Taxi, bitte!

Geschichten und Episoden, die das Miterleben von Menschen während Fort- und Hin-Bewegung beschreiben…

Taxler befördern den freischaffenden Maler mit sämtlichen Arbeitsutensilien, der vom Auftrag nach Hause muss; Musiker mit ihrem gesamten Kapellen-Instrumentarium für die anstehende Gospelmesse; aber auch allerlei Tiere verschiedenster Art und Größe; bieten bei Kleinumzügen (!) Kombis oder für mehr als vier Personen das Großraum-Taxi. Sie sind behilflich bei Verladung sämtlicher Dinge, wie beispielsweise: Kinderwagen, Rollstühlen; Koffern und Reisetaschen, Großeinkäufen, Grillparty-Zubehör, z.B. Kästen Bier, etc., Schallplatten-Kisten, Blumen und Großpflanzen, Baustoffen (!), und vielem mehr. Ferner helfen sie bei der Wiedererlangung von Verluststücken während der Fahrt, wie Schirmen, Handies, Jacken und Mänteln, Lippenstiften, Schmuck, Brillen, Taschen und tatsächlich auch Geld.

Es gibt spezielle Richter-, Pfarrer- und Schulfahrten. Genauso wie Fahrten für sonstige Festkunden (privat und Firmen). Die Retter von „Aktion und Zeit“ (oder der Einsamkeit) besorgen Medikamente, Blutkonserven; Lebensmittel; und weiter; Eilbriefe oder was Personen so einfällt zum Hol- und Bring-Dienst.

Der „Rettungs-Dienst“ umfasst jedoch noch mehr. Als beispiel: jemand muss eiligst zum Krankenhaus oder benötigt den sogenannten Rettungsring. D.h. dann, zwei Taxen fahren am Abholort vor: eines parkt. der, oder die Fahrer/in lenkt das Kundenfahrzeug – und Kolleg/in fährt den Fahrgast nach hause: Taxi retour mit beiden Taxlern.

Zu all dem Genannten kommen noch die vielfältigsten sowie kuriosesten Situationen, Fahrtziele und Wünsche der Fahrgäste. Daraus entstehen nie endende Möglichkeiten und Geschichten:

02. MAI, MITTWOCH

16.30 UHR beginne ich auf der Haltestelle Laurensberg und mache mich schon einmal mit zwei kleinen Äpfeln fit. Um 16.50 Uhr starte ich das „Programm“ Scheibenputzen und stehe genau: 17.00 Uhr an der Spitzenposition der Haltestelle. Ich erhalte die erste Funkfahrt. Es ist 17.15 Uhr, und ich hole zwei Asiaten bei einer Computerfirma ab. Da sie kein Deutsch sprechen verständigen wir uns in Englisch. Unterwegs sind sie mit sich beschäftigt und ich fahre zielstrebig den Bahnhof an. Am Ende stehen 6.80 Euro auf dem Taxameter. Ich erhalte grosszügig acht Euro – und freue mich über das anerkennende Trinkgeld.

17.20 Uhr – stelle ich mich an die Taxi-Warteschlange am Bahnhof und habe um 17.52 Uhr den ersten Zusteiger. Der Herr möchte in die Herstaler Straße. Er bepackt die Rückbank mit seinen Taschen und setzt sich dazu. Einen müden Eindruck macht er auf mich und ich gönne ihm seine Ruhe. Am Ziel lässt er mich schon vorher stoppen, bezahlt 6.20 Euro und weil wir in einer Sackgasse stehen und ich eh wenden muss, biete ich ihm an, sein Gepäck vor der Haustüre herauszunehmen. Er sagt: „Ja, der Rücken“ – und ist sichtlich erleichtert. Ich meine vielleicht gäbe es ja eine OP-Möglichkeit?! – und wir verabschieden uns freundlich. Ich fahre zum Markt und stehe um 18.08 Uhr als zweiter Wagen dort.

