Seniorenbeirat – Update nach zehn Jahren

(Das Update bezieht sich auf diesen Beitrag.)
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Update 2017: Auch nach zehn Jahren hat sich nichts geändert. Politische Aussagen scheinen unerwünscht zu sein, oder warum gibt es nach wie vor von den sieben Kandidaten auf meinem Zettel keine einzige politische Aussage?

Eine Dame will jetzt „Mitmenschen inspirieren“, eine Beamtin schreibt gar nichts, eine findet es „spannend, Lösungswege zu finden“. Probleme scheinen meinesgleichen nur mit dem Rollator, der „Senioren“bespaßung oder dem Weg zur Bushaltestelle zu haben.

Anderswo sieht es auch nicht besser aus. In Haaren macht eine Kandidatin jetzt eine „Fortbildung zur Sterbebegleitung“, in Burtscheid sucht jemand eine „neue Aufgabe“, da er demnächst in Rente geht, und irgendwo sollen auch Fahrstühle eingebaut werden. In „Zentrum und Soers“ (was für eine Zusammenstellung) war jemand Gewerkschaftssekretär und will „Interessen vertreten“, wobei er aus seiner beruflichen Erfahrung eigentlich wissen müsste, dass die Interessen z.B. von Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht immer völlig identisch sein müssen. Und auch die unvermeidliche Marion Hein, lebendes Inventar aller Ratssitzungen seit Menschengedenken, will sich „für die Mitbürger meiner Stadt gerne einsetzen“. Danke, sehr nett.

Überdurchschnittlich viele sind Beamte, Verwaltungsangestellte, Selbstständige und überhaupt Gutsituierte. Alles trieft von karitativem Gutmenschentum, überall sind Bedürftige, denen man irgendwie über die Straße oder in den Bus helfen muss. Keiner thematisiert die Rente mit 67 oder die Rentenpolitik überhaupt. Einen längst zum Allgemeingut gewordenen Begriff wie „Altersarmut“ sucht man vergeblich. Oder den Gedanken, dass irgendwer die Zeche zahlen muss, wenn Pflege- und Altersheime, pardon: Seniorenresidenzen, inzwischen zu den profitabelsten Renditemodellen gehören.

Vollständig fehlt auch jegliche Idee, dass Menschen über 60 etwas Anderes wollen könnten als Greisengymnastik und barrierefreie Wohnungen. Wie wäre es denn mit Hard-Rock-Konzerten, hemmungslosen Orgien und wüsten Besäufnissen, um sich nicht mit den seichten Schlagern der heutigen überangepassten Selbstoptimierer-Jugend einschläfern zu lassen, die sich von Praktikum zu Praktikum hangelt, bei den Eltern wohnt, vegan isst und nur Wässerchen, oder wenn es ganz verwegen wird, auch mal nen Cocktail trinkt?

Kann da irgendwer rechnen? Und wenn ja, dann könnte man doch zu dem Ergebnis kommen, dass die heutigen Alten die alten 68er sind. Also diejenigen, die einen so vermieften Staat, dass es sich heute gar keiner mehr vorstellen kann, radikal entmistet und völlig umgekrempelt haben. Und die sollen jetzt plötzlich zu typischen Tattergreisen mutieren?

Niemand kommt auch auf den Gedanken, dass ein alter Hartzer vielleicht mehr Gemeinsamkeiten mit einem jungen Hartzer als mit einem gleichaltrigen Beamten haben könnte. Vielleicht sollte man auch eine ganz neue Kategorie einführen: Nämlich solche „Senioren“, die sich eine Polin leisten können und solche, die irgendwo ab- oder ruhig gestellt und im schlimmsten Fall angeschnallt werden.

Nicht zuletzt: Welches Menschenbild haben die städtischen Angestellten von „Senioren“? Hat man das Foto zu den Wahlunterlagen aus dem Prospekt einer privaten Lebensversicherung kopiert? Diese braven Omas in frisch gestärkten Blusen und der rüstige Riester-Rentner, der bestimmt gleich Golf spielen geht?

Vielleicht sollte man ja die Altersgrenze für die Seniorenratswahl heraufsetzen, genau wie das Renteneintrittsalter heraufgesetzt wurde. Oder endlich begreifen, dass allein die Tatsache, dass man über 60 ist, noch lange keine gemeinsamen Interessen schafft.

Aber da wären wir ja bei Politik, und die ist hier bekanntlich verpönt. Deshalb werde ich mich auch nach zehn Jahren nicht an dieser „Wahl“ beteiligen, die gar keine ist.


Heinrich Schauerte

Dr. Heinrich Schauerte, geboren 1946 in Aachen. Volksschule Hanbrucher Straße unter Lehrer Jers (der mit dem Holzbein und dem flinken Lineal). Abitur am KKG unter dem legendären Lehrer Emunds (der mit der Pimmelakei). „Wehrersatzdienst“ in Kölner Klapsmühle unter Oberschwester „Feldwebel“ Gertrud. Studium der Germanistik, Psychologie, Philosophie in Aachen. Promotion unter Prof. Schneider-„Schwerte“ (der mit dem Hakenkreuz).

Werbetexter, Pressesprecher, Journalist. Dichtungen aller Art.

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1 Antwort

  1. BEBRONNE, Wolfgang sagt:

    Hallo Herr Schauerte
    Sie haben ja Recht mit Ihren Aussagen. Ich habe mich auch beworben und das nicht um als “Gutmensch” nett und freundlich herumzurennen und “alten Leuten” mit 60+ das Köpfchen zu tätscheln.
    Ich bin jetzt 63+ und noch voll beruflich tätig und habe eine 10-jährigen Sohn, so daß mich junge Leute wohl noch einige Zeit beschäftigen werden. Auch ich gehöre zur End-68er-Generation (na ja ab 1970: Schüler-streiks in Aachen usw.), fahre noch Motorrad mit Lederjacke und selbstverständlich Helm.
    Die den Bewerbern zugestandenen wenigen Zeilen für einen textliche Bewerbung lassen wirklich keine gro-ßen Aussagen zu. Aber ich will nicht bequem sein (das war/bin ich auch als langjähriger Betriebsratsvor-sitzender nie gewesen), sondern ggf. in der Stadt Aachen auch mal Gedanken wie die Ihren einbringen (ich höre auch gerne ACDC, Deep Purple, …) und der Schiebetango beim Seniorennachmittag ist (noch) nicht meine Welt.
    Für die “ältere Generation 60+” kann man mehr initiieren und das auch in Verbindung mit der Jugend.
    Altersarmut ist sicherlich ein wichtiges politisches Thema, barrierefreies Bewegen auch, aber die Jugend für die Probleme der “Alten” zu interessieren ist auch wichtig, denn sie werden auch mal “die Alten” sein. Ich
    stelle mir vor es gibt Projekte, in denen “Alte” und “Junge” gemeinsam tätig werden können (z.B. Oldtimer
    restaurieren und später für einen guten Zweck zu veräußern) und sich auf gleicher Augenhöhe austauschen
    können.

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