Pink Floyd kam für 2000 Pfund

Wenn sie beim Reitturnier über den Sattelplatz flanieren, die Schicken und Coolen, dann kommt ihnen vielleicht manchmal ganz klammheimlich die Erinnerung. Wie viele von ihnen mögen damals wohl ein paar Meter weiter gelegen haben, mitten auf dem heiligen Rasen des Reitstadions, verkleidet als Hippies, Rocker oder Revoluzzer? Damals, 1970, als hier das legendäre Pop-Festival stattfand und damit das bedeutendste Musikereignis, das Aachen je erlebt hat.

So unglaublich wie das Festival selbst ist auch seine Vorgeschichte. Denn hinter dieser Mammutveranstaltung stand kein Großveranstalter, kein Großsponsor und kein Investor, sondern jemand, der nichts weiter hatte als einen unbändigen Enthusiasmus, viele gute Freunde und eine großherzige Mutter: Der damals 25jährige Bauingenieurstudent Karl-August Hohmann, der heute in der Nizzaallee wohnt. Wir fragten ihn nach seinen Erinnerungen.

Wie es zu diesem Großereignis kam, ist banaler kaum denkbar: Am Anfang gab es nur Hohmann und einen anderen musikbegeisterten Studenten, den Maschinenbauer Golo Goldschmitt, der als DJ im Eschweiler Tanzcafe „Romantica“ von Walter Reiff jobbte. Hohmann selbst konnte immerhin Erfahrungen mit Schulfesten vorweisen.

Die beiden hatten eigentlich vor, eine Karnevalsfete in den Studententürmen zu organisieren. Das machten die Veranstalter dann doch lieber selbst, aber die Burschen standen inzwischen so unter Strom, dass sie nach einem Ersatz suchten; dieser Ersatz für eine Studentenfete hieß dann letztlich Pink Floyd. Als es ernst wurde, holten die beiden noch Kneipier Reiff als einzigen „Profi“ mit ins Boot, der fürs Geschäftliche zuständig war. Goldschmitt sorgte für die Technik, Hohmann für die Musik.

Treffen an der Tankstelle

Auch der Kontakt zu den berühmten Bands kam ganz banal zustande: Goldschmitt hatte an einer Tankstelle ein paar illustre Burschen kennengelernt, die sich als die damals bekannte Band Raw Material entpuppten (die dann auch in der Soers spielte). Er bekam die Adresse ihres Managers, den schrieben sie an, und schon hatten die Herren Studenten eine Liste von Bands samt zugehörigen Preisen. Da stand auch eine Gruppe namens Pink Floyd. Preis: 2000 Pfund, damals etwa 20.000 DM. Ein paar Jahre später hätten die dafür nicht mal mehr aus dem Rolls-Royce-Fenster gewunken, aber damals hatten sie gerade eine kreative Pause gemacht und wollten wieder ins Geschäft kommen.

Als klar war, dass man das Festival machen wollte, mussten viele Hürden überwunden werden. Da kam Hohmann zugute, dass er Gott und die Welt kannte. Über den damaligen Stadtrat Hünerbein kam er in Kontakt zum alten ALRV-Präsidenten Albert Servais, der ihn wiederum an den amtierenden Präsidenten Albert Vahle empfahl. Das klingt einfacher, als es war, denn „Sie müssen sich vorstellen, wir waren damals Hippies mit langen Haaren“.

Vahle dachte denn auch, den Hippies schnell ihre Grenzen aufzeigen zu können, indem er die für Studenten riesigen Summen von 10.000 DM Miete für jeden der drei Festival-Tage verlangte, sowie eine Versicherung und eine Kaution von 100.000 DM. So etwas hatte es bis dato in Deutschland noch nicht gegeben. Aber auch das schafften die „Hippies“, indem es nämlich Hohmann gelang, erst einen Bankdirektor und mit dessen Hilfe dann seine Mutter derart zu begeistern, dass sie für das Geld bürgte. Er hat also sozusagen seine zu erwartende Erbschaft als Sicherheit eingesetzt.

