Junge Rollerfahrer auf Abwegen

Sommer 1956, die Schulferien hatten angefangen. Urlaub oder Verreisen, das konnten sich die wenigsten Familien leisten. Also, was machen so Jungs? Sie lassen sich was einfallen: „Warum machen wir nicht eine Tour in die Stadt mit unseren Ballonrollern?“

Wir fünf – jeder mit eigenem Roller, einer hatte sogar einen Wipproller – rollerten also in die Stadt. Rollerten über den Katschhof, durch die Rethelstraße in die Kleinkölnstraße, das ging schön bergab. Toll, noch steiler bergab: die Nikolausstraße!

Aber was war das? Links rein lauter Frauen in Fenstern, alle nur im BH… Das müssen wir uns aber mal näher ansehen! Wir hatten ja schon mal davon gehört – von älteren Jungs – und jetzt waren wir selber hier, alle so zwischen neun und zehn Jahren alt, viertes Schuljahr, einer war sogar schon auf dem Couven-Gymnasium.

Wir schauten uns das verbotene Sträßchen etwas genauer an, Betrieb war kaum, es war Nachmittag. Da meinte eine der Damen, wahrscheinlich gelangweilt, wie schnell wir denn mit den Rollern fahren könnten. Wir waren natürlich begeistert, überhaupt beachtet und angesprochen zu werden! Also führten wir es vor, als Rollerwettrennen einmal die Antoniusstraße hin und wieder her. Gewonnen hat der mit dem Wipproller, er bekam als „Preis“ zwei Mark, wir anderen je eine Mark.

Wir zogen dann ab in Richtung Süden, freuten uns über das gewonnene Geld und natürlich besonders über unsere spannenden Einsichten bei den leichtbekleideten Damen. Und wir versprachen uns gegenseitig, zu Hause kein Sterbenswort zu sagen, denn das konnte nur Ärger geben…

An der Ecke Löhergraben/Rosstraße – heute ist da ein Friseursalon – gingen wir in die Frittenbude und kauften uns Fritten mit Majo und Senf, Ketchup gab es damals noch nicht. Dann fuhr jeder zu sich nach Hause. Daß ich beim Abendessen nicht hungrig war, fiel meinen Eltern zum Glück nicht auf.

Gegen halb acht klingelte es dann bei uns an der Wohnungstür. Durch die halb geöffnete Küchentür konnte ich ein Elternpaar eintreten sehen. Küchentür zu! Aus dem Wohnzimmer war Erwachsenengetuschel hörbar, ein weiteres Elternpaar traf ein, und dann kam später mein Vater in die Küche. „Wo wart ihr heute nachmittag?“ „Mit den Rollern in der Stadt.“ „Ja, wo genau denn?“ „Über den Markt und so…“ „Wart ihr denn auch in einer Straße, wo so Frauen waren, die Euch Geld gegeben haben?“

Oh, Mist, was sage ich jetzt? „Ja, ja, da haben wir ein Rollerrennen gefahren, weil da ja keine Autos kommen, und die haben uns dafür Geld gegeben, und wir haben uns dann dafür Fritten gekauft.“ „Wer hat denn gesagt, daß Ihr in diese Straße fahren sollt? Es wird behauptet, Du seiest das gewesen!“

Die Idee war wirklich von mir gewesen, aber wir hatten doch gesagt, kein Wort davon zu Hause! Ich dachte scharf nach, wer da gepetzt hatte, und kam auf den Ältesten, war natürlich sauer. Deswegen sagte ich dann mit Unschuldsmiene: „Nein, das war der Jörg.“ „Hat der euch denn auch gesagt, was da ist und was die Frauen da machen?“ „Neeee, was machen die denn?“ Keine Antwort.

Mein Vater ging wieder ins Wohnzimmer, erneutes Erwachsenengetuschel, Abzug der beiden Elternpaare. Über die ganze Geschichte wurde dann bei uns nie mehr ein Wort verloren.

Also, so ein bißchen wußten wir natürlich schon, was die Damen im Sträßchen so machen – aber darüber wurden wir nicht von unseren Eltern aufgeklärt…


Peter Hoch

Peter Hoch, geboren 1946 in Aachen, war 38 Jahre lang bei der Commerzbank beschäftigt, wichtigste Stationen dort die Filialen Vetschau, Burtscheid, Theaterstraße.

Er ist eine wahre Fundgrube von Geschichten und Ameröllchen – er hat aber wenig Lust, sie aufzuschreiben, denn er “mullt” nun einmal lieber… Daher entstand sein erster Beitrag hier im heimischen Diktat.

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