Streichholzschachteletikettensammler

Als der Mensch an seinem Anfang bemerkte, dass er sich ernähren musste, begann er bekanntlich das Jagen und Sammeln. Zu beobachten ist heute noch eine Sammelleidenschaft, die in manchen Zeitgenossen steckt. Das klassische Sammelobjekt ist aber nicht mehr die Blaubeere, sondern ein gezahntes Stückchen Papier, das man auf einen Briefumschlag klebt, hinterher mit Wasserdampf wieder ablöst und zu Artgenossen in ein Album steckt. Das eine oder andere Papierschnipselchen ist laut Katalog sehr wertvoll, wenn man es aber veräußern möchte, entpuppt es sich eben als Papierschnipselchen ohne nennenswerten Wert, es sei denn, es ist blau, zeigt die Königin Victoria und stammt von einer Insel im Indischen Ozean.

Daher kann man auch Bierdeckel sammeln, die sind bestimmt ohne Wert, Knöllchen, die sogar einen negativen Wert aufweisen, Autokennzeichen, vierblättrigen Klee oder, wie der Böll’sche Clown, einfach Augenblicke, die man sowieso nicht veräußern kann.

Wenn man jünger ist, sammelt man Kastanien, die man in Bonn gegen Gummibärchen eintauscht; Handys, Star-Wars-Figuren oder Likes (sprich: laiks).

Von Letzteren wusste man in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts noch nicht, weder in Aachen noch anderswo, aber was es gab, waren Streichholzschachteln mit den verschiedensten farbenfrohen Etiketten, nicht nur die blauen mit den diagonal gesetzten Blockbuchstaben: WELT-HÖLZER. Die Etiketten konnte man wie die Briefmarken mit Wasserdampf von den Schächtelchen ablösen und in ein Album stecken. Sie zeigten gezeichnete menschenähnliche Figuren mit großen roten Köpfen, zum Beispiel einen Jungen mit Ball vor einer zersplitterten Fensterscheibe, einen Rollstuhlfahrer mit eingegipstem Bein oder einen Mann mit blutender Nase, die ein Blumentopf aus dem ersten Stock getroffen hatte. Zu ihnen gesellte sich die mahnende Aufschrift: hoffentlich Allianz versichert.

Andere Figuren, auch mit roten Köpfen, stellten eine Familie dar, und die Aufschrift war ein Reim: Auch Vati liebt den Kaba sehr, schnell trinkt er seine Tasse leer. Es handelte sich um Kakao.

Oder aber wies eine Streichholzschachtelbarbie mit erhobenem Zeigefinger auf Produkte, die das Herz begehren sollte, und der Betrachter erfuhr, dass DAS ZIEL FÜR ALLE – wieder ein Reim – DIE KAUFHALLE sei.

A&O hatte seine Sternzeichen, aus einzelnen Streichhölzern gebildet, Tengelmann präsentierte sein rotes T, dem ein Kopf, Füße und Hände spendiert worden waren, Hände, die unterschiedliche Waren hielten, angepriesen mit dem Hinweis Achte auf…

Spar bildete auf den Schachteln Konservendosen, Flaschen oder Päckchen ab, versehen mit der großen Aufschrift DAS GIBT ES NUR BEI…

VeGe lehrte, wie die Fahnen der Länder der Erde aussahen, und reimte: Die Idee – kauf bei VeGe.

Als Aachener Sammler hatte man den großen Vorteil, von Freunden und Bekannten, die im benachbarten Holland einkauften, mit Streichholzschachteln versorgt zu werden, die besonders bunte Etiketten aufwiesen mit Verkehrszeichen, Automarken und Mopeds und Motorrädern und mit der herrliche Serie der Film- und Popstars jener Zeit, von Adamo über Lex Barker, Conny Francis, Little Joe, Trini Lopez, Elvis Presley, Cliff Richard bis Helen Shapiro und anderen, mit dem kleinen Schmetterling rechts oben in der Ecke: Vlinder.

Da beim Ablösen der Etiketten die Schächtelchen Schaden nahmen, füllte sich zu Hause ein Karton mit tausenden einzelnen Streichhölzern, die wie kleine Mikadostäbchen kreuz und quer verhakt vergeblich auf ihre Verwendung warteten.

Dann landete VeGe den großen Coup und brachte eine durchnummerierte Serie heraus. Zwei junge Sammlerherzen, die das Aachener Einhard-Gymnasium besuchten, das sich damals noch in der Lothringer Straße befand, schlugen höher. Nach dem Unterricht zog man mehr oder weniger regelmäßig zusammen in den VeGe-Supermarkt in der Nähe der Schule, ehe man die Heimfahrt antrat, in der Hoffnung, die noch fehlenden Nummern der Serie „Städtewappen“ aufzustöbern.

An der Kasse zahlte man zehn oder zwanzig oder sogar dreißig Pfennige für den gesamten Einkauf, je nachdem, wie einem das Sammlerglück hold gewesen war.

Erst später wurde den beiden Sammlern bewusst, dass sie damit die Statistik des Supermarktes verdarben, nämlich den Tagesschnitt des Einkaufswertes pro Kunde erheblich nach unten drückten, was im Nachhinein das immer länger werdende Gesicht des Geschäftsführers erklärte, wenn er ihrer gewahr wurde.

Die nächste Serie, „Musikinstrumente“, war dann nicht mehr nummeriert!

Irgendwann verging die Sammelleidenschaft, und auch der Supermarkt nahe der Lothringer Straße wurde geschlossen, was vermutlich unabhängig voneinander geschah. Außerdem verlegte man den Standort des Einhard-Gymnasiums; zwei Alben mit zahlreichen Streichholzschachteletiketten existieren aber noch heute, darunter die Wappenserie Nr. 1 bis 96, vollständig bis auf drei Lücken. Ausgerechnet das Wappen von Aachen fehlt!


 

Günter Detro

Geborener Öcher, Streichholzschachteletikettensammler in seiner Jugend, Abitur am Einhard-Gymnasium, Studium an der RWTH, Lehrer im Ruhestand, lebt in Rheinbach, spielt gerne mit Sprache, Verfasser zahlreicher Texte, zuletzt erschienen: Glück und Glas, in: Zwischen Godorf und Gomorrha, Hrg. Gitta Edelmann, Rheinbach 2016

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