Auf Spurensuche im Bergischen Land

Es ist jetzt 100 Jahre her, dass der 1. Weltkrieg  (1914-1918) endete, das scheint weit zurück, aber wenn man sich auf die Suche begibt, wird wohl jeder noch Spuren seiner Familie aus dieser Zeit finden.

Als Ur-Öcher war ich immer der Meinung unsere Familie und damit meine ich auch meine Großeltern und Urgroßeltern, deren Geschwister, Kinder und Kindeskinder, habe immer in Aachen gelebt. Doch da habe ich mich geirrt!

Die Schrecken des 1. Weltkrieges führten dazu, dass etliche Mitglieder unserer Familie Aachen notgedrungen oder gezwungenermaßen verlassen mussten.

Meine Uroma Ida, von allen nur die „kleine Oma“ genannt lebte mit ihrem Mann Christian und ihren 13 Kindern in der Nähe des Westbahnhofes in Aachen. Uropa Christian war Gärtner und durch Anbau von eigenem Obst und Gemüse und der Haltung von Schlachtkaninchen konnte er seine Familie einigermaßen ernähren. Bis dann 1914 der
1. Weltkrieg ausbrach, Opa Christian zum Militär eingezogen wurde und die Ernährungslage in der Stadt Aachen katastrophal wurde.

Als Grenz- und Lazarettstadt hatte Aachen besonders zu leiden. Fast täglich kamen Verwundetentransporte an, die versorgt werden mussten. Es kam zu einer dramatischen Ernährungslage in der Zivilbevölkerung, hervorgerufen durch Rohstoff- und Lebensmittelblockaden der Kriegsgegner und  durch falsche Ernährungspolitik. Durch den Ausfall der Kartoffelernte um 50% wegen der Kartoffelfäule im Jahr 1916 herrschte ab Frühsommer 1916 unter der ärmeren Bevölkerung in fast allen Städten in Deutschland Hunger. Als Ersatz für Kartoffeln wurden Steckrüben ausgegeben.

Die Menschen standen Schlange vor den Lebensmittelausgaben. Im Alten Kurhaus wurde eine Großküche eingerichtet, in der täglich bis zu 18.000 Liter Suppe hergestellt wurden, um an die hungernde Bevölkerung verteilt zu werden.

Besonders dramatisch war das Hungern unter den Kindern. Sie litten z. T. unter extremer Mangelernährung. Sie waren zu leicht, zu klein und konnten Krankheiten keinen Widerstand entgegensetzen. Viele starben an Tuberkulose oder siechten dahin.

Schulspeisungen und Schul-Kriegsküchen reichten nicht aus, um das Hungerelend der Kinder zu beenden. So kam es in den ersten Kriegsjahren zu Landverschickungen der Kinder, teilweise sogar ins Ausland in die Niederlande, nach Dänemark und in die Schweiz.

(Infos aus dem „Deutschen Ärzteblatt von 6/2015, Erster Weltkrieg 1014-1918: Hunger und Mangel in der Heimat“ und aus den „Aachener Nachrichten“ von 8.10.2014 – Vor 100 Jahren begann der 1. Weltkrieg)

Die „kleine Oma“ war mit ihren 13 Kindern allein und sie war nicht in der Lage ihre Kinder mit ausreichend Nahrung zu versorgen.  Es herrschten schreckliche Zustände  in den Familien, geprägt durch Hunger und große Armut. Schweren Herzens muss Ida sich dazu entschlossen haben vier ihrer Kinder „aufs Land zu schicken“!

Der Kontakt nach Hause muss damals sehr spärlich ausgefallen sein. Es gab weder Internet, Whatsapp,  Handys; Telefone hatten die einfachen Familien auch nicht, die Post brauchte lange.

