Das Öcher Kneipenspektakel

Es war ein lauer Sommerabend und ich war mit zwei Freunden aus der Juttastraße im Städtchen unterwegs, um ein Bier zu trinken. Da es im Kurviertel Burtscheid damals außer dem Kapellchen in der Malmedyer Straße keine Gaststätten für jüngere Leute gab, zogen wir von dort aus in die Aachener Innenstadt, wenn wir ausgehen wollten. In dieser Phase am Anfang der 80-er Jahre war Omas Schnaps-Haus in der Krakaustraße Ecke Mörgensstraße unsere Lieblingskneipe. Der Laden wurde von einer großen hölzernen  Theke dominiert, hinter der meist der Wirt Jürgen stand, um dem jungen Publikum die gewünschten Erfrischungen zu reichen. Im Raum verteilt standen alte Tischnähmaschinen und einfache Bistrostühle. Auch auf Holzbänken konnte man bei Kerzenlicht in Nischen sitzen und sich unterhalten, während  aus den Lautsprechern laute Rockmusik dröhnte. Der modernste Einrichtungsgegenstand war ein großer Flipperautomat, der früher in keiner angesagten Kneipe wegzudenken war.

Omas Schnapshaus (Foto: Tschammer)

Auf dem Rückweg kamen wir an diesem Abend wieder zu Fuß durch das Marschiertor zur Burtscheider Straße. Es ging vorbei am Alten Zollhaus, einer Gaststätte, die uns damals zu miefig aber später durchaus für das eine oder andere Bier bei einem Schnitzel passend war. Aus einer Bierlaune heraus benutzten wir diesmal aber nicht den Gehweg, sondern liefen mit unseren griffigen Turnschuhen einfach über die grün gestrichene Strahlkonstruktion der Burtscheider Brücke. Oben angekommen setzten wir uns auf die breiten Querstreben und winkten den wenigen verblüfften Autofahrern zu, die zu später Stunde unter uns herfuhren. In Richtung Burtscheid verließen wir die Stahlkonstruktion, um nseren Weg über die Hauptstraße fortzusetzen.

Auf halber Höhe der bei vielen Fahrradfahrern wegen der extremen Steigung unbeliebten Straße befand sich eine Baustelleneinrichtung mit einem Baukran, der uns regelrecht anbettelte, die Aussicht aus dem Führerhaus zu genießen. Da die Baustelle frei zugänglich und der Kran nebst Führerhaus unverschlossen war, konnten wir ungehindert bis oben und danach auch wieder herab steigen. Wir zogen dann weiter am alten Burtscheider Rathaus unterhalb unserer Pfarrkirche St. Michael vorbei. Die schmale Klostertreppe führt von dort aus in die höher gelegene Abteistraße direkt zur früheren Abteikirche St.Johann, die zu diesem Zeitpunkt zur Durchführung von Dacharbeiten eingerüstet war. Das war ein Anreiz, dem wir nach unseren beiden vorhergehenden Erlebnissen natürlich nicht widerstehen konnten.

St. Johann in Burtscheid

Wir schauten uns verschwörerisch an und brauchten keine Worte, um uns einig zu werden. Das Gerüst war nach außen hin mit blickdichten Planen geschützt. Über klappbare Treppchen stiegen wir Etage für Etage hoch und kamen so bis zu der Zentralkuppel. Durch eine unverschlossene Luke konnten wir sogar in die Dachkonstruktion hineingelangen. Wir schalteten kurz ein Licht an, freuten uns über das außergewöhnliche Erlebnis und traten dann den geordneten Rückzug an.

Doch war der Schrecken groß, als plötzlich ein Streifenwagen mit Blaulicht in die Abteistraße einfuhr und direkt vor der Kirche anhielt. Wir kauerten uns in eine Ecke auf einer der oberen Etagen des Gerüstes und verhielten uns mucksmäuschenstill.  Wir hörten das Funkgerät im Wagen und wenig später auch Getrappel auf dem Gerüst. Nahezu gespenstisch wirkte das rhythmisch aufblinkende Blaulicht, das von der Folie großflächig reflektiert wurde. „Jetzt ist unser Spiel aus“, dachten wir. Das musste schließlich einen riesen Ärger geben. Etage für Etage kamen zwei Polizisten höher.  Doch dann gaben sie plötzlich auf, stellten ihre Suche ein und kehrten wieder zu ihrem Streifenwagen zurück. „Puh! Da haben wir noch einmal Schwein gehabt“, stellte einer der Freunde  erleichtert fest. Danach ging es ohne Umweg über die Zeise und den Branderhofer Weg zurück in unsere Mansardenzimmer in der Juttastraße.

