Mein Baum

meinbaum

Manchmal habe ich diesen Baum besucht, als ich einen Moment der Ruhe brauchte, als ich nachdenken musste, mich beschwert fühlte, als geplanter Zufall oder einfach nur so.

Er steht auf dem Lousberg, nicht ganz oben, nicht ganz unten. Mehr so etwas oberhalb der Mitte. Ich weiß nicht, was es für ein Baum ist, ich kenne mich da nicht aus. Es ist auch nicht wichtig für mich. Wie soll ich ihn beschreiben? Er hat Zweige und im Sommer viele Blätter? Aber das haben ja mehrere. Dann vielleicht der soundsovielte Baum von rechts oder so? Damit findet ihn doch keiner. Soll auch nicht, es ist ja mein Baum.

Der Blick geht von da nach Westen bis Nordwesten. Dass ich von der Stelle aus in die Richtung schaue, wo ich wohne, ist reiner Zufall. Die Hügel zwischen da und dort verhindern, dass ich meinen Wohnort sehe. Noch ganz abgesehen davon, dass ich in so einem Moment auch nicht das Bedürfnis habe ihn zu sehen.

Ist die Aussicht denn so besonders da? Nein, ehrlich gesagt nicht. Ganz oben ist es schöner, da wo einem die Stadt zu Füßen liegt. Da ist der Dom, das Rathaus. Die Trierer Straße, schnurgerade, war da nicht etwas mit Napoleon? Geschichte drängt sich auf. Schau, da etwas mehr nach links das Haarener Kreuz und da unten der Tivoli mit der neuen Chio-Brücke. Ob darüber später die Pferdchen traben?

Auch nicht so schön wie etwas mehr nach unten. So von weitem sieht das doch hübsch aus, der weiße Rauch der Müllverbrennungsanlage Weisweiler oder nicht? Siehst du da Alsdorf, die Anna I und II, war da nicht mal ein schreckliches Grubenunglück? Guck mal da in der Ferne, ist das nicht der alte Wasserturm von Bardenberg? Die Gedanken hüpfen von einem Punkt zum andern.

Nein, nichts von alledem an der Stelle, von der ich spreche. Da sind keine auffallende Sehenswürdigkeiten, da ist keine ins Auge springende Geschichte. Man sieht eigentlich gar nichts. Und das ist genau das, was mich dahin zieht. Der Blick schweift ungehindert in die Ferne, immer weiter, bis er sich verliert am Horizont. Die Gedanken schweifen mit, sie haben freien Raum, werden nirgendwo abgegrenzt. Da werde ich nicht abgelenkt, da kann ich nachdenken oder auch nicht, träumen oder einfach nur sein.

Wenn ich Zeit, Gelegenheit oder das Bedürfnis habe, gehe ich zu meinem Baum. Er läuft mir nicht weg. Wir bleiben uns treu, wir beide. Mein Baum und ich.


 

Herman Willems

Herman Willems ist Rentner und Jahrgang 1950. Er schreibt über sich: "Ich bin Niederländer, wohne in Geleen. Ich bin aber oft in Aachen, Stammkunde bei der VHS und RWTH. Seit ich in Rente bin, habe ich Aachen und das Schreiben entdeckt. Beide sind mir sehr lieb geworden."

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1 Antwort

  1. Peer van Daalen sagt:

    Ein schöner Artikel
    Ich bin schon länger nicht mehr auf dem Lousberg gewesen.

    Die Annahalden! Wunderschöne Spaziergänge kann man dort hinauf mit etwas Umsicht machen.

    Anna II ist von Aachen fast nicht zu erkennen. Der große und lang gezogene Hügel ist die Halde Noppenberg. Dort leben etwa 1000 Fasane, die auf Anna I ihr Futter finden, weil es dort immer was zu finden gibt. Selbst im Winter, weil dort wegen der ewigen schwelenden Feuer NIE Schnee liegt.

    Das schreckliche Unglück war am 21. Oktober 1930 und forderte 271 Tote.

    Danke und Gruß
    Peer

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