Skandal in Aachen – und auch anderswo

Ihre bloßen Brüste waren gerade mal vier Sekunden in einem Spiegel zu sehen, als die junge Schauspielerin im Film als Aktmodell für einen Maler posierte. Es war der Skandal des Jahres, der durch den Film „DIE SÜNDERIN“ im Jahre 1951 nicht nur die Gemüter in Aachen, sondern in ganz Deutschland bewegte.

Die Schlagzeilen der Deutschen Presse befassten sich bis dahin mit Koreakrieg, Kommunistenjagd in den USA, der aufkommenden „Gelbe Gefahr“ aus Maos China und dem frischgewählten Generalsekretär der Ostzone Walter Ulbrich.

Im  Radio knödelte Rudi Schuricke die „CAPRIFISCHER“ und Margot Eskens schmachtete „CINDY OH CINDY“.

Doch nun war plötzlich all das in den Hintergrund getreten.

In den Städten war der Film mit der, bis dahin unbekannten, 25jährigen Schauspielerin Hildegard Knef angelaufen. Nachdem der Streifen in einem Gerichtsprozess in München 1950 verboten wurde, erklärte wenig später ein Richter in einem Berufungsverfahren den Film zur Kunst. Premiere hatte er am 18. Januar 1951.

Es sollte der erste Skandalfilm der Nachkriegszeit werden und das Gesellschafts-Ereignis des Jahres. Eine nackte Frauenbrust hatte es in einem Deutschen Film bis dahin noch nicht gegeben, 1951 ein Skandal.

Meine Eltern tuschelten mit vorgehaltener Hand über den Film. Später erfuhr ich, dass sie ihn natürlich auch gesehen hatten. Der Film war erst ab 21 J. frei gegeben und es gab riesige Demonstrationen dagegen, mit Tumulten und Schlägereien, Fensterscheiben gingen zu Bruch. Bei Polizeiaktionen wurde Tränengas eingesetzt. Vor allem lief die Kirche Sturm, war das Abendland in Gefahr? Selbst Geistliche warfen Stinkbomben vor den Kinos ab. Der Kölner Kardinal Frings setzte sich an die Spitze der Protestbewegung gegen das vermeintliche „Schandwerk“ und ließ von allen Kanzeln der Erzdiözese einen ungewohnt scharfen Mahnbrief mit folgendem Text verlesen:

„Ich erwarte, dass unsere katholischen Männer und Frauen, erst recht unsere gesunde katholische Jugend, in berechtigter Empörung und in christlicher Einmütigkeit die Lichtspieltheater meiden, die unter Missbrauchs des Namens der Kunst eine Aufführung bringen, die auf eine Zersetzung der sittlichen Begriffe unseres christlichen Volkes herauskommt.“

Die konservative Presse schloss sich an und sah in dem Film einen „Faustschlag ins Gesicht jeder anständigen deutschen Frau“. Flugblätter wurden verteilt: „Zur Verteidigung des gesunden deutschen Ehrgefühls“.

Gerade solche Verteufelungen waren, auch damals schon, die beste Werbung. Schier endlose Schlangen bildeten sich vor den Kinos. Gut kann ich mich erinnern, wie sich eine Menschenkarawane vom damaligen Kino BURGTHEATER , heute „Teppich Esser“, eines der größten Filmpaläste in Aachen, bis zum Kaiserplatz bildete. Viele Aachener gingen nur zum „Schlange Gucken“, denn Karten für die Vorführungen waren nach kurzer Zeit ausverkauft und wurden sogar auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Aachen hatte so etwas noch nie erlebt.

In späteren Interviews erzählte die Knef, dass es nach dem Erscheinen des Films, eine richtige Hexenjagd auf ihre Person gegeben habe. Sie wurde auf offener Straße angespuckt und als Hure beschimpft.

Heute würde dieser Film für 6 jährige frei gegeben. Es war damals nicht nur die Nacktheit einer Frau, die die Gemüter erhitzte. MARINA, wie sie im Film hieß war eine Prostituierte und am Ende des Films beging sie gemeinsam mit ihrem Geliebten Selbstmord. So kamen gleich drei Tabus zusammen, die gleichermaßen das Weltbild  der Kirchen-und Biedermänner erschütterten. Für „DIE KNEF“, wie die Schauspielerin später im Volksmund  genannt wurde, war der Film der Start für eine Weltkarriere.

René H. Bremen

René H. Bremen, Jahrgang 1942, ist Aachener, Rentner und arbeitet als Maler und Bildhauer. 35 Jahre lang hatte er Friseursalons in Aachen, nachdem er sieben Jahre in diesem Beruf im Ausland verbracht hatte (verschiedene Orte in der Schweiz, London, Paris und Montreal).

Seit dem Tod seiner Frau 2007 bekleidet er verschiedene Ehrenämter, interessiert sich für klassische Musik und Literatur und reist viel. Er ist Gründungsmitglied des Künstlerkollektivs "Atelier-Kunstdialog", das seit 2006 besteht.

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1 Antwort

  1. RENÉ H. BREMEN sagt:

    Dies ist eine Kommentar in eigener Sache. Der Korrektheit halber möchte ich klarstellen, dass Margot Eskens mit ihrem Lied „CINDY OH….“ erst später aufs Tapet kam. Dafür sangen 1951 die „CYPRYS“ den Hit: „DIE FISCHERIN VOM BODENSEE“

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