Offener Brief an die Kandidatinnen und Kandidaten für den Seniorenbeirat

Eines Tages ist es so weit. Man findet einen Brief des Oberbürgermeisters im Briefkasten vor. Sch….ade, denkt man, wieder mal falsch geparkt. Zweiter Gedanke: Da stimmt was nicht, denn das kommt vom „Fachbereich für Soziales und Ausländerwesen“.

Aber was hat das erstens miteinander zu tun? Sind Ausländer Sozialfälle? Und was hat es zweitens mit mir zu tun? Ist man womöglich ein Sozialfall, ohne es gemerkt zu haben? Rätselhaft. Ein Irrläufer? Nein, meine Adresse stimmt. Und sie wollen ausnahmsweise kein Geld, sie wollen meine Stimme. Erst langsam dämmert mir, dass unter „Soziales und Ausländerwesen“ auch ich geführt werde, nämlich in der Unterabteilung „Älter werden in Aachen“. Zwar werden in Aachen auch Millionäre älter sowie Personen mit germanischem Stammbaum bis ins 15. Jahrhundert, aber das Amt hat halt so seine eigenen Kategorien.

Und dann der womöglich noch größere Schock: Man wird behandelt wie der Opa im Pflegeheim, dem man, je nach Jahrhundert, den Hirsebrei hinstellt oder die Volksmusik-Sendung einschaltet. Man wird milde lächelnd verhohnepiepelt. Denn während man politisch ziemlich auf Draht sein muss, um auch nur ins Studentenparlament zu kommen, braucht man sich nur für irgendetwas zu „interessieren“, und sei es die Domschatzkammer oder das Theater, um die ältere Generation zu vertreten.

Denn was haben mir die Kandidaten, für die ich stimmen soll, mitzuteilen? Kaum einer schreibt mehr als zwei Zeilen, einer nur eine halbe. Ein Kandidat interessiert sich „für Seniorenbetreuung und den damit verbundenen Fragen“. Sollte er sich nicht erst einmal für die deutsche Grammatik interessieren? Ein Herr interessiert sich für Theater und Konzerte. Wie schön für ihn. Ich kann ihn gerne mal zu einem Rockkonzert oder Jazzfestival mitnehmen, falls er Motorradkleidung und einen Helm mitbringt. Einer ist Vorsitzender einer Gartenkolonie. Eine Dame gibt als Qualifikation an, dass sie früher in einem Heim als Nachtwache beschäftigt war. Eine andere Dame (!) ist stellvertretende Vorsitzende der Prostatakrebs-Selbsthilfegruppe. Danke, meine Prostata funktioniert noch bestens, und im Zweifelsfall würde ich auch eher einen Fach-Mann fragen.

Mehrere Kandidaten teilen mir ausschließlich mit, dass sie sich für die Belange älterer Menschen einsetzen wollen. Ja, was denn sonst? Für das Tierheim oder die Kindergärten? Wie sie meine Interessen vertreten wollen, sagen sie mir allerdings nicht. Nicht einer läßt ein einziges politisches Wort fallen. Die oben zitierten „Wahlprogramme“ sind nicht verkürzt, die sind nicht länger. Keiner sagt mir, welcher Partei er eventuell angehört, woraus man ja in etwa schließen könnte, welche Positionen vertreten werden. Parteien haben wenigstens Programme.

Verehrte Kandidatinnen und Kandidaten: Ich brauche keine Nachtwache und keine Gartenkolonie, keinen Hirsebrei und keine Volksmusik. Ich brauche aktuell höchstens jemanden, der sich mit mir dafür einsetzt, der jungen Generation mal zu erklären, dass wir keine Empfänger von Almosen sind, sondern für jeden Cent, den wir jetzt vielleicht noch bekommen, vorher mehrere eingezahlt und dafür hart gearbeitet haben. Und uns dafür nicht auch noch wie Unmündige behandelt sehen wollen.


Heinrich Schauerte

Dr. Heinrich Schauerte, geboren 1946 in Aachen. Volksschule Hanbrucher Straße unter Lehrer Jers (der mit dem Holzbein und dem flinken Lineal). Abitur am KKG unter dem legendären Lehrer Emunds (der mit der Pimmelakei). „Wehrersatzdienst“ in Kölner Klapsmühle unter Oberschwester „Feldwebel“ Gertrud. Studium der Germanistik, Psychologie, Philosophie in Aachen. Promotion unter Prof. Schneider-„Schwerte“ (der mit dem Hakenkreuz).

Werbetexter, Pressesprecher, Journalist. Dichtungen aller Art.

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1 Antwort

  1. Waltraud Maisch sagt:

    Das spricht mir aus der Seele. Aber ich habe auch eine andere Seite kennengelernt, nämlich: „Wir sind jetzt Senioren, nun bietet uns mal was!“ Sie meinen Angebote, bei denen man sicher sein kann, nicht mit jungem Gesocks unter 60 oder noch Gräßlicherem (krachmachenden Kindern!!!) in Berührung zu kommen. Am liebsten hätten sie alle VHS-Programme doppelt (Englisch, Philosophie, Seidenmalen für Hinz und Kunz – Englisch, Philosophie, Seidenmalen für Senioren), aber dafür gibt’s ja jetzt die Senioren-Unis. Ich weiß nicht, wer da auf wen reagiert – die Senioren auf die Behörden oder umgekehrt. Im chronisch bankrotten Berlin bekommt, wer für irgendwas Gemeinnütziges Zuschüsse vom Bezirksamt haben will, nur noch was, wenn er es als Angebot für Senioren deklariert. Und eine behördliche Broschüre erklärt: „Senioren von heute sind selbstbewußt …“

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