Uns war natürlich bewusst, dass wir uns nicht richtig verhalten hatten, aber als Jugendliche waren wir einfach abenteuerlustig und für jeden Spaß zu haben. Allerdings hätte es uns fern gelegen, irgendetwas zu stehlen oder gar fremdes Eigentum zu beschädigen. Wir hatten uns bei diesem Ausflug zwar selbst gefährdet, aber niemandem einen Schaden zugefügt. Daher hatten wir auch kein schlechtes Gewissen, als wir ungestraft davon kamen. Allerdings  waren wir von da ab bei unseren Ausflügen in die Aachener Kneipenwelt  vorsichtiger und haben auf waghalsige Kletterpartien verzichtet.

Die Kneipen haben wir natürlich trotzdem weiter besucht. Nach Omas Schnapshaus hatte ich das Café Einstein am Lindenplatz zur favorisierten Tränke für das Wochenende gekürt. Der gebürtige Italiener Enzo führte den komplett mit Konzertplakaten tapezierten Laden auf eine entspannt mediterrane Art und lockte damit überwiegend junge Studenten an seine Theke. Jeden Freitag haben wir uns dort mit den Schulkameraden vom RMG getroffen, um bei einem Glas Weizenbier, das es damals noch nicht in jeder Gaststätte gab, zu klönen. Auch als die Schulzeit vorbei war und einige Freunde auswärts ihr Studium aufgenommen hatten, setzten wir diese Treffen fort. Allerdings wechselten wir später in das Le Spectacle am Hubertusplatz, in dem wir uns sehr bald regelrecht heimisch fühlten.

Das Café Einstein am Lindenplatz ist immer noch eine nette Kneipe

Das Le Spectacle, einfach genannt Spektakel, war eine studentisch geprägte Viertelkneipe mit einem typischen Tresen und weiteren einfachen Sitzmöglichkeiten auf blanken Holzbänken und Holzstühlen. Das Lokal wurde vom klassischen Tresen und auf der gegenüberliegenden Seite von einem großen Wandgemälde geprägt. Auf der lebensgroßen Collage hatte der Aachener Künstler Karl von Monschau zwei Personen mit Kleidungsstücken im Stil der 60-er Jahre gestaltet. Der große Röhrenfernseher über der Eingangstüre wurde ausschließlich bei wichtigen Fußballspielen eingeschaltet.

Uwe hatte das Lokal zum 01.01.1986 als Wirt übernommen, als die dauerhafte Schließung drohte, um seine Lieblingskneipe für sich und seine Freunde zu erhalten und Musik nach seinem Geschmack abzuspielen. Den Ausschank erledigten der hagere Klaus, ein ehemaliger Student, der den direkten Weg in die Wirtschaft dem Studienabschluss vorgezogen hatte, und Jamil, genannt Jimmy, ein stets gut rasierter sympathischer Mann mit palestinensischen Wurzeln, der Spaß an seiner Arbeit in der Gastronomie hatte und uns fürsorglich Brötchen mit Schweinebraten und andere Leckereien zu den gepflegt gezapften Bieren reichte. Klaus wohnte in unmittelbarer Nähe und ging auch an seinen freien Tagen abends ins Spektakel, saß dann aber als Gast auf der anderen Seite der Theke mit seinem Bier und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Die pensionierte Lehrerin Erika aus der Nachbarschaft kam auch gerne vorbei, um in Gesellschaft von jungen Leuten an der Theke ein Bier zu trinken und dabei eine Zigarette zu rauchen.

Das Le Spectacle in den guten Zeiten (Foto: Wichmann)

Dienstags war Studententag mit reduzierten  Bierpreisen. Es gab frisches Warsteiner, Gatzweilers Alt, Garde Kölsch, Pilsener Urquell, Budweiser und Guinnes vom Fass, natürlich in den entsprechenden Markengläsern. Das dunkle, fast schon zähflüssige Guinnes wurde in den traditionellen Henkelgläsern ausgeschenkt und der Schaum abschließend mit einem Kleeblattsymbol verziert. Natürlich musste die Flüssigkeit auch irgendwann wieder ausgeschieden werden. Genauso urig wie der Gastraum waren selbstverständlich auch die Toiletten der Kneipe, denn auch hier sollte sich möglichst nichts verändern. Nur die mit Eddingstift an die Wand gekritzelten Klosprüche waren einem gewissen Wandel unterworfen. Die besten waren „Springen vom Beckenrand verboten! Der Bademeister“ und „die Bonbons aus dem Becken, ja die schmecken“.

