Schulzeit in der Reumontstraße und in der Franzstraße mit Nebenbeschäftigungen

Zu meiner Zeit dort gab es neben Rektor Maybaum selbst noch fünf Lehrerinnen an der Katholischen Volksschule St. Marien (Reumontstraße, rechter Eingang; später Franzstraße), die üblicherweise in der Grundschule tätig waren: die Damen Küppers, Tuschik, Thymister, Schickling und, in meinem Falle, „Frollein“ Anni Polomsky. Die Lehrer Lamberty, Dölcher, Stratmann und Lehrerin Dichgans waren für die Klassen 5 bis 9 zuständig. „Mikätzchen“ gab es auch. Ob sich an diesen Ausdruck wohl noch jemand erinnert?

Bei „Frollein“ Polomsky, einer resoluten, sehr katholischen Schlesierin, hatte ich von vornherein einen Stein im Brett, weil mein entfernter Onkel – eigentlich war er Vetter meines Großvaters – Wilhelm von den Driesch Pfarrer an St. Marien war.

„Frollein“ Polomsky hielt meine Teilnahme am Unterricht streckenweise jedenfalls für nicht zwingend erforderlich, weshalb ich zu kleineren Besorgungen eingeteilt wurde: Sie schickte mich einkaufen (bei „Klare“ in der unteren Franzstraße – wo ich den Unterschied zwischen runden und platten Kartoffeln lernte, oder „nach der“ (s.u.) zur Bäckerei Klein gegenüber), zu ihrer Freundin Frl. Scharaffin ins Sozialamt z.B. mit Theater- und Konzertkarten und Postbuskarten für Eifelausflüge am Wochenende, zu Terminvereinbarungen mit einer Ärztin mit einem merkwürdigen Doppelnamen im Erdgeschoss des Evangelischen Frauenheims in der Aureliusstraße und zur Zugehfrauenanwesenheitskontrolle (Frau F., deren Sohn pikanterweise drei Klassen höher war) in ihre Wohnung in der Mozartstraße im Hause des Bankiers Elbern. Dann durfte ich sogar die am Boxgraben mündende Hinterausfahrt des Schulgeländes neben dem Boxgraben 36 – was übrigens meine erste Adresse nach meiner Geburt im Mariannen-Institut war –, mit ihrem Schlüssel benutzen. Der weiteste Besorgungsweg führt mich – allerdings selten – zur Metzgerei Avermidding, ich glaube, in die Peterstraße, wo es nach „Frollein“ Polomskys Auffassung die beste Leberwurst Aachens gab, allerdings viel zu teuer „wenn man weiß, was da so rein kommt“. Erstaunlich, daß „Frollein“ Polomsky meiner Teilnahme am nicht-schulischen Schwimmunterricht in der Elisabethhalle bei Schwimmeister Dahmen, zu dem ich etwas früher mittags den Unterricht hätte verlassen müssen, energisch widerstand, mit dem absurden Argument, ich weiche vom Schulweg ab und sei deshalb nicht versichert. War ich das etwa während der morgendlichen Besorgungstouren? Übrigens war mein Vater mal sehr überrascht, als er mich eines Morgens so gegen 10.00 Uhr in der Hauptpost beim Briefmarkenkaufen antraf und eine halbe Stunde später erneut in der Stadtsparkasse bei der Erledigung eines anderen Botenauftrags.

Doch zurück zur Schule: Grammatikalisch war „Frollein“ Polomsky sehr eigenwillig; wollte sie uns doch z.B. folgendes beibringen:

Es heiße: „Ich gehe NACH der Schule.“ – Beispiel: “Ich gehe nicht nach Hause, sondern ich gehe (z.B. gerade) nach der Schule.“ (Erst kürzlich lernte ich übrigens, daß es typisch Öcher Sprachgebrauch sei, „nach hier“ statt „hierher“ zu sagen.) Mit „Ich gehe nach der Schule nach Hause“ hätte ich hingegen keine Probleme.

Demgegenüber heiße es „Ich gehe ZUR Schule“, wenn etwa gemeint sei, ich mache (noch) keine Lehre, sondern ich gehe (noch) zur Schule.

Das verfolgt mich bis heute, und ich habe das noch nie in einer Grammatik so gefunden: Systematisch mag „Frollein“ Polomsky vielleicht recht gehabt haben, aber gesagt hat das schon damals niemand. Mein Vater meinte unwirsch: „Deren Probleme möchte ich mal haben!“ – Vielleicht, weil „Frollein“ Polomsky manchmal vor der Klasse nach dem Schulgebet – wenn sie es eilig hatte, beließ sie es bei „Mit Gott fang‘ an, mit Gott hör‘ auf; das ist der beste Lebenslauf“ – und dem obligatorischen Kämmen – sie kämmte sich alles dauergewellte Haar von einem imaginären Punkt oben auf dem Haupt nach außen, so daß eine Art Tonsur entstand – einen großen Schluck aus einer Hustensaftflasche mit dem Etikett „Benadryl“ nahm.

