Rock’n’Roll und Petticoats

…und wie die erste Diskothek der Welt in Aachen gegründet wurde.

“Ein Kino in der Essener Innenstadt wurde während einer Vorführung des Films: „ROCK AROUND THE CLOCK“ von randalierenden Jugendlichen total verwüstet. Die Vorstellung musste schon kurz nach Beginn des Films unterbrochen werden, da sich halbstarke Jugendliche zum Tanzen auf die Bühne begeben hatten. Durch die aufgeheizte Atmosphäre lief wenig später die Veranstaltung  total aus dem Ruder und das gesamte Kino-Inventar wurde gewalttätig zerlegt. Die herbeigerufenen Ordnungshüter räumten den Saal und nahmen ca. 25 junge Leute beiderlei Geschlechts in Gewahrsam.”

Das waren 1956 die Schlagzeilen in vielen deutschen Zeitungen, vorrangig in NRW. Weitere Meldungen dieser Art sollten in den kommenden Wochen und Monaten folgen. Es lag etwas in der Luft. Eine neue Zeitrechnung hatte begonnen. Es sollte die Zeit der Jugendbefreiung werden. Befreiung vom Mief der Nachkriegszeit und den Nachwirkungen des „Dritten Reichs“, die noch bis weit in die 60er Jahre hineinreichten. Die Musik, die gerade aus USA herüber kam, hatte daran einen großen Anteil. „Negermusik“, wie sie von den Alten verächtlich bezeichnet wurde.  Auftakt war eben dieser Film mit der Rock‘n Roll-Band „ BILL HALEY AND THE COMETS“. Bald darauf sollte dann der King des Rock´n Roll über den Teich kommen, oder zumindest seine Musik: ELVIS PRESLEY.

Doch nicht nur die Musik veränderte das Gefühlsleben der Jugend. Die passende Kleidung kam gleich mit aus Amerika. Bald wurden in den, bis dahin biederen deutschen Bekleidungsläden, sogenannte Nietenhosen angeboten, später als Blue Jeans bekannt. Für die Backfische, die Bezeichnung Teenager kannte man noch nicht, sah man Petticoats in den Auslagen. Diese und manch andere Dinge würden fortan die Träume der Jugend beflügeln. Wenn da nicht die elterliche Hausmacht eine Rolle spielte. Denn in den „wohlanständigen bürgerlichen Familien“ kam es von nun an zu wahren Machtkämpfen der Generationen.

So sollte auch mir das Kleidungsdrama nicht erspart bleiben. „Nietenhosen sind was für Bauarbeiter, die willst du doch nicht für die Schule anziehen.“ So und ähnlich klangen die Argumente meines Vaters, der von Beruf ausgerechnet  Tuchhändler war. Eines Tages hatte ich, in den Auslagen eines Herrenausstatters in unserer Nähe, amerikanische Blousons entdeckt. Das waren lockere ungefütterte Satin-Jacken, die in meinem Freudeskreis absolut IN waren. Also quengelte ich solange, bis mein Vater mit mir zum Bekleidungsladen ging. Das Kaufgespräch fand ohne mich statt, weil der Inhaber und mein Vater sich aus der Branche kannten. Was zur Folge hatte, dass der Verkäufer schon nach den ersten Argumenten meines Vaters selbst überzeugt war, dass ich mit einem Maßjackett aus edlem Stoff doch wesentlich besser bedient sei, als mit dieser minderwertigen amerikanischen Massenware. So verließen wir den Laden ohne das geliebte Teil. Ich habe nie einen Blouson besessen. Was  mein Vater damit in mir angerichtet hatte, das ist mir erst viel später bewusst geworden. Es ging im Prinzip gar nicht um dieses Kleidungsstück. Es war ein Stück Selbstbewusstsein und Lebensgefühl, das damals in mir zerstört wurde. Ähnlich erging es mir mit der Wahl meiner Frisur. In meiner Klasse gehörte es einfach dazu, eine Elvis-Tolle zu tragen. Aber als ich meine Haare endlich lang genug hatte, um auch den passenden „Entenschwanz“ hin zu kriegen, war dies zu viel der Schönheit . Mit den Worten: “Du siehst ja aus wie ein “Stenz „(Zuhälter) wurde ich schleunigst zu Vaters Barbier geschleppt, der umgehend den alten Fassonschnitt wieder herstellte.