Der Frühlingsanfang ist hier gut genutzt. Viele Leute erleben den schönen Abend draussen vor Eiscafe und Gaststätten. „Sprudelnde Vielfalt“ am Kaiser Karl Denkmal. Eine bunte, fröhliche Mischung bietet die Bekleidung der Menschen und ebenso der Blumenstand vor dem Rathaus. Die Kastanie vor McDonalds blüht bezaubernd in Weiss und die drei weiteren werden bald in Rot leuchten. Der Himmel über allem – azuro -. Ich freue mich mit ALLEN und empfinde optischen Lebensgenuss. Einige Touris fotografieren sich vor der „Partnerschaft von neun Städten“ (rechte Rathaustüre).

Während ich so beobachte machte sich wohl wegen falscher Sitzhaltung mein Rücken bemerkbar. Sechzehn Jahre bin ich nun der Arbeit im Taxi treu verbunden. Davon fast fünf selbständig, bis mehrere Bandscheiben-OPs und eine Wirbelsäulenkathederisierung deutlich machten, dass ich erst einmal eine Auszeit nehmen musste. Im Dezember 1999 veräusserte ich bedauerlicherweise mein heissgeliebtes Taxi und legte ein halbes Jahr später zunächst mit einer- dann mit zwei Schichten wieder los. Doch mein Rücken mag diese Tätigkeit nicht mehr auf sich nehmen. Immer deutlicher wurde klar, dass ich abwechselnde Bewegung nötig hatte. In den Jahren meiner Selbständigkeit war ich aus finanziellen Gründen gezwungen immer mehr zu arbeiten, denn bevor meinem Sohn und mir etwas zum Leben blieb, erhielten zunächst sämtliche „Geier“ um uns ihre Anteile, wie: Funkmiete (satt!), IHK-Beitrag, Gewerbesteuer, Berufsgenossenschaft, Steuerberater, Krankenkasse, Rechtsanwalt, hohe Kaskobeiträge, Taxisteuer, Werkstatt, Ersatzteile. u.v.m.

So blieben bei fünf Arbeits-Schichten zu 10-12 Stunden ca. 1100 DM übrig für Miete und alles weitere. Da blieb nichts mehr für die Rentenkasse. Nebenher hatte ich auch die Buchführung zu regeln. Fast jede freie Zeit war für meinen Sohn und möglichst auch für meinen verwirrten Vater verplant.

Aber Nu: es ist mittlerweile 18.28 Uhr und ich stehe endlich an der Spitzenposition der Haltestelle Markt. Nur acht Minuten später möchte eine junge Dame zum Bahnhof. Sie erzählt, dass sie aus dem Breisgau stammt, sich hier beworben hat und dass es gut für sie ausschaue. Nun fährt sie nach Köln zu Freunden für den Abend und eine schöne Nacht. Wir kommen auf die Drei-Länder-Ecken: Schweiz-Deutschland-Frankreich, und hier: Holand, Belgien und Deutschland zu sprechen und die jeweilig abrupte Andersartigkeit beim Passieren einer der EU-Grenzen. Sie erzählt weiter, dass sie unseren Menschentypen hier als nicht so „ kühl“ empfindet. Ich staune, denn ich empfinde dazu völlig anders. Schon als Teenager waren mir die Vaalser besonders angenehm, da sie ziemlich entspannt sind. Wir sind somit am Hauptbahnhof angelangt. Nach Bezahlung der 5.50 Euro und einer netten Verabschiedung fahre ich „Mutters Küche“. Den sympatischen Inhaber habe ich lange nicht mehr gesehen und wir schwätzen darüber, wie es uns zwischenzeitlich ergangen ist. Ich nehme das knusprigste Dönerbrötchen – nur mit Salat gefüllt – köstlich! Nach einer genussvollen Pause bin ich um 19.00 Uhr wieder am „Market Place“. Um 19.11 Uhr kommt ein Fahrgast der zum Hotel Domizil möchte. Der Herr aus Hamburg findet den Frühlingsausbruch in Aachen toll. Er schwärmt von all den frohen jungen Menschen hier und erzählt, dass er leider von den vielen Birkenpollen derzeit dauernd niesen müsse. Wir sind danach am Zielort, und bei 4.40 Euro. Er sagt: „Oh, können Sie auf 50 Euro herausgeben?“ Ja ich kann und erhalte 60 Cent Trinkgeld.