Mein Opa Johann Quirin (geb. 1900) genannt Schang, war er Älteste, er wurde genau wie die Zwillinge Jakob und Maria (geb. 1908) und sein Bruder Christian (geb.?) zu Beginn des Krieges ins Bergische Land gebracht, damit sie in Aachen nicht verhungerten. Sie wurden aus der Familie herausgerissen und bei meist kinderlosen Ehepaaren in verschiedenen Dörfern untergebracht. Ihnen wurde ein Vormund zugeteilt und sie mussten bis zu ihrer Volljährigkeit (damals mit 21 Jahren) in den Pflegefamilien bleiben. Hier wurden sie, wie viele andere Kinder auch, meist als billige Arbeitskräfte ausgenutzt.

Wie groß muss die Not gewesen sein, damit eine Mutter ihre Kinder freiwillig weggab? Und wie groß waren die Ängste, Verzweiflung und das Leid der Kinder, die von zu Hause fort mussten und bei fremden Menschen leben und arbeiten mussten?

Meinen Opa Schang schickte man auf den Bauernhof „Gut Rosenthal“ (Gemeinde Odenthal), den er im Jahr 1921, als er 21 Jahre alt wurde, wieder verließ und nach Aachen zurückkehrte.  Hier gründete er eine Familie mit Ehefrau  Elise. Sie bekamen vier Kinder, eins davon verstarb schon als Baby. Mein Opa wurde mit Beginn des 2. Weltkrieges eingezogen, er arbeite mit am Bau des Westwalls, kam nach Frankreich /Calais und später nach Lettland. Er kehrte nicht mehr nach Hause zurück. Er war einer der vielen Vermissten in diesem grausamen Krieg. Spätere Nachforschungen beim Roten Kreuz lieferten keinerlei Informationen. Es gab weder ein Grab noch ein Sterbedatum. Mein Vater Josef war 12 Jahre alt, als er seinen Vater zum letzten Mal gesehen hat.

Christian kam auf einen Bauernhof in Blissenbach, auch er ging sofort mit Erreichung der Volljährigkeit zurück nach Aachen. Er verliebte sich in Hermine und heiratete sie. Das junge Glück dauerte nur kurz, denn schon in den ersten Monaten  des 2. Weltkrieges starb  Christian den „Heldentod“.

Maria wurde zu einem kinderlosen Ehepaar nach Dürscheid gebracht. Der Mann war Uhrmachermeister und Maria musste die reparierten Uhren zu den Kunden bringen bzw. defekte Uhren abholen und im Haushalt mithelfen.  In der Dorfschule In Dürscheid hatte sie die Gelegenheit ihren Zwillingsbruder Jakob und ihren Bruder Christian zu sehen.

Zur Schule gehen war damals jedoch auch nicht immer schön. Kleinste „Vergehen“ wurden damals noch mit Schlägen und anderen Strafen durch den Lehrer geahndet. („Erinnerungen an die Schulzeit in Dürscheid“ – Westdeutsche Zeitung vom 7.12.2010)

Schang war nicht mehr schulpflichtig und deshalb hatten die Geschwister  zu ihm kaum Kontakt. Mit erreichen ihres 21. Geburtstags packte Maria ihre wenigen Habseligkeiten in eine Tasche und verließ ohne ein Abschiedswort die Uhrmacherfamilie. Daraus kann man schließen, dass die Jahre dort für sie schrecklich gewesen sein müssen. Nur ihr Bruder Jakob wusste Bescheid. Wieder zu Hause in Aachen verliebte sie sich in Erich, einen Bergmann aus Merkstein, heiratete und bekam Kinder.

Marias Zwillingsbruder Jakob kam ebenfalls nach Blissenbach auf einen Nachbarhof. Jakob hatte es sehr schlecht angetroffen, die Bauersleute schlugen und vernachlässigten ihn. Im Winter schickten sie ihn auf Sandalen zur Schule nach Dürscheid, über die Felder durch den Schnee. Der Fußweg dauerte über 1 Stunde! Nachdem Jakob all seinen Mut zusammengenommen hatte, vertraute er sich seinem Vormund an, der schließlich dafür sorgte, dass er in eine andere Bauernfamilie nach Niederkollendorf kam. Hier ging es ihm besser. Sonntags fuhr er mit der Familie mit der Kutsche nach Dürscheid zur Kirche (St. Nikolaus). Die Bauersleute besuchten den Gottesdienst, Jakob musste solange draußen bei den Pferden bleiben und aufpassen. Zur Schule musste er jetzt nach Biesfeld gehen, daher konnte er nun seine Schwester Maria und seinen Bruder Christian nicht mehr treffen.