Uwe in seinem Element

Freitags hatten wir eine ganze Sitzecke für uns reserviert und die zwischenzeitlich zum Studium verzogenen Freunde, die nur gelegentlich nach Aachen  kamen, freuten sich jedesmal darüber, dass immer noch ein harter Kern die schöne Kneipentradition fortführte und ihnen so eine sichere Anlaufstelle bot. Selbst zu Heiligabend haben wir uns gerne im Spektakel getroffen. Nachdem die Familienfeiern zuhause zu Ende waren, konnte man unter Freunden den aufregenden Weihnachtsauftakt noch einmal in Ruhe bei einem Bierchen Revue passieren lassen. Nach Ende der offiziellen Öffnungszeit wurden die Rollläden herunter gelassen und die Tür abgeschlossen, der Tresen blieb für uns Stammkunden aber weiter offen, um noch ein letztes, ein allerletztes und manchmal auch ein allerallerletztes Bier zu trinken.

Es war für uns Stammgäste ein bitterer Tag, als das Spektakel irgendwann dicht gemacht hat, um später in das Feinschmeckerlokal Pippin umgebaut zu werden. Noch heute empfinde ich Wehmut, wenn ich an dem Eckhaus am Hubertusplatz vorbei komme.

Dabei haben wir natürlich auch gerne zur Abwechslung andere Öcher Kneipen besucht. Gerne erinnere ich mich an das Kleine Degraa am Fischmarkt zurück, da dort zu lauter Musik neben dem obergärigen Hellen das süffige Doppelbock der letzten großen Aachener Brauerei in gläsernen Henkelkrügen ausgeschenkt wurde. Das dunkle Bier schmeckte nicht nur gut, sondern wirkte auch aufgrund des hohen Alkoholgehalts besonders erheiternd. Einmal ist neben uns ein Gast vom Barhocker direkt auf unseren Tisch gefallen. Dieser unbedarfte Genießer hatte wohl die besondere Eigenschaft des Degraa-Bockbiers unterschätzt. Verletzt wurde bei diesem Unfall zum Glück niemand.

Ein friesisch herbes Bier konnte man früher in den Friesenstuben Ecke Friedrich Wilhelm Platz/Elisabethstraße trinken. Es war eine der wenigen Gaststätten mit einem Publikum aus allen Altersgruppen. In bauchigen Gläsern wurde von den mit blauen Seemannshemden gekleideten Kellnern Jever-Pils ausgeschenkt. Auch diese Kneipe existiert leider schon lange nicht mehr. Es gibt aber Kneipen wie den Domkeller am Hof, die sich seit Jahrzehnten kaum verändert haben und immer noch gut besucht werden. Lediglich das Publikum hat sich altersbedingt äußerlich verändert. Ein gutes Guinnes bekommt der Freund des Irischen Biers im Rethelpub oder im Guinneshouse in der Mostardstraße. Allerdings habe ich heutzutage beim Betreten des Pubs in der Mostardstraße das Gefühl, den Altersdurchschnitt drastisch zu erhöhen.

Auch in der Pontstraße haben wir uns gerne umgeschaut, denn dort herrscht schließlich schon seit langer Zeit reger Betrieb und Lokale wie das Café Kittel, die Molkerei oder das Labyrinth haben schon viele Studentengenerationen in ungezwungener Atmosphäre mit kalten und heißen Getränken zu vertretbaren Preisen versorgt. Direkt um die Ecke in der Malteserstraße lockte früher der wohl urigste Jazzkeller Aachens eine treue Fangemeinde in den Untergrund. Der Malteserkeller war eine Institution. Für ein letztes Bier zu später Stunde war das Hauptquartier in der Promenadenstraße besonders für Freunde der Punkmusik ein geeigneter Ort. Allerdings waren die sanitären Örtlichkeiten dort eher gruselig.

Wir sind einmal aus Neugierde in eine Kneipe auf der gegenüberliegenden Straßenseite hineingegangen, weil dort anscheinend zu später Stunde noch viel los war, mussten aber feststellen, dass einige der ausschließlich männlichen Besucher mit verchromten Ketten geschmückte Lederkappen trugen oder mit freiem Oberkörper unterwegs waren. Wir waren schneller wieder draußen, als wir hereingekommen waren. Die anderen Kneipen in dieser Ecke der Innenstadt  eigneten sich auch eher für Milieustudien. Bei meinem ersten nächtlichen Besuch bei Ludwig am Steffensplatz wurde sogar aus dem Lokal heraus eine Person verhaftet.

Aachen hatte schon immer ein großes Angebot an Kneipen und anderen interessanten Gaststätten. Das allgemeine Rauchverbot hat sicherlich in den vergangenen Jahren zu einer Veränderung der Gastronomiebranche geführt. Auch die Medien haben die Menschen und deren Gewohnheiten verändert. Während man früher in die Kneipe ging, um sich zu treffen und miteinander zu unterhalten, sieht man heute immer öfter Gaststättenbesucher, die sich mit ihren Smartphones beschäftigen. Man kann die Entwicklung nicht zurückdrehen, aber manchmal sehne ich mich schon nach den lustigen Zeiten zurück, als wir bei einem gepflegten Getränk in der Kneipe ohne Sportfernsehen und ohne sogenannte Soziale Medien einfach nur zusammen Spaß hatten.


