Pfingstmontag

„In ein bis zwei Stunden bin ich zurück“. „Komm nicht zu spät, heute gibt es Spargel“, wird mir mit auf den Weg gegeben.

Es ist bedeckt und es sieht aus, als könnte es regnen. Ein Regenschirm hängt an meiner Hand. Ich gehe die Halifaxstraße hinauf und sehe unter mir die neuen Tennisplätze. Einige Männer und Frauen schlagen ein paar Bälle hin und her. Es sieht lustlos aus. Das Geländer der Brücke ist auf zehn Metern demoliert und mit Stellgittern gesichert. Da war doch vor ungefähr einem halben Jahr etwas mit einem Lastwagen, den das Geländer vor dem Sturz von der Brücke bewahrt hatte und dessen Fahrer vorher abgesprungen war.

Es sind nur wenig Leute unterwegs und ich schreite aus, als ob die Welt mir allein gehören würde. Über die Hollandwiese komme ich zum Rabentalweg. Ein Schäfer ordnet den verstellbaren Zaun. Die Schafe riechen streng. Hinter Melaten wurde mit einer Schulklasse im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft vor ein paar Jahren ein neuer Teich angelegt. Versunken stehe ich am Rand, bewundere die blühenden Seerosen und bilde mir ein, deren Duft zu ahnen. Ein Teichhuhn weidet neben mir und bei jedem Schritt zuckt der Schwanz aufgeregt. Die Sonne schaut durch ein Loch in der Wolkendecke und ich höre das quaken eines Frosches.

Auf dem Weg zum Regenrückhaltebecken begegnen mir zwei Frauen, die sich angeregt  unterhalten. Ihre Gesichter glänzen feucht. Dem um sie herum laufenden Hündchen haben sie ein gelbes Regencape um den Bauch gebunden.

Die Nilgans auf dem trocken gefallenen Teil des Rückhaltebeckens hält Siesta. Sie hat den Schnabel ins Gefieder gesteckt und sitzt neben etwas, was ich nicht erkennen kann.

Um an der Westseite des Klinikums vorbei zum Haupteingang zu kommen, gehe ich auf einem leicht ansteigenden Weg an einem Kruzifix vorbei. Der Korpus leuchtet silbern und um das Kreuz herum sind ein paar gepflegte Blumenkästen aufgestellt.

Bei der Anlegung der Gartenanlage zum Klinikum wurden mehrere Teiche geschaffen, die zur Erholung und Erbauung der Kranken beitragen sollen. Der erste Teich in der Senke riecht faulig. Die kleinen Schildkröten, die sich in einem schwimmenden Haus ausruhen konnten, sind verschwunden.

Ein Stück weiter, in Höhe der Intensivstation des Krankenhauses, ein Teich, über den eine geschwungene Holzbrücke führt. Etwa fünf Meter vor mir liegen zwei braune Klumpen auf den Planken, es könnte Erde sein, länglich geformt, etwas größer als eine Handvoll. Ich bleibe stehen und warte. Hinter mir rumort wieder ein Frosch. Sie haben die Gewässer rundherum bezogen und sorgen dafür, dass die Mücken nicht überhand nehmen. Ich gehe zwei Schritte weiter und dann kriegen die beiden braunen Klumpen Beine und lange Schwänze und verschwinden im Wasser. Es sind Wanderratten (Rattus norvegicus). Sie gehören zu den intelligentesten Säugetieren. Einige Menschen finden sie recht niedlich und halten sie als Haustiere. Wanderratten sind 22 bis 30 cm lang mit einem Schwanz von etwa 20 cm. Sie leben vorwiegend an Gewässern, aber auch in menschlichen Siedlungen. Sie sind gesellig, meist dämmerungs- und nachtaktiv, können gut klettern, springen, schwimmen und tauchen. Sie können sich das ganze Jahr fortpflanzen und bekommt sechs bis zehn Junge pro Wurf.

Ratten haben einen schlechten Ruf, weil sie auch Krankheiten übertragen können.  Allerdings sind sie als Labortiere unverzichtbar. Es wird behauptet, in großen Städten lebten genau so viele Ratten wie Menschen.

Zwei Kanadagänse schauen mir aus dem Gesträuch zu, als ich weitergehe und versuche, nicht in deren glitschige Hinterlassenschaften zu treten.

Vor einem Jahr habe ich zehn Tage als Patient im Klinikum gelegen. Seit dem sperre ich mich nicht mehr davor, das Gebäude zu betreten. Besonders die Toiletten sind hilfreich.

In dem kleinen Laden im Erdgeschoss kaufe ich mir ein Eis am Stiel und knabbere den Schokoladenüberzug auf einer Bank in der Nähe der Bushaltestelle ab.

Der Mann in der fahrbaren Frittenbude hat wenig zu tun. Dann fallen mir die Mahnung und der Spargel ein. Der Bus ist eben weg. Ich mache mich auf den Heimweg.


 

Erwin Bausdorf

Erwin Bausdorf, geboren 1935, seit 1958 verheiratet mit der gleichen Frau und seit 1963 zuerst in Eilendorf und ab 1966 in Aachen wohnhaft. Drei erwachsene Kinder. Seit 1998 Rentner.
a) von 1991 an aktiv bei den „Jedermännern“ des Allgemeinen Turnvereins Aachen
b) von 1999 an ehrenamtlich im NABU-Aachen,
c) von 2005 an bei „Senioren schreiben für die Nachrichten“.
d) seit der dritten Nummer 2008 als Autor bei „SENIO“.
2010 habe ich unter dem Titel „Der Fuchs im Schlafzimmer“ einige Geschichten beim Verlag Books on Demand GmbH, Norderstedt, veröffentlicht.

Das könnte Dich auch interessieren...

1 Antwort

  1. Hannelore Follmer sagt:

    Den beschriebenen Spazierweg kenne ich nur zu gut, ich bin ihn auch schon gefühlte 100mal gegangen. Auch hier kann man wieder sehen, wie schön unser Aachen und das “Drumherum” sind. Gut Melaten, der Karlsgarten, die Streuobstwiese, das Teichbiotop, das Rabental – einfach wunderbar! Das Klinikum ist zwar kein optisches Highlight, aber wie froh sind wir, wenn uns dort medizinisch geholfen werden kann.
    An die Schildkröten im Teich am Klinikum kann ich mich gut erinnern, Ratten habe ich noch keine gesehen – vielleicht beim nächsten Besuch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.