Die Hippies starten durch

Auch das mit der Versicherung klappte auf die Hohmann-typische Art: er hatte einen Freund in London, dessen Bruder bei Lloyd’s arbeitete, und die versichern ja bekanntlich auch die abenteuerlichsten Ideen. Die Police wurde übrigens erst Minuten vor Beginn des Festivals aus London eingeflogen: „Da hatten wir unheimlich Stress, denn sonst hätte der ALRV nicht die Tore aufgemacht.“

Hohmann war für das Organisieren und die Betreuung der Bands zuständig. Immer wieder hat er sich, teils monatelang – natürlich bei Freunden – in London aufgehalten, Manager, Festivals und Konzerte abgeklappert. Ein griechischer Freund, dessen Bruder für die Beatles die „Magic Mystery Tour“ organisiert hatte, öffnete ihm die Türen. Das Ergebnis war entsprechend. „Man muss sich das mal vorstellen“, sagt Hohmann heute, „wir jungen Studenten fuhren einfach nach London und haben rotzfrech mit den Großen der Branche verhandelt!“

Und: „Die Preise sind teilweise lächerlich gewesen“. Mungo Jerry etwa kostete 150 Pfund. Den hatte Hohmann auf einem kleinen Festival in einem Londoner Park angesprochen und vom Fleck weg engagiert. Das war sein Glück, denn schon 14 Tage später hatte die Truppe ihren Durchbruch und hätte ein Vielfaches gekostet. Es wurde (nach einer Rockpalast-Aufnahme) Mungo Jerrys erster, enthusiastisch bejubelter Live-Auftritt in Deutschland. Den Soundmix machten übrigens Tontechniker der BBC, natürlich auch Freunde Hohmanns.

Auf Sand gebaut

Eher erheitern können ihn im Nachhinein die Versuche der Stadt Aachen, das Festival zu verhindern. Zuerst, vor der damals anstehenden Wahl, war man ja dafür gewesen, weil sich das bei der Jugend gut machte. Der Hauptausschuss hatte die Veranstaltung ausdrücklich begrüßt. Später änderte sich dann das Bild, die Stimmung schlug um. Starke Kräfte wollten kein Hippie-Festival im anständigen Aachen. Städtischerseits wurde gestreut, das Festival sei „auf Sand gebaut“ – auch die Lokalpresse stieß in dieses Horn. Bei einem persönlichen Gespräch sagte der damalige OB Hermann Heusch den beiden Studenten Hohmann und Goldschmitt nach deren Erinnerung, er werde das Festival „kaputtmachen“. Entsprechende Stimmung sei bei potentiellen Geldgebern gemacht worden. Tatsächlich stieg der Hauptsponsor Stella Artois daraufhin aus. Hohmann: „Diese 100.000 DM haben uns sehr gefehlt.“ Ihre Werbung konzentrierten sie daraufhin auf Holland und Belgien.

Aus der Perspektive des Öcher Kleinbürgers war das Festival natürlich starker Tobak. Schon Tage vorher glich die Stadt einem Heerlager. Am Rande der Fronleichnamsprozession lagen die Hippies in ihren Schlafsäcken auf Bänken und in Parks. Das Stadion war schon vor dem ersten Ton von Abfällen übersät. Entsprechend reagierten Teile der Lokalpresse, wo nur von “Gammlern” die Rede war und schwer Stimmung gemacht wurde.

Seltsam findet Hohmann heute noch das Verhalten der Polizei. Selbstverständlich war ihm auch der Polizeipräsident privat bekannt bzw. war er weitläufig mit ihm verwandt. Trotzdem versagten hier erstmals seine sprichwörtlichen Beziehungen, und es gelang es ihm nicht, einen Termin zu bekommen. Es habe keinerlei aktive Zusammenarbeit gegeben, die Polizei habe ein eigenes Sicherheitskonzept durchgezogen. Hohmann führt das auf die politische Stimmung gegen das Festival zurück.