Bald war das Alter erreicht und es galt, zu der neuen Musik auch tanzen zu können. So meldeten wir uns mit ein paar Klassenkameraden in der Tanzschule Hayden an. Und nach ein paar Lehrstunden begaben wir uns mutig auf die Tanzpisten der Stadt. Discos waren derzeit noch unbekannt. In den einschlägigen Lokalen wurde Life-Musik gespielt. Die hießen damals CAFÉ VATERLAND, BASTEI oder LINZENSHÄUSCHEN. Später öffnete noch das EDELWEIß, wo man per Tischtelefon die oder den Wunschpartner/in auffordern konnte. Als Aachener hatten wir außerdem noch das Privileg, einen Tanzausflug ins nahe Ausland zu machen, zumal die holländischen Meisjes den Ruf hatten, etwas offener und freizügiger im Umgang zu sein.

So waren unsere Wochenendziele das EUREKA im grenznahen Vaals. Oder wenn wir mal ein väterliches Auto ausleihen konnten, dann ging die Fahrt nach Valkenburg. Dort gab es als besondere Attraktion den TANZPAVILLION mit beleuchteter Tanzfläche und einem verschiebbaren Dach. Was damals in der Region einmalig war. Hinzu kam ein Rückzugsareal im Garten mit heckengeschützten Nischen, die farbig beleuchtet waren. Wenn dann noch das Orchester von Radio Hilversum zum Tanz aufspielte, dann war das für uns wie im Paradies.

Nicht alle Lokalitäten konnten sich Bands oder gar Orchester leisten. So wurde bald die Szene durch  neue Errungenschaften aus Amerika bereichert: MUSIKBOXEN, der letzte Schrei aus der Neuen Welt. Schlagartig wurden Kneipen , Bars und Tanzschuppen mit diesen Geräten ausgestattet. Plötzlich konnte man in zahlreichen Lokalitäten Aachens tanzen. Es gründeten sich Etablissements mit den Namen ZILLERTAL, HIMMEL & HÖLLE, BEI MARTIN, FLAMINGO oder CHARLY´S BAR . Selbst Eis-Salons wie CAPRI oder TURCHETTI wurden zu Tanzschuppen umfunktioniert.. Nicht zu vergessen das sagenumwobene CAPUCCINO am Theater, das 1962 sogar im “großen Aachener Sexskandal” ein Rolle spielte, worin die halbe Geschäftswelt Aachens verwickelt war. (Aber das ist wieder eine andere Geschichte.)

Die klassischen Tanzlokale verschwanden alsbald. Bemerkenswert wäre der angesagteste Jugendtreff, die MILCHBAR in der Peterstraße. Dort gab es keinen Alkohol und getanzt wurde nur am Rande. Es war ein Treffpunkt zum Sehen und gesehen werden. Scheinbar gerade deshalb war diese Lokalität vielen Bürgern suspekt, zumal der Wirt Namens HABELS durch seine äußere Erscheinung den Argwohn  schürte. Er trug meistens große, breitkrämpige Hüte und hatte einen Spitzbart. Solche Attribute reichten damals aus, die Phantasie der spießigen Gesellschaft zu entfachen.                                                                                                        Das illustere Publikum der Milchbar kleidete sich nicht minder auffällig. Die jungen Herren in Jeans und Gehröcken mit Samtrevers und aufgestelltem Kragen, mit Entenschwanzfrisur und langen Koteletten. Die Damen in den angesagten Petticoats mit hochauftoupierter Turmfrisur oder karrenradartiger Innenrolle. Dazu kajal-geschwärzte Augenringe und knallrote Schmolllippen á la Brigitte Bardot, damaliges Sex-Symbol. Diese Dinge reichten dem Jugendamt zu regelmäßigen Observationen. Das Ende der MILCHBAR wurde eingeleitet als das Lokal von Jugendamt und Polizei vorübergehend wegen “unsittlicher Umtriebe” geschlossen wurde. Man hatte in einem Hinterraum Pärchen beim Knutschen erwischt ! Für die damaligen Moralvorstellungen reichte das schon. Zuhause wurde uns untersagt, dieses verruchte Lokal zu betreten.

