Der Heimkehrer

Ein emotionaler Moment in meinem Leben

Es war im Jahr 1946.

Ich war vier Jahre alt und wohnte mit meiner Mutter, nach Rückkehr aus der Evakuierung, in der Aachener Von- Görschen Straße im Frankenberger Viertel. Der Krieg war erst ein Jahr zu Ende. Mein Vater befand sich in russischer Kriegsgefangenschaft.

Aus unserem „Volksempfänger“, so wurde damals ein Radio bezeichnet, drangen ab und an Nachrichten von Heimkehrern aus Kriegsgefangenschaft, auch aus Russland. Dann musste ich mucksmäuschenstill sein.

Eines Tages bekam meine Mutter Kenntnis davon, dass mein Vater auf dem Nachhauseweg aus Russland sein könnte.

Ich kann mich erinnern, dass von da an eine spannende Atmosphäre im Haus herrschte. Verwandte fanden sich ein und Nachbarn erkundigten sich.

Es drehte sich nur noch alles um neue Nachrichten von Kriegsgefangenen-Transporten, die immer wieder im Radio durchkamen.

Eines Abends schellte es zu fortgeschrittener Stunde an unserer Tür. Ein weitläufiger Bekannter, der schon in Besitz eines Telefons war, hat einen Anruf aus dem Ruhrgebiet bekommen. Mein Vater habe dort, auf seinem Transport in die Heimat, einen Zwischenstopp gemacht und sich telefonisch bei ihm gemeldet. Der Mann war gekommen, um uns die Nachricht zu bringen, dass mein Vater auf dem Weg nach Aachen war.

Beim Schreiben dieser Zeilen, habe ich plötzlich die folgende Szene sehr real vor Augen. (Sie ergreift mich auch heute noch und treibt mir ein paar Tränen in die Augen.)

Es ist schon spät abends, wir haben Stunden in freudiger Erwartung verbracht, aber auch mit gemischten Gefühlen. Wie wird er sich verändert haben. Wird er noch der Alte sein. Vor allem meine Mutter war in dieser Zeit emotional sehr aufgewühlt, wie sie mir später erzählte. Schließlich war sie mit meinem Vater drei Jahre nur durch Briefe verbunden gewesen, die oft erst nach Wochen ankamen.

Dann kam der Moment. Meine Mutter stand mit mir auf dem Arm am Erkerfenster, das zur Straße lag. Von dort aus hatten wir Blick auf den Platz des Neumarktes. Es war schon langsam dunkel geworden als von weitem klappernde Schritte zu hören waren. Wir erkannten die Silhouette eines Mannes, der einen Sack auf dem Rücken trug und, wie wir dann sehen konnten, Holzgaloschen als Schuhwerk trug, die das laut klappernde Geräusch machten. So schnell meine Mutter konnte eilte sie hinab zur Haustür. Ich folgte ihr.

Dann stand dieser erbarmungswürdige Mann vor uns, in Lumpen gekleidet, mit einem verschmutzten Mantel, der ihm viel zu groß war und einer abgewetzten Mütze, die aus Militärbeständen stammte. Dieser unrasierte Mann, mager und verhärmt, war mir fremd. Ich erkannte meinen Vater nicht wieder.

Meine Mutter stammelte nur seinen Namen – „Hans“ – und dann fielen sich beide in die Arme und es flossen Tränen. Dann bückte sich der Mann zu mir runter und nahm mich auf den Arm. Meine Mutter sagte etwas von „dein Papa“. Aber dieses Wort konnte mir nicht über die Lippen gehen,… noch nicht.

An diesem Abend bin ich ganz still geworden. Ich konnte es mir nicht vorstellen, dass dieser Mann nun wieder ganz in unsere Familie gehörte. So lange ich lebte, hatte ich ihn nur ein paar Mal gesehen. Das war nur in Kurzurlauben oder auf der Durchreise gewesen.

Viele Male habe ich später zu hören bekommen, welche Frage ich meiner Mutter gestellt habe, als Vater gerade nicht anwesend war:

„Wann geht der wieder?“ Das war nicht böse gemeint, ein Vierjähriger sagt halt was er denkt.