Benadryl-Hustensaft „schmeckte“ aber so grauenhaft, dass ich mir nie vorstellen konnte, dass dieses Zeug jemand freiwillig einnahm, weshalb ich heute bezweifle, daß die Flasche tatsächlich Benadryl enthielt; Weihwasser aber sicherlich auch nicht. Husten verging bei mir jedenfalls bereits, wenn unser verehrter Hausarzt Dr. Franzen in der Kasinostraße das Benadryl-Rezept auch nur auszustellen begann.

Mein Vater sagte, ich solle „Frollein“ Polomsky raten, statt Hustensaft Rizinusöl einzunehmen; sie würde garantiert nicht mehr husten. Billiger sei das sowieso, denn Benadryl schmeckte bekanntlich ja nicht nur widerlich, sondern war auch sehr teuer. Meine Mutter bemerkte dann, er solle so etwas vor mir nicht sagen; am Ende richtete ich seine Empfehlung „Frollein“ Polomsky vorwitzigerweise womöglich noch vor der Klasse aus.

Alles in allem war „Frollein“ Polomsky aber eine engagierte Lehrerin und ergänzte mit ihren spannenden Geschichten von Krieg, Flucht und Vertreibung, unterstützt durch Hausmeister Braunleder an der Schule Reumontstraße, ein begnadeter Persiflierer des „Größten Feldherrn aller Zeiten“, der sich vor der Klasse üblicherweise kämpferisch zum „Kessel von Stalingrad“ äußerte, die Kriegs- und Nachkriegsgeschichten meiner Eltern. Seit dem Krieg waren ja erst gut 15 Jahre verstrichen. Eine weitere bereichernde Unterbrechung des Schulunterrichts war der regelmäßige Besuch des „Sparonkels“ von der Stadtsparkasse Aachen, Herrn Sittard. Ein gemeinsamer narrativer Auftritt von „Frollein“ Polomsky, Herrn Sittard und Herrn Braunleder sorgte jedesmal für einen sehr unterhaltsamen frühen Schulmorgen, bis Herr Braunleder schließlich die Milch- und Kakaofläschchen zum Anwärmen in die Heißwasserbecken stellen mußte und Herr Sittard seine Sparmarken (mit den Bienenkörben drauf) in einer anderen Klasse verkaufen ging. Man muß sich das mal vorstellen: man gab der Stadtsparkasse zinslos sein Kleingeld, Kleckerbeträge, dessen Verzinsung begann aber erst mit der Übertragung der Sparkarten am sog. „Weltspartag“.

Daneben wurde ich durch meinen Onkel, den ich mir angewöhnt hatte, in der Schule offiziell mit „Onkel Willy Herr Pastor“ anzusprechen, als Ministrant häufig dem Unterricht entzogen: zu morgendlichen Seelenämtern in St. Marien und Beerdigungen auf den Aachener Friedhöfen, die mir bald sehr vertraut waren. „Frollein“ Polomsky ermöglichte das immer willfährig, sobald ein Bote von Tante Trude oder Tante Käthe, Onkel Willys beiden Schwestern und Haushälterinnen, aus dem Pfarrhaus Wallstraße 44 kam.

Gelernt habe ich bei „Frollein“ Polomsky natürlich auch, vor allem auswendig: „Die Aachener Bäche“, „Die Aachener Straßenbahn- und Buslinien“ und „Die Jülich-Düren-Erkelenzer Börde“, offenbar „Frollein“ Polomskys heimatkundliche Lieblingstexte. Ich bedaure aber bis heute, dass wir die erste Klasse waren, die kein Schönschreiben in „Sütterlin“ mehr hatten. Heute lerne ich das nach.

Vor-pubertär platonisch verliebt war ich natürlich auch; aber nicht in „Frollein“ Polomsky, sondern in die schöne brünette V. aus der K.-Straße, die ich schon aus dem Kindergarten bei Schervier-Schwester Imelda – später hieß es, sie habe dem Orden den Rücken gekehrt – und Fräulein Schäfer in der Reumontstraße kannte. V. kam später auch in Tagträumen vor, weil sie zunehmend schöner, aber auch unnahbarer wurde. Und viel später begegnete ich ihr sogar mal wieder, sie arbeitete in einem Sportgeschäft zwischen Rathaus und RWTH-Hauptgebäude. Und war immer noch sehr, sehr schön. Aber das ist auch schon mehr als 25 Jahre her.


 

 

Walter von den Driesch

Geboren 1955 im Mariannen-Institut in der Aachener Jakobstraße, aufgewachsen zwischen Kamperviertel und Burtscheid. Studium der Geographie, der Anglistik und der Romanistik.

Seit 1986 Beamter des deutschen Auswärtigen Dienstes. Auslandsposten in Ägypten, Kamerun, Rumänien, Kenia und Nigeria. Seit kurzem deutscher Botschafter in Cotonou/Benin. Sein Heimatstandbein steht fest im Pontviertel.

