Bienenzucht an der Alma Mater

Der RWTH Aachen, weltweit berühmt für technische Höchstleistungen, traut man so allerhand zu. Nur eins wahrscheinlich nicht: Dass sie auch eine hochschuleigene Imkerei betreibt. Aber natürlich zu streng wissenschaftlichen Zwecken.

Der Ort, wo diese geheimnisvolle Forschungsarbeit stattfindet, könnte verwunschener kaum sein. Nur schwer findet man die verwitterten Tore, die zu einem wild bewachsenen Gelände führen, das sich hinter mehreren Häusern an der Melatener Straße erstreckt. Früher war hier mal der botanische Garten der Hochschule, heute erinnern daran nur noch ein paar alte Bäume und ein halb verfallenes Seminargebäude. Irgendwo dazwischen ein algenbewachsener Teich, aus dem eigentlich jeden Moment ein Froschkönig springen müsste.

Das ist das Reich der zahlreich hier angesiedelten Bienenvölker, die im Namen des Fortschritts lernen, wie man zum Beispiel Sprengstoff irgendwo im ehemaligen Jugoslawien aufspürt oder Drogen am Frankfurter Flughafen. Weil Tiere solch segensreiche Tätigkeiten nicht freiwillig ausführen, muss man sie überlisten. Genau das geschieht in den Versuchsanordnungen, die aktuell dort aufgebaut sind und die auch eine interessierte Öffentlichkeit bestaunen darf.

Die Methode selbst ist bekannt und funktioniert auch beim Homo sapiens bestens: das Belohnungsprinzip. Verhält die Biene sich „richtig“, bekommt sie Süßigkeiten, und am Ende hat sie das so weit verinnerlicht, dass sie sich wie der berühmte Pawlowsche Hund auch ohne Süßigkeiten „richtig“ verhält.

Konkret läuft das so: In einem Behälter ist Sprengstoff, für den man in diesem Fall ein paar China-Böller geschlachtet hat, im Kontrollgefäß befindet sich nur -ähnlich aussehende- Aktivkohle. Damit wird ausgeschlossen, dass die Biene sich einfach die Farbe merkt und so ihrerseits den Beobachter austrickst. Geht sie in den Behälter mit dem Schwarzpulver, bekommt sie Zuckerwasser, geht sie in den anderen, bekommt sie nichts.

Da Bienen einen äußerst hoch entwickelten Geruchssinn haben, lernen sie sehr schnell, wie Sprengstoff riecht und vergessen das auch nicht. Der Experte sieht ihnen den Fund auch gleich an, weil sie in antrainierter Erwartung der Süßigkeiten schon mal ihren Rüssel ausfahren.

Aber nicht nur das: Da Bienen ein Sozialwesen bilden, gründen sie nicht, wie es im Forscherleben ja vorkommen soll, eine Privatfirma, sondern teilen den anderen die genaue Lage ihres Fundes mit. Diese Lagebeschreibung, die sie im sogenannten Schwänzeltanz ausdrücken, kann der Experte entschlüsselt, und so können Bienen sogar zu weit entfernten Fundstellen führen.

Nicht nur beim Zoll und bei der Sprengstoffsuche wird diese Fähigkeit eingesetzt: In Tschernobyl untersucht man durch die Analyse des Honigs den Grad der atomaren Verseuchung, und auch die allgemeine Luftverschmutzung kann man auf diese Weise messen. Denn alles findet sich letztlich auf unserem Tisch wieder.

Das alles wird im alten Botanischen Garten der Hochschule live vorgeführt. Unter den Studierenden haben sich einige Experten herausgebildet, die diese Versuche seit Jahren betreuen. Sie kennen sogar ihre Pappenheimer beim Namen oder zumindest mit Nummer, denn zahlreichen Bienen wurden winzige Nummernschilder auf den Rücken geklebt, um ihre Bewegungen besser verfolgen zu können. Der Besucher kann auch die Aktivitäten eines ganzen Bienenvolks aus sicherer Entfernung hinter Glas verfolgen. Die größte Enttäuschung ist dabei übrigens die Königin, denn sie ist eigentlich am unscheinbarsten von allen.

Gerade wurden die Bienen übrigens auf Gelb trainiert, so dass es sich also nicht empfiehlt, zur Vorführung in einem Alemannia-Trikot zu erscheinen. Wobei einem der Studenten sofort eine zündende Idee kommt: Man könnte diese klugen Tiere doch auf die Vereinsfarben des jeweils nächsten Alemannia-Gegners „einstellen“, so wie der Trainer seine Spieler. Sogar auf ein bestimmtes Vereinslogo könnte man sie trainieren. Zumindest das Hooligan-Problem wäre auf diese Weise schon mal elegant gelöst. Aber da eröffnen sich doch auch noch ganz andere Perspektiven…


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Heinrich Schauerte

Dr. Heinrich Schauerte, geboren 1946 in Aachen. Volksschule Hanbrucher Straße unter Lehrer Jers (der mit dem Holzbein und dem flinken Lineal). Abitur am KKG unter dem legendären Lehrer Emunds (der mit der Pimmelakei). „Wehrersatzdienst“ in Kölner Klapsmühle unter Oberschwester „Feldwebel“ Gertrud. Studium der Germanistik, Psychologie, Philosophie in Aachen. Promotion unter Prof. Schneider-„Schwerte“ (der mit dem Hakenkreuz).

Werbetexter, Pressesprecher, Journalist. Dichtungen aller Art.

1 Antwort

  1. Hannelore Follmer sagt:

    Habe den Artikel über die Bienen mit großem Interesse gelesen und fand ihn sehr interessant. Schön, dass der ehemalige botanische Garten noch genutzt wird. Ich kenne ihn noch aus früheren Zeiten, als ich als wissenschaftliche Hilfskraft im Pavillion für Professor Aletsee Texte mit einer mechanischen Schreibmaschine abgetippt habe. Damals wurden noch Tippex-Streifen bei Tippfehlern benutzt! Lang ist`s her!

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