Dazu gehörte auch, dass Hohmann sich um die kriminellen Aktivitäten im Umfeld selbst kümmern musste, denn großes Geld zieht auch zwielichtige Gestalten an. So wurden etwa in Belgien 50.000 verkaufte Karten niemals abgerechnet – ein riesiger Verlust. In Deutschland kursierten massenhaft gefälschte Karten; öffentlich wurde davor gewarnt, welche strafrechtlichen Konsequenzen deren Benutzung haben würde.

So gab es auch eine echte Räuberpistole: Da die Aachener Polizei sich so reserviert zeigte, hatten die Veranstalter Polizisten aus Essen privat engagiert, die sie als Leiter ihres Sicherheitsdienstes und im Kampf gegen die Fälscher einsetzten. Hohmann zog mit ihnen durch die Kneipen und machte auf illegale Verkäufer aufmerksam. Schließlich wurde ein Scheingeschäft eingefädelt, bei dem Hohmanns Leute reiche Kriminelle aus Köln spielten, die eine ganze Tasche voll gefälschter Karten kaufen wollten. Wie im Krimi kam es dann zum Showdown vor dem Aachener Hauptbahnhof: Aus ihren Verstecken hinter abgestellten Autos schoss Hohmanns „Privatpolizei“ hervor und schnappte sich die Verkäufer.

Die seltsame Zurückhaltung der Polizei führte teils zu Auswüchsen, die ebenso legendär wurden wie das Festival selbst: Zeugen berichten, dass es selbst unter den Augen von Beamten zu brutalen Übergriffen einer entfesselten Ordnertruppe kam. Es war halt noch nicht alles so eingespielt wie heute, und mangels professioneller Ordnungsdienste hatte man Burschen aus irgendwelchen Body-Building-Studios engagiert.

Probleme gab es auch mit dem ALRV, der hinterher 250.000 DM für kaputte Zäune forderte; auf 20.000 DM hat man sich schließlich geeinigt. Unterm Strich sind Hohmann und seine Mitstreiter gerade mal mit einer schwarzen Null aus diesem historischen Musikereignis herausgekommen.

Wo bleibt das Positive?

Die Berichterstattung hat Hohmann so in Erinnerung, dass vornehmlich das Negative gesucht wurde, speziell in der überregionalen Presse. Über die Musik sei am wenigsten geschrieben worden, dafür wurden mit Vorliebe die Gruppen aufgezählt, die nicht kamen. Pink Floyd sei eher als nebensächlich abgetan worden.

Ziemlich überbewertet wurde das Kiffen, das viele wohl später hochstilisierten, um sich einen etwas verwegeneren Anstrich zu geben. Angesichts einer Polizei, die aus dem Richterturm heraus alles mit Feldstechern beobachtete, dürfte es sich eher im Rahmen gehalten haben. Der süßliche Geruch, an den sich viele erinnern, kam nicht zuletzt von den zahlreichen Räucherstäbchen. Viel interessanter war übrigens die Tatsache, dass sich erstmals Frauen „oben ohne“ zeigten, was damals sehr verwegen war.

Am Positivsten schrieben die „Nachrichen“ über das Festival, das die „Musik sämtlicher zur Zeit existierender Richtungen von meist hohem und höchstem Niveau“ präsentierte. Die Top-Acts waren am ersten Tag Deep Purple, am zweiten Taste mit Rory Gallagher und am dritten Pink Floyd. „Tatsächlich aber stand das Pop-Geschehen auf einer derart breiten und massiven Basis von gut 20 weiteren Ia-Spitzenbands, wie man es bei kaum einem, um nicht zu sagen, überhaupt noch keinem Festival erleben konnte.“

Kritisiert wurden hauptsächlich Amon Düül, die im Jahr zuvor zur Kultband aufgestiegen waren, denen aber ein „geradezu peinlicher Leistungsabfall“ gegenüber ihren Platten bescheinigt wurde, aber auch Edgar Broughton. Der habe politische Agitation zum Kampf gegen „Dämonen“ wie Polizei oder Kirche betrieben – „und schon machte das Volk mit wie eine hypnotisierte Karnickelherde“. Die Berichterstatterin hatte wohl noch nicht gemerkt, dass sich der politische Wind seit ein paar Jahren gedreht hatte.