 

Wolfgang Sanders

Wolfgang Sanders, geboren im Jahr 1965 im Luisenhospital und aufgewachsen in Burtscheid. Besuch der Kath. Grundschule Michaelsbergstraße, danach Rhein-Maas-Gymnasium. Nach dem Abitur Beamtenlaufbahn bei der Stadt Aachen und Besuch der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Köln. Seit dem Jahr 2010 nicht mehr in Aachen-Mitte, sondern in Aachen-Brand ansässig und seit Anfang 2014 Leiter des Bezirksamt Brand, außerdem ehrenamtlich tätig als Geschäftsführer im Bürgerverein Brand e.V.

6 Antworten

  1. Die Brötchen mit Schweinebraten – die hatte ich ja ganz vergessen. Hach!

    Ich wohnte Anfang der 80er drei Jahre am Lavenstein, in der Zeit war das Spectacle auch unsere absolute Stamm- und Lieblingskneipe. Eine schöne Zeit! Lustig war für mich, dort Uwe wiederzubegegnen, der in Teenagerzeiten schon einmal meine Wege gekreuzt hatte.

  2. Hatte “Omas Schnapshaus” nicht mal vor langer Zeit einen Relaunch an der Bunsen- Ecke Kruppstraße nahe dem Bendplatz versucht? Hat wohl nicht funktioniert in der Gegend.

    Dat Kapellchen? Stimmt! Gibt´s gefühlt schon immer. War mir immer zu weit.

    Kennt noch jemand das Burtscheider Tanzcafé “Zur Bandscheibe”? Für nur zum saufen und mit (noch) ausreichender Contenance konnte man da schon mal rein gehen. Da wurde immer wieder mal ein “Kurschatten” benötigt :-))).

  3. Horst W. sagt:

    Wolfgang,
    ein sehr schöne Berichterstattung. Ich selber bin in der Krakaustraße groß geworden. An Omas Schnapshaus kann ich mich noch sehr gut erinnern, sowie da ja auch das Meisenfrei war und in der Südstraße das BeBob. Freitag im überfüllten Keller auf Supertramp und co. abgetanzt. Ein Absacker im Schlüssel Loch.
    Nach drei mal fallen war ich ja im Bett.

  4. Hanne Follmer sagt:

    Ja, das ist schon schade, dass es so viele Kneipen in Aachen nicht mehr gibt! Besonders leid tut es mir um den Jakobshof und die Albrecht-Dürer-Stube am Fischmarkt.
    Die “Aachen-Allstars” (u.a. Jupp Ebert) besingen in ihrem Lied “Meine Stadt” (Text von Torsten Borrmann) das Kneipensterben in unserer Stadt und das Ringen um die Aachener Kulturlandschaft. Ein Anklicken lohnt sich:

    https://soundcloud.com/heiko-m-rkens/aachen-allstars-meine-stadt

  5. Walter Esser sagt:

    Ich erinnere mich an eine Eckkneipe am unteren Ende der Koenigstrasse die in den 70ern Rinnsaal hiess. Koennte das ein Vorgaenger vom Einstein gewesen sein ?

  6. Frank B. sagt:

    Das Einstein bot seinerzeit – in den frühen 80ern – nicht nur günstige Bier- und Speisenpreise. Als besondere Attraktion schaute öfter mal Willi Vonderbank vorbei. Der war meines Wissens der letzte Direktor bei der etwas oberhalb gelegenen Degraa-Brauerei. Diese war Lieferant des Einstein und der Herr Direktor kümmerte sich gerne persönlich um den Vertrieb seiner Produkte. Unter anderem durch Lokalrunden mit den Erzeugnissen des Hauses Degraa. Unvergesslich der Doppelbock zu 1,50 DM die Flasche (Kneipenpreis im Einstein). Ein wohlfeiles Vergnügen. Auch ohne den Willi. Unvergessen auch der schöne Spruch: Opa wurde 100jährig. Stets trank er Degraa obergärig. (Oma wurde 110, hatte Degraa nie
    gesehn.) Ich meine mich auch zu entsinnen, dass das oben genannte Rinnsal die Kneipe gegenüber von Einstein war. Die wechselte dann irgendwann den Namen und hat als Söller die Oecher Schüler in Sachen Kneipenkultur sozialisiert. Für meine Großmutter war der Lindenplatz übrigens immer nur der Ort “Henger Herrjotts Fott”. Der Blick auf das örtliche Denkmal zeigt, warum.

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