Maria im Tann 1947

 

Als das Kinderheim Maria im Tann 2009, vermutlich anläßlich eines Jubiläums, in der Vergangenheit kramte, bat der Direktor Stefan Küpper auch mich, Jahrgang 1941, um einen Beitrag aus meinen Erinnerungen. Diese könnten auch jetzt noch den einen oder anderen mit der gleichen Vergangenheit interessieren.

Meinen Schülern, die von Maria im Tann an die KHS Franzstraße (später Klaus-Hemmerle-Schule) kamen, hatte ich verraten, dass auch ich 1947 als 6-Jähriger ein langes Jahr das Vergnügen hatte, mit anderen armen Würmchen den vorderen Schlafraum des Jungenhauses zu teilen.

Nun soll ich mich erinnern.

Obwohl ich die längste Zeit meines Lebens ein „angebrochenes“ Verhältnis zu Ordensleuten hatte, fällt mir spontan nur die für uns verantwortliche Schwester vom Orden des Armen Kinde Jesu ein, die im Gegensatz zu den weltlichen Erzieherinnen viel herzlicher und liebenswerter zu uns Kindern war und auf deren Erscheinen wir immer mit demonstrativer Freude reagierten. Wenn ich dem Zeitgeist folgend das Auftreten der Erzieherinnen in Worte fassen soll: unpersönlich, sachlich autokratisch, immer missmutig. Besonders rund um die Essensausgabe wurde geschnauzt. Heute weiß ich, der Krieg war gerade vorbei und vermutlich steckte noch viel der bis vor kurzem gepflegten Erziehungsideologie in den Frauen. Dabei fällt mir auch der Regenwurm ein, den ich bewusst nie aß, aber dessen Austritt ans Tageslicht mir zu schaffen machte; und die Beschimpfung durch die Erzieherin (Aufsicht), als ich davon berichtete. Und noch etwas habe ich nicht vergessen, die leckeren Vitamin-C-Tabletten sowie mein Aufatmen, wenn die Schwester uns sonntags nach dem Messebesuch erlaubte, die furchtbar kratzenden Schafwollstrümpfe ausziehen zu dürfen.

Als genetisch bestimmter Linkshänder könnte ich beim Betrachten meiner Handschrift heute noch die Lehrerin in der Waldschule, die mich mit der rechten Hand zu schreiben zwang, umbringen. Was hätte nicht alles aus mir werden können, wären meine Talente mit „links“ entwickelt worden. Aber für die Erkenntnis dieser fundamentalen Sinnlosigkeit war die Zeit wohl noch nicht gekommen.

Als ich – Halbwaise – meine Mutter fragte, warum ich und nicht mein Bruder bzw. wir beide im Kinderheim waren, bekam ich zur Antwort, dass sie für mich nicht genug zu essen gehabt hätte. Es stimmte. Sie hat es mich aber nicht merken lassen.

In jedem Fall besuchte meine Mutter mich viel zu selten, und dann überkam mich regelmäßig tränenreiches Heimweh. Von unserer Wohnung Lütticher Straße/Ecke Preusweg nach Maria im Tann war es eigentlich nicht allzu weit. Wie oft bin ich später von dort bis Kelmis gejoggt? Aber für meine Mutter mit ihren kranken Füßen war auch die Busfahrt fast unerschwinglich. (Die Tram, Linie 17 fuhr noch nicht wieder.) Wenn ich dann meine Mutter bis zur Haltestelle Unterer Backertsweg bringen durfte und sie sich in den Bus quetschte, saßen die Schmuggler oft nicht nur auf dem Dach, sogar in den Reservereifen am Heck hatte sich immer einer reingepfercht;

Im Laufe eines langen Lebens schwinden zuerst die unerfreulichen Erinnerungen; so ist heute vor allem das Abenteuerliche dieser Zeit hängen geblieben. Da waren die Gänge mit Bollerwagen und der großen Milchkanne zum Bauernhof an der Lütticher Straße/Abzweig Hergenrather Weg am Zollamt vor Tülje, das Essenholen im Haupthaus oder die Spaziergänge, bei denen wir immer wieder den bewaffneten Zöllnern begegneten und an denen wir uns unauffällig vorbeizubewegen hatten, wenn sie auf ihre Opfer warteten. Oder die Schmuggler, die die Erzieherinnen um Auskunft nach sich versteckenden Zöllnern baten.

Für mich gab es dann kein Halten, wenn ich irgendwo in den Büschen zerrissene Bündel von Telefondrähten aus den Kampfhandlungen des Krieges fand, denn aus den abgezogenen Gummilitzen ließ sich so herrlich eine Flitzebogenbespannung fertigen.

Ein letztes Erlebnis sei noch erwähnt. In einem Schutthaufen auf dem Karlshöher Weg hatte ich den größten Schatz meines 7-jährigen Lebens, ein silbernes Rennauto, gefunden. Dafür gab es im Wäldchen hinter der Kirche Maria im Tann eine Garage im Wurzelwerk einer großen Tanne. Und als ich mich endlich überwunden hatte, das Auto dort übernachten zu lassen, brannte es in der folgenden Nacht im Wald. Auto weg!

Aber die Freude am Straßenbau im Sandkasten ist geblieben.


Diesen Text hat Claus-Peter Marzodko, Jahrgang 1941, im Jahr 2009 verfasst..

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Claus-Peter Marzodko

Claus-Peter Marzodko, geboren 1941 im Erkerzimmer (7) des Sanatoriums und in Folge des Krieges ohne Vater auf der Lütticher Straße am Preusweg groß geworden. Echter Räenpitt – auch wenn der Schatten des Doms kurz vor dem Franziskuskrankenhaus endete; Tochter, Sohn und 3 Enkel.

Als ihn die Pubertät erwischte, folgte er seinen Altvorderen und wurde in Alsdorf Bergmann und anschießend Steiger/Dipl-Ing. Als Folge eines Studienaustauschs im Steinkohlenbergbau an der anatolischen Schwarzmeerküste 1966 wurde die Türkei seine erste große platonische Liebe. Die bereiste er anschließend bis in die hintersten Ecken und schleppte, zwischenzeitlich in den Lehrerberuf gewechselt, als einer der ersten deutschen Lehrer 1987 die Schüler und Schülerinnen seiner Abschlussklasse an der GHS Burtscheid drei Wochen durch die Türkei. Daraus entstand frühzeitig ein erfolgreicher Schüleraustausch mit dem TED Kolegi in Kayseri. Vor dem Eintritt in den Ruhestand wanderte er mit neun seiner Schüler/innen bei einer herbstlichen Trekkingtour im Nepalischen Anapurnagebiet. Und hier unterstützt er mit einigen seiner ehemaligen Schüler verschiedene Projekte und insbesondere das Suchma-Koirala-Memorial–Hospital von Interplast Germany in Sanku am Rande des Kathmandutals.

Länder, Völker, Abenteuer waren und sind das große Hobby des ehemaligen Erdkundelehrers; und mit seiner Frau Irene treibt es ihn immer noch in die Welt hinaus.

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