Printen – gebackene Illustrierte

Geschichte und Ursprung der Aachener Printe

Ursprung und Werdegang der AACHENER PRINTE sind so lang und geschichtsreich, dass man darüber eine Doktorarbeit schreiben könnte, ob es schon eine gibt, entzieht sich meiner Kenntnis.

Wie schon aus dem Titel  hervorgeht, sind PRINTEN Druckwerke, deren Stoff nicht Papier, sondern ein Süßteig ist.

Presse und Printe – die Bezeichnungen bedeuten das gleiche. Im Niederländischen bedeutet „Prent“ einen Bilderbogen und das Englische  kennt „to print“ in der Bedeutung von Drucken. Heute zeigt ein Blick auf die Herstellung des knusprigen Gebäcks:

Von der persönlich schaffenden Menschenhand führte der Weg zur unpersönlich produzierenden Maschine, sozusagen vom Printenatelier zur Printenfabrik.

Es gibt in Heimatmuseen und Privatbesitz leider nur noch eine kleine Anzahl von Druckstöcken (Modeln), die früher einmal zur Herstellung der Bildprinte dienten. Wie alt die einfachsten uns erhaltenen Printenmodeln sind, ist schwer auszumachen, da sie in ihrem schlichten Schmuck dem achtzehnten genauso wie dem fünfzehnten Jahrhundert angehören könnten. Obwohl , wenn man sich die Mühe mit allem dazu gehörigem Aufwand der heutigen Technik  machen würde, wären sicher auch genauere Alterszuweisungen möglich.

Druckerpresse und Printenform bestanden ursprünglich aus Holzplatten, aus denen heraus oder in die hinein die Druckformen geschnitten wurden.

Die Vielfalt der Motive und Formen waren in allen Zeitaltern schier unerschöpflich. Aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammen Funde von Steinmodeln von bewundernswerter Schärfe und Schönheit, die dem Volk aber leider nicht mehr zugänglich sind, da sie sich in Privatbesitz befinden,  zumindest teilweise, in den Sammlungen des Barons von Rothschild in Paris.

Die wirklich sehr alten Stücke fielen fast ausschließlich dem großen Brand von 1656 zum Opfer, der fast die gesamte Stadt Aachen in Schutt und Asche legte.

Man sagt: Wenn Europa unterginge und nur der Printenladen eines AACHENER HEIMATMUSEUMS erhalten bliebe, so könnte man aus ihm die Kulturgeschichte der letzten vierhundert Jahre ablesen.

Doch  der Ursprung der Printe geht viel weiter zurück als die Erfindung des Drucks. Der Volkskundler datiert das leckere Gebildbrot, wie es auch genannt wurde, noch um mehr als tausend Jahre weiter zurück. Er sieht in ihm ein ursprünglich heidnisches Neujahrsgebäck von kultischer Bedeutung, Opferkuchen, die den alten Göttern zur Wintersonnenwende dargebracht wurden.

Noch im sechsten Jahrhundert wetterte der fränkische Bischof Eligius gegen dies lebendig gebliebene Stück Heidentum: „Niemand soll zum 1. Januar gottlose Weibsfiguren oder Hirschlein oder andere Teigfiguren herstellen!“

Später als auch die Christen das leckere Printengebäck adaptierten, mochte keiner mehr daran denken, dass die „gottlosen Teigfiguren“ einmal die Stelle der eigentliche gemeinten Tier- und Menschenopfer vertreten hatten.

Form und Deutung wandelten sich ins Christliche. Aus wilden Reiterfiguren wurden fortan der mildtätige St. Martin oder der gabenspendende heilige Nikolaus.  Wotans Sonnenrad wurde zum Weihnachtsstern mit der Krippenszene und den Weisen aus dem Morgenland. Von hier bis zur Darstellung der großen Aachener Heiligtümer auf dem Printenstern war es nur ein Schritt.

Eine Sonderstellung unter den Bildprinten nahmen natürlich  die Darstellungen Kaiser Karls ein. Ihn, den Gründer und Patron der Stadt Aachen, fand man in vielerlei Gestalt als Süßwarenplastik zum Kauf gestellt, sei es als Ritter oder als Kaiser mit Krone, Zepter und Reichsapfel.

So war das Printengebäck über Jahrhunderte Ausdruck und Symbol seiner Zeit. Da ist etwa die Printe der Renaissance mit ihrer Überbetonung der Persönlichkeit, die Printe des Rokoko mit ihrer spielerischen Auflösung aller klarer Formen, die Printe des Empire und des Neoklassizismus mit ihrer allzu gewollten Nachahmung der Antike, die Printe des Biedermeier mit ihrer Betonung des bürgerlich Respektablen. Die Reihe schließt mit dem Sozialismus der modernen Massenprinte, die zur reinen Zweckform geworden ist und alles Ornament abgestreift hat.

Zur Geschichte und Herstellung der Printe könnte man noch vieles mehr schreiben. Leider hat man für diese Art von Druckwerken keine Sammelstätten geschaffen, wie es die Erzeugnisse der Presse in Archiven und Bibliotheken gefunden haben. Gäbe es Printotheken mit Sammelbänden der gebackenen Illustrierten, es müsste für jeden Bücherwurm und jede Leseratte eine Wonne sein, sich da durchzufressen!

[Erstmals erschienen 2012 im „Senio Magazin.]


 

 

René H. Bremen

René H. Bremen, Jahrgang 1942, ist Aachener, Rentner und arbeitet als Maler und Bildhauer. 35 Jahre lang hatte er Friseursalons in Aachen, nachdem er sieben Jahre in diesem Beruf im Ausland verbracht hatte (verschiedene Orte in der Schweiz, London, Paris und Montreal).

Seit dem Tod seiner Frau 2007 bekleidet er verschiedene Ehrenämter, interessiert sich für klassische Musik und Literatur und reist viel. Er ist Gründungsmitglied des Künstlerkollektivs "Atelier-Kunstdialog", das seit 2006 besteht.

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1 Antwort

  1. G. Verwijst sagt:

    Bäcker Wilhelm van Rey, ein „Pfefferküchler“ aus Maaseik, hat in Aachen den Begriff „Printe“ geprägt. Er sprach Flämisch, also Niederländisch. „Prenten“ im NL = drucken oder drücken

    „Um 1830 kam aus den benachbarten Niederlanden Wilhelm Balthasar van Rey nach Aachen und übernahm zunächst das schon 1670 von Simon van Ameln genutzte Backhaus am Hof Nr. 1.
    Wie aus seiner Heiratsurkunde mit einer Aachener Wirtstochter hervorgeht, war er von Beruf „Pfefferküchler“und stammte aus Maaseik (heute zu Belgien gehörend, damals aber noch zum Vereinigten Königreich der Niederlande.) Er soll als erster den Begriff „Prenten“ oder „Printen“ benutzt haben. Aus dem Niederländischen stammend, sind diese Worte auch im Aachener Platt für „drücken“ oder „pressen“ geläufig.“ Aus: Aachener Printenbrevier, von Werner Setzen

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