Vom Nordbahnhof nach Würselen

„Vür söcke au Beldchere“ lautete der Aufruf des Vereins Öcher Platt im Heft 3/2017. „ Vör ene Vöördraag“ wurden „Beldchere uus d´r Kartong, va Oche, dörch de Johreszitte“ gesucht.

Also „söemelte“ ich in alten Fotoalben und holte die Schuhkartons mit den vergilbten Fotos aus dem Keller und stöberte nach brauchbarem Material. Ich wurde auch fündig und scannte einige Bilder ein und schickte sie an den Verein. Aber „wo ich einmal dabei war“, blieb mein Blick an diesem und jenem Foto hängen und mir fielen dazu die alten Geschichten und Begebenheiten von früher ein.

Ein Foto (Sommer 1964) zeigte meine Geschwister und mich beim Mittagessen mit unseren Cousinen in Würselen.

Ein Besuch der Verwandtschaft war damals für mich wie eine „kleine Weltreise“ – denn wir fuhren mit dem Zug vom Nordbahnhof nach Würselen!

Wir wohnten damals in Burtscheid in der Bendstraße 31 (in der „alten Feuerwehr“), wir das waren meine Eltern, mein „großer Bruder“ Heinz, die „große Schwester“ Helma, dann kam ich, und meine Schwester Henny und Baby Annette ( mein kleiner Bruder  hatte noch nicht das Licht der Welt erblickt).

Um unsere Tante Helma und Onkel Köb in Würselen zu besuchen, liefen wir zunächst einmal quer durch Aachen, die Kasinostraße runter bis zur „Normaluhr“, dann weiter die  Wilhelmstraße lang bis zum Kaiserplatz, anschließend Richtung Hansemannplatz und durch die Ottostraße bis zum Nordbahnhof auf der Jülicher Straße,  der gleich gegenüber  der alten Schirmfabrik Brauer(heute Museum Ludwig für moderne Kunst) lag. Das dauerte fast eine Stunde. Meine Mutter schob den Kinderwagen, mein Vater hielt Henny an der Hand und wir „Großen“ liefen aufgeregt und voll Vorfreude nebenher.

Am Fahrkartenschalter kaufte mein Vater die Fahrscheine für alle, damals noch kleine, braune Pappkartonkärtchen, die später im Zug vom Schaffner gelocht wurden. Im kleinen Wartesaal verbrachten wir die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges. Früher wurden die Waggons noch von einer Dampflok gezogen, inzwischen fuhr ein roter Schienenbus Richtung Jülich. Wir stiegen bereits nach kurzer Fahrzeit wieder aus, die Entfernung bis Würselen betrug ja nur 5.8 km! Trotzdem war jede Fahrt für mich ein großes Abenteuer!

Am Bahnhof in Würselen angekommen (das alte Bahnhofsgebäude steht noch, darin ist jetzt ein Kino), liefen wir noch das kurze Stück bis zur Mittelstraße. Hier bewohnten unsere Verwandten ein Einfamilienhaus mit einem großen Garten. Für uns Kinder war das schon etwas Besonderes und sehr beeindruckend. Wir bewohnten ja nur mehrere Zimmer auf zwei Etagen, ohne Badezimmer( wir badeten samstags noch in einer Zinkwanne) und mit Gemeinschafttoilette auf dem Flur. Und hier gab es ein Haus, nur für eine Familie, die Oma und noch einen älteren Onkel. Es gab eine richtige Küche und ein Badezimmer mit Toilette und dann noch einen Garten! Wie wunderbar war das alles! Da machte es uns auch gar nichts aus, dass nicht genügend Gartenstühle vorhanden waren, um draußen unser Mittagessen einzunehmen. Wir setzten uns einfach auf einen umgedrehten Eimer!

Abends nahmen wir den gleichen Weg wieder zurück nach Hause, zu Fuß zum Bahnhof in Würselen, mit der Bahn nach Aachen zum Nordbahnhof, dann nochmal eine Stunde laufen bis zur Bendstraße. Wir waren müde, aber glücklich und zufrieden!

Den Nordbahnhof gibt es schon lange nicht mehr, viele wissen vielleicht nicht einmal, dass er je existiert hat!  Im Mai 1980 fuhren die letzten Personenzüge auf der Strecke Aachen – Jülich.  Auch der Güterverkehr wurde nach und nach eingestellt. Noch heute erinnert der Name des Restaurants „Gare du Nord“, an den alten Nordbahnhof und auch die Gemälde auf den angrenzenden Mauern weisen auf den früheren Kopfbahnhof hin.

Teile der alten Bahntrasse sind in einen Radweg umgestaltet worden.  Er verläuft parallel zur Krefelder Straße  in Höhe von „Gut Kaisersruh“ und reicht bis zur Ortschaft Würselen.

Wenn wir heute nach Würselen wollen, dann fahren wir mal eben mit dem Auto die kurze Strecke, oder wenn wir auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind, dann benutzten wir die roten Busse der ASEAG. Aber mit einer romantischen Bahnfahrt ist das natürlich alles nicht zu vergleichen!

 

 

Wer mehr über die Geschichte des Nordbahnhofs in Aachen erfahren will, wird hier fündig:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_Aachen_Nord%E2%80%93J%C3%BClich

http://www.gessen.de/str/acjul.html

Hannelore Follmer

Hannelore Follmer im April 2015 über sich:

Ich bin Jahrgang '57 und ein "echter Öcher met Hazz en Blot". Meine Heimatstadt ist für mich die "schönste Stadt der Welt". Ich bin verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder.

Eins meiner Hobbys ist das Öcher Platt. Im Verein Öcher Platt bin ich langjähriges Mitglied.

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2 Antworten

  1. Richard Braun sagt:

    Liebe Hanne,

    wer wäre damals nicht gerne als Kind mit dir und deiner Familie zu den Verwandten nach Würselen mitgefahren!

  2. Elli Morgan sagt:

    Liebe Hanne,

    du hast wieder frisch und humorvoll geschrieben Hannne. Ich lese gerne deine Geschichten 🙂

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