Zurück zum Markt, melde ich mich um 19.28 Uhr als dritte Droschke (= Taxe) auf die Funkfrage: „Wer kann Bergstraße mit Wellensittich?“ – und erhalte ich den Anschluss. Am Abholort steht bereits eine Dame mit ihrer Tochter und einem Vogelkäfig vor der Türe. Die Sorge um einen kranken Vogel liegt förmlich in der Luft und wir fahren zunächst ziemlich wortlos nach Aachen-Brand zu Dr. Staudacher der, ohne mein Wissen zur Triererstraße 624 gezogen ist.

Da er vorher auf der oberen Tiererstraße seine Praxis hatte: Kehre, und wir fahren alle wieder Richtung Stadt. (…den sogenannten Arbeits-Alltag gibt es aufgrund von ständigen Veränderungen gottlob nicht!)

Vor der Praxis sind wir um 19.25 Uhr – ich warte im Wagen auf ihre Rückkehr, und erfrische mich erst einmal mit einigen Schlucken Wasser.

Um 20.20 Uhr kommen beide Frauen glückstrahlend zum Wagen. Das, wie vorher vermutete wurde, lungenkranke Sittich-Weibchen ist doch o.K. – und wir sind gemeinsam erleichtert. Auf der Rückfahrt erzählt meine Beifahrerin unter anderem vom gemeinsamen Singen und Zwitschern des Vogelpaars – und dass das Weibchen ihr absoluter Liebling sei.

Da bei Fahrtantritt schon klar war, dass ich meine Fahrgäste auch wieder zurück befördere, hatte ich einen Pauschalpreis von 12,50 Euro angeboten, den ich am Zielort angelangt erhalte. Nach nettem allseitigem „Tschöö“ fahre ich zurück zum Markt.

Um 20.35 Uhr kommt ein edel aussehender junger Mann von vorne und steigt hinten ein. Er möchte zum NOVOTEL. Unterwegs beherrscht Ruhe die Fahrt – das ist meistens so, wenn Fahrgäste hinten zusteigen: Distance Room. Der Fahrpreis beträgt dann am Ende der Fahrt: 6,20 Euro. Er gibt mir großzügig 8,- Euro, und holt für die Abfahrt vom hauseigenen Parkplatz den dazu nötigen Chip – woahh! Hiernach fahre ich in die City, stelle das Taxi hinten an der Halte „ Möcker“ bei C&A ab, und gehe nach Hause in Pause.

