Zwischen den Tagen

Wer kennt nicht das Wandgemälde „Zwischen den Tagen“ schräg gegenüber dem Kaiser-Karls-Gymnasium am Augustinerbach in Aachen? Unzählige Schüler, Schülerinnen und sicherlich auch Lehrer und Lehrerinnen hat es an- oder aufgeregt mit Blicken aus den Unterrichtsräumen. Es entstand in den Nächten vom 6. und 7. Mai 1983 durch die Hand des Aachener Wandmalers Klaus Paier. Die Wand war bewußt gewählt und trug vor diesem Werk an gleicher Stelle bereits vier andere Bilder von ihm, die aber jeweils nicht sehr lange überleben durften. Die Aussagen war zu kritisch z. B. zeigt das Bild „Zeugnisangst“ einen Schüler, der sich erhängt hat. Damals wie heute schreckliche Realität. Einen außergewöhnlichen Blick bewies Klaus Paier bei den meisten seiner ungefähr 100 Meisterwerke, die er nachts in Aachen an die entsprechenden Wände brachte. Natürlich musste das anonym geschehen, denn auf hässlichen Mauern wollten die Stadtoberen bzw. Schuloberen keine bunten, un-genehmigten und aussagestarken Bilder sehen.

Klaus Paier, Aachener Wandmaler
[Foto: Regina Weinkauf]

Paier sagte einmal: „Ich will an die Wand bringen, was mir Lust und Angst macht“ und das empfanden viele Zeitgenossen ähnlich. Themen wie die Gefährlichkeit der Atomkraft, Wohnungsspekulanten (Johannes-Höver-Haus), Faschismus, Krieg oder die Unmenschlichkeit des Bildungssystems brachte er an Abbruchwänden, Bunkern, alten Fabrikwänden und Hochschulmauern an. Als Physiker war ihm die unkontrollierte Gefahr der Atomkraft bewußt und die Katastrophe von Japan gibt ihm leider auch Jahrzehnte nach seinen Bildern noch Recht –  z. B. „Der Tod ist eine weiße Wolke“ an der Ecke Mörgensstraße/Hubertusstraße und „Der Schatten von Hiroshima“ am Physikzentrum der RWTH in der  Forckenbeckstraße.

Seine Bilder wurden von vielen Aachenern bemerkt und die Kunstfertigkeit seines expressiven Stils bewundert. So auch von mir. Ich fotografierte jedes Bild von ihm, welches ich entdecken konnte. Als im Mai 2011 die Sensation geschah, dass seine Kunst unter Denkmalschutz gestellt wurde d. h. Denkmalschutz ist in Planung, war ich in der glücklichen Lage, ca. 20 Mauerbilder “ im Kasten“ zu haben, denn viele davon sind vernichtet worden oder dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Die Unterdenkmalstellung eines illegalen deutschen Wandmalers erregte das Interesse der nationalen und internationen Presse. Sogar in China erschien ein Artikel. Im Herbst d. J. gab es eine Ausstellung meiner Fotos im Café Kittel, das übrigens zwei sehr gut erhaltene Paier-Werke vorweisen kann „Das Liebespaar“ und „Der grosse Krieg“. Der Zuspruch der alten und neuen Paier-Fans war und ist enorm und hält noch immer an.

Traurige Berühmtheit erlangten seine Bilder „Erschießung“ am Bunker in der Saarstraße/Wittekindstraße und „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland – Nie wieder Faschismus“ an der Aula Carolina in der Pontstraße. Hier wurde am 1. September 2011 der Aachener Friedenspreis an den Rüstungsgegner Jürgen Grässlin verliehen. In seiner Laudatio erwähnte Rolf Gössner (Internationale Liga für Menschenrechte) das o.g. Celan-Zitat aus der Todesfuge und vielen Zuhörern lief ein Schauer über den Rücken in dem Wissen, dass Paiers Bild hier eine Woche hing (vom 17.2. – ca. 24.2.1979) und große Aufmerksamkeit weltweit erlangte. Und wie aktuell ist sein dazugehörender Text „Nie wieder Faschismus“!

Kurt Malangré, der damalige Aachener Oberbürgermeister, hat sich sehr für den Denkmalschutz eingesetzt. Sein Lieblingsbild ist „Zwischen den Tagen“ und er hofft sehr, dass das Kunstwerk gerettet werden kann. Erkennbar ist es noch – aber der Zustand verschlechtert sich von Tag zu Tag. Zur Zeit ist dort eine große Baustelle der RWTH. Eine Reihe von Ehemaligen des Kaiser-Karls-Gynasiums sind dort nach dem Besuch der Ausstellung hingepilgert und sahen mit Schrecken den Verfall.

Klaus Paier starb leider 2009 in Köln, wohin er 1986 gezogen war und konnte die Würdigung seiner Kunst nicht mehr erleben. Wie tragisch und wie schade!

Weitere Infos über diesen Aachener Ausnahmekünstler sind bei Wikipedia zu erfahren „Klaus Paier – Aachener Wandmaler“ oder auf meiner Webseite.


 

Regina Weinkauf

Regina Weinkauf, Jahrgang 1948, lebt seit 1969 in Aachen. Seit 2008 ist sie Rentnerin. Sie ist verheiratet, hat einen Sohn und zwei Enkel. Sie ist politisch und ökologisch sehr interessiert.

Im Berufsleben arbeitete sie unter anderem in verantwortungsvollen Positionen bei den Meisterkonzerten Aachen und im 2. Physikalischen Institut der RWTH. Zu ihren Hobbys gehören Lesen, Reisen und Fotografieren.

Foto-Ausstellungen: Frauen und Mädchen in China, Brasilien, Menschenbilder, Sprühansichten – Aachener Graffiti, Mauerbilder des Aachener Wandmalers Klaus Paier. Mehr dazu auf ihrer Website.

Seit 2010 schreibt sie für das Online-Lexikon Wikipedia mit dem derzeitigen Schwerpunkt Künstler, Künstlerinnen aus Aachen.

Ehrenamtliche Tätigkeiten: Mitarbeiterin beim Kinder- und Jugendtelefon des Kinderschutzbundes (1991 – 1994), Mentorin bei JutE - Jugend trifft Erfahrung seit 2008, Schöffin am Landgericht Aachen.

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