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1 Antwort

  1. Diverse (Archiv) sagt:

    Detlef Ehmke
    (Dienstag, 17 Juli 2012 06:44)
    Ganz prima! Selber miterlebt; ich ging zur gleichen Zeit in die Parallelklasse von „Frollein“ Tuschik… und „Frollein“ Polomsky und deren Eigenarten kenne ich auch! 🙂

    Conny Weingärtner
    (Donnerstag, 01 November 2012 22:38)
    Sehr schön beschrieben. Ich hatte etwas früher mit „Frollein“ Polomsky das Vergnügen. Eine bleibende Erinnerung ist für mich der Stock, mit dem sie uns als Strafe, für was auch immer, auf die Innenflächen der Fingerspitzen schlug.

    Walter von den Driesch
    (Sonntag, 11 November 2012 14:00)
    Liebe/r(?) Conny,
    zu meiner Zeit hat „Frollein“ P. niemand mehr geschlagen, aber sie hat immerhin erzählt, dass das früher üblich war.
    Walter v.d. Driesch

    wolfgang marzodko, moresnet
    (Mittwoch, 16 Januar 2013 14:14)
    im ersten halbjahr 1948 musste ich noch zur volksschule hahnbrucherstraße, wo herr maybaum, der auf der lütticherstraße 198 wohnte, rektor war. dann war die reumontschule wieder aufgebaut und ich musste dahin wechseln, und hatte herrn beckers (mit Holzbein) als klassenlehrer. dann war da noch et frollein simoneit, die in der körnerstraße wohnte. frollein polomski kannte ich auch noch. sport war auf dem hinteren schulhof auf asphalt, meine knie haben noch spuren davon in der haut. schulweg war lütticherstraße, körnerstraße, weberstraße bis hinter eisenbahnbrücke, dann treppe runter in die mariabrunnstraße. ecke körner- weberstraße hing zu meiner damaligen zeit in augenhöhe ein briefkasten, der mich am linken auge küsste, als mal zu spät und sehr eilig unterwegs war. in der oberen hälfte der körnerstraße befand sich ein klümpchengroßhandel für stork-kamellen/plombenzieher. häufig bekamen wir welche ab.

    Claus-Peter Marzodko
    (Montag, 18 März 2013 16:22)
    Rektor Leo Maybaum
    Ich habe mich riesig gefreut, den Namen dieses „begnadeten“ Lehrers zu lesen.
    Ehre wem Ehre gebührt!
    Ich weiß, wovon ich spreche. Er natürlich war auch mein Nachbar mit Johannisbeersträuchern und einem Kirschbaum am Gartenzaun. „Reiß die Äste nicht ab!“ Er war mir ein Lehrerleben Vorbild.
    Nach ersten Jahren bei Froilein Mainz (böses Weib und Denunziantin) hat er mich in einem Jahr als Klassenlehrer in Hanbruch zu nie wieder erreichten Leistungen motiviert.
    Ich habe natürlich auch meine Schläge bezogen. Erinnern tue ich mich aber an dem Pastor (?) von St. Jakob, der mit dem Stock in die offene Handfläche schlug. Da gab es aber auch noch den Lehrer Keller, der als Schulleiter später die Hauptschule Malmedyer Str. und den „Film der Jugend“ managt. Herrn Mensing, die Messing Pläät und Fräulein Polomsky, die mir immer unheimlich waren.

    Heiner Iseler
    (Dienstag, 24 September 2013 20:50)
    Mit dem Beitrag von Wolfgang Marzodko holt mich die Erinnerung an (gemeinsame) Vergangenheit ein: Mit ihm besuchte ich die Volksschule Reumontstraße, allerdings erst vom 3. Schuljahr an, weil wir doch zuvor in einem Dörfchen in der Eifel gewohnt hatten. (Das Dörfchen Kallmuth hat dann 50 Jahre später in einer Krimiserie unter dem Namen „Hengasch“ den Rahmen der Handlung abgegeben.) An Fräulein Simoneit, unsere gemeinsame Lehrerin, habe ich einige wenige, allerdings eher unliebsame Erinnerungen, die unter dem Oberbegriff „Strafe“ zusammenzufassen sind.
    Wir wohnten seinerzeit in der Weberstraße, und so war denn der Schulweg mit Wolfgang Marzodko häufig gemeinsam. Noch heute bin ich ihm dankbar, dass er mich einmal gegen drei „große“ Mädchen verteidigte, die mich (eher klein, dafür aber moppelig) tätlich angriffen.
    Ach ja, und der Briefkasten an der Ecke zur Körnerstraße: An seiner Unterkante habe ich mir einmal eine Wunde zugezogen, die es meinen sonst sehr strengen Eltern (Vater war Lehrer, zuletzt an der „Haubenschule“) angezeigt sein ließen, mich einen Tag vom Besuch des Schulunterrichts „freizustellen“.
    Danke Wolfgang für diese Erinnerungen!

    Yvonne Cossmann
    (Mittwoch, 15 April 2015 13:20)
    Och wie wor datt froejer schoenn, bin zur gleichen Zeit in dieselbe Schule gegangen, wor beim Lehrer Doelscher ijjen Klass, genauso wars!!!

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