Ich hatte erwartet, er sei nur wieder zu Besuch, wie das zu seiner Militärzeit hin und wieder der Fall war. In den nächsten Tagen während mein Vater erzählte, da kamen auch bei mir die Erinnerungen zurück. Seine Stimme klang plötzlich wieder vertraut und ich erkannte seine Gesten wieder. Im Laufe der nächsten Tage und Wochen erholte er sich zunehmend. Er bekam seine gewohnte frische Gesichtsfarbe zurück und die Wangen waren nicht mehr so eingefallen.

Nach und nach erzählte er von seiner Russland-Odyssee, wo er in einem Bergwerk im Donezk-Becken in der Ukraine, täglich bis zu 15 Stunden bei Wasser und Brot Kohle abbauen musste. Man hatte ihn aufgrund einer Lungenentzündung aus der Gefangenschaft entlassen. Er war im Bergwerk nicht mehr zu gebrauchen. Das hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. Obwohl seine Schergen und auch die Mitgefangenen nicht mal geglaubt hatten, dass er die Rückreise nach Deutschland überleben würde.

Er war drei Wochen mit dem Zug unterwegs, ohne richtige Verpflegung.

Bei dem anfangs beschriebenen Zwischenstopp im Ruhrgebiet hatte ihm dort sein Bekannter mehrere Kilo Mais geschenkt. Der war in dem eingangs beschriebenen Sack, den mein Vater bei seiner Ankunft trug.

Für ihn war dieser Mais etwas ganz Wertvolles und er hatte gemeint, uns damit eine Freude zu machen. Er konnte sich zu dem Zeitpunkt noch nicht vorstellen, dass wir schon wieder ausreichend zu Essen hatten und Mais nicht gerade zu unserer täglichen Ernährung gehörte.

Mein Vater hat trotzdem sein Leben lang eine gewisse Dankbarkeit bewahrt und er wusste immer, die einfachen Dinge zu schätzen. Meine Mutter konnte ihm eine Freude machen, wenn sie ihm eine Graupensuppe kochte. Das war während der Gefangenschaft eine Delikatesse gewesen, die es nur zu besonderen Anlässen gab. Obwohl er manchmal erzählte, dass es oft mehr Schläge als Essen gab, hat er eigenartigerweise nie einen Groll gegen seine russischen Peiniger gehegt, schon gar nicht gegen das russische Volk. Er sagte immer, das seien im Grunde die noch ärmeren Menschen gewesen.

Ich kann mich noch an Diskussionen mit meinen Schulfreunden in den 60er Jahren erinnern, als er mit dieser Einstellung manchmal richtig Ärger bekam. Denn schließlich waren gerade die Russen die erklärten Erzfeinde des Westens. Und mit diesem Volk hatte man kein Mitleid zu haben.

Diese kleine Geschichte widme ich meinem jüngeren Bruder, der zu dieser Zeit noch nicht auf der Welt war.


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René H. Bremen

René H. Bremen, Jahrgang 1942, ist Aachener, Rentner und arbeitet als Maler und Bildhauer. 35 Jahre lang hatte er Friseursalons in Aachen, nachdem er sieben Jahre in diesem Beruf im Ausland verbracht hatte (verschiedene Orte in der Schweiz, London, Paris und Montreal).

Seit dem Tod seiner Frau 2007 bekleidet er verschiedene Ehrenämter, interessiert sich für klassische Musik und Literatur und reist viel. Er ist Gründungsmitglied des Künstlerkollektivs "Atelier-Kunstdialog", das seit 2006 besteht.

3 Antworten

  1. Peer van Daalen sagt:

    Sehr schön geschrieben! Danke für diesen Artikel!

  2. Inge Moldan sagt:

    Gänsehaut und mitten ins Herz. Nie wieder Nazis und Krieg. Mein Vater geb. 1922 hat 2 Jahre sein Elternhaus in der Pontstr. enttrümmert und wieder aufgebaut. Mein Onkel kam erst Ende 1951 aus russischer Gefangenschaft. Danke für Ihre Erinnerungen.

  3. Sehr geehrte Frau Moldan

    Aus Ihrem Kommentar meine ich heraus lesen zu können, daß Sie glauben, daß NUR! Nazis Kriege anzetteln und führen können. Das gefällt mir nicht!

    Es hätte gereicht, wenn Sie den tollen Artikel von Herrn René H. Bremen mit der Bemerkung kommentiert hätten “NIE WIEDER KRIEG”, egal wo, egal von wem angezettelt und egal warum …

    Mit freundlichen Grüßen | Peer van Daalen

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