Der Stadtindianer – Hartmut Ritzerfeld


Rückzug | Hartmut Ritzerfeld | 2001

 

Über Hacki weiß man alles und nichts. Jeder kennt ihn oder glaubt ihn zu kennen. Wen hat er noch nicht genervt, aber wem hat er noch nie ein Lächeln abgenötigt? Um ihn ist ein Geheimnis, das selbst dem Hartleibigsten einen Rest von Respekt abnötigt. Vielleicht ist es das Geheimnis seiner schwer entwirrbaren Gedanken, der Unerreichbarkeit, der Einsamkeit?

Er gibt gern Stories zum Besten, an denen selbst Münchhausen seinen Spaß gehabt hätte. Mal ist er Amerikaner, mal Russe, mal Suprematist – was das auch immer sei. Nichts tut er lieber, als seine Umgebung mit schönen Dingen und Geschichten zu erfreuen. Aber man kennt auch seine spezielle Art von Hard-Selling: Gib mir zehn Euro, oder ich zerreiße die Zeichnung. Das tut er dann auch.

Vielleicht sind das ja die Momente, wo er sich wehren will. Gegen den Markt, bei dem er meist den Kürzeren zieht, gegen all die Cleveren, die seinen Wert besser kennen als er selbst. Die nur sein Bestes wollen, nämlich seine Bilder  – wie viele stammen aus verschwiegenen Garagen und von privaten Staffeleien? Seine Wege sind immer auch Vertriebswege, und er hat sie selbst gewählt. Dass andere den Spekulationsgewinn einstreichen, interessiert ihn nicht, auch wenn er weiß, dass ihm eigentlich sein Anteil zusteht.

Und er hat ein Mittel gegen die Cleveren: Die schiere Masse, mit der er den Markt überflutet und sich seinen Teil holt – und dann doch wieder verschwenderisch unters Volk streut. Er hat sein Leben  nun mal so eingerichtet. Er lebt in seiner eigenen Welt, für ihn ist ein Essen oder eine Zigarette ein Wert, und natürlich auch ein Bier. Dafür malt er gerne etwas, egal ob auf einen Zettel oder ein Betttuch. Das ist seine Großzügigkeit und seine Art, Kontakt herzustellen, Nähe zu erfahren. Van Gogh hatte auch kein Geld und hat seinen Arzt mit Bildern bezahlt. Verkauft hat er keins oder eins – dagegen ist Hacki schier ein Auflagenmillionär. Vielleicht ist er stolz darauf, vielleicht macht er sich aber auch über diejenigen lustig, die ihm jeden bekritzelten Bierdeckel abkaufen. Niemand wird es je wirklich erfahren, denn aus ihm ist nichts herauszukriegen.

Unnachahmlich ist der bedächtige Gang des Flaneurs, der pirschende des Stadtindianers; nach unerforschlichen Gesetzen taucht er auf und ab wie ein Partisan im Kulturbetrieb. Nie würde er den Schritt beschleunigen, um seine abfahrende Linie 25 noch zu erreichen. Da wartet er eher  in philosophischem Gleichmut auf den nächsten Bus. Einzigartig ist der elegante Schwung, mit dem er seine stets brennende Zigarette zum Mund führt. Seine größte Lust ist es, sich immer originell und kreativ zu kleiden.

Hacki ist eine stadtbekannte Persönlichkeit, auch wenn er seine Wege in letzter Zeit mehr in seine Heimat Stolberg verlegt hat. Er ist ohne Zweifel ein bedeutender Maler, das sieht jedes Kind seinen Werken sofort an. Auch wenn er nicht einer der letzten richtigen Meisterschüler von Beuys gewesen wäre. Er rennt keiner Mode hinterher, denn er ruht in sich. Um ihn ist die würdige Aura weiser alter Häuptlinge, die er ja auch gerne malt. Er ist wohl der Bekannteste aus diesem einzigartigen künstlerischen Schmelztiegel rund um die Venn-Akademie. Einer derjenigen, die bleiben werden.

 


Anm. d. Red.: Hartmut Ritzerfeld konnte am 7. Oktober 2020 seinen 70. Geburtstag feiern.


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Heinrich Schauerte

Dr. Heinrich Schauerte, geboren 1946 in Aachen. Volksschule Hanbrucher Straße unter Lehrer Jers (der mit dem Holzbein und dem flinken Lineal). Abitur am KKG unter dem legendären Lehrer Emunds (der mit der Pimmelakei). „Wehrersatzdienst“ in Kölner Klapsmühle unter Oberschwester „Feldwebel“ Gertrud. Studium der Germanistik, Psychologie, Philosophie in Aachen. Promotion unter Prof. Schneider-„Schwerte“ (der mit dem Hakenkreuz).

Werbetexter, Pressesprecher, Journalist. Dichtungen aller Art.

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