Als er älter wurde verliebte er sich in Leni aus Dürscheid und nur der Liebe wegen ging er nicht wieder zurück nach Aachen.

Nachdem die Zwillinge 21 Jahre alt geworden waren, Maria Dürscheid verlassen hatte,  verließ auch Jakob  den Bauernhof in Niederkollendorf , ging zum Uhrmachermeister nach Dürscheid, informierte ihn darüber, dass Maria fort war und fragte, ob er Maria´s Zimmer übernehmen könnte. Er suchte sich Arbeit  im nahen Erzbergwerk, gründete eine Familie und bekam mit Leni  vier Kinder. Während des 2. Weltkriegs verschlug es ihn nach Brest / Frankreich, wo er beim Bau für U-Boot -Bunker  mitarbeiten musste. Später konnte er noch eine Ausbildung zum Rohrschlosser und Heizungsmonteur machen. In diesem Beruf hat er bis zu seiner Rente gearbeitet. Mein Großonkel Jakob wurde 96 Jahre alt. Von seinem Sohn Manfred, ein Vetter meines Vaters, habe ich alle diese Informationen über unsere Familie. Bei unserem Besuch bei ihm im Bergischen Land haben wir uns auf Spurensuche begeben und haben die Orte aufgesucht, an denen die Kinder Schang, Christian, Maria und Jakob als Kinder gelebt haben.

Einen schönen Ausklang fand unser Besuch in Altenberg mit dem Besuch des „Altenberger Doms“ und einer Einkehr mit bergischen Waffeln und einem leckeren Tässchen Kaffee.


 

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Hannelore Follmer

Hannelore Follmer im April 2015 über sich:

Ich bin Jahrgang '57 und ein "echter Öcher met Hazz en Blot". Meine Heimatstadt ist für mich die "schönste Stadt der Welt". Ich bin verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder.

Eins meiner Hobbys ist das Öcher Platt. Im Verein Öcher Platt bin ich langjähriges Mitglied.

3 Antworten

  1. Annette L. sagt:

    Schön wenn Erinnerungen so erhalten bleiben.
    Wieder eine wunderbare Erzählung

  2. manfred haas sagt:

    Hallo liebe Hanne, wie gut es war,dass wir uns im Bergischen Land trafen und gleichzeitig einen schönen Tag erlebten.
    Über unsere Familien Geschichte zur Zeit des ersten Weltkrieges, hast Du einen wunderschönen Bericht geschrieben über die arm Seligkeiten ,welche ja viele Familien erleben mussten.
    Es gibt ja heute wenige Informationen, über diese grausamen Kriegszeiten, besonders im 1. Weltkrieg, war die Ernährung besonders schwierig und leidvoll für viele Familien.
    Da alle Kriege immer grausam waren, und auch noch sind!!, sollte öfters über solche Erlebnisse berichtet werden. Dieses, hast Du im Zusammenhang über unserer Familie sehr nett getan. Ich denke, es wird sicherlich beim lesen jenes Berichtes ,so manch einer noch ähnliche Fälle erlebt haben.
    Danke Hanne, für wieder einen sehr schönen Bericht über die Aachener Geschichten.
    Gruß Manfred.

  3. Richard Braun sagt:

    Liebe Hanne,
    nicht nur landschaftlich gibt es Parallelen zwischen der Voreifel inkl. Aachen und dem Bergischen Land, sondern auch geschichtlich und bezüglich menschlichem schicksalhaften Erleben und Erleiden, wie Dein Beitrag anschaulich und beeindruckend dokumentiert.
    Richard

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