Kritisiert wurde auch die lächerliche Show von Deep Purple, eine schnell hereingereichte Verstärker-Attrappe abzufackeln, was bei der spontanen Original-Aktion ja noch ganz witzig war. Die Musik sei aber perfekt gewesen.

Hoch gelobt wird Mungo Jerry: Danach „war das Publikum wie verwandelt, es kam auf die tollsten Gedanken. So kletterten plötzlich massenweise junge Männer den Fahnenmast hoch, um einen dort festgezurrten BH zu erbeuten.“ Auch Hohmann wird es heute noch mulmig, wenn er daran denkt, dass der Übermut des Publikums kaum noch zu bremsen war und Dosen rhythmisch in die Luft geworfen wurden.

Fairport Convention waren auf der Autobahn liegengeblieben, auch sonst musste hier und da umgestellt werden. Hohmann: „Musiker organisieren ist ja wie einen Sack Flöhe hüten.“ Cuby and the Blizzards, die als erste spielen sollten, kamen einfach nicht, und niemand, auch nicht Golden Earring, wollte den Anfang machen. Spencer Davis sprang dann ein und bewies, was ein echter Könner ist. Es spielte fast alles, was damals Rang und Namen hatte: Champion Jack Dupree, Livin‘ Blues, Golden Earring, Spencer Davis, Kraftwerk, Caravan, Can, Krokodil, Free und neben vielen anderen auch die Aachener Band Truss, die es aber gegen die Profis schwer hatte.

Truss hatte vor Mungo Jerry gespielt. Dieser, vom plötzlichen Ruhm überfordert, war ohne Equipment angereist und “lieh” sich die Anlage von Truss aus. Denen haben sie dann prompt den Verstärker kaputtgespielt. “Und bis heute nicht bezahlt”, wie Truss-Sänger Dieter Kaspari – heute eher amüsiert – feststellt.

Unumstrittener Höhepunkt war Pink Floyd. Ihrer Anlage, einem „technischen Wunderwerk von unvorstellbaren Ausmaßen“, entlockten sie „schwingende, flirrende, verhallende Sphärenklänge; und die Sternschnuppe, die just bei Pink Floyds Auftritt über den dunklen Himmel wischte, passte so gut zu der Musik, die wie ein Sinfoniekonzert von einem um Lichtjahre entfernten Stern anmutet, dass es kaum vorstellbar schien, dass nicht auch die Sternschnuppe vom Veranstalter bestellt war.“

[Erstmals 2006 erschienen in der AN.]


 

Heinrich Schauerte

Dr. Heinrich Schauerte, geboren 1946 in Aachen. Volksschule Hanbrucher Straße unter Lehrer Jers (der mit dem Holzbein und dem flinken Lineal). Abitur am KKG unter dem legendären Lehrer Emunds (der mit der Pimmelakei). „Wehrersatzdienst“ in Kölner Klapsmühle unter Oberschwester „Feldwebel“ Gertrud. Studium der Germanistik, Psychologie, Philosophie in Aachen. Promotion unter Prof. Schneider-„Schwerte“ (der mit dem Hakenkreuz).

Werbetexter, Pressesprecher, Journalist. Dichtungen aller Art.

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1 Antwort

  1. Michael Simons sagt:

    Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass irgendwann so etwas noch mal in Aachen statt findet, auch wenn das, auch auf ganz Deutschland gesehen, hochgradig unwahrscheinlich ist.

    Mein erstes Großkonzert habe ich 1998 in Aachen erlebt, die Die Ärzte auf dem Katschhof. Was war ich beeindruckt. Von der Musik, der Stimmung, der Kulisse… Schade, dass es heute nur noch Schlagerfestivals in der Soers gibt.

    Vielen Dank für die schöne Seite und die Geschichten hier.

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