Um 22.00 Uhr stehe ich ein weiteres Mal als dritte, nun ja, an der Halte Möcker, und unterhalte mich gerade mit einem Kollegen, da sind plötzlich beide Wagen vor mir im Auftrag unterwegs – und ich – schwupp – schon „Spitze“. Unmittelbar hiernach, 22.10 Uhr, steigt eine Frau ein, die zur Rottstraße möchte.  Wir gelangen vom Frühling zum Wetter für Morgen mit angesagtem Regen. Ich meine, dass unser Aachen wunderbar viel Grün hätte, und dass man nur darüber nachdenken braucht, wie es wäre mit einem Merzbrücker-Flieger über die Stadt zu schweben: jede Menge Blumen und Grün – plus dem Gürtel aus Waldgebieten — eine wunderbare Belohnung für so manche Regen-Zeit. Sie stimmt mir zu, und erzählt dass es im Büro schon ziemlich warm gewesen sei, und eine Dusche für die Mittagspause sehr brauchbar wäre. Aber es würde eh ein neues Büro gesucht, und vielleicht ginge es ja dann dort. Bei 5,80 Euro endet die Fahrt, und ich erhalte 8 Euro. Ich freue mich total – wozu sie meint, dass sie das immer so regeln würde. – Toll, auch für meine Kollegen! —- Im Anschluss fahre ich zurück nach Möcker, da winkt auch schon eine weitere Kundin, und möchte zur Engelbertstraße. Wir besprechen den merkwürdigen Zufall, dass weder am Markt- noch unterwegs Taxen frei waren – wohl wegen der letzten Nacht-Schicht — dann über den Mut nachts Taxi zu fahren, und sind bei 6 Euro schon am Ende unserer Fahrt angelangt. Sie reicht mir auch 8 Euro, wir verabschieden uns freundlich, und ich fahre über: Halte Rothe (siehe Foto rechts S.11) zur gleichen Haltestelle wie vorhin.  Da  kommt ein älterer Kollege zu mir an den Wagen und wir spenden uns gegenseitig etwas Trost bezüglich unserer „Wehwehchen“. Mitten im Gespräch steigt ein junger Mann – zum Johannistal – ein. Vom Frühling und dem gestrigen Tanz in den Mai, an welchem die Pontstraße sozusagen dicht war, gelangen wir zum Thema: Skate – Boarding. Ich erzähle davon, dass hier der Elisenbrunnen für die Rollbrett- Fahrer gesperrt werden soll – und zwar durch Totalverglasung (!) dazu ist heute ein Schreiben von mir auf dem Weg zum Planungsamt der Stadt Aachen, in welchem ich um Berücksichtigung der jungen Leute werbe, da sie das Stadtbild beleben – und weiter, hätten alle  Menschen dort die Chance diese bestaunenswerte akrobatische Kunst- Sport- Art zum Nullpreis anzusehen. Der Youngster bestätigt das und erzählt von seinem Studium in den USA und dortigen < Skate-Ranches >, die manchmal  zwar  nur halb so groß wie ein Fußballfeld seien, aber dafür echte Orte für Kunst, Spass und Parties.

Ich finde das total genial, und wünsche den jungen Menschen in Aachen auch so etwas Er berichtet weiter, dass die Niederländer in diesem Bereich auch ziemlich fit seien. Ich werde mich weiter informieren beschließe ich, da wir am Ziel unserer Reise sind – bei 5,80 Euro – und gerade mal der Funkbetrieb läuft. „ Klar!“, sagt er, ein nettes „Chiao“ folgt beiderseits – und ich fahre weiter zur Haltestelle Schanz. Gerade dort  angekommen, werde  ich  auch schon zum Franziskus- Krankenhaus geordert. Dort steigen mir, eine freundliche Frau und, zwei junge Leute ein. Die junge Frau vermutet, dass es sicherlich anstrengend sei, nachts Taxi zu fahren. Ich erkläre ihr, dass ich die Abend-Taxlerei dem Tagfahren deshalb vorzöge da die Menschen nach Feierabend anders „drauf“seien, und im Gegensatz zu dem hektischen Treiben tagsüber, gäbe es sowohl verkehrs- als auch öfter gesprächs – bezogen, große Unterschiede. Der Funkbetrieb und die Kollegen-Seite geben sich zudem wesentlich relaxter.

Sie wirkt ziemlich erstaunt; aber die Fahrt endet hier auch schon, bei 4 Euro. Die Beifahrerin zahlt mit zehn Euroschein, und erbittet sechs zurück – dazu bekomme ich noch beste Wünsche für die Zukunft mit auf den weiteren Weg. Der junge Mann möchte mir noch von Hinnten die Hand schütteln. Nett! – ich bedanke mich herzlich, und fahre danach wieder zurück zur Haltestelle Schanz.

Dort reicht noch nicht einmal die dritte Position, um alles zu notieren, da soll ich, schon an der „Spitze“, auf der Vaalserstraße einen Fahrgast abholen, der laut Funkerin heraus kommt. Dort nutze ich die Wartezeit, und bevor ich fertig bin, ist schon eine junge Frau im Wagen, die meint, sie schaffe es zwar normalerweise noch von der Professor-Pirlet-Str. zur Nizza-Allee, aber jetzt sei sie doch total froh, das Taxi nehmen zu können. Während sie sich offensichtlich bequem ins Taxi setzt, unterhalten wir uns über das rege Treiben in der City und sind schon an ihrer Wunsch-Adresse – zu 6 Euro. Ich erhalte Sieben – danke, und fahre zur Gaststätte Tangente in der oberen Pontstraße schnell einen Segafredo trinken. Mein Lieblings-DJ LOTA legt heute ausnahmsweise nicht auf – schade!

