Überfall – das neue SEK „Brötchen“

Eigentlich schuldet mir das neue Polizei-Sondereinsatzkommando „Brötchen“ ein „Danke schön für das leckere Frühstück“! Denn immerhin haben die vier Polizisten dieser Spezialtruppe mir zu verdanken, dass sie überhaupt in den Genuss des Brötchen-Einsatzes kamen. Alles begann an einem gewöhnlichen Herbsttag in der Aachener Innenstadt. Es war verdammt früh, der Sonnenaufgang noch lange nicht absehbar, die Straßen menschenleer, selbst die Vögel hatten noch keine Lust aufzustehen und konnten daher auch nicht Zeuge eines Überfalls werden. Nur einer musste an diesem Morgen vom Parkhaus Büchel in die Bahnhofstraße laufen. Und nur einer hatte sich vor Angst beinahe in die Hosen gemacht…

An diesem Tag als Moderator der Morningshow bei Radio Aachen eingesetzt, schloss ich gegen drei Uhr Morgens die Haustür hinter mir ab. Noch im Halbschlaf machte ich mich auf den Weg ins Funkhaus. Ich wandelte vor Müdigkeit wie ein Betrunkener über den Holzgraben und tastete mich langsam aber sicher am Elisenbrunnen vorbei, bis ich schließlich in die Theaterstraße einbog – der Ort, an den kurz darauf das SEK „Brötchen“ gerufen werden musste. Alles schien aber zunächst wie immer zu sein. Es war dunkel, es war kalt und es war still! So still, dass man die Ratten in der Kanalisation hätte hören können – aber leider schliefen auch unsere unterirdischen Mitbewohner noch. Ich ging weiter die Theaterstraße nach oben bis ich plötzlich einen weißen Transporter bemerkte. Das Auto parkte direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor der Bäckerei Kickartz. Zwei dunkle Gestalten stiegen aus, schlugen hektisch die Autotür zu und stürmten auf die Bäckerei zu. Während ich etwas nervös weiter lief, beobachtete ich, wie sich die Männer ein Küchentuch um ihr Gesicht wickelten, während sie die Eingangstür betraten. Und plötzlich brüllte ein Mann so laut, dass jeder Schlafende senkrecht im Bett stehen würde: „Ü B E R F A L L !“

Mein erster Gedanke war: „Au Hur, ich möchte ich nicht Zeuge eines Überfalls werden“, und ich ging noch ein wenig schneller weiter. Dabei sah ich, wie einer der Männer (aus meiner Entfernung nur schlecht zu erkennen) eine Pistole unter seinem Pullover versteckte und damit auf die Bäckerei-Verkäuferin zielte. Vor Angst, dass ich mir vor Angst in die Hosen mache, stellte ich mir die Frage: „Wer bitte überfällt eine Bäckerei so früh am Morgen? Wollen die etwa ihr Portemonnaie mit frischen Brötchen auffüllen?“ Ich erkannte aber den Ernst der Lage und versteckte mich hinter einem Busch an der Bushaltestelle „Wallstraße“. Von hier aus hatte ich die Bäckerei gut im Blick. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und wollte nur drei Zahlen eintippen, was aber unter diesen Umständen nicht gerade einfach ist. Zitternd wählte ich die 110 und schilderte dem Polizeibeamten, was ich beobachtet habe. Der Mann in der Notrufzentrale war plötzlich selbst ganz nervös und schrie mich an: „Wir schicken zwei Streifenwagen vorbei! Bleiben Sie da, wo Sie sind! Können Sie sonst noch etwas sehen?“, wollte er von mir wissen!

Es dauerte keine 60 Sekunden, bis das Versprechen der Notrufzentrale tatsächlich Realität wurde. Zwei Streifenwagen kamen angerast und hielten mitten auf der Straße – mit Blaulicht und Warnblinkanlage. Die vier Polizisten schauten sich kurz um und betraten vorsichtig die Bäckerei, in der die beiden Männer immer noch mit einer Pistole auf die Verkäuferin zielten.

Leider konnte ich jetzt von meinem Versteck aus nichts mehr erkennen. Die Streifenwagen versperrten mir die Sicht. Trotzdem blieb ich weiter hinter dem Busch in geduckter Haltung stehen. Ich malte mir die schlimmsten Horrorszenarien aus. Schießerei, Tote, Blut. Es hätte alles passieren können.

Ist aber nicht passiert! Die vermeintliche Waffe war nur eine Hand unterm Pullover und die vier Polizisten kamen lächelnd aus der Bäckerei wieder heraus spaziert und freuten sich auf ein leckeres Frühstück. Denn alle Polizisten hatten eine Tüte mit frischen Brötchen in der Hand, die sie – vermutlich als Entschuldigung für den gelungenen Scherz des Brötchen-Lieferdienstes – geschenkt bekommen hatten.

Und wem haben die Polizisten ihr Frühstück jetzt zu verdanken?


Felix Wende

Felix Wende, 1983 in Görlitz geboren, hat von 2003 bis 2008 in Aachen gewohnt und in der Zeit bei Radio Aachen gearbeitet. Jetzt arbeitet er bei Radio Köln und studiert Medienwissenschaften an der Uni Köln.

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