Ri-ra-rutsch, wir fahren mit „der Bus“

Oder: Ob Reibekuchen schnell gehen können? Und: Kann man auf zwei Schnitten Schwarzbrot den ganzen Tag rumlaufen?

„Man kommt sich vor wie in Babylon, gehste durch die Stadt, hörste alle Sprachen, nur kein richtig Öcher Platt.“ So sangen vor mehr als zwanzig Jahren die Drei Atömchen“ auf Aachener Karnevalsbühnen. Wer damals begeistert mitgesungen hat, stellt heute in den  Bussen der ASEAG fest, dass Babylon gegen die heutige Sprachenvielfalt harmlos gewesen sein muss.  Da zwitschert, plappert, kreischt, flüstert und parliert es in unzähligen Sprachen. In Handys wird gesprochen: beschwörend, sachlich, erklärend, lachend und manchmal auch schimpfend und unfreundlich.

Wer also von Brand mit der Linie 5 oder 45 zur Uniklinik fährt, macht eine Sprachreise durch viele Nationen mit.

Manchmal allerdings fahren noch waschechte Öcher mit dem Bus. Grete und Edeltraud, zwei Damen im fortgeschrittenen Alter, sind in Brand zugestiegen. „Wir sind spät dran“, jammert Edeltraud.  „Wir haben uns viel zu lange in deinem Klamottenladen aufgehalten. Jetzt kriegen wir  beim Chinesen bestimmt nichts mehr zu essen.“ „Das ist nicht mein Klamottenladen. Du konntest dich doch auch nicht entscheiden, welches T-Shirt du kaufen solltest.“ kontert Grete. „Is ja jetzt auch egal.  Wie lang hat der Chinese  eigentlich auf?“ will Edeltraud wissen. „ Bis drei, mein ich.  Aber sollen wir nicht  zu mir fahren? Dann müssen wir am Trierer Platz aussteigen. Ein paar Kartoffel hab ich schnell geschält. In einer halben Stunde steht das Essen auf dem Tisch.“ schlägt Grete vor.  „ Sollen  wir nicht lieber  zu mir fahren? Ich hab zwar nicht viel im Haus. Aber ein Eimerchen mit Reibekuchenteig hab ich immer auf  Vorrat, die brauch ich nur zu braten.“ ist Edeltrauds Gegenvorschlag.  Grete lässt jedoch nicht locker: „Ich koche gern und es geht ganz schnell.“ „Aber meine Reibekuchen gehen auch schnell“ meint hingegen Edeltraud  „Steig mit mir an der Josefskirche aus. Ich hab das Essen ruck-zuck fertig.“ „ Nee, das dauert alles viel zu lange. Wir wollten doch zum Chinesen“, erinnert Grete ihre Freundin.. „Gut, dann fahren wir bis zur Hauptpost. Ich muss nämlich unbedingt was essen. Heut morgen hab ich nur zwei Schnitten Schwarzbrot mit  Marmelade gegessen. Darauf kann kein Mensch den ganzen Tag rumlaufen.“ stöhnt Edeltraud. „Ich kann morgens  auch nicht viel essen. Wenn ich mittags dann nix zu essen kriege, wird es mir schwarz vor Augen.“ stellt Grete fest. „Wir sind ja schon unterwegs.“ beruhigt Edeltraud ihre Freundin.  Aber dann bemerkt sie voller Zweifel: „Hoffentlich hat der Chinese noch auf. Der Bus zockelt aber auch so langsam, an jedem dicken Baum muss der anhalten.“

Mit solcherlei Überlegungen sind die beiden Frauen endlich am Alten Posthof angekommen.

Die unfreiwillige Zuhörerin kann nur für die beiden hoffen, dass  der Chinese noch offen hat.

Sie kann nicht lange darüber grübeln, denn ihre Aufmerksamkeit wird auf ein anderes Gespräch gelenkt, das hinter ihr stattfindet. Dort spricht ein ebenfalls Waschechter  in sein Handy:

„Mia, du kannst schon die Kartoffeln aufstellen, ich komme gleich  an. Was? Warum hast du keine Kartoffeln mehr? Warst du heute nicht einkaufen?“ Der hungrige Öcher spricht so laut ins Handy, dass fast alle im Bus mithören können. Die meisten grinsen. Ein Junge äfft den Mann nach: „Mia, warum hast du keine Kartoffeln mehr?“ Seine Kumpel lachen lauthals.

Durch das Handy-Gespräch an ihr Problem erinnert, sagt eine Frau, die ein Minihündchen auf ihrem Schoß hat, zu ihrer Nachbarin: „Ich kann im Augenblick nicht telefonieren, mein Handy ist mir „im“ Spülwasser gefallen.“ So schwadronieren die Öcher  munter drauf los. Aber die Nicht-Öcher sind nicht weniger verbal aktiv. Nur, weil sie in einer fremden Sprache reden, werden diese Gespräche nicht von allen Mitfahrenden verstanden. Den Busfahrer berührt das alles nicht. Er fährt und hält an, und fährt und hält an. Und bei jedem Stopp verkauft er auch noch Fahrkarten. Was waren das noch für Zeiten, als es auf den ASEAG-Bussen einen Fahrer und einen Schaffner gab. Auf der Strecke Würselen – Kaiserplatz rief der Schaffner immer:

„Aufgehen im Wagen!“ Das war jedes Mal ein Grund zur Belustigung. Wenn dagegen heute der Fahrer durch sein Mikrofon sagt: „Gehen sie doch bitte weiter“, dann muss kein Mensch mehr grinsen. Nur wer die Ohren und Augen offen hält,  kann still vergnügt feststellen: eine Fahrt mit der ASEAG hat immer noch  großen Unterhaltungswert.

 


 

Inge Gerdom

Inge Gerdom, geb. Schieren, Jahrgang 1940, wohnt in Aachen-Brand seit 1973. Studium an der PH Aachen und an der Fernuniversität Hagen, Sonderschullehrerin bis 2005, zwei Söhne (1964 und 1966), zwei Enkel, eine Enkelin.
Seit der Pensionierung:
Aquarell- und Acrylmalerei, von 2000 bis 2013 acht Ausstellungen
Seit 1997 bei „Senioren schreiben für die AN“
Seit 2008 Autorin und Mitglied der Redaktion in SENIO
Seit 1997 ehrenamtlich tätig in der Bücherei des Marienhospitals
Seit 2012 ehrenamtlich tätig bei der AWO Brand (Kurs Gehirnjogging)
2 Kinderbücher (Geschichten vom Leuchtturmwärter Hein) herausgegeben, die in Zusammenarbeit mit den Enkeln Paul und Moritz entstanden sind (erschienen im Kirsch-Verlag 2012 und 2013)

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