Nachdem die Tasse leer ist, rolle ich mit meinem Taxi vor, auf fünfte Position an der Haltestelle Ponttor, und schreibe eben die letzten beiden Fahrterlebnisse auf. Schon rücke ich weiter vor, und bin direkt an dritter Stelle. Hier bemerke ich, dass ein neues Café eröffnet hat. In der letzten Woche war ich leider nicht mit dem Taxi unterwegs, und so staune ich darüber, was sich so zum Maibeginn alleine schon hier im Pontviertel verändert hat. Die Gaststätte ist groß und leuchtet bunt von Innen; wieder fährt eine Taxe mit Fahrgast weg, und ich stehe nun als zweite „Droschke“* vorne. (*im Fachjargon)

Ich schaue wieder zum Café, und meine eine DJ-Empore zu erkennen. Prima! Ich bewundere die Könner am DJ – PULT, und träume so für zuhause vom Mixen – weil ich dann unter anderem bessere Musik-Kassetten für die Taxi – Schichten hätten. Zwei junge Männer stehen am Wagen vor mir, und ich überlege, ob wohl einer von Beiden fährt. Es ist jetzt Ein Uhr – ha! einer fährt tatsächlich, und ich stehe an der Spitzenposition. Also lege ich mein Notiz-Heft beiseite, denn nun ist für mich volle Funk- Aufmerksamkeit und „Bereitschafts-Warten“ angesagt! Nur eine Minute vergeht, da steigen auch schon zwei junge Damen ein, die zur Monheimsallee und Casinostraße möchten. Kaum sitzen sie im Fond, da fangen sie auch schon an zu erzählen. Ganz aufgeregt berichtet die eine vom Straßenverkehr in Bangkok. Der Linksverkehr und das Verkehrs-Chaos wären nichts für sie. Sie hätte schon beim Mitfahren oft genug die Augen geschlossen. Ich kann mich glücklich schätzen. Bei mir brauchte sie nicht mal blinzeln. Dann steigt sie auch schon aus.

Allein mit der Freundin erfahre ich etwas über den z.Zt. miesen Service im Café Madrid; manche wären sogar nach längerem Warten auf ihr Essen wieder gegangen, doch die kleinen Häppchen wären Super! Das klingt gut, und mir läuft schon bei der bloßen Vorstellung das Wasser im Munde zusammen – aber ich habe jetzt keine Zeit zum Essen, denn ich möchte beim Hauptbahnhof vorbeischauen. Ich habe Glück, denn es ist gerade ein Zug angekommen, und die Kollegen vor mir sind schneller unterwegs, als gedacht. Jetzt habe ich Zeit die fröhlichen Wasserspiele der Brunnenanlage auf dem Vorplatz zu beobachten. Oft sah es so aus, als würden die Fontänen zu meiner Musik tanzen. Ich fühle mich wie im Süden. Vor allem, weil um diese Uhrzeit noch Menschen auf dem Bahnhofsplatz sitzen.

Ich kontrolliere meinen Umsatz, und habe bisher etwa 85 Euro eingenommen. Ganz passabel für einen normalen Mittwoch.. Ein junger Typ steigt ein und schimpft über die Bundesbahn. Die Regionalbahnen seien das Letzte, nur der Transrapid wäre noch zu ertragen. Mit einem Augenzwinkern erzähle ich ihm, dass ich auch schon oft von einem Flugtaxi geträumt hätte, vor allem tagsüber. Während wir durch die Straßen fahren, schaut sich mein Fahrgast staunend um. Es gäbe so viele Veränderungen in der Stadt und das käme nicht nur durch den Frühling. Wir plaudern noch eine Weile und als er aussteigt, denke ich – nett wars!

Aber jetzt meldet sich mein Magen wieder und verlangt nach einer Imbisspause. Diesmal soll es nicht nur ein Brötchen mit Salat sein. Ich beschließe zu sündigen. Ein Hamburger muss her. Den möchte ich allerdings im Auto essen und in Ruhe mit einem Kaffee genießen. Denn mir geht es wie Kurt Tucholski, ich habe einen langsamen Magen; d.h.: ich mache meine Musik aus und stelle den Funk ab, und bin momentan einfach nicht mehr erreichbar. Weit weg von allem. Wenn auch nur für eine halbe Stunde.

Dass der Straßenverkehr sich nicht zum Träumen eignet merke ich spätestens, als ich mich durch einen affigen Kollegen herausgefordert sehe. Erst blockiert er die linke Spur und zwingt mich die rechte Fahrbahn zu benutzen. Ich versuche ruhig zu bleiben, auch wenn er plötzlich an jeder Ampel neben mir Gas gibt und vorraus prescht. Der scheint es nötig zu haben! Als er dann auch noch vor mir die nächste Taxi-Haltestelle erreicht, platzt mir fast der Kragen. Aber zum Glück nur fast. Denn zu seinem Pech hat er, in seinem Tempo, die winkenden Fahrgäste am Straßenrand übersehen. Das ist jetzt meine Tour.

Die drei Youngsters wollen nach Burtscheid und sind offensichtlich in Feierlaune.Es ist ganz lustig ihnen zuzuhören. Vor allem, als sie dann auch noch versuchen mich abzuschleppen. Aber ihre Überredenskünste sind umsonst. Erstens sind sie viel zu jung und zweitens möchte ich noch arbeiten. Sie nehmen die Ablehnung nicht krumm, im Gegenteil. Erfreut über das fürstliche Trinkgeld fahre ich weiter.

Es ist jetzt schon zwei Uhr früh, aber Platzregens sei Dank, bekomme ich gleich den nächsten Fahrgast. Er will nur eben trockenen Fußes nachhause kommen. Mir soll es recht sein.

Noch einmal ein kurzer Umsatzcheck. Ich habe mein persönliches Pflichtprogramm für Heute erfüllt. Eigentlich könnte ich nun Feierabend machen. Während ich noch überlege quäkt das Funkgerät und ehe ich noch überlege, habe ich die Funkfahrt angenommen. Den Knopf zu drücken ist wohl doch ein Automatismus.

Mein nächster Fahrgast hat soeben seine Schicht in der Brasserie Aix beendet und steigt erschöpft, aber gut gelaunt in mein Taxi. Er freut sich über einen riesen Umsatz und gute Trinkgelder. Anscheinend hat der gute Laune-Virus um sich gegriffen. Die Menschen sind heute Nacht wesentlich freigiebiger als sonst.

Als ich zehn Minuten später an der Haltestelle Ponttor ankomme trödeln die letzten Füßgänger über die Straße. Das Café Madrid ist jetzt fast menschenleer. Nur noch die großen romantischen Aussenlaternen ziehen den Blick auf sich.

Heute wird wohl nichts mehr und ich beschließe, Heim zu fahren.


Gaby Scherer-Abel

Lebt seit 1957 in ihrem Geburtsort Aachen. Sie ist seit 1988 mit Klaus Abel verheiratet und ist glückliche Mutter eines mit verschiedensten Talenten ausgestatteten Sohnes von achtzehn Jahren.

Nach dem staatlich geprüften Abschluss als Erzieherin wollte sie sich mit einem mobilen Kinderbereuungs-Service selbständig machen. Dazu benötigte sie den Personenbeförderungs-Schein sowie die Unternehmer-Prüfung vor der IHK zu Aachen.

Als das Betreuungs-Projekt beim Landes-Jugendamt Köln leider keinen Zuspruch fand, nahm sie das Arbeitsangebot eines befreundeten Taxi-Unternehmers an. Seither blieb sie dem Taxifahren ca. 20 Jahre treu verbunden, etwa fünf Jahre davon auch als selbständige Taxi-Unternehmerin.

Wiederholt wurde sie zu ihren Fahrterlebnissen befragt. Und es entstanden sozusagen „Live-Mitschnitte“ einiger Taxi-Schichten, die zuerst in dem von ihr herausgegebenen Magazin “filtrate” erschienen.

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