1959 dann die Sensation. Es eröffnete der “SCOTCH CLUB”. Aus einem unrentablen Speiselokal wurde eine “JOCKEY TANZBAR” , wie anfangs die Bezeichnung lautete ,die erste Discothek der Welt.  Und das ausgerechnet in Aachens Innenstadt am Dahmengraben. Es entstand eine Institution mit einem “Schallplatten-Jockey” nach Vorbild des Radiomoderators Chris Howland. Der Jockey im SCOTCH CLUB nannte sich mit Künstlernamen HEINRICH und sollte schlagartig der  Star dieser Szene werden. Die Meldung mit ausführlichen Berichten in Radio und TV ging durch die ganze Welt und Aachen war plötzlich in aller Munde. Endlich mal nicht nur im Zusammenhang mit Pferden oder Kaiser Karl. Abends bildeten sich Schlangen vor dem Lokal und es musste regelmäßig wegen Überfüllung geschlossen werden. Fortan hatten nur ausgesuchte Gäste Zutritt, was für großen Ärger sorgte. Die Creme de la Creme der Deutschen Schlagerszene trat im neuen SCOTCH CLUB auf: Udo Jürgens, Jean Claude Pascal, Peter Maffay, Hoard Carpendale, um nur ein paar zu nennen. Für manche wurde es das Sprungbrett für eine große Karriere. Erste Erfolge hatten hier Max Schautzer und Camillo Felgen, die später  in Radio und TV Furore machten. Es gab einen Jackett und Krawatten-Zwang. Manche Gäste , wie z.B. Udo Lindenberg und Frank Elstner mussten die bittere Erfahrung machen, dass sie ohne ohne Krawatte nicht eingelassen wurden. Selbst Damen in Hosenbekleidung durften den Club nicht betreten. Solche Auflagen wurden später wieder abgeschafft.

Schlagartig wurde der SCOTCH-CLUB in ganz Europa kopiert und  Aachens Club wurde das Mekka der Diskotheken. Gastronomen aus der ganzen Welt pilgerten in die Kaiserstadt, um sich HEINRICH , den Star der Discoszene, anzusehen. Es gab keinen neuen Tanz in Deutschland, der nicht zuerst von ihm präsentiert wurde. Zeitungen in aller Welt überschlugen sich mit Kritik und Komplimenten. Aachen entfachte das Dico-Fieber. Dazu wäre noch anzumerken, dass Klaus Quirini, wie der erste Aachener Discjockey “HEINRICH” mit richtigem Namen hieß, gleichzeitig der Begründer dieser neuen Berufsgattung war, die bis heute besteht und sich so entwickelt hat, dass sie inzwischen zahlreiche Millionäre hervor bringt. Auch HEINRICH (Quirini) konnte damals  Karriere machen. Er gründete 1963 die DDO, die “Deutsche Disc-Jockey Organisation” und wurde 1968 der Programmleiter von RADIO NORDSEE, womit er Pionierarbeit um den freien Rundfunk in Deutschland leistete. Inzwischen ist Quirini Dozent für Medien- Internet und Urheberecht.

Als Anfang der 60er Jahre die BEATLES aufkamen, mit einer neuen Welle von Lebensgefühl, gepaart mit Musik, Kleidung und Frisurenstil, war die Revolution der Jugend endgültig besiegelt. Eine Kultur war geschaffen, die anhaltend bis heute nicht mehr von alten Männern beherrscht ist.

Es lebe der ROCK´N ROLL und alles, was damit einher geht!

René H. Bremen

René H. Bremen, Jahrgang 1942, ist Aachener, Rentner und arbeitet als Maler und Bildhauer. 35 Jahre lang hatte er Friseursalons in Aachen, nachdem er sieben Jahre in diesem Beruf im Ausland verbracht hatte (verschiedene Orte in der Schweiz, London, Paris und Montreal).

Seit dem Tod seiner Frau 2007 bekleidet er verschiedene Ehrenämter, interessiert sich für klassische Musik und Literatur und reist viel. Er ist Gründungsmitglied des Künstlerkollektivs “Atelier-Kunstdialog”, das seit 2006 besteht.

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