Moderne Kunst

Da soll mal einer sagen, den Kühen mache der Regen nichts aus.

Auf einer  Wiese zwischen Brand und Oberforstbach, an der ich vorbeifahre, drängen sie sich jedenfalls zusammen unter dem Blätterdach einer Baumgruppe. Dicht gedrängt stehen sie, geduldig kauend und wartend. Anscheinend warten sie auf besseres Wetter.

Menschen warten nicht so geduldig. Ich auch nicht. Im Wartezimmer des Zahnarztes bleibt mir jedoch nichts anderes übrig. Die Dame am Empfang hat zwar meine Daten aufgenommen, hat auch bestätigt, dass ich zur rechten Zeit erschienen bin, aber irgendein Notfall ist dazwischen gekommen. So warte ich. Eigentlich könnte ich wieder gehen. Seit ich in der Zahnarztpraxis bin, tut mir nichts  mehr weh.  Da es kurz vor Schluss ist,  wartet niemand mehr, außer mir. Ich sehe mich um. An der Wand hängt ein kleines Acrylbild, offensichtlich gemalt von einem Anhänger der abstrakten Kunst. Es ist ungefähr 30 X 30 cm groß. Beim Betrachten kommt mir die Assoziation „Kuhwiese“, wohl weil ich eben erst an einer vorbeigefahren bin.  Ich deute auf das Bild und frage die Sprechstundenhilfe, die meiner Meinung nach gezwungen ist, das Kunstwerk jeden Tag anzusehen: „Gefällt Ihnen das Bild?“

„Das Bild?“, antwortet sie gedehnt, „Nun, es hängt schon eine Weile hier. Es ist okay.“ Hätte ich mich mit dieser Antwort zufrieden gegeben und geschwiegen, wäre die Unterhaltung unspektakulär zu Ende gegangen, und ich säße jetzt nicht in der Patsche.

Aber ich kann mir nicht verkneifen, zu bemerken: „Sieht aus wie ein platt getretener Kuhfladen, auf den jemand Eierlikör gespritzt hat.“ Lachend über meinen eigenen Witz erwarte ich ihre Zustimmung.

„Das hat der Chef persönlich gemalt“, ist stattdessen ihre Antwort. Mir bleibt das Lachen im Halse stecken. Ich gehe näher an das Bild ran. Betrachte es so fachmännisch wie möglich, murmele „interessant, interessant“ und denke dabei, und es ist doch ein Kuhfladen. ein grünbrauner Kuhfladen auf rotem Grund, mit Gelb garniert. „Spachteltechnik“ füge ich noch hinzu mit gespielter Kennermiene. „ Erinnert mich an einen frühen Beuys“, wobei ich keine Ahnung habe, ob Beuys  jemals diese Technik eingesetzt hat.  Aber ein anderer Name fällt mir so schnell nicht ein. Während ich so tue, als wäre ich in Betrachtung des Bildes versunken, habe ich nicht bemerkt, dass sich die Tür des Behandlungszimmers geöffnet hat und der Allgewaltige, der Herr über Zangen und Narkosespritzen, über Kronen und Implantate in der Türöffnung steht. Er hat meine letzten Worte gehört. „Ja“, sagt er, „Malen ist mein Hobby, es entspannt mich.“

Ich schweige. Wohlweislich.  Vor lauter Freude über den Vergleich mit dem frühen Beuys, wie ich vermute, ist sein Gesicht rot angelaufen.  Es ist so rot  wie der Untergrund auf seinem Bild. „Nach der Behandlung, kann ich ihnen auch noch andere Bilder zeigen. Wenn sie ganz brav den Mund aufgemacht  und nicht mit der Wimper gezuckt haben, verkaufe ich ihnen vielleicht eins.“, lacht er voller Stolz. Ich bin erleichtert, dass er meine unqualifizierte Bemerkung  nicht gehört hat. Wie aber bringe ich ihm  bei, dass ich keinen Kuhfladen in meiner Wohnung haben will?


 

 

Inge Gerdom

Inge Gerdom, geb. Schieren, Jahrgang 1940, wohnt in Aachen-Brand seit 1973. Studium an der PH Aachen und an der Fernuniversität Hagen, Sonderschullehrerin bis 2005, zwei Söhne (1964 und 1966), zwei Enkel, eine Enkelin.
Seit der Pensionierung:
Aquarell- und Acrylmalerei, von 2000 bis 2013 acht Ausstellungen
Seit 1997 bei „Senioren schreiben für die AN“
Seit 2008 Autorin und Mitglied der Redaktion in SENIO
Seit 1997 ehrenamtlich tätig in der Bücherei des Marienhospitals
Seit 2012 ehrenamtlich tätig bei der AWO Brand (Kurs Gehirnjogging)
2 Kinderbücher (Geschichten vom Leuchtturmwärter Hein) herausgegeben, die in Zusammenarbeit mit den Enkeln Paul und Moritz entstanden sind (erschienen im Kirsch-Verlag 2012 und 2013)

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