Woher kommt der Ausdruck „Yellow Press“?

Ein Besuch im Internationalen Zeitungsmuseum Aachen

izm

Oskar von Forckenbeck hatte doppeltes Glück im Leben. Er heiratete eine reiche Frau und konnte seiner Sammelleidenschaft ungehindert frönen. Sein Portrait hängt im Lesesaal des Zeitungsmuseums. Oskar von Forckenbeck  (1822 – 1898) sammelte nämlich Zeitungen. Er reiste, um seine Sammlung zu komplettieren, um die Welt.

Nach welchen Gesichtpunkten legte er seine Sammlung an?

Eines seiner Prinzipien, das geografische Prinzip, war, von jeder Zeitung, die existiert, wenigstens ein Exemplar zu besitzen.  Das statistische Prinzip legte fest,  Einblicke in die Entwicklung des Zeitungswesens zu geben. Und das historische Prinzip  bestimmte, welches bedeutende geschichtliche Ereignis in die Sammlung aufgenommen werden sollte. Nach diesen Kriterien ist das Internationale Zeitungsmuseum, IZM,  noch heute aufgegliedert. Wer also gedacht hat, dass im Zeitungsmuseum  jede Ausgabe aller erreichbaren Zeitungen gehortet wird, irrt.

Eine solche Flut von Papier könnte das alte  Haus rein statisch gar nicht aufnehmen.

Das historische Haus in der Pontstraße 13,

das seit 1931 das Zeitungsmuseum beherbergt, wurde 1495 vom Schöffen Heinrich Dollart solide aus Stein erbaut. Lange Jahre dümpelte das Zeitungsmuseum seit der Wiedereröffnung im Jahre 1962 vor sich hin, nicht sehr beachtet von den Aachenern. Das änderte sich,  als das Haus im Rahmen des Programms „Route Charlemagne“ 2009 – 2010 umgebaut und nach den Erkenntnissen modernster Museumsgestaltung  eingerichtet wurde. Aber das aufwendig mit Millionen Euro sanierte Haus könnte nicht betrieben werden, ohne die 15 ehrenamtlich Tätigen, die zusammen mit  drei fest angestellten, unter der Leitung von MA Andreas Düspohl den Bestand pflegen.

Denn obwohl es für den Besucher den Anschein hat, als wäre jedes Dokument am richtigen Platz,  ist noch viel Arbeit zu bewältigen.

Die Originale werden in säurefreien Kartons gelagert.

Ehe sie ins Archiv kommen, werden sie ausgewertet und gescannt. Im digitalen Zeitalter die beste Möglichkeit, wertvolles Material für die Nachwelt zu sichern. Das Auswerten ist eine verantwortungsvolle Tätigkeit. Jedes Blatt muss gelesen und nach Schwerpunkten durchsucht werden. Die gefundenen Schlagworte werden im Computerverzeichnis  festgehalten, um die Suche nach den Dokumenten zu erleichtern. Erst wenn alle Zeitungen eines Kartons durchgelesen worden sind, wird dieser, mit Nummern und Buchstaben versehen, ins Archiv gestellt. Und damit nicht noch jemand diesen Karton durchsucht, wird eine rote Hand darauf geklebt. Das bedeutet, diese hoch sensiblen Papiere sollen nicht mehr angefasst werden.

Die Arbeit, nach Schlagworten zu suchen, ist mühsam.

Hatten doch die Zeitungen früher für die unterschiedlichen Artikel keine Untertitelung. So muss Walter André, einer der Ehrenamtlichen, der diese Aufgabe seit Jahren erledigt, herausfinden, was das wichtigste Thema jeder Ausgabe ist. Ist  es in einer Ausgabe von 1868 die Reise der französischen Kaiserin Eugenie in die Kur oder die Tatsache, dass Frankreich und England sich Venetien teilen wollen? Walter André entschließt sich dafür, das Letztere als Stichwort ins Inventarverzeichnis aufzunehmen.

Die Nachricht über die Reisetätigkeit der Gemahlin Napoleons III. würde heute eher in die Schlagzeilen der Yellow Press geraten.

Dieser Begriff entstand 1896, als bei einer Boulevardzeitung in New York ein Cartoon erschien mit einem „yellow kid“. Für die Welt, die damals nur schwarz-weiße Zeitungen kannte, war das eine Sensation. Der Name „Yellow Press“ blieb bis heute. Und eine Ausgabe der sensationellen Zeitung ist im Museum zu besichtigen.

Wie es sich für ein interaktives Museum gehört,

kann der Besucher Schubladen öffnen, Touchpoints berühren und Stimmen aus der Vergangenheit hören. Wer will und Zeit hat, dem eröffnet sich ein Eintauchen in die Vergangenheit, so lebendig, als würde  sie gerade erst geschehen. Der Schrank mit den Glas überdachten Schubladen birgt noch weitere Kostbarkeiten. 1898 trat Emile Zola mit seiner Schrift „J’accuse“ – Ich klage an – gegen die Verurteilung von A. Dreyfus auf. Die Pariser Presse druckte den Artikel in voller Länge,  und eine Ausgabe davon fand den Weg in die Sammlung Forckenbeck.

Solche Exponate begründen den weltweit guten Ruf des Aachener Zeitungsmuseums.

Davon  profitieren  die Besucher, die  Informationen bekommen, die sie nirgendwo anders einholen können. Geht der Besucher systematisch durch die einzelnen Räume, erfährt er in

Saal eins „Vom Ereignis zur Nachricht“ wie Nachrichten entstehen und wie sie transportiert wurden und werden. Dabei spielte P. J. Reuter eine große Rolle, der 1849 in Aachen eine Nachrichtenagentur gründete, die durch Brieftauben schnelle Informationen von der Pariser Börse lieferte, denn die Telegrafenverbindung Paris – Aachen funktionierte  noch nicht lückenlos. Heute mutet dieses System ungefähr so skurril an wie die Buschtrommeln, die  in Afrika Nachrichten verbreiteten.

Im zweiten Saal werden „Medien für die Massen“ präsentiert. Als Schöpfer der Massenzeitung gilt der Aachener Verleger Josef de Ruelle. der 1871 mit dem „Aachener Anzeiger“ den ersten Generalanzeiger gründete.

Der dritte Saal ist dem Lesen und Schreiben von der Keilschrift bis heute gewidmet. Ohne die Erfindung des Buchdrucks, der in Wort und Bild Erwähnung findet,  wäre es nicht möglich gewesen, dass breite Bevölkerungsschichten Lesen und Schreiben lernten. An einer großen Wandlandkarte kann der Besucher durch Berühren einzelner Punkte erfahren, welche Zeitungen wo erscheinen und wie hoch ihre Auflage ist. Die auflagenstärkste Zeitung der Welt ist die 1888 gegründete japanische ASAHI SHIMBUN, die zweimal täglich erscheint. Dagegen gibt es Zeitungen auf kleinen Inseln, die nur wöchentlich, monatlich oder vierteljährlich  erscheinen.

Im vierten Saal wird der Besucher über „Lüge und Wahrheit“ aufgeklärt. Es werden Pressefotos gezeigt, im Original und nach der Retouchierung. So verschwand  Trotzki von einem manipulierten Zeitungsfoto, als er nicht mehr die Gunst Stalins besaß. Im Zusammenhang mit „Lüge und Wahrheit“ wird auch der Begriff „Paparazzi“ deutlich.

Er entstand 1960 durch den Film von Fellini „La dolce vita“ Der Film, der heute als Klassiker gilt, ist vielen Menschen in Erinnerung geblieben durch die spektakuläre  Szene, in der Anita Eckberg im Fontana di Trevi badet, von Pressefotografen umlagert. Auch über Zensur und Pressefreiheit informiert das IZM, wobei  zu erfahren ist, dass auch Napoleon die Presse gesteuert hat.

Mit seiner internationalen Ausrichtung ist das Museum in dieser Form einzigartig.

Seine weltweit größte Sammlung umfasst über 300.000 Exemplare, darunter zahlreiche Raritäten der deutschen und internationalen Presse. Angefangen hatte alles mit der 80.000 Zeitungen und 1.500 Büchern umfassenden Sammlung, die Forckenbecks Witwe der Stadt Aachen vermachte.  Die Route Charlemagne macht es möglich, dass sich die Stadt des Erbes würdig erweist. Und durch die Schulklassen, die in Workshops und bei Führungen unterrichtet werden, bleibt das IZM voller Leben. Und aktuell bleibt es dadurch, dass die neuesten Ausgaben von „Süddeutsche Zeitung“, „Züricher Zeitung“, „Die Zeit“, „Die Welt“, „Hürriyet“ „Berliner Morgenpost“, „Osservatore Romano“, „Jüdische Allgemein“ „Die Aachener Nachrichten“ und „Die Aachener Zeitung“ von den Besuchern im Lesesaal studiert  werden können.

Denn, wie Oskar von Forkenbeck seine Sammelleidenschaft erklärte, eine Zeitung ist zu schade, um als Verpackungsmaterial  benutzt zu werden.

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr,
montags geschlossen;
Eintrittspreis 5,– Euro, ermäßigt 3,– Euro.

Das links vom Eingang befindliche Café kann auch von Gästen aufgesucht werden, die keinen Museumsrundgang machen wollen. Auch dort liegen die neuesten Nachrichten aus. Und ein weiterer Raum im Erdgeschoss steht für wechselnde Ausstellungen zur Verfügung, die jeweils in den Tageszeitungen angekündigt werden.

Die „Route Charlemagne“ ist eine Kette von Museen und Lernorten, die die Geschichte Aachens bündeln und vermitteln. Sie  besteht nunmehr aus acht Stationen. 


 

Inge Gerdom

Inge Gerdom, geb. Schieren, Jahrgang 1940, wohnt in Aachen-Brand seit 1973. Studium an der PH Aachen und an der Fernuniversität Hagen, Sonderschullehrerin bis 2005, zwei Söhne (1964 und 1966), zwei Enkel, eine Enkelin.
Seit der Pensionierung:
Aquarell- und Acrylmalerei, von 2000 bis 2013 acht Ausstellungen
Seit 1997 bei „Senioren schreiben für die AN“
Seit 2008 Autorin und Mitglied der Redaktion in SENIO
Seit 1997 ehrenamtlich tätig in der Bücherei des Marienhospitals
Seit 2012 ehrenamtlich tätig bei der AWO Brand (Kurs Gehirnjogging)
2 Kinderbücher (Geschichten vom Leuchtturmwärter Hein) herausgegeben, die in Zusammenarbeit mit den Enkeln Paul und Moritz entstanden sind (erschienen im Kirsch-Verlag 2012 und 2013)

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