tag das Reinigen der Baubuden, die Kunst war dabei, möglichst wenig Staub aufzuwirbeln, der hätte sich sonst auf die dort hängende Kleidung der Arbeiter gelegt. Dazu kam dann jeden Tag die wichtigste Aufgabe, um vor 12 Uhr Feuer unter der Wasserwanne für die Mitchen oder Henkelmänner zu machen, es gab einige Leute aus der Eifel, die brachten diese mit.

Danach wurde es Ernst, wir gingen auf die Baustelle zu einem großen Haufen Kalksandsteine. Daneben stand eine Mulde für den Kran. Der Polier meinte nun, dass die Steine in die Mulde müssten und dann auf die Decken zu den Maurern mit dem Kran gezogen werden sollten. Er zeigte mir, wie man die fast 10 kg schweren Steine, in jeder Hand einen, in den Kübel werfen sollte. Sein Kommentar dazu: „Schnell anfangen und das Tempo langsam steigern“. Das habe ich mit kurzen Unterbrechungen dann 4 Monate lang gemacht. Dazwischen Bauten auskehren, Scheiße aus den Ecken der Keller herausschaffen und Abfall aufsammeln. Mitchen warm machen brachte Verdruss, einmal hat ein Kollege aus Kesternich seinen Mit nicht rausgestellt und ich habe ihn nicht ins Wasser gestellt, er ranzte mich an, aber auf mein Argument „Ich gehe nicht an fremde Taschen“ konnte er nichts sagen. Er sagte mir dann, ich könne an seine Tasche gehen und den Mit rausholen. Nachher habe ich das mal gemacht, aber leider hatte er vergessen mir zu sagen, dass er Pudding mithatte, er hat dann Puddingsuppe gegessen und nicht gemeckert.

Wenn Decken geschalt worden waren, konnte ich mit, die Matten klammern, das ging auf die Nägel und Finger. Einmal habe ich in den ersten 4 Monaten mit einer Kolonne gemauert, da wollte mich der Hilfsarbeiter verprügeln, hat es aber dann doch gelassen. Ich habe in dieser Zeit eins gelernt, Facharbeiter egal welchen Berufs hatten Verständnis dafür, dass man weiter wollte, Hilfsarbeiter konnten das nie verstehen.

Auf der Baustelle waren drei Kolonnen, die Maurer waren Deutsch-Belgier aus St. Vith, die Einschaler waren Holländer, der Polier, der Kranführer, der Maschinist, zuständig für Mörtel und Beton, und der Lehrling waren Deutsche.

Auf den Baustellen wurde gut verdient und die Kolonnen arbeiteten alle im Akkord oder mit Leistungszulagen.

Irgendwann habe ich dann auch den Auftrag bekommen, einen Sack Zement (50 kg) aufzuheben und zum Mischer zu bringen. Der Sack war vorher dorthin gebracht worden, nehme ich an, denn die Stelle war von der Baustelle nicht einzusehen. Ich habe mehr als 1 Stunde gebraucht, um ihn vom Boden auf den Rücken zu bekommen, eine Schinderei. So wurde man abgehärtet. Nebenbei lernte man Geschichten über die Ausrottung der Inzucht in der Eifel als eine Folge des Westwallbaus und den Spruch „Hauruck, der Westwall steht“ kennen. Dazu einige detailreiche Erzählungen über den Bau der Westwallbunker. Dazwischen auch die ersten Brocken Russisch – dawai, dawai und raboti, raboti.

Die Arbeiter waren zum Teil zum Westwallbau ins Rheinland gekommen und erzählten in den Baubuden über ihre Erlebnisse und die Schiebereien in dieser Zeit. Holländische Arbeiter erzählten genauso über Indonesien.

Ab August war ich dann mit dem gleichen Polier auf einer Großbaustelle an der Krefelder Straße, Bau eines Busdepots und Werkstatt für die Deutsche Bundespost, gegenüber dem Turnierplatz, heute steht dort das Finanzamt.

Hier wurde erst die Baustelle eingerichtet und dann ausgeschachtet. Fetter Ton, dazwischen mit Schutt verfüllte Gruben, da hatte man den Ton abgebaut, um Ziegelsteine zu brennen. Nur Matsch, Klei und Grundwasser. Wenn man sich bewegen wollte, musste man die Stiefel aus dem Ton ziehen, sie saugten sich fest. Dazwischen Anschisse durch den Polier, weil zwei dumme, jugendliche holländische Hilfsarbeiter zu blöd waren, Anweisungen zu befolgen. Ich sollte sie beaufsichtigen, und das als Lehrling mit 70 Pfennigen die Stundenlohn, und die bekamen 3,50 DM die Stunde.

Die Beton und Mauerarbeiten führte eine Kolonne von einem Subunternehmer durch, heute nennt man so etwas Leiharbeiter. Es waren gelernte Bauarbeiter, nicht sehr viel älter als ich, aber sie verdienten unwahrscheinlich viel Geld. Sie bekamen, wie ich es damals verstand, ihren Lohn ohne Steuer und Versicherung. Wenn sie krank wurden, meldete der Unternehmer sie 2 Tage rückwirkend an, dadurch waren sie dann versichert. Das Geld brachten sie dann am Wochenende bei Mama Dumont oder mit den Nutten im Frankenberger Hof durch. Für die fuhr ich dann jeden Morgen einkaufen, teilweise bei besonderen Wünschen bis zum Kaiserplatz. Auch auf dieser Baustelle lag die Reinigung der Buden bei mir, jeden Tag 20 bis 30 Minuten, zum Einkaufen brauchte ich mit dem Fahrrad bis zu ¾ Stunde, ab und zu auch mehr, bei speziellen Zigarettensorten, für die ich in die Stadt fuhr.

Die Termine und die aufgewandte Zeit dieser berufsfremden Arbeiten habe in mein Berichtsheft geschrieben, aber auch für mein Berichtsheft hat sich bis zu meiner Gesellenprüfung niemand interessiert.

Ich war, als meine Lehre antrat 17 Jahre und arbeitete bis Dezember 1961 40 Stunden die Woche. Ab Januar 1962 fiel ich als 18 jähriger nicht mehr unter das Jugendschutzgesetz. Dazu kam, ein Volksschüler ging mit 14 Jahren in die Lehre und war mit 17 oder 17 ½ schon Geselle, dadurch hätte ich bei einer gründlichen Ausbildung in den ersten Monaten schnell die Arbeiten eines Gesellen ausführen können.

Im ersten Lehrjahr habe ich mich 2 oder 3 Mal bei Betriebsrat über meine Ausbildung beschwert, meine Mutter hatte mit dem Chef gesprochen, aber nichts hat geholfen, ich kam mir irgendwie blöd vor,

Anfang Mai 1961 war ich in die Gewerkschaft Bau, Steine, Erden eingetreten. Hier habe ich mich dann in der Jugendarbeit engagiert und mit Kurt Herforth, dem Gewerkschaftssekretär, einen guten und verständnisvollen Förderer gefunden. Ich habe mit den Jugendlichen von Bau, Steine, Erden an Tagungen und Fortbildungen teilgenommen, bin zweimal zu Lehrgängen am Tegernsee gewesen und konnte mein Taschengeld als Kassierer der Gewerkschaft aufbessern

Im Frühsommer 1962 kam ich dann auf eine Baustelle am Muffeter Weg, der Polier war Herr Brüll. Hier konnte ich dann Arbeiten machen, die mit dem Maurerhandwerk zu tun hatten, ich mauerte, konnte in Ruhe einen Zementputz machen und lernte einiges dazu. Nach kurzer Zeit bekam der Polier eine neue Baustelle in der Johanniterstraße, gegenüber der Einmündung Paulusstraße. War für mich zu Fuß gut zu erreichen. Die Baustelle war sehr beengt und ich baute jetzt das erste Mal mit an einem Haus von Fundament bis zum Dach.

Die Mannschaft auf dieser Baustelle bestand aus dem Polier, 2 deutschen Facharbeitern, einem Hilfsarbeiter und mir als Lehrling. Dazu kamen für die Decken und die gewendelte Treppe noch Einschaler. Auf dieser Baustelle habe ich sehr viel gelernt, der Polier war ein sehr guter Fachmann. Er hatte Ahnung von Menschenführung gab mir auch sehr viel fachliche Hilfe. Die beiden Facharbeiter waren zwar älter als ich aber sehr hilfsbereit und gut ausgebildet. Sie waren auch bereit mir vieles zu erklären.

Ich hatte jetzt den Vorteil, ich war kein kleiner Junge mehr und hatte in dem ersten Lehrjahr Kraft und Ausdauer trainiert und in der Berufsschule auch eine ganze Menge an fachlichem, theoretischem Wissen gelernt. Als die Baustelle dann fast fertig war wurde auf Wunsch des Bauherrn Richtfest gefeiert, es gab einen Richtspruch den ich vortragen musste und dann gab es Wachholder. Meine Kollegen haben mich, wie man heute sagt, abgefüllt, bis kurz vor einer Alkoholvergiftung. Ich habe danach fast 3 Monate keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt und bis heute mag ich Wacholder nicht. Aber wir waren ja stark und mussten das auch raushängen lassen.

Im November 1962 machte ich dann auch meinen Führerschein und konnte von Anfang an mit dem Wagen meiner Eltern fahren und war dadurch beweglicher.

Im Dezember des Jahres 1962 war dieser Bau dann abgeschlossen, und wir hatte irgendwann um Weihnachten eine Garage in der Hohenstaufenallee zu bauen. Fundamente waren betoniert und dann ließ der Polier alles mit Schilfmatten abdecken, ich fragte ihn noch warum dass gemacht würde, und er erklärte mir es sei ein Schutz vor etwaigem Frost. In der Sylvesternacht 1962/63 begann es zu schneien und Frost setzte ein. Als Lehrling bekam ich kein Schlechtwettergeld, wir mussten durcharbeiten. Genauso waren die Poliere damals Angestellte und mussten aus Kostengründen durcharbeiten. Der Frost hielt in diesem Jahr an und eine ganze Reihe von Polieren und Lehrlingen traf sich auf einer Baustelle am Bendplatz, dem Umbau und der Sanierung der damaligen Bananenreiferei von Harder, Meiser und Co, Hier sollten die Lehrlinge Leitungsschlitze stemmen und die Hilfsarbeiten ausführen, nach kurzer Zeit fielen die anderen Lehrlinge aus und ich war der einzige Lehrling der den ganzen Winter, bis Ende März auf dieser Baustelle gearbeitete hat. Wir hatten in dem Jahr von Anfang Januar bis Ende März Schnee und Temperaturen bis – 15 Grad, die Arbeit war eine Schinderei. Angezogen war man für Minusgrade, Pullover, lange Unterhosen etc. In den Reifekammern, in denen offene Gasflammen brannten, waren Temperaturen bis zu + 300 C. Dazwischen irgendwann der Auftrag.“ Junge, geh mal raus, hol Sand rein, wir brauchen welchen“. Raus in die Kälte, mit der Kreuzhacke Sand losgehackt und in Eimern reingeschleppt. Alle Wege verschneit und glatt, teilweise auch vereist. Der Vorteil war das der Weg von der Alten Maastrichter Straße und dann bis nach Süsterfeld relativ kurz war. Dann mussten Träger rein geholt werden, das Gebäude lag am Bahndamm, in halber Höhe eine schmale Tür, die einzige Möglichkeit einen 4 bis 5 m langen T Träger ins Gebäude zu bekommen. Die Böschung hoch, dann versuchen zu drehen und dann rein, alles im Schnee, auf den Schultern von 5 bis 6 Mann, das ging in die Knochen.

Ende März wurde das Wetter besser. Ich kam dann zurück zu meinem Lehrpolier, wir haben die Garage fertig gemacht und sind dann zu Krantz auf eine Baustelle in der Fabrik gekommen. Hier sollte ich dann einmal ein Loch für ein Kabel durch eine Ziegelwand stemmen. Wir wussten nicht, wie dick die Wand war und bei einer 24 cm dicken Wand bin ich in 2 Stunden fertig, dachte ich. 8 Stunden habe ich mit dem Presslufthammer auf dem Bauch hinter dem Schaltschrank gelegen, die Wand war 75 cm dick aus hart gebrannten Ziegeln gemauert.

In dieser Zeit habe ich dann auch einige Tage, ich weiß nicht warum, möglicherweise war Brüll krank, auf der Baustelle der Schule am Höfling gearbeitet. Hier gab es dann etwas Ärger mit dem Polier. Ich war am Tag vorher auf die Baustelle gebracht worden und 1 Stunde Fußmarsch als Heimweg, nach 8 ½ Stunden auf dem Bau, von der Karl Marx Allee nach Hause, war lang. Mein Vater arbeitete mitten in der Stadt und ging zu Fuß zur Arbeit, also meinte meine Mutter, es sei doch sinnvoll, wenn ich mit dem Auto zur Arbeit fahren würde, sie brauchte dann abends nicht solange mit dem Essen zu warten. Abends gab es immer warmes Essen, auf der Baustelle aß ich Butterbrote. Der Polier auf dieser Baustelle kam aber mit dem Fahrrad zur Baustelle und machte einen Riesenaufstand über einen Lehrling der mit dem Auto zur Arbeit kam.

Auf dieser Baustelle wurde dann vor einem Wochenende betoniert und es sollte bis 22 oder 23 Uhr gearbeitet werden. Abends kam dann der Bauleiter und wollte für alle Abendessen holen, das war bei solchen Arbeiten üblich. Als er mich sah, meinte er nur, ich sei doch noch Lehrling, was ich noch auf der Baustelle machte. Auf meine Antwort, ich sei kein Jugendlicher und das Jugendschutzgesetz gelte für mich nicht mehr, war er ganz erstaunt. Ich bekam die Überstunden bezahlt und dieses Geld war für mich interessant, ich brauchte es nämlich nicht zu Hause abzugeben.

Ich habe schon im 2. Lehrjahr Leistungszulagen und Überstunden bezahlt bekommen und das war im Verhältnis zum meinem Taschengeld nicht wenig.

Ich bekam im 1. Lehrjahr 5 DM im Monat und im 2. Lehrjahr 20 DM/Monat, damit konnte man auch damals keine großen Sprünge machen.

Irgendwann wechselte ich im Sommer, ich war im 3. Lehrjahr, wieder den Polier und kam zu Herrn Völz. Er hatte eine Baustelle in der Kaserne Donnerberg. Er wohnte in Richterich und wir trafen uns jeden Morgen am Ponttor, von da fuhr ich mit ihm im Auto mit. Dazwischen gab es auch die Situation, dass seine Frau das Auto brauchte, das wurde abgesprochen, dann fuhr ich und er wurde von seiner Frau zum Ponttor gebracht. Es wurde auch nicht geredet, Lehrling und Auto, es war einfach gutes Auskommen. Für die Fahrten, die ich machte, bekam ich von ihm auch das Fahrgeld, das er von der Firma erhielt.

Wir haben dann im Winter eine Hallendecke betoniert und als es Schnee und Frost gab, war es meine Aufgabe, diese von unten mit Hilfe von großen Feuerkörben zu erwärmen, ich hatte also eine ruhige Kugel und war mit dem Polier alleine auf der Baustelle und beschickte den ganzen Tag die Feuer.

In der Zeit danach war mein Polier öfter krank und ich wechselte wie ein normaler Arbeiter die Baustellen, das war manchmal nicht ganz leicht.

In diesem dritten Lehrjahr hatte ich offiziell 250 DM netto, kam aber über Mehrarbeit und Leistungszulagen auf bis zu 400 DM im Monat. Ich durfte alles über 200 DM behalten, ich musste ja demnächst mein Studium finanzieren. Das gleiche war dann aber auch in den 3 Monaten, in denen ich als Facharbeiter bei der Firma war.

Kurz vor Ende meiner Lehrzeit gingen wir dann auf eine Baustelle am Hauptbahnhof, wieder einmal in den Dreck. Aber nichts mit Bude kehren oder sonstigen untergeordneten Arbeiten, ich machte jetzt als Lehrling am Ende des 3. Jahres saubere Facharbeiten, Fundamente unterfangen und auch mit Hilfsarbeitern Fundamente betonieren oder später an der Mauer in der Kolonne arbeiten. Hier passierten mir auch die ersten Unfälle, die Baustelle war sehr hektisch.

Einige Zeit vorher, es ging ja auf das Ende der Lehrzeit zu, hatte ich eine Auseinandersetzung mit einem Bauführer. Ich hatte meine Berichtshefte abgeben müssen, und bei einer Fahrt sprach er mich darauf an, dass er meine Berichtshefte nicht unterschreiben würde, ich müsste das erste Berichtsheft neu schreiben. Ich habe ihm dann klargemacht, dass ich das Berichtsheft keinesfalls neu schreiben würde, ich hätte die Arbeiten machen müssen, und ich hätte die Probleme dem Chef und dem Betriebsrat mehrfach vorgetragen. Es sei aber nichts passiert und nichts habe sich geändert. Wenn er die Berichtshefte nicht unterschreibe und ich nicht zur Prüfung zugelassen würde, sähen wir uns vor dem Arbeitsgericht wieder. Ich wolle zur Ingenieurschule und ich würde sie dann auf Ingenieurentlohnung verklagen, als Gewerkschaftler war ich informiert. Die Berichtshefte sind unterschrieben worden.

Die theoretische Prüfung war in der Berufsschule in der Martinstraße, es war für mich ein Leichtes die Aufgaben zu lösen. Den Bescheid zur praktischen Prüfung, ich musste nach Köln auf die Lehrbaustelle, bekam ich irgendwann Februar 1964. Die Prüfung war im März und ich sollte zu einer bestimmten Zeit mich auf der Lehrbaustelle einfinden. Denkfehler, 5 Minuten vor der Zeit war ich in Köln Hauptbahnhof. Raus, Taxi geschnappt zur Lehrbaustelle, ½ Stunde zu spät da. Ich rein in die Halle, sagte einer zu mir: „Sie können sich da umziehen.“ Ich ziehe mir meine Jacke aus, stehe in Jeans, Halbschuhen und Pullover da, packe mein Werkzeug aus und fange an, mit einer Traßpampe zu mauern, hatte ich noch nie gemacht. Als ich dann ruhiger geworden war, das zu mauernde Stück war keine unmögliche Aufgabe, Verbände kannte ich ja und mauern konnte ich. Habe mal rund geschaut, es waren fast 20 Prüflinge da, ich war der einzige, der keinen funkelnagelneuen weißen Anzug trug. Außerdem hatten sie auf der Lehrbaustelle, die sie mindestens 3 Mal besucht hatten, Tricks gelernt, die es auf den Baustellen nicht zu lernen gab. Ich habe aber meine Arbeit ausgeführt und die Prüfung theoretisch mit gut und praktisch mit befriedigend bestanden.

Vom nächsten Tag an wurde ich von der Firma als Geselle bezahlt, damals 3,45 DM Brutto /Stunde. Ich habe noch, in Abstimmung mit der Firma, ein Betonbauer – Praktikum von 3 Monaten gemacht, das heißt, ich arbeitete als Geselle und bekam Facharbeiterlohn. In dieser Zeit lernte ich unangenehme Vorgesetzte kennen, die einen, weil man weiter wollte, schikanierten und zu den schlechtesten Arbeiten einsetzten.

In dieser Zeit habe ich dann noch einmal mit einem meiner alte Lehrpoliere gearbeitet und wir sollten in einer Firma ein Büro umbauen, das am 1. Mai. Beim Beginn Ansage des Bauleiters: “Egal wann sie fertig sind, ich unterschreibe 12 Stunden pro Mann.“ Also reingeklotzt, nach 7 Stunden waren wir fertig. Das war mit Überstunden und Feiertagszuschlägen 100 DM Netto für mich.

Nach einem Praktikum als Bauzeichner im Baubüro des Franziskushospitals, habe ich im Oktober 1964 mein Studium an der Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen, Aachen, Bayernallee aufgenommen und im Juni 1967 mein Examen als Baubetriebsingenieur bestanden.


Karl Gallwé

Karl Gallwé, geboren 30.12.1943 im Luftschutzkeller des Burtscheider Krankenhauses. Nach der Rückkehr aus der Evakuierung 1946 auf dem Königshügel groß geworden, ab 1950 in Marienbongard zur Volksschule gegangen, im März 1961 Mittlere Reife, danach Lehre als Baufacharbeiter, Von Oktober 1964 bis Juni 1967 Studium an der Ingenieurschule für Bauwesen, Aachen Bayernallee, Abschluss als Bauing.(grad). 1970 eine gebürtige Aachenerin aus Forst geheiratet, im Preuswald gewohnt, 1973 nach der Geburt der Tochter das Studium an der PH, Ahornstraße, aufgenommen. 1975 Geburt der 2. Tochter, 1976 Erstes Staatsexamen. Danach bis zum Eintritt in den Ruhestand an verschiedenen Aachener Schulen gearbeitet. Seit 1980 wohnhaft in Walheim. Die Hobbys sind Bücher, Fotografieren, Kochen und mein Gemüsegarten in Rott. Daneben kümmere ich mich um meine 4 Enkel. Die Geschichte unsrer Heimatstadt Aachen hat